Das organische Psychosyndrom

 

Ein Syndrom ist ein Krankheitsbild, das sich mit der Verbindung aus mehreren bestimmten Krankheitssymptomen beschreiben lässt. Das organische Psychosyndrom umfasst Symptome der seelisch-geistigen Verfassung, die durch eine organisch bedingte Ursache entstanden sind. Es stellt eine sehr häufige Begleiterscheinung und Folgen von Gehirnerkrankungen dar, z.B. Schlaganfällen, Schädel-Hirn-Verletzungen, Sauerstoffmangel, Hirnhaut- oder Gehirnentzündungen, Vergiftungen dar.

Sauerstoffmangel ist z. B. auch eine häufige Folge von ungenügender Reanimation bei Herz- und Atemstillstand. Dazu ein paar interessante Zahlen, die für uns Ärzte und besonders für die betroffenen Patienten sehr wichtig sind.  Beim Deutschen Neurologen-Kongress 2005 wurden sie veröffentlicht.[1] Von 100.000 Einwohnern erleiden pro Jahr etwa 100 Personen (also etwa 1%) außerhalb eines Krankenhauses einen Herzstillstand. Bei 80 – 90% der Betroffenen wird ein Wiederbelebungsversuch unternommen. Davon stellt sich bei etwa der Hälfte der Patienten wieder eine Kreislauftätigkeit ein. Ein Jahr nach dem Ereignis sind aber 80% dieser Patienten an zusätzlichen Komplikationen verstorben. Selbst von den Menschen, bei denen die Reanimation innerhalb von 15 Minuten erfolgreich war, sind nach sechs Monaten die Hälfte tot. Die Hauptkomplikation des Herzstillstandes ist der Durchblutungs- und Sauerstoffmangel des Gehirns, da bereits nach zwei Minuten Sauerstoffmangel die ersten Hirnzellen absterben. 40% der Wiederbelebten überleben im so genannten vegetativen Status, auch als Wachkoma oder apallisches Syndrom bezeichnet. Das bedeutet sie atmen, haben aber keine Kontaktmöglichkeit zur Umwelt, keine bewussten Bewegungen und keine Willensäußerung mehr, und ob sie etwas empfinden, ist unklar. Bei weniger als 10 % der Überlebenden kommt es zu einer vollständigen Erholung der Hirnfunktionen.

Oder, um es in absoluten Zahlen auszudrücken: Von 100 Menschen, die einen Herzstillstand erleiden, überleben 40 den Reanimationsversuch, aber 32 von ihnen sind nach einem Jahr verstorben. Auch bei sofortiger Reanimation überleben nach einem halben Jahr nur 20 Menschen. 16 der Wiederbelebten überleben im apallischen Syndrom, und weniger als vier Menschen von den ursprünglich 100 Menschen erhalten nach einer Reanimation wieder ihre volle  geistige Funktion. Alle anderen sind entweder sofort oder spätestens nach einem Jahr tot oder kognitiv mehr oder weniger geschädigt.

Das organische Psychosyndrom ist gekennzeichnet durch die Beeinträchtigung der kognitiven [2] und emotionalen Fähigkeiten. Damit meinen wir die Eigenschaften, die wir zum Erkennen und Wissen benötigen und die unsere Gefühlsregungen ausdrücken. Aufmerksamkeit, Konzentration, Gedächtnis, Reaktionsgeschwindigkeit, Einsichtsfähigkeit, Selbstbeobachtung und -kritik sind typische kognitive Fähigkeiten. Lachen, Weinen, Geduld, Ungeduld, Antrieb sind Ausdrucksformen unserer Emotion.

