Sprechstunde mit Dr. Google

Schon als Schüler habe ich gelernt, sofort nachzuschlagen, wenn eine Frage auftauchte, die ich nicht beantworten konnte. Meine Mutter zeigte mir, wie man das macht. Sie hatte immer gute Nachschlagewerke bei der Hand, die sie bis ins hohe Alter fleißig nutzte. Zur Konfirmation bekam ich von meiner Großmutter die zwanzig Bände des großen Brockhaus mit Goldschnitt geschenkt, in dem ich häufig nachschaute, bis die digitale Entwicklung solche Papierwälzer völlig überflüssig machte, weil sie schon beim Erscheinen überholt waren. Trotzdem dachte ich, es sei ein bibliophiles Werk und brachte es inzwischen zu einem Antiquar, weil ich mir sicher war, er könnte es gut verwerten. Er hatte nur einen abschätzigen Blick dafür: „Wenn ich gewusst hätte, dass Sie mir das bringen, hätte ich gleich gesagt, werfen Sie die Bücher weg. Das ist nur noch das Papier wert. Ich werfe es in den Papiermüll!“

Ich erzähle die Geschichte, weil ich damit zeigen will, wie wichtig und wertvoll mir nachgeschlagenes Wissen und die Bücher sind, die es vermitteln. Inzwischen habe ich mir angewöhnt, sofort im iPhone oder am PC nachzuschlagen, wenn ich etwas wissen will, das ich nicht sofort im Gedächtnis parat habe. Auch meine Bücher, die mir Wissen bereithalten, ziehe ich oft zu Rate. Sogar in der Sprechstunde habe ich keine Scheu, seltene Nebenwirkungen, Dosierungen oder Krankheitsbilder in Anwesenheit des Patienten in meinen Suchwerkzeugen aufzurufen. Jeder Patient weiß, dass ich nicht alles wissen kann. Meine Grenzen zu kennen und zuzugeben, ist auch eine wichtige Eigenschaft.

Aber es gibt Situationen, wo das Nachgeschlagene eher schadet, weil die Fülle der Fakten vom Leser nicht eingeordnet werden kann in die Kategorien wichtig oder unwichtig, gefährlich oder ungefährlich, dringend oder nicht dringend. Da zeigt sich dann, dass wir Menschen dazu neigen, aus einer Menge von möglichen Diagnosen mit großer Gewissheit sofort die schlimmste herauszufinden und automatisch auf uns zu beziehen. Das ist nicht nur beim Beipackzettel der Medikamente so, der viele Patienten total verunsichert, weil die Pharmafirma alle denkbar möglichen Nebenwirkungen aufgezählt hat, um ja nicht verklagt zu werden, bzw. sich bei einer Klage auf den Beipackzettel beziehen zu können. Ich habe schon oft gehört: „Herr Doktor, ich habe das Medikament nicht genommen, weil ich den Beipackzettel gelesen habe.“ Das ist wenigstens ehrlich und für mich eine Basis für ein weiteres offenes und vertrauensvolles Gespräch.

Es ist schwierig oder unmöglich, einen Patienten gegen dieses Argument zu überzeugen, das Medikament eben doch regelmäßig wie vorgeschlagen zu nehmen.  Eine Prüfungsfrage für mich ist dann: Würde ich das Medikament nehmen, wenn ich an der Stelle des Patienten wäre? –Das relativiert oft meinen Drang, Patienten zu überzeugen. Dabei muss ich mir immer bewusst sein, dass ein überredeter Patient viel anfälliger für Unzuverlässigkeit und schlechte Mitarbeit ist als ein überzeugter. Ich will keine überredeten Patienten haben. Und schon gar nicht, wenn ich sie mit Schuldgefühlen „motivieren“ müsste. Das ist die fieseste Methode! Ich nehme mir lieber Zeit, die Patienten mit sachlichen Argumenten zu überzeugen. Das geht aber auch nur, wenn ich selbst überzeugt bin von meinem Vorschlag und die Bereitschaft habe nachzugeben, wenn der Patient sich nicht überzeugen lässt. Dann versuche ich, ihm trotzdem ein guter ärztlicher Begleiter zu sein.

