Gedanken an Weihnachten 2016

Gedanken an Weihnachten 2016 

Der Schock sitzt tief. Die Welt ist verunsichert.

Aber Michael Moore, der berühmte amerikanische Journalist, hat es schon im Sommer 2015 vorausgesagt und detailliert begründet: Donald Trump wird die US-Präsidentenwahl gewinnen. Plötzlich ist die Welt verblüfft, weil das scheinbar Unmögliche, Unfassbare geschehen ist: Der egomanische Donald Trump wird die USA lenken: Er, der in dem schmutzigsten Wahlkampf der US-Geschichte keine Gelegenheit ausgelassen hat, pauschal die Moslems, die Frauen, die Farbigen, die Ausländer, die Hispanics, die Demokraten und seine spezielle Widersacherin, „die korrupte Hillary“, zu beleidigen, Lügen zu verbreiten und seine fehlende politische Erfahrung in großmauligen und militanten Sprechblasen zu verbergen.

Es ist nicht einmal den parteieigenen Widersachern gelungen, die Kandidatur dieses Mannes zu verhindern, so begeistert waren Trumps Anhänger und so raffiniert waren seine Methoden, das Volk zu blenden. Die meisten Menschen, das ist meine Wahrnehmung, hofften, dass die berechenbare, zwar umstrittene, aber wenigstens politikerfahrende Kandidatin Hillary Clinton gewinnen möge. Und das Kuriose ist: Hillary Clinton hat tatsächlich über 2,7 Millionen mehr Stimmen erhalten als Trump, aber aufgrund des US-Wahlsystems bekam Trump mehr Wahlmänner und wird deshalb Präsident. Trump ist nicht nur wegen seiner offensichtlichen Psychopathologie, sondern auch wegen seiner dadurch begründeten Unberechenbarkeit und Unzuverlässigkeit ein großer Unsicherheitsfaktor im politischen Getriebe und meiner Meinung nach eine echte Gefahr für den Weltfrieden.

Barack Obama brachte es am Ende des Wahlkampfes auf den Punkt: „Trump ist in spektakulärer Weise ungeeignet als Präsident der United States of America.“ – Ich  glaube nicht, dass ein amtierender Präsident so etwas schon einmal über seinen möglichen Nachfolger gesagt hat.

Und soweit ich es beurteilen kann, hat Michelle Obama die beste Rede des Wahlkampfes gehalten, als sie Trumps skandalöses Verhalten Frauen gegenüber angriff. – Sie hat Trumps Satz „Niemand schätzt Frauen so sehr wie ich!“ als zynische Lüge entlarvt.

Trump versprach im Wahlkampf, besonders für die Armen zu sorgen und das Wirtschaftswachstum zu fördern. Er verteufelte die Bänker und ganz besonders die weltweit aktive Großbank Goldman Sachs.

Jetzt ist bekannt, dass mindestens drei Bänker von Goldman Sachs Ministerposten erhalten. Gary Cohn, bisher Vizepräsident von Goldman Sachs, wird den Nationalen Wirtschaftsrat leiten. Steven Mnuchin war 17 Jahre bei Goldman Sachs und wird Finanzminister. Der frühere Goldman Sachs—Topmann Steve Bannon hat das Wahlkampfteam Trumps geleitet und wird als Chefberater im Weißen Haus sitzen. Er ist als ultrakonservativer Hardliner bekannt.