Definitionsgemäß müssen mindestens zwei der folgenden Symptome vorhanden sein, um die Diagnose einer organisch bedingten Persönlichkeitsstörung stellen zu können. [3]

  • Andauernd reduzierte Fähigkeit, zielgerichtete Aktivitäten über längere Zeiträume durchzuhalten und Befriedigungen aufzuschieben.
  • Verändertes emotionales Verhalten, das durch emotionale Labilität, flache und ungerechtfertigte Fröhlichkeit (Euphorie, unangepasste Witzelsucht) und leichten Wechsel zu Reizbarkeit oder kurz andauerndes Ausbrüchen von Wut und Aggression charakterisiert ist. In manchen Fällen kann Apathie im Vordergrund stehen.
  • Äußerungen von Bedürfnissen und Impulsen meist ohne Berücksichtigung von Konsequenzen oder sozialen Konventionen. Der Patient kann unsoziale Handlungen begehen wie Stehlen, unangemessene sexuelle Annäherungsversuche, gieriges Essen oder die Körperpflege vernachlässigen.
  • Kognitive Störungen in Form von Misstrauen oder paranoidem[4] Denken und / oder exzessiver Beschäftigung mit einem einzigen, meist abstraktem Thema (Religion, Recht, Unrecht)
  • Auffällig Veränderung in der Sprachproduktion und des Redeflusses, Umständlichkeit, Begriffsunschärfe, zähflüssiges Denken, Schreibsucht.
  • Verändertes Sexualverhalten (verminderte Sexualität oder Wechsel in der sexuellen Präferenz)

Das organische Psychosyndrom nach Schädel-Hirn-Trauma ist charakterisiert durch

  • Vegetative Symptome wie Erschöpfbarkeit, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Schwindel, Wetterfühligkeit
  • Einschränkung kognitiver Funktionen, die sich als Tempoverlangsamung und Lernstörung bemerkbar macht
  • Veränderung vegetativer Funktionen (Ess-, Schlaf-, Sexualverhalten)
  • Deutliche Einschränkung der sozialen Anpassung und der sozialen Urteilsfähigkeit
  • Bleibende neurologische Störungen wie Lähmung, Taubheit, Aphasie [5], Apraxie [6] oder Akalkulie [7]

Eine Sonderform ist das Frontalhirnsyndrom. Es ist vorrangig gekennzeichnet durch eine Antriebsstörung, weil im vorderen Teil des Gehirns das Antriebszentrum liegt. Die Betroffenen Patienten haben entweder einen verminderten oder einen vermehrten Antrieb. Sie sind bei allen Tätigkeiten gebremst oder übertrieben angetrieben, sie sind beispielsweise nicht in der Lage zu essen, weil Ihnen der Antrieb fehlt, die Gabel in die Hand zu nehmen und damit das Essen aufzunehmen und zum Mund zu führen, obwohl ihre Muskeln dies tun und die Patienten essen können. Auch wenn man sie anleitet, bleibt meist jede Handlung stecken, und der nächste Handlungsschritt muss erneut eingeleitet werden. Diese Patienten können sich z. B. nicht ohne Aufsicht, ständigen Antrieb und Kontrolle waschen. – Die übermäßig Angetriebenen sind ständig aktiv, oft auch distanzlos und ohne Kontrolle über das, was in unserem Umgang als angemessen und passend empfunden wird. Sie neigen z. B. zu einer „schmutzigen“ Sprache und übertriebenen sexuellen Äußerungen und Handlungen. Sie haben darüber meist keine Kontrolle. Viele Patienten mit einem Frontalhirnsyndrom sind affekt­inkontinent: Sie zeigen unpassende oder übertriebene Gefühlsreaktionen, sie weinen oder lachen an der falschen Stelle oder reagieren ärgerlich oder wütend, obwohl es überhaupt nicht zur Situation passt.