Ein typisches Beispiel für Verwirrung durch Dr. Google habe ich vor der Corona-Pandemie in der Notfallpraxis erlebt. Eine Mutter brachte ihre sechzehnjährige Tochter, die völlig haltlos schluchzte und kein Wort mehr sprechen konnte. Erst nachdem ich eine ganze Weile gebraucht hatte, um die Tochter „herunterzureden“ und einigermaßen in Ruhe zu bringen, konnte ich die Frage stellen: „Warum sind Sie so verzweifelt?“

Die Antwort kam zögernd: „Als ich heute Morgen aufwachte, habe ich ein bisschen gehustet. Dann habe ich bei Google gelesen: Wer hustet, hat Lungenkrebs!“

Nachdem ich meinen ersten Schreck über so viel Naivität und kritiklose Gutgläubigkeit wahrgenommen hatte, begann ich ernsthaft mit dem Gespräch und erklärte ihr, für wie viele leichte und schwere Erkrankungen Husten ein Symptom sein kann. Ich untersuchte sie gründlich. Sie hatte einen leichten grippalen Infekt, und ich verordnete ein pflanzliches Medikament. Aber die eigentliche Therapie bestand in einem längeren Gespräch.

Manchmal beginnen die Patienten das Gespräch in der Praxis mit dem Satz: „Ich weiß, dass ich nicht bei Google nachschlagen soll, aber ich habe gelesen, dass ich eine Leukämie, ( … einen Krebs, einen Tumor etc.) habe. Das will ich jetzt abklären lassen.“

Natürlich erwarten viele Patienten, dass wir jetzt sofort die große Maschine anwerfen und den kompletten Checkup machen: Und das unabhängig von der Dauer der Symptome und der Tageszeit, in der ihr Wunsch und ihre Angst zur Handlungsaufforderung für den Arzt werden. eine „große Blutuntersuchung“ oder „die Sache mit dem Gel auf dem Bauch“ oder die „Untersuchung mit der Röhre“ sind das Mindeste, was angefordert wird, auch wenn es bei dem jeweiligen Fall völlig sinnlos ist.

Jetzt bin ich seit 49 Jahren als Arzt tätig und kann gut überschauen, was sich in dieser Zeit im Arzt-Patienten-Verhältnis verändert hat. Ich beobachte in den vergangenen Jahren immer häufiger, dass die Patienten mit Anliegen in die Sprechstunde kommen, die man früher mit dem gesunden Menschenverstand zuhause erledigt hätte. Die Unselbständigkeit der Menschen nimmt zu, und die Anspruchshaltung, dass in der Notfallpraxis auch Banalitäten sofort erledigt werden müssen, greift immer mehr um sich. – Zugespitzt formuliert: Es ist wie überall im richtigen Leben: Jedes soziale Angebot wird von manchen Menschen als Einladung zum Missbrauch angenommen und ausgenützt.

Wenn die Patienten mit einer fertigen Diagnose von Dr. Google das Gespräch eröffnen, sage ich dann manchmal: „Wer bei Google nachschlägt, stirbt!“ Dann mache ich eine Kunstpause und erkläre ganz ernsthaft, dass jedes noch so kleine Symptom wie Schnupfen oder Halskratzen oder ein bisschen Bauchweh ein Zeichen einer schweren und möglicherweise tödlichen Krankheit sein kann. Die Diagnosen, die Google auf ein bestimmtes Stichwort hin aufzählt, sind ja alle realistisch möglich, aber doch nur mit ganz verschiedenen Wahrscheinlichkeiten und unter ganz bestimmten Bedingungen, die der Patient aber nicht kennt und nicht