Der Schuss

Diese Geschichte ist wirklich so geschehen, wie ich sie hier schildere. Das muss vorweg gesagt werden, denn sie ist medizinisch so unglaubhaft, dass auch jeder Nichtmediziner sofort sagen würde, sie sei schlecht erfunden. Ich kenne den Patienten, um den es geht, und seine Computertomografien recht gut, weil er einige Wochen mein Patient in der Rehabilitationsklinik war. Er und seine Frau haben mir erlaubt, die Handlung zu erzählen. Nur den Namen des Patienten und die beiden Städtenamen habe ich verändert, um die Identität der Personen zu schützen.

Herr Berger ist Diplombetriebswirt und lebt mit seiner Frau mit erstem Wohnsitz in Ulm. Sie sind seit fast 17 Jahren verheiratet und führen seit vielen Jahren eine Wochenendehe, da er von München aus für eine internationale Firma das Osteuropageschäft leitet und Frau Berger in Ulm eine Rechtsanwaltskanzlei führt. Das Ehepaar ist im Freundeskreis als glückliches und unterhaltsames Paar mit einer eigenen Partnersprache beliebt. München ist die Geburtsstadt von Herrn Berger, hier ist er aufgewachsen und pflegt einen großen Freundeskreis. Er lebt dort mit zweitem Wohnsitz in einer Wohnung im Haus seiner Mutter.

In der Freizeit ist Herr Berger ein begeisterter Waffenliebhaber mit einer großen und legal erworbenen Gewehrsammlung. Was nur er wusste: Er hat sich illegal noch eine russische Pistole gekauft, die wegen der sehr hohen Anfangsgeschwindigkeit des kleinkalibrigen Geschosses eine große Durchschlagkraft hat und in wenigen Metern Entfernung durch Aufpilzung des Projektils die zerstörerische Wirkung entfaltet.

Frau Berger weiß nicht, dass ihr Mann sich seit einigen Jahren in München mit einer anderen Frau eine Parallelwelt aufgebaut hat, wobei diese Partnerschaft recht stürmisch und wechselvoll abläuft, denn die Freundin ist allein erziehende Mutter von zwei Kindern. Das gefällt Herrn Berger nicht. Und so geht die Beziehung immer mal wieder auseinander, und durch die Leidenschaft getrieben kommt es zu neuen Versöhnungen.

Die berufliche Situation von Herrn Berger spitzt sich zu, als er einen neuen Chef bekommt, den Herr Berger für fachlich unqualifiziert hält. Herr Berger fühlt sich in der Folgezeit von seinem Chef gemobbt. Schließlich wird Herr Berger eines Tages unvorbereitet zu einem Gespräch gebeten, in dem ihm eröffnet wird, er habe jetzt ein halbe Stunde, um seinen Schreibtisch zu räumen, den Firmen-Laptop und die Schlüssel abzugeben und den vorbereiteten Auflösungsvertrag zu unterschreiben. Herr Berger ist wie vor den Kopf geschlagen, aber geistesgegenwärtig genug, den Vertrag nicht zu unterschreiben. Er verlässt tief gekränkt und wütend die Firma und sucht bei einem Rechtsanwalt Rat.

In den nächsten Wochen spitzt sich auch die Beziehung mit der Freundin zu. Herr Berger stellt ihr ein schriftliches Ultimatum: Wenn sie sich bis zu dem angegebenen Datum nicht endgültig für ihn entscheide, werde er sich erschießen. Die Freundin reagiert mit Rückzug, antwortet nicht. Das Ultimatum verstreicht.

Herr Berger passt sie vor dem Haus ab, in dem sie wohnt. Er trägt in seiner Jacke die geladene Pistole. Er will mit ihr in die Wohnung gehen, nochmal mit ihr reden. Ein Gedanke schießt ihm durch den Kopf: Soll er, wenn sie seine Forderung ablehnt, nicht nur sich, sondern auch sie erschießen? Ein erweiterter Suizid?

Die Freundin jedoch weist ihn entschieden vor der Haustür ab, lehnt jeden weiteren Kontakt ab – sie lasse sich nicht erpressen -, schickt ihn weg und geht allein in das Haus.