Die Beeinträchtigung der kognitiven Funktionen bestimmt den Alltag der Patienten. Sie können sich nichts merken, wobei meist die Störung des Kurzzeitgedächtnisses stärker ausgeprägt ist als des Langzeitgedächtnisses. Sie wissen vielleicht noch, wo sie in die Schule gegangen sind, aber was sie heute Morgen gefrühstückt haben, können sie nicht berichten. Deshalb stellen sie oft gleiche Fragen mehrfach hintereinander, wenn ihr Antrieb sie dazu fähig macht. Da aber dieser auch häufig vermindert ist, machen diese Menschen einen seltsam unbeteiligten und uninteressierten Eindruck. Sie können nur kurz aufmerksam sein, lassen sich sehr leicht durch äußere Einflüsse und eigene Gedanken ablenken, können sich nicht auf eine Tätigkeit oder eine Frage konzentrieren, wandern mit ihren Gedanken ab. Man merkt den Patienten an, wie das Gehirn sich bemüht, aber „der Computer hat sich aufgehängt“, und es geht nicht vorwärts. Sie sind meist erheblich in ihrer Reaktionsgeschwindigkeit beeinträchtigt.

Sie reagieren oft in selbstgefährdender Weise, indem sie z. B. aus dem Rollstuhl aufstehen, ohne die Bremsen festzustellen und fallen hin. Deshalb muss man sie zu ihrer eigenen Sicherheit mit einer Sitzhose im Rollstuhl fixieren. Oder wir müssen sie im Bett fixieren, damit sie nicht über das Bettgitter steigen und sich dabei verletzen. Manche Patienten ziehen an Trachealkanülen, Magensonden und Blasenkatheter, reißen sie heraus, obwohl das schmerzhaft ist und zusätzliche Verletzungen nach ziehen kann. Es gibt auch Patienten, die andere Patienten gefährden, z. B. indem sie mit dem Rollstuhl jemanden anfahren. Die Alternative wäre, dem Patienten rund um die Uhr eine ständige Begleitung zu geben. Dies ist bei der Finanzlage der Krankenversicherungen und der Krankenhäuser nicht möglich. Deshalb ist die Zahl der angesetzten Beruhigungsmedikamente auch umso höher, je weniger Personal zur Verfügung steht. Es nützt selten, wenn man die Patienten auf die Gefahr ihres Verhaltens aufmerksam macht, denn erstens könne sie es nicht einsehen, zweitens haben sie den Hinweis nach kürzester Zeit vergessen.

Frau Gärtner ist eine Patientin, die eine sehr schwere Hirnblutung überlebt hat und in der Rehabilitation ein typisches Bild eines schweren organischen Psychosyndroms zeigt. Sie kam auf die Station, ohne mit den Augen Kontakt zur Umwelt aufnehmen zu können. Langsam besserte sich ihr Zustand, auch ihre Atmung wurde immer besser, so dass wir die Trachealkanüle ziehen konnten. Nach langsamen und geduldigen Mobilisierungsversuchen kann sie zwar wieder gehen und ihre Arme und Finger normal bewegen kann, aber sie steht nur aus eigenem Antrieb auf. Wenn man sie bittet aufzustehen, kann sie es nicht. Sie kann eine Tasse greifen und daraus trinken, aber sie vergisst zu schlucken. Erst wenn sie das nächste Mal nach ein paar Minuten trinken will, schluckt sie. Und wenn wir sie bitten zu trinken, kann sie die Aufforderung nicht ausführen. Andere erlernte Automatismen funktionieren teilweise: Sie „schreibt“ seitenweise Blätter voll. Dabei sieht das Schriftbild aus krakeligen Zeichen wie ein richtiger Brief aus, aber man kann keinen einzigen lesbaren Buchstaben erkennen.

Ihr Ehemann berichtet uns, dass Frau Gärtner bei einem kurzen Aufenthalt am Wochenende in ihrer Wohnung sich dort genau auskannte, ein Stückchen Papier zielsicher in den richtigen Mülleimer warf, eine Platte mit Speisen aus dem Kühlschrank richtete und in ihrem PC gezielt ihr am häufigsten genutztes Programm von 40 auf dem Desktop öffnete, um etwas zu schreiben. Aber sie konnte dann nichts mit dem Programm anfangen.