Trumps Kabinett wird wahrscheinlich das reichste Kabinett der US-Geschichte. Die bis jetzt bekannten Minister besitzen zusammen über 14 Milliarden Dollar. Das ist fünfzig mal so viel wie im Kabinett Bush. Einer Berechnung von SPIEGEL zufolge besitzen Trumps designierte Minister mehr Vermögen als ein Drittel der US-Bevölkerung zusammengenommen, das sind mehr als 43 Millionen Haushalte. Das hat wenigstens den Vorteil, dass diese Minister unabhängig sind und Trump unbeschadet die Meinung sagen können. Wenn er sie feuert, weil sie ihm widersprechen, fallen sie weich. Keiner von ihnen braucht diesen Ministerposten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Selbst Trump hat medienwirksam angekündigt, dass er pro Jahr nur 1 Dollar als symbolisches Gehalt haben möchte. Wie großzügig für diesen Multi-Milliardär! Aber dass er sein Gehalt einem wohltätigen Zweck spendet, hat er nicht gesagt. Wenn er es tun würde, hätte er es so mitgeteilt, dass die ganze Welt es weiß! Da bin ich mir sehr sicher.

Diese Männer gehören in die Reihe der reichsten designierten Minister:

Außenminister Rex Tillerson, bisher als Chef des Öl-Giganten Exxon Mobil, gehört zu den bestbezahlten Unternehmern des Landes. Er hält allein Aktien seiner Firma im Wert von 240 Millionen Dollar.  Tillerson schloss für Exxon 2011 einen Vertrag mit dem staatlich kontrollierten russischen Unternehmen Rosneft zu gemeinsamen Probeölbohrungen und Erschließungen in der Arktis und in Sibirien. Zwei Jahre später ehrte der Kreml Tillerson mit dem „Orden der Freundschaft“, einer Auszeichnung für Ausländer. Tillerson  ist ein Gegner der westlichen Sanktionen gegen Russland.

Handelsminister Wilbur Ross verdiente sein Vermögen mit der Zerschlagung und dem Verkauf maroder Firmen.

Finanzminister Steven Mnuchin war ein erfolgreicher Investmentbanker von Goldman Sachs und wurde noch reicher, als er in der Finanzkrise ein zahlungsunfähiges Hypothekeninstitut übernahm und die insolventen Bewohner aus ihren Häusern warf.

Arbeitsminister Andrew Puzder, der gegen die Anhebung des Mindestlohns und gegen Regulierung durch den Staat ist, meint, man dürfe Unternehmer nicht dazu zwingen, ihren Arbeitnehmern Überstunden zu bezahlen. Auch er ist gegen Obamas Gesundheitsreform (Obama-Care).

Gesundheitsminister Tom Price versteht tatsächlich etwas von Medizin. Er ist ein sehr erfolgreicher Chirurg. Aber er will Obamas Gesundheitsreform zurückdrehen, durch die trotz massiver Gegenwehr der Republikaner wenigstens 20 Millionen US-Bürger eine Krankenversicherung bekommen haben.

Als Trump nach der Wahl darauf angesprochen wurde, warum er jetzt andere Dinge machen wolle, als er im Wahlkampf behauptet hatte, meinte er trocken: „Es war nötig, um die Wahl zu gewinnen.“

Murphys Gesetz stimmt. Was möglich ist, wird auch gemacht oder geschieht, und zwar in der schlimmst möglichen Form.

Dass dieser Mann, der nur sich im Zentrum der Welt sieht und nur sich allein als Bewältiger aller Probleme anerkennt, das Land regieren wird, ist die eine Seite der Medaille. Man sollte annehmen, dass die andere Seite besser ist.

Nein. Denn wer hat Trump in diese Position gewählt? Welche Gesinnung, welche Weltsicht, welche Vorstellung haben die Leute, die solch einen Mann zu ihrem Führer wählen? Sie hatten es einfach satt, was sie bis jetzt von der Politik erlebt haben. Also muss nach einfacher Logik alles andere besser sein. Das sind sogenannte Protestwähler.

Zum Vergleich: Bei den letzten Landtagswahlen in Deutschland hat eine Umfrage gezeigt, dass 90% der AfD-Wähler zugestimmt haben bei dem Satz: „Die Partei löst die Probleme nicht, aber sie benennt sie.“ Brauchen wir solch ein Partei?

– Die Wähler bekommen die Person, die sie verdient haben.

