Traumhafte Fortbildung

Neulich nahm ich an einem Vortrag über die ärztliche Leichenschau teil. Das war für mich wichtig, weil ich häufig im Rahmen der Dienste in der Notfallpraxis Leichenschauen mache. Außerdem wusste ich, dass die Referentin, eine Fachärztin für Rechtsmedizin, ihre Vorträge unterhaltsam und gehaltvoll gestaltet und mit eindrucksvollen Bildern lehrreiche Beispiele zeigt. Ganz am Ende des Vortrags kam ein Bild von einem Brustkorb, der von Fäulnis schon fast vollständig zerlegt war. Das ist ja kein schöner Anblick. Aber trotzdem war da etwas, was mich sofort stutzig machte: Auf der vierten Rippe links klebte ein sauberes weißes EKG-Pad. Das ist – für Nicht-Mediziner erklärt — ein kleines Plastikstück, an dem die Klemme für ein EKG-Kabel befestigt wird.

Mir schoss sofort der Gedanke durch den Kopf: Welch ein Unsinn, bei einer verwesten Leiche noch ein EKG abzuleiten, um die übliche Nulllinie zu sehen, die dann ein Beweis für den Tod wäre.

Die Referentin sagte lächelnd und offensichtlich ironisch: „Wahrscheinlich hat es jemand versucht, ob es geklappt hat, weiß ich nicht.“

Als ich dann später zuhause im Bett lag und schlief, tauchte aus dem Nebel ein Mann auf, der mich freundlich begrüßte und sagte: „Ich habe das EKG geschrieben, und ich will Ihnen erklären, warum!“

„Na, da bin ich aber gespannt. Wer sind Sie?“

„Ich bin Kardiologe.“ Er machte eine kleine Pause, dann ergänzte er: „Um es genauer zu sagen, Postmortalkardiologe!“

Ich überlegte kurz, dann erwiderte ich: „Das ist ja interessant, diese Bezeichnung habe ich noch nie gehört.“

„Das kommt daher, dass es diese Forschungsrichtung noch nicht lange gibt und dass ich der Einzige bin, der die Forschung vorwärtstreibt.“

„Wie kamen Sie denn dazu?“

„Ursprünglich habe ich Archäologie und Paläobiologie studiert und über Zeichen von Herzkrankheiten im Altertum promoviert. Dabei musste ich mich mit der modernen Kardiologie beschäftigen. Das brachte mich dazu, zusätzlich Medizin zu studieren und Kardiologe zu werden. Da ich in einer Ingenieurfamilie großgeworden bin und immer schon Freude an elektronischen Experimenten hatte, kam ich auf diesem Weg zur Elektrophysiologie des Herzens. Eines Tages entdeckte ich bei einem Schwachstromversuch eine Möglichkeit, besonders schwache Ströme zu verstärken. Ich probierte die Technik an Pflanzen aus und verfolgte die Augmentationstechnik im Verlauf des Welkens. Da sah ich zu meiner großen Verblüffung, dass auch bei toten Pflanzen noch ein ganz schwacher Reststrom vorhanden ist, den ich mit einer Weiterentwicklung meiner Verstärkungstechnik messbar und auf einem Oszillografen wie auf einem EKG sichtbar machen konnte.“

„Das ist ja brillant! – Und dann haben Sie die Versuche auf verstorbene Menschen ausgeweitet?“

Ich hatte gespannt zugehört, dann fragte ich: „Heißt das, dass Sie durch den postmortalen EKG-Verlauf eine Aussage über den Todeszeitpunkt machen können?“

„Ja, aber das war schwierig. Denn das übliche EKG funktioniert ja gut bis zum Tod, den wir mit einer Nulllinie dokumentieren. Nur ich wollte anschließend weiter elektrische Erregung dokumentieren. Aber die Leichen in der Klinik wurden abgekabelt und in den Kühlraum gebracht. Ich musste alles heimlich machen, weil der Klinikchef mir mit Sicherheit meine Versuche verboten hätte. Glücklicherweise konnte ich manche Nächte unentdeckt im Kühlraum Messversuche durchführen. So konnte ich nachweisen, dass die Ströme zwar geringer, aber immer noch nachweisbar und damit verstärkbar waren. Ich verfeinerte meine Methode und entwickelte schließlich eine Möglichkeit, mit zwei Elektroden auszukommen. So fand ich heraus, dass sich der Stromverlauf im EKG abhängig von der Zeit nach dem Eintritt des Todes charakteristisch verändert.“

„Ja! Ich kann jetzt postmortale Langzeit-EKGs machen und dadurch die charakteristischen Veränderungen etwa in den ersten hundert Tagen nach Eintritt des Todes bis auf etwa eine halbe Stunde genau die Sterbezeit festlegen. Je länger der Todeseintritt zurückliegt, umso ungenauer wird die Aussage, aber meine Messungen bei den ältesten Knochen haben meiner Schätzung nach etwa zehn Jahre Fehlerbreite. – Ja, das ist verblüffend: Sogar in Knochen sind noch Mikroströme nachweisbar!“

Ich staunte: „Das ist ja eine großartige Hilfe in der Kriminalbiologie und Forensik! Und wie weit können Sie die Zeit nach dem Tod elektronisch nachverfolgen?“

Er schmunzelte: „Ich wäre kein guter Paläobiologe, wenn ich diese Frage nicht immer im Hinterkopf behalten hätte! Ein Studienfreund aus unserer gemeinsamen Archäologie-Zeit an der Uni, der jetzt Direktor eines Archäologie-Museums in Ägypten ist, erlaubt mir sogar, Versuche an Mumien machen. Nachdem ich meine Messtechnik einige Jahre lang weiterentwickelt habe, funktioniert das jetzt!“

Ich war ganz fasziniert von seinen Worten: „Das ist ja eine ganz neue Entwicklung der Paläomedizin! – Meine Hochachtung! – Aber zwei Fragen habe ich noch: Wir kamen Sie zu der Leiche, über die Sie mir berichten wollten? Und warum wurde bei ihr nur ein EKG-Pad gefunden? Sie brauchen doch zwei zur Ableitung.“

„Oh, Sie haben gut aufgepasst! Ich will es kurz machen: Ich fand die Leiche in einem Waldstück bei einem Spaziergang, deckte sie mit Zweigen und Blättern zu, um sie zu verstecken, holte meine Messgeräte, schrieb das EKG, und als ich gerade fertig war, hörte ich Leute kommen. Ich riss schnell das eine EKG-Pad ab, für das zweite hat es nicht gereicht, und verschwand rasch, bevor ich entdeckt wurde. Zuhause wertete ich das EKG aus und stellte fest, dass die Leiche 52 Tage tot war.“

Der Mann drehte sich langsam um, winkte mir freundlich zu und verschwand so leise, wie er erschienen war.

Dieser Traum kam nach dem Vortrag jede Nacht wieder, und von Mal zu Mal erhielt ich neue Informationen, die auf den vorherigen aufbauten. A dream in progress. Um die Geschichte besser erzählen zu können, habe ich alle Inhalte in einen einzigen Traum verdichtet. Und das Seltsame ist, dass der Traum nicht mehr wiederkehrt, seit ich die Geschichte aufgeschrieben habe. Ich hätte noch so einige Fragen!

 

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