Er setzt sich – schon wieder gekränkt, zurückgewiesen, in seinem Selbstverständnis als Mann gedemütigt – in sein Auto, das gegenüber auf dem Parkstreifen steht. Später sagt er: „Da ich es versprochen hatte, musste ich es tun! – Ein Mann, ein Wort!“ – Er zieht die Pistole und schießt durch den Mundboden, durch die Zunge, durch die Siebbeinzellen, durch das Frontalhirn, durch die Schädeldecke, durch das Autodach.

Ein Passant sieht, wie Herr Berger aus dem Auto aussteigt(!) und auf dem Gehweg taumelnd weitergeht. Er denkt, das sei ein Betrunkener. Erst als der Fußgänger Blut in Herrn Bergers Gesicht erkennt, alarmiert er den Notarzt. Trotz des Feierabendverkehrs in der Großstadt liegt Herr Berger 20 Minuten später in der Neurochirurgischen Klinik.

Im Arztbrief stehen ganz sachlich diese Diagnosen: Schädelbasisfraktur mit Liquorleck, Fraktur von Orbitadach und Orbitaboden beidseits, Kalottenfraktur Os frontalis, traumatisches Hirnödem, hochparietal betonte traumatische Subarachnoidalblutung, frontobasales Hämatom und subdurales Hämatom links.

Der Schädel wird eröffnet, die Knochensplitter werden entfernt, die Durchschüsse im Mund-Kieferbereich verschlossen. Das Liquorleck an der Schädelbasis wird gedeckt. Der hinzu gerufene Mund-Kiefer-Gesichtschirurg stellt fest: Obwohl die knöcherne Begrenzung der Augenhöhlen beidseits durch den Schuss von der dicht vorbei fliegenden Kugel gesprengt waren, sind die Augen unverletzt. Eine weitere operative Stabilisierung der Augenhöhlen ist nicht erforderlich. Die Kugel war so schnell und unbewusst so geschickt gezielt, der Schusskanal so schmal, dass sie keine tödlichen Verletzungen hinterlassen konnte.

Als ich Herrn Berger später fragte, warum er denn kein Gewehr verwendet habe, davon habe er doch einige, die illegale Beschaffung der Pistole sei unnötig gewesen, meinte er trocken und ganz logisch: „Das hätte mit dem viel größeren Kaliber zu viel Schweinerei im Auto oder in der Wohnung gemacht. Ich wollte eine saubere Lösung! Außerdem ist ein Gewehr im Auto unhandlich.“

Herr Berger erlebte einen unkomplizierten Verlauf. Da ein psychiatrisches Konsil ergab, er sei nicht mehr suizidgefährdet, wurde er knapp sechs Wochen nach dem Schuss in die Neurologische Rehaklinik überwiesen. Dort war ich sein behandelnder Arzt. Er kam als sicherer Fußgänger ohne Hilfsmittel, reagierte adäquat und zeigte keine(!) neurologischen Ausfälle. Er schilderte den Hergang der Geschichte bereitwillig mit freundlichem und regem Mitteilungsbedürfnis, klar, logisch nachvollziehbar – und ohne wesentliche merkbare Gefühlsreaktionen. Am meisten störten ihn ein Mundsoor und eine minimale Sprechstörung, da die Zunge wegen des Durchschusses noch einen Defekt aufwies und ein Zahn defekt war. Außerdem fühlte er sich nach den unruhigen Nächten in der Klinik sehr müde. Wichtig war ihm, möglichst bald normal essen zu können und voll arbeitsfähig entlassen zu werden, da er sich nicht wesentlich beeinträchtigt fühle.