Halt: Haben alle(!) Amerikaner diesen Präsidenten verdient? Nein, sicher nicht! Selbst wenn ich jetzt JA sagen würde, bliebe die Frage: Hat der Rest der Welt diesen US-Präsidenten verdient? Wir von „draußen“ haben ihn nicht gewählt, aber wir werden seine Politik zu spüren bekommen. Er ist der Mann, der den Frieden oder den Krieg in der Welt wesentlich mitbestimmen wird. Seine Streitbarkeit und seine militante Einstellung hat Trump ja oft genug betont und bewiesen.

Und im Weißen Haus werden neben den Bankern mindestens drei Generäle das Sagen haben: Michael Flynn wird Sicherheitsberater. James Mattis ist designierter Verteidigungsminister und John Kelly zukünftiger Heimatminister. Vielleicht ist es beruhigend, dass strategisch denkende Männer diese Schlüsselposten besetzen. Sie kennen die Gefahren des Militärs und die verheerenden Wirkungen der Kriegsmaschinerie. Es ist aber ihr Beruf, Waffen einzusetzen und die Rüstungsindustrie zu fördern.

Wenn ich dann noch die weltweite Tendenz zu politischem Rechtsruck und national ausgerichteter Politik –auch in Europa- betrachte, wenn ich nur die Namen Putin, Erdogan, Assad, Trump sage, denke ich, dass die Menschen nichts aus der Geschichte der Diktatoren und deren Verbrechen gelernt haben.

Dazu kommt die offensichtliche Unfähigkeit der UN, friedensschaffende Beschlüsse und Aktionen zu erwirken und durchzusetzen. Denn die Vetomächte sorgen für passende Blockade, mit der sie ihre eigenen Interessen durchsetzen. Der syrische Diktator wäre längst nicht mehr an der Macht ohne die tatkräftige militärische und politische Unterstützung Putins und der iranischen Regierung. Was soll man denn von einer Regierung halten, die das eigene Volk ermordet und zielsicher sogar alle Krankenhäuser in den umkämpften Regionen bombardiert, nur weil angeblich alle Einwohner Terroristen sind?

Putin sichert sich durch seine „Hilfe“ in Syrien Russlands Machtposition mit Stützpunkten im Mittelmeer. Das läuft parallel zu seiner völkerrechtswidrigen Annexion der Krim. Und er wird wieder als Gesprächspartner auf der internationalen Ebene ernstgenommen, nachdem die alte Sowjetunion zusammengebrochen und militärisch und politisch unbedeutend war.

Die Europäische Union ist durch den bevorstehenden Brexit gefährdet. Dazu kommen die weiteren von Pleite bedrohten Länder Italien, Griechenland, Portugal. Kaum eine einstimmige Entscheidung kommt zustande, wenn es um weitreichende politische Beschlüsse geht. Und wenn ein Kompromiss gefunden wird, dann nur, wenn er mit Geld erkauft wird. Flandern lässt grüßen. Es hat sich die Weigerung zu dem kanadisch-europäischen Wirtschaftsabkommen teuer abkaufen lassen und deutlich gemacht, dass auch eine kleiner Landesteil die ganze EU handlungsunfähig machen kann.

