Das Haus der Verwandlung

Der Stacheldraht ist mit Kieferzweigen getarnt. Aaron rennt schreiend auf den Zaun zu: „Ich ertrag das nicht mehr!“
„Musst du auch nicht!“, sagt der Aufseher ruhig und lässt ihn rennen. Ein greller Blitz, und Aaron bricht im Stromschlag zusammen.
„Da kommen neue Zebras!“, ruft der Aufseher.
Dem Zug im vorderen Teil des Lagers entsteigen viele Gefangene in schwarz-weißer Häftlingskluft. Auch etwa zweihundert Kinder klettern heraus. Sie sind festlich gekleidet. Janusz Korczak, der Kinderarzt und Leiter ihres Heimes geht ihnen voran. Er trägt zwei Kinder, die noch nicht gehen können, auf dem Arm.
„Was machen wir hier?“, fragt ein größerer Junge den deutschen Soldat, der den Zug begleitet hatte.
„Ihr werdet jetzt im Haus der Verwandlung zu guten Juden gemacht. Wer hinten rauskommt, ist ein guter Jude! Und dann dürft ihr zu eurem Jahwe auffahren!“
„Stellt euch in Zweierreihen auf, dann gehen wir miteinander“, sagt Korczak freundlich. Die Kinder gehorchen sofort. Sie haben schon auf dem Weg aus dem Ghetto zum Bahnhof in Warschau mit Korczak gesungen. Einen schönen Spaziergang hatte er ihnen versprochen zu grünen Wiesen, blühenden Bäumen und frischen Bächen.
„Alles ausziehen!“, ordnet der Soldat an. Die Kinder legen ihre Kleider fein säuberlich auf kleine Häufchen, wie sie es vom Heim gewohnt sind.
„Jetzt geht ihr zum Friseur“, sagt der Soldat, „damit ihr keine Läuse bekommt.“ Die Gefangenen werden kahlgeschoren. Die Haare werden sorgfältig gesammelt für neue Matratzen.
„Alle Marsch!“, treibt der Soldat die Kinder an und zeigt auf die Tür, die zur Verwandlung führt.
Korczak geht voraus, zwei Kinder auf seinen Armen, die anderen Kinder hinter ihm. Er beginnt, mit fester Stimme zu singen. Die Kinder fallen sofort ein:

So nimm denn meine Hände / und führe mich
bis an mein selig Ende / und ewiglich.
Ich mag allein nicht gehen, / nicht einen Schritt:
wo du wirst gehn und stehen, / da nimm mich mit.