Und mit dem Sprechen ist es schwierig: Frau Gärtner nuschelt meist nur Unverständliches. Aber als die Schwester in einem vom Ehemann mitgebrachten Familienalbum auf ein Kind deutete mit der Frage, wer das sei, kam die klare Antwort: „Mein Neffe Jan.“ – Wir beobachten auf der Station, dass Frau Gärtner sich der Grundpflege wie Waschen, Anziehen, Gang zur Toilette wehrhaft verweigert. Sie kann mit einem Waschlappen am Waschbecken überhaupt nichts anfangen. Wenn die Schwester ihr zeigt, was man damit macht, kann Frau Gärtner es zwar nachmachen, aber die Handlung stoppt sofort, wenn man sie nicht immer wieder anschubst. Antrieb von außen ist unerlässlich, und meist reagiert Frau Gärtner widerwillig oder nicht. Eigene Ideen kann sie manchmal umsetzen. Sie wurde beobachtet, wie sie bemerkte, dass die Sonne ihrer bewusstseinsgestörten Zimmernachbarin im Bett direkt ins Gesicht schien. Also ging Frau Gärtner zum Vorhang, zog ihn langsam zu und kontrollierte dabei genau, wie der Schatten langsam über das Gesicht der Patientin glitt. Genau im richtigen Moment stoppte sie den Vorhang, strich der Patientin zärtlich über die Haare und wandte sich dann ab.

Patienten mit einem organischen Psychosyndrom leben oft in der Welt ihrer eigenen Vorstellung. Die fehlende Orientierung zu Zeit, Ort, Person und Situation ist ein typisches Zeichen für die Beeinträchtigung der Patienten. Als ich dem schwerst betroffenen Herr Kramer morgens Blut abnehmen wollte, sagte er kaum verständlich: „Holen Sie die Stewardess!“ – Auf meine Frage, wo er denn jetzt sei, meinte er: „Im Flugzeug nach Moskau, da hole ich Geheimakten!“ – Ein Berufspilot mit einem organischen Psychosyndrom sagt –halbseitig gelähmt in seinem Rollstuhl sitzend!- immer wieder, er sei jetzt in New York oder Frankfurt oder auf irgend einem anderen Flugplatz bereit zum Abflug mit seiner DC 10, die er vor vielen Jahren tatsächlich einmal geflogen ist.

Andere Patienten reagieren mit Wahrnehmungen, die nicht nur unrealistisch sind, sondern sogar Wahnideen enthalten. Ich denke an eine Patientin, die nach einer schweren Herpes-Encephalitis [8] alles in ihrem Alltag sehr negativ sah, sich und die Umwelt nur als Katastrophe erlebte, sich gegen alles wehrte, sich wertlos vorkam und den Schwestern den Vorwurf machte, ihre Kleider im Schrank seien nur deshalb immer nass, weil die Schwestern sie ärgern wollten und deshalb einen Eimer Wasser im Schrank ausgekippt hätten.

Durch die verminderte Wahrnehmung von Defiziten und eingeschränkte Kritikfähigkeit (typisch für Schädigungen der rechten Gehirnhälfte) sind die Patienten oft unrealistisch bei der Einschätzung ihrer Situation. Sie fühlen sich ab einem gewissen Stadium der Regeneration fit, wollen jetzt an ihren Arbeitsplatz zurück, obwohl sie vielleicht noch bettlägerig sind, und erkennen überhaupt nicht, dass ihnen wesentliche Fähigkeiten fehlen. Wenn sie mit ihren Fehlern bei der psychologischen Testung oder bei Versuchen konfrontiert werden, die eine berufliche Situation nachstellen, oder schon bei einfachsten Rechen- und Logikaufgaben, bagatellisieren sie ihre Defizite und finden viele Ausreden, warum es jetzt gerade nicht so funktioniert, wie es sein sollte.