Jetzt sieht es so aus, als ob Trump sich gut mit Putin verstehen will. Und Putin stellt diese guten Beziehungen ebenfalls in Aussicht. Der amerikanische Geheimdienst hat herausgefunden, dass Putin persönlich den US-Wahlkampf durch seinen Geheimdienst hat unterstützen lassen mit falschen Meldungen und Hackerangriffen. Das wird seinen Preis haben, und Putin wird sich diese freundliche Schützenhilfe, die er offiziell natürlich nicht gegeben hat, teuer bezahlen lassen. Ich glaube, wir werden uns sehr wundern, wie schnell der gerissene und geheimdiensterfahrene Meisterstratege Putin und  der narzisstische und in Politik und Diplomatie ganz ungeübte Donald Trump gegeneinander stehen. Denn Trumps Wahlspruch „America first“ ist eine direkte Kampfansage an Putins Machtanspruch für Groß-Russland. Da kämpfen dann zwei narzisstisch extrem leicht kränkbare Machtmenschen miteinander, die die schlag-kräftigsten Verteidigungsmaschinerien befehligen. Das ist im wahrsten Sinne brandgefährlich. Denn Meinungsverschiedenheiten zwischen solchen Narzissten werden nur im Krach oder Krieg entschieden. Die freundliche Fassade, die Putin und Trump einander gerade entgegen halten, wird rasch den tatsächlichen realpolitischen Schachzügen Platz machen, und wir werden sehr erschrecken, was wir da zu sehen und zu erleiden haben. Dazu kommt das Wissen der Mächtigen, dass sie machen können, was sie wollen.

Wir sollten uns auf heftige Konflikte gefasst machen.

Kein Regierungschef hat seit 2000 so lang in einem wichtigen Land der Erde regiert wie Putin. Er hat als Präsident bzw. Ministerpräsident je zwei Wahlperioden von Georg W. Bush und Barack Obama erlebt. Trotz aller Kritik sitzt Putin sehr sicher im Präsidentensessel. Er hat durch seine Groß-Russland-Politik einen stabilen Rückhalt in der Bevölkerung.

Die Welt hat in den letzten Jahren wieder deutlich gesehen, dass auch und gerade die gewissenlosen Machtpolitiker machen können, was sie wollen. Sie werden allenfalls von Gleichgesinnten unterstützt. Drohgebärden und teuere Konferenzen und laute Mahnungen gibt es viele. Das Vetorecht in der UNO werden den Mächtigen freie Bahn für ihr zerstörerisches Handeln verschaffen. Eine wirksame Gegenwehr ist nicht in Sicht.

Michael Moore schreibt in seinen Fünf Punkten „Empfehlungen nach der Wahl“: „Egal, wie schlimm du dir die Zukunft (unter Trump) vorstellst, es wird schlimmer werden. Du brauchst einen Plan B.“

Moore hält es allerdings für wahrscheinlich, dass Trump nicht mehr als eine Wahlperiode im Amt bleibt oder schon vorher ausscheidet, weil er durch seine Machenschaften so mit dem Gesetz in Konflikt kommt, dass er als Präsident nicht zu halten ist. Der Interessenkonflikt, in dem er steht durch die geschäftlichen Verbindungen seines weltweiten Milliardenunternehmens, ist greifbar. Auch wenn er offiziell alle Firmen seinen Kindern überträgt, bleibt das Anti-Vetternwirtschaftsgesetz als Hürde, das Trump verbietet, ein Familienmitglied an die Spitze einer Behörde zu berufen, die ihm direkt unterstellt ist. Trumps Tochter Ivanka wird wahrscheinlich die Rolle der First Daughter übernehmen, da die First Lady beim Sohn in New York bleibt. Und Ivankas Ehemann wird voraussichtlich ebenfalls eine wichtige Beraterrolle im Weißen Haus  erhalten.

Eine Regierung in einem demokratisch gewählten Land ist ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung. Dort gibt es Rechtschaffene und Kriminelle, Zielstrebige und Unentschiedene, Mitläufer und Macher, Besonnene und Hitzköpfe – eben das ganze Spektrum der Persönlichkeiten.

Winston Churchill hat einmal gesagt: „Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit dem durchschnittlichen Wähler.“

Ist das nicht desillusionierend? Es ist eine Ent-Täuschung. Es nimmt die Täuschung, die Illusion weg, die wir uns selbst gemacht haben. Wir wollten es nur nicht wahrhaben.