Die Wachen sind still und schauen auf den Boden. Sie müssen die Kinder nicht wie sonst in das Haus prügeln.
Der Soldat deutet auf eine junge Frau unter den Neuankömmlingen.
„Du da, komm her! Wie heißt du?“
„Rebecca.“
„Zieh deine Mütze ab!“ Das Haar fließt schwarzwellig bis zu den Schultern.
„Ich habe einen Spezialauftrag für dich. Du wartest heute Abend nach der Dämmerung dort an meiner Baracke!“
Er leckt lustvoll seine Lippen. Dann geht er weg. Er sieht nicht die Wutglut in Rebeccas Augen. Sie überlegt nur kurz. Dann schlängelt sie sich entschlossen durch das Menschengewühl zum Friseur. Anschließend legt sie alle Kleider auf den großen Haufen. Den gelben Stern obenauf. Sie reiht sich bei den Kindern singend ein. In jeder Hand eine Kinderhand.
Die Tür schließt sich. Im Gesang hören die Kinder das Zischen der Düsen nicht. Die Stimmen werden leiser, schweigen bald. Die Körper fallen leicht. Ein Aufseher schaltet die Entlüftung ein. Dann öffnet er die hintere Tür. Die Kinder liegen in einem Knäuel verschlungen aufeinander. Sie halten sich gegenseitig fest. Mitten unter ihnen Janusz Korczak.
„Los, reiß sie auseinander, und bring sie zum Rost!“, herrscht der Aufseher Moshe an, der mit seinen Kameraden Aschedienst hat. Er reicht Moshe eine Beißzange.
„Aber vorher holst du noch die Goldkronen bei den Erwachsenen raus!“
Moshe zögert. Der Aufseher wird sehr ungeduldig.
„Mach schon! Wir haben keine Zeit, die nächste Lieferung wartet!“
„Ich kann nicht!“ Moshes Stimme zittert.
„Willst du dich weigern, das Gold rauszuholen, das unser Führer zum Endsieg braucht? Das ist Sabotage!“, brüllt der Soldat, entsichert die Pistole und setzt sie auf Moshes Herz.
„Ich zähle bis drei! Eins …“
„Ich kann nicht“, haucht Moshe.
Der Schuss kommt als lautes Echo aus dem Haus der Verwandlung zurück.
„Los, dann machst du den Zahnarzt! Er hier hat auch eine Goldkrone!“ Der Aufseher zeigt auf Moshe und gibt Samuel die Beißzange. Dessen schwarz-weiß gestreifte Kleidung schlottert über seinem Skelett.
Das Krachen der Kieferknochen ist gut zu hören.
„Na also, geht doch. Das kannst du ein paar Tage lang üben!“, lobt der Aufseher. „Mach die Zähne sauber, und bring sie zur Lagerleitung.“
Die Gefangenen tragen die Kinder zum Rost und legen sie behutsam ab.
„Ihr könnt sie ruhig werfen! Die wiegen ja nichts! Das geht schneller!“, treibt der Aufseher die Gefangenen an und wirft gleich ein Kleinkind hinterher. Samuel reagiert zu langsam. Der Schädel platzt auf dem Steinboden.
Der noch heiße Rost ist rasch beladen. Zwei Meter hoch liegen die Leichen. Das Feuer schießt mit Brandbeschleuniger lodernd in die Höhe. Die Soldaten der benachbarten Kaserne beklagen sich über den Gestank von verkohltem Fleisch und Horn. Die Aschekolonne räumt die Überreste weg und siebt sie. Manchmal finden sie wertvolle verschluckte Gegenstände und Goldmünzen. Den Abfall kippen sie in Gruben und bedecken ihn mit Kalk und Erde.
Wegen des anrückenden russischen Heers wird beschlossen, das Lager zu schließen. Die Gefangenen müssen mehr und tiefere Gruben ausheben. Bei Beginn der Vernichtungsarbeit wurden die lebenden Skelette in die Grube geworfen und beschossen, bis sie sich nicht mehr bewegten. Jetzt geht es ökonomischer. Sie stellen oder setzen sich nackt an den Grubenrand. Gesicht zur Grube. Der Wachhabende geht von einem zum anderen. Jeder Genickschuss ein Treffer. Das spart Munition. Ein Helfer reicht geladene Magazine. Das spart Zeit. Ein Aufseher springt in die Grube auf die Leichen und schichtet sie Platz sparend. Kopf gegen Beine. Die Grube ist rasch voll. An der nächsten warten lebende Skelette.
„Gut gemacht, ich werde dem Führer berichten!“, lobt der Abgesandte des Führerhauptquartiers nach der erfolgreichen Aktion.
Als die Abrissarbeiten im Oktober 1943 fast abgeschlossen sind, sitzt Samuel neben Jakob
und zeigt wortlos auf den Rostplatz.
„Was meinst du?“
„Wir haben es überlebt. Der Ofen ist aus!“
Er beginnt hemmungslos zu weinen.
Den Genickschuss spürte er nicht.

PS: Es ist eine historisch belegte Tatsache, dass Janusz Korczak, Kinderarzt, Pädagoge und Schriftsteller, mit den Kinder aus seinem Heim in Treblinka in den Tod ging, obwohl er die Möglichkeit hatte, die Kinder allein ins Verderben zu schicken. Es wird von dem Augenzeugen Wladislaw Szpilman, einem berühmten polnischen Pianist, berichtet, dass Korczak die Kinder singend in den Tod begleitete, um ihnen den Schrecken zu nehmen. – Treblinka war ein Jahr lang in Betrieb. In dieser Zeit wurden dort über 1 Million Menschen ermordet.

Diesen Text habe ich als Stilübung verfasst. Möglichst sachliche Schilderung, kurze, abgehackte Sätze ohne Emotionen. Dann bleiben die Gefühle im Leser „stecken“ und können sich dort voll entfalten. Das ist der Sinn dieser grausigen Erzählung, den Grundlage eine tatsächliche Begebenheit ist. Die Arbeit in  dem Konzentrationslager Treblinka habe ich einem sehr gut recherchierten Artikel bei Wikipedia entnommen.

Copyright Dr. Dietrich Weller

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