Nachdem ich ihm erklärt hatte, wie groß sein Glück war, den Schuss so knapp an den lebenswichtigsten Funktionsstellen vorbei gezielt zu haben, meinte er: „Ja, die Ärzte in München haben auch gesagt, das sei ein Sechser im Lotto mit Sonderzahl gewesen. – Also, das ist mir auf jeden Fall klar geworden: Dieser Schuss war eine Riesendummheit von mir. Ich weiß jetzt, dass ich leben und das neue Leben vernünftig nützen will. Und ich bin bereits dabei, Pläne zu machen. Auf jeden Fall will ich mit meiner Frau ins Reine kommen. Das ist mir sehr wichtig. Ich werde sie um eine zweite Chance bitten. Sie hat in den vergangenen Wochen die Betreuung für mich übernommen und sich sehr um mich gekümmert, obwohl sie alles Recht hat, nie wieder ein Wort mit mir zu sprechen. Ich werde auch eine neue Arbeitsstelle finden. Die Abfindungssumme, die meine Firma mir angeboten hat, ist außerdem so hoch, dass ich auch ohne Arbeit bei vernünftigem Wirtschaften für den Rest meines Lebens zurechtkomme.“

Seine Frau hatte in der Nacht nach dem Suizidversuch Besuch von zwei Polizisten, die der Ahnungslosen in Ulm eröffneten, ihr Mann habe sich zu erschießen versucht und werde wahrscheinlich in dieser Nacht sterben. Ein Notfallseelsorger begleitete sie im Auto noch in dieser Nacht nach München und ließ sie sogar die ganze Strecke selbst fahren. In der Klinik reimte sie sich an Hand einiger Indizien und den Nummern auf dem Handy ihres Mannes zusammen, dass da eine andere Frau im Spiel gewesen sein musste. – Sie ist eine Bekannte des Ehepaares. Frau Berger rief sie an, erhielt die Bestätigung ihres Verdachtes und erfuhr, was sich am vergangenen Tag vor dem Haus zugetragen hatte.–

Frau Berger sagte in dem ersten langen Gespräch, das wir gemeinsam mit ihrem Mann in der Klinik führten: „Da entschloss ich mich, alles daran zu setzen, dass er überlebt, um den riesigen Schaden, den er auf ganz verschiedenen Ebenen angerichtet hatte, auch wiedergutmachen zu können. Er muss das alles selbst wieder ins Reine bringen!“

Herr Berger saß daneben und spürte offensichtlich nicht, welches Gefühlschaos er bei seiner Frau angerichtet hatte. Frau Berger drehte sich zu ihm, Tränen in den Augen, mit einem Blick aus Wut und Trauer und fragte mit gepresster Stimme: „Ist dir eigentlich klar, dass ich in deinem Leben überhaupt keinen Platz mehr hatte? Du hast nicht eine Sekunde an mich gedacht! Nicht einmal einen Abschiedsbrief hast du mir hinterlassen. Ich war gar nicht mehr existent für dich! Welchen Platz habe ich da noch neben dir?“

Sie versuchte, sich zu fassen. Nach einer Pause setzte sie nach: „Kannst du dir vorstellen, wie ich mich fühle? Ich dachte, ich sei eine intelligente Frau, die außerdem ein gutes Gespür hat, wie es um meine Mitmenschen steht und besonders, wie es meinem Mann geht! Und du zeigst mir, dass ich NICHTS, GAR NICHTS geahnt habe von dieser Frau und dir?! – Ist dir klar, wie sehr ich mich da selbst infrage stelle?“

Ihre Stimme bebte, mühsam unterdrückte sie Verzweiflung, Wut und Hilflosigkeit. Sie sank in sich zusammen, dreht sich von ihm weg, verschränkte ihre Arme, um sich selbst festzuhalten und versuchte, ihre erbarmungslose Demütigung und ihre Tränen zu verbergen.

Er antwortete mit beredten Worten auf ganz sachlicher Ebene total an ihren offenbarten Gefühlen vorbei und ging mit keinem Satz darauf ein.

Da wir kaum glauben konnten, dass Herr Berger neurologisch und neuropsychologisch so unbeschadet davon gekommen war, untersuchten ihn die Therapeuten besonders sorgfältig. Sie stellten lediglich leichte Teilleistungsstörungen wie Einschränkungen der Aufmerksamkeit bei komplexen Handlungsabläufen fest.