Das zweite große Thema, das uns gerade in der Vorweihnachtszeit beschäftigt hat, ist der Terroranschlag in Berlin, bei dem ein Tunesier, der einen Sattelschlepper entführte, den Fahrer ermordete und dann mit dem Motorungetüm in die Menschenmenge des Weihnachtsmarktes fuhr, dabei zwölf Menschen tötete und über vierzig  verletzte. Der Attentäter wurde ein paar Tage später bei einer Polizeikontrolle in der Nähe von Mailand erschossen, weil er auf die Polizisten das Feuer eröffnet hatte.

Noch bevor klar war, wer das Attentat ausgeführt hatte, sprangen schon die rechtsradikalen Motoren in den sozialen Medien an und stellten klar, dass das „Merkels Tote“ sind. Es wurden sofort wieder Parolen gegen Asylanten und andere Fremde ausgestoßen. –  Welch eine skandalöse Polemik!

Wäre es denn weniger schlimm gewesen, wenn der Täter ein Deutscher gewesen wäre? Sagen Sie jetzt nicht „Deutsche tun das nicht!“ Denn es gibt sehr wohl fanatische und kriminelle Deutsche. Denken wir nur an die Bader-Meinhof-Bande (RAF) und andere Kriminelle, die rücksichtslos Menschen entführen, foltern und umbringen. Und die weit überwiegende Mehrzahl der Ausländer und Migranten in diesem Land sind friedliche Menschen, die hier Frieden suchen und ihr Leben eingesetzt haben, um dem Krieg zu entfliehen. Was müssen sie von uns denken, wenn wir sie bekriegen und uns selbst gleichzeitig als die darstellen, die das Recht für sich gepachtet haben?

Leider gibt es immer und in jedem Volk ein paar antisozial, terroristisch und radikal gesinnte Menschen, die als Lebensziel haben, das Leben der Mitmenschen in möglichst grausamer Form zu unterdrücken oder auszulöschen. Gegen die müssen wir uns wehren, ganz klar. Aber jede Verallgemeinerung nach dem Motto Alle Flüchtlinge sind schlecht! Flüchtlinge raus! Alle Araber sind potenzielle Mörder! ist nicht nur sachlich falsch, sondern eine würdelose Hetze, die den Hetzenden selbst unwürdig macht.

Ich gebe zu, dass auch ich keine Patentlösung für das Flüchtlingsproblem habe. Ich weiß nicht, wie wir es optimal lösen können. Aber wir müssen es menschenwürdig lösen. Das setzt voraus, dass wir jedem Menschen ein Recht auf Leben und würdige Behandlung zugestehen, solange er sich sozial und friedlich verhält. Und seine Freiheit reicht bis zur Grenze der Freiheit des Nächsten.

Wir leben zurzeit in einer Phase der Völkerwanderung, wie sie uns aus früheren Jahrhunderten bekannt ist. Etwa 60 Millionen Menschen befinden sich weltweit auf der Flucht. Das entspricht etwa drei Viertel der Menschen in Deutschland. Das ist eine Zahl, die noch nie so groß war, seit es Menschen gibt. – Die Migranten können in ihrem Land nicht mehr leben – aus ganz verschiedenen Gründen, aber überwiegend wegen Krieg und Hunger. Wie würden wir uns fühlen, wenn wir auf der Flucht wären und in der Fremde so behandelt werden würden, wie die Rechtsradikalen in unserem Land heute mit Migranten umgehen?

An einem kleinen Beispiel, das ich vorgestern erlebt habe, will ich es deutlich machen. Ich wollte das Flughafengebäude in Stuttgart  durch eine  Drehtüre betreten. In meiner Drehtürhälfte stand vor mir ein Mann. Auf der anderen Seite wollte eine Gruppe Ausländer – es könnten dem Aussehen nach Türken gewesen sein – das Gebäude mit einem Gepäckwagen verlassen. Der alte Mann, der den Wagen schob, machte es aber so ungeschickt, dass die Türe immer wieder stehen blieb, weil der Wagen an die Türe boxte. Da stieß der Mann vor mir einen lauten Schrei aus: „Ihr Scheiß-Touris, macht doch mal was richtig!“ – Ich war so verblüfft und entsetzt, dass ich nicht wusste, wie ich darauf reagieren sollte. Ich sagte nichts. Seither überlege ich mir, was eine gute Reaktion gewesen wäre. Ich denke nämlich, man sollte solch ein unverschämtes und fremdenfeindliches Verhalten kommentieren. Wie wär´s mit der Frage: „Wollen Sie so in einem fremden Land begrüßt und behandelt werden?“