Ich denke an einen ehemaligen Fahrlehrer und Berufsbusfahrer, der nach einem Schlaganfall bei allen Reaktionstests außerordentlich schlecht abschnitt, aber sonst von seinen Bewegungsfähigkeiten wieder voll einsatzfähig war. Er konnte überhaupt nicht akzeptieren, dass wir ihm dringend abrieten, Auto zu fahren, von seinem Bus ganz zu schweigen. Er tat unsere Reaktionstests mit den Blinklichtchen und den Knöpfchen, die er zu drücken hatte, als Kinderkram ab, das habe überhaupt nichts mit der Verkehrssituation zu tun. Er können schließlich aus seiner Erfahrung ganz genau und viel besser als jeder Jüngere entscheiden, wann er zu bremsen habe. Erst mehrere eindringliche Gespräche brachten ihn schließlich dazu, vorerst sein Auto stehen zu lassen und sich später einer erneuten Prüfung zu unterziehen.

Ein Kaufmännischer Direktor in einem Großkonzern war dort für ein Budget von mehreren Millionen Euro verantwortlich. Nach dem Schlaganfall auf der rechten Gehirnseite war er am linken Arm gelähmt, konnte aber schon wieder recht gut gehen, und er war überzeugt, sofort wieder arbeiten zu können. Bei einfachen Testrechenaufgaben und einem standardisierten Bürotest mit Ordnungs- und Organisationsaufgaben machte er schwerwiegende Fehler und war viel zu langsam. Trotzdem war er sehr böse mit mir, als ich dies in den Arztbrief schrieb und ihm dringend davon abriet, zu diesem Zeitpunkt an seinen Schreibtisch zurückzukehren, Ich wollte ihn vor einem klar abzusehenden Misserfolg in der Firma mit allen schlimmen Folgen bewahren.

Häufig bei Schädel-Hirn-Trauma- und Schlaganfall-Patienten ist auch die vegetative Labilität: Ihre Regulation der Körper erhaltenden Funktionen ist gestört. Man bemerkt das beispielsweise an zu schnellem oder verlangsamtem Herzschlag, Herzrhythmusstörungen, starkem Schwitzen, Störung der Verdauungs-, Nieren- und Lungenfunktion, an verminderter Hautdurchblutung mit der erhöhten Gefahr von aufgelegener Haut (Decubitus). Auch ein gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus ist häufig. Die Patienten sind fast immer belastbarkeitsgemindert.

Die körperliche Einschränkung zeigt sich z. B. mit Blutdruckabfall, Anstieg der Herzfrequenz und starkem Schwitzen, manchmal schon beim Sitzen an der Bettkante oder längerem Sitzen im Rollstuhl. Diese Belastbarkeit kann und muss regelmäßig trainiert werden.

Die geistige Belastbarkeitsminderung erkennen wir an raschem Abfall von Konzentration, Aufmerksamkeit, Ausdauer, Merkfähigkeit und Reaktionsgeschwindigkeit bei alltäglichen Aufgaben und Tätigkeiten. Ich kenne einen Notar, der nach einem Schlaganfall sich wieder sehr gut rehabilitiert hat, körperlich voll einsatzfähig war und natürlich wieder in seiner Kanzlei arbeiten wollte. Aber er zeigte nach etwa einer Stunde konzentrierter Arbeit am Schreibtisch oder in schriftlichen Testaufgaben oder in Verhandlungen eine plötzliche Verminderung seiner Konzentration. Er formulierte das so: „Da werde ich im Kopf immer dunkel, ein Vorhang senkt sich, und ich kann nicht weiter denken!“ Da er diese Belastbarkeitsminderung auch nach längerer Rehabilitation nicht beheben konnte, war er gezwungen, seine Kanzlei aufzugeben. Er entschied sich schweren Herzens dazu unter anderem auch, weil er große Sorge hatte, im Rahmen von Verhandlungen Konzentrations- Gedächtnis- und Beratungsfehler zu machen, die ihn möglicherweise zu Haftungskonflikten führen könnten. Außerdem berichtete er, dass er sich beim Autofahren sicher fühlte, aber trotzdem erschreckt war, dass er auf einer für ihn üblichen Strecke trotz langsamer Fahrweise fast zwei schwere Unfälle verursacht hätte, wenn nicht die anderen Verkehrsteilnehmer rechtzeitig reagiert hätten. Er erkannte hierbei, dass er eine deutliche eingeschränkte Wahrnehmung und Reaktionsgeschwindigkeit hatte, obwohl sein Seh- und Hörvermögen normal waren.