Viel auffälliger war die deutliche narzisstische Grundhaltung des Patienten, der erst durch unsere Gespräche erkennen konnte, wie sehr er seine Frau gekränkt hatte, nur auf sich bezogen war und nicht darüber nachgedacht hatte, was er bei seiner Frau mit seiner Tat auslösen würde. Erst jetzt kam er langsam auf die Idee, außer seiner eigenen Entwertung durch die Ablehnung in der Firma und durch die Freundin auch die Gefühle seiner ahnungslosen und tief verletzten Frau wenigstens ein bisschen zu verstehen.

Ich versuchte, ihm zu verdeutlichen, mit welch einer rücksichtslosen, gewaltbereiten Selbstverständlichkeit er versucht hatte, seine Probleme zu lösen oder sich von seinen Problemen zu lösen. Er fühlte sich völlig in sich und seinem Selbstverständnis legitimiert. Er erschrak, als er das begriff. „So habe ich das noch gar nicht gesehen!“, meinte er etwas kleinlaut.

Ich legte nach: „Können Sie erkennen, dass das eine krankhafte Lebenseinstellung ist, mit solcher Gewalt gegen sich und andere vorzugehen?“ – Er dachte eine Weile nach. „Nein, eigentlich nicht“, sagt er dann. Im weiteren Verlauf zeigte er sich dann ziemlich betroffen und war nach meinem Vorschlag auch bereit zu einer Psychotherapie.

Zwei Wochen später an einem Sonntagnachmittag sagte Herr Berger seiner Frau bei einem Spaziergang, er spüre klare Flüssigkeit aus der Nase laufen. Sie bat ihn, mir das am nächsten Morgen zu sagen. Ich stellte mit einem Teststäbchen fest, dass die Flüssigkeit Liquor war. Wenige Stunden später brachte Frau Berger ihren Mann wieder in die Neurochirurgische Klinik nach München. Die ganze Schädelbasis wurde in einer sechsstündigen Operation revidiert und das erneute Liquorleck in der Schädelbasis mit MESH-Graft verschlossen. Zwei Wochen später kam Herr Berger mit Freude zur Anschlussheilbehandlung zurück.

Nach der Reha in unserer Klinik verlegten wir ihn in eine Psychosomatische Klinik in München, deren Oberarzt Herrn Berger bei seinem zweiten Aufenthalt in der Neurochirurgie München auf meine Vermittlung hin besucht und die von mir vorgeschlagene stationäre Psychotherapie befürwortet hatte. – In der Psychosomatik-Klinik allerdings erhielt Herr Berger nur wenige Einzelgespräche und war ansonsten überwiegend mit essgestörten Mädchen und jungen Frauen in Gruppentherapiesitzungen zusammen. Er verließ nach zwei Wochen auf eigenen Wunsch die Klinik, da er sich von dieser Therapie nichts Nützliches versprach.

Noch ist offen, ob Herr und Frau Berger wieder zusammenfinden. Frau Berger jedenfalls lehnte es bei seiner Entlassung aus der Klinik strikt ab, mit ihrem Mann in einer Wohnung zusammenzuleben: „Ich bin total verunsichert. Ich muss zuerst herausfinden, wie mein Leben weitergehen soll. Und du musst für dich klären, was du mit deinem Leben machen willst. Dann können wir sehen, was aus uns wird. – Was ist, wenn ich dich auch ablehne? Erschießt du mich dann auch?“, hatte sie ihn in einem unserer Gespräche gefragt.

Heute, während ich dies schreibe, dreieinhalb Monate nach dem Schuss ist Herr Berger mit einem Freund auf einer mehrtägigen Radtour unterwegs. Die psychotherapeutischen und ergotherapeutischen Stunden haben noch nicht begonnen, weil er trotz intensiver Bemühungen um einen Therapieplatz noch keinen erhalten hat. Die Wartezeiten sind zu lang. Er lebt jetzt wieder in München und hält weiter Kontakt mit seiner Frau.

Nachtrag: Jetzt sind fast zwei Jahre vergangen. Herr Berger hat wieder eine feste Anstellung in seinem Beruf, und inzwischen nimmt das Ehepaar an einer Paartherapie teil. Bergers leben weiter getrennt, treffen einander aber regelmäßig.

Copyright Dr. Dietrich Weller

Dieser Bericht ist im  Hamburger Ärzteblatt 03/2012 in der Rubrik Der besondere Fall erschienen.

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