Wenn wir die Botschaft von Weihnachten ernst nehmen und die Nächstenliebe als Lebens- und Handlungsprinzip anerkennen, müssen wir uns klar werden, dass hier eine Wechselbeziehung gemeint ist: Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst. – Das heißt, ich muss mich zuerst selbst lieben können, bevor ich einen Anderen liebe. Nur den Anderen zu lieben, ohne sich selbst zu lieben, ist einseitig. Nur sich selbst zu lieben und den Anderen nicht, ist ebenso einseitig.

Um es auch klar zu sagen: Wer sich in unserem Land gegen die hier geltenden Gesetze verhält und kriminell wird, sollte bestraft werden wie jeder Deutsche auch. Wahrscheinlich wäre eine Auslieferung in das jeweilige gefährliche Heimatland eine viel größere Strafe, als hier kostenlos im Gefängnis im Trockenen und Warmen sitzen und regelmäßig essen und trinken zu können.

Geradezu bizarr ist die Erkenntnis -das habe ich bei SPIEGEL-Online gelesen-, dass die Opfer des Berlin-Anschlags nicht entschädigt werden dürfen, weil der Angriff durch einen Lastwagen erfolgte! Es gibt nämlich im Opfer-Entschädigungsgesetz einen Paragrafen der die Entschädigung von Opfern durch einen LKW ausschließt. Im Klartext: Die Angehörigen des LKW-Fahrers, der vom Attentäter im LKW erschossen wurde, dürfen entschädigt werden, aber die Angehörigen der vom LKW getöteten oder die  verletzten Menschen nicht. – Im Juristen-Deutsch nennt man das eine Gesetzeslücke, die entsteht, weil etwas zu viel geschrieben wurde.

In einem SPIEGEL-Online-Kommentar vom 25.12. von Susanne Koelbl lese ich: „Die Strategen des Terrors haben einen langen Atem, die Zeit ist ihr Freund. Sie schüren den Hass, wo sie ihn finden können. Sie verhelfen Männern wie Anis Amri zu medialem Heldenstatus in ihrem ideologischen Dunkel-Reich. Popstar sein in der Hasswelt ist auch eine Karriere, vor allem wenn man in der wirklichen Welt keinen Erfolg haben kann.“

Wir dürfen uns nicht von Rechtsradikalen oder Terroristen zum Hass aufrufen oder verführen lassen, sonst begeben wir uns auf die Ebene derer, die wir hier nicht haben wollen. Die Rechtsradikalen sind Helfershelfer der Terroristen, denn die Hassparolen auf beiden Seiten eskalieren wechselseitig. Die Rechtsradikalen unterstützen, was sie bekämpfen. Sie haben es nur noch bemerkt, deshalb machen sie weiter nach dem bekannten Motto Mehr derselben Methode hilft, wenn der bisherige Meinungsterror nicht hilft.“ Merken Sie was: Gewalt gegen Terror! Soll das eine gute Methode sein?

Denken wir also an die Hinterbliebenen und Geschädigten des Attentats. Die Eltern des Attentäters, die mit der schweren Schmach leben müssen, dass sie -sicherlich gegen ihren Willen – einen Massenmörder großgezogen haben. Die vielen Toten und ihre Angehörigen. Die Verletzen, die überlebt haben. Möge das Leben ihnen hilfreich sein und eine Linderung des Schmerzes bereithalten.