Wie gehen wir richtig mit dem Patienten um, der ein organisches Psychosyndrom hat?

Vorrangig wichtig ist zuerkennen, dass der Patient durch seine Krankheit ein verändertes Verhalten hat, das er nur in sehr begrenztem Maß willentlich beeinflussen kann. Erstens hat er besonders am Anfang der Erkrankung durch den verminderten Antrieb gar nicht die Möglichkeit, etwas zu verändern, und außerdem sind seine Wahrnehmungsfähigkeiten drastisch eingeschränkt. Eben diese braucht er aber, um aus seinem Verhalten zu lernen.

Wir müssen uns also bewusst machen, dass wir sehr viel Verständnis und Geduld brauchen, wenn wir solch einen Patienten angemessen begleiten wollen. Im Rahmen der neurologischen Rehabilitation müssen wir in Wochen und Monaten denken, nicht in Stunden und Tagen, wie es in der Chirurgie oft üblich ist.

Es ist also sicherlich falsch und ungerecht, wenn wir dem Patienten wegen seines Fehlverhaltens Vorwürfe machen oder ihn wegen Reaktionen auslachen. Natürlich ist es erlaubt, mit ihm zu lachen, wenn er dies als Bestätigung oder Ermunterung auffassen kann. Wir dürfen uns auch nie provozieren lassen, wenn der Patient zum soundsovielten Male denselben Fehler macht, der uns ärgert oder zwingt, wieder einzugreifen. Ich weiß aus der täglichen Arbeit dass das schwierig ist, aber eine gute empathische Distanz ist unerlässlich um Umgang mit Patienten, die an einem organischen Psychosyndrom erkrankt sind.

Ein multimodales Therapieprogramm ist empfehlenswert und die Grundlage jeder guten Rehabilitation. Die ganzheitliche Sichtweise eines Menschen muss Grundlage jeder Behandlung sein. Das bedeutet, dass seelische, körperliche und geistige Fähigkeiten und Aspekte in gleichem Maß berücksichtigt und behandelt werden müssen..

Für den kognitiven Bereich (Wahrnehmung, Gedächtnis, Reaktionsgeschwindigkeit, Konzentration, Aufmerksamkeit) ist das alltägliche Training der Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL) nötig. Darunter verstehen wir An- und Ausziehen, den Gang zur Toilette, Essen und Trinken, den Transfer vom Bett in den Rollstuhl und umgekehrt, Waschen, Rasieren, Kämmen. Die Pflege, die Ergotherapeuten und die Physiotherapeuten (Krankengymnasten) sind dafür zuständig und arbeiten wechselweise und im Team an jedem einzelnen Detail. Das Ziel besteht darin, den Patienten in kleinen Schritten wieder in den gewohnten Alltag zu führen und ihm die Fähigkeiten, Defizite und Möglichkeiten zum Ausgleich der Defizite bewusst zu machen und so weit es geht so zu üben, dass der Patient möglichst eine gute Selbständigkeit erreicht.

Der emotionale Bereich kann teilweise medikamentös beeinflusst werden. Wenn man bedenkt, dass etwa achtzig der Patienten auf einen Schlaganfall depressiv reagieren, kann man mit der Gabe eines antriebssteigernden Antidepressivums das Gefühlstief manchmal auffangen oder zumindest reduzieren. Andererseits kann man mit einem beruhigenden Mittel die oft sehr quälende Unruhe der Patienten, die auch Störungen ihres Schlaf-Wach-Rhythmus erleben, positiv beeinflussen.

Das Sozialverhalten lässt sich schwer beeinflussen. Hier ist geduldiges Einüben der üblichen Funktionen und Verhaltensweisen nötig, wenn auch nicht immer erfolgreich. Wichtig ist, das Verhalten in Einzeltherapiesituationen auf das Leben in der Gemeinschaft auszudehnen. Es gibt in neurologische Rehabilitationszentren auch Spezialstationen für so genannte neurokognitive Behandlung, wo auf dieses Spezialgebiet besonders eingegangen wird.

Das impulsgesteuerte Verhalten der Patienten muss im Rahmen der stationären Rehabilitation bearbeitet werden. Dabei ist wichtig, den Patienten zunehmend bewusst zu machen, das ihre Reaktionen eine Konsequenz haben, für die sie verantwortlich sind. Es geht also darum, die Menschen wieder dazu zu bewegen, zuerst zu denken und erst dann zu handeln.

Vegetative Störungen können meist vorübergehend medikamentös behandelt werden und normalisieren sich oft von selbst im Rahmen der Rehabilitation.

Zur Behandlung der neuropsychologischen Ausfälle (Gesichtsfeldeinschränkung, Sprachverständnis- und Sprechstörung, halbseitige Wahrnehmungsstörungen) gibt es in neurologischen Kliniken speziell ausgebildete Therapeuten, die Neuropsychologen. Auch sie gehören zu dem Team, das sich während der Rehabilitation um die ganzheitliche Behandlung des Patienten kümmert.

Sehr wichtig ist mir auch die Familie, die von der Krankheit aus dem üblichen Alltag in ein neues Leben und oft grundsätzlich veränderte Lebensbedingungen gezwungen wird. Sie muss während der Rehabilitation und meist auch anschließend geführt, gestützt und betreut werden. Der Hausarzt, der Stationsarzt, die Therapeuten und Pflegekräfte in der Klinik tragen hier eine große Verantwortung. Denn erfahrungsgemäß ist die Familie durch den plötzlichen Schlag eines so schwer kranken Familienmitgliedes völlig überfordert. Geduldige und empathische Gespräche und ruhige Führung sind unerlässlich und eine wichtig Hilfe für alle Betroffenen, die mit dem Kranken weiterleben wollen. Einzelheiten hierzu habe ich in meinem Buch „Wenn das Licht naht – der würdige Umgang mit schwer kranken, genesenden und sterben Menschen“ ausführlich dargestellt.

 

[1] Weissenborn, Neurologische Komplikationen kardio-pulmonaler Reanimation, zit. In Neurologie 2005, Thieme

[2] cognoscere: Lat. erkennen, wissen

[3] Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie in www.uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/ll/028-001.htm

[4] Paranoides Denken bedeutet, sich mit Verfolgungsideen zu beschäftigten und sie für real zu halten.

[5] Aphasie = Griech. Sprachlosigkeit. Störung der Sprechfähigkeit und des Sprachverständnisses

[6] Apraxie = Unfähigkeit zur Ausführung erlernter zweckmäßiger Handlungen oder Bewegungen trotz erhaltener Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit. Der Patient kann „Werkzeuge“ nicht oder nicht mehr sinnvoll einsetzen. Beispiel: Er kämmt sich mit der Zahnbürste oder putzt sich mit dem Kamm die Zähne oder weiß nicht, was er mit dem Bleistift machen kann.

[7] Akalkulie: Die Unfähigkeit zu rechnen

[8] Entzündung des Gehirnes durch das Virus, das auch die Gürtelrose auslösen kann

Diesen Artikel habe ich in dem Buch Ich verstehe Sie! Verständigung in Praxis, Klinik und Pflege veröffentlicht.

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