Bei der Frage nach dem Sinn des Attentats sind wir, glaube ich, an dem Punkt angekommen, wo wir Menschen akzeptieren müssen, dass es Situationen gibt, in denen wir keine Antwort haben auf eine Frage, die uns schwer belastet. Denn was wir verstanden haben, können wir besser ertragen. Solch einen Attentäter können wir nicht wirklich verstehen, ohne die äußersten pathologischen Möglichkeiten der seelischen und gedanklichen Deformierung zu entschlüsseln. Soweit ich die Erkenntnisse der Psychiatrie verstanden habe, können wir die letzten Mechanismen, die zu solch einem Attentat führen, (noch?) nicht erklären.

Das Jahr 2016 war ein „verrücktes“ Jahr mit vielen katastrophalen Wendungen in der Weltpolitik. Aber denken wir daran: Es war nicht alles schlecht. Wenn wir in den Fernseher, die Tageszeitung und das nächste Krankenhaus schauen, sollten wir dankbar sein für das, was wir haben. Die meisten Menschen haben genug zum Leben, sind gesund, liegen nachts warm und beschützt, und können arbeiten, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und wir haben hier in Europa Frieden. Im Anhang schreibe ich noch einen Text ab, den ich in einer Krankhausrundschau gefunden habe und der meine Gedanken noch vertieft.

In diesem Sinn wünsche ich uns ein besinnliches Weihnachtsfest und Frieden im nächsten Jahr. Gesundheit ist das wichtigste Gut, denn damit können wir das Gute genießen und die Herausforderungen des Alltags besser bewältigen.

Möge uns im Neuen Jahr das bekannte Gebet des Theologen Reinhold Niebuhr helfen, das oft fälschlicherweise Friedrich Christoph Ötinger (1702-1782) zugeschrieben wird (siehe Wikipedia, Gelassenheitsgebet):

Gott gebe mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
die Kraft zu ertragen, was ich nicht ändern kann,
und die Weisheit, beides voneinander zu unterscheiden.

Gott gebe mir die Geduld mit Veränderungen,
die Zeit brauchen,
und Wertschätzung für alles,
was ich habe,
Toleranz gegenüber jenen mit anderen Schwierigkeiten
und die Kraft aufzustehen
und es wieder zu versuchen
– nur für heute.

 

Eine Nachricht zum Nachdenken

Falls du heute Morgen gesund und nicht krank aufgewacht bist, hast du mehr Glück als eine Million Menschen, welche die nächste Woche nicht erleben werden.

Falls du nie einen Kriegskampf erlebt hast, nie die Einsamkeit durch Gefangenschaft, die Hoffnungslosigkeit des Gequälten oder Hunger verspürt hast, hast du mehr Glück als 500 Millionen Menschen der Welt.

Falls du in die Kirche gehen kannst ohne Angst, dass dir gedroht wird, dass man dich verhaftet oder dich umbringt, hast du mehr Glück als drei Milliarden Menschen.

Falls sich in deinem Kühlschrank Essen befindet, du angezogen bist, ein Dach über dem Kopf hast und ein Bett zum Hinlegen, bist du reicher als 75 Prozent der Einwohner dieser Welt.

Falls du ein Konto bei der Bank hast, etwas Geld in der Tasche und etwas Kleingeld in einer kleinen Schachtel, gehörst du zu acht Prozent der wohlhabendsten Menschen auf dieser Welt.

Falls du diese Nachricht liest, bist du doppelt gesegnet worden, denn jemand hat an dich gedacht und du gehörst nicht zu den zwei Milliarden Menschen, die nicht lesen können.

Und … du hast einen PC!

Arbeite, als würdest du kein Geld brauchen!
Liebe, als hätte dich noch nie jemand verletzt!
Tanze, als würde keiner hinschauen!
Singe, als würde dir keiner zuhören!
Lebe, als wäre das Paradies auf der Erde!

Quelle: Die Krankenhaus-Zeitung, Nummer 21, April 2003

 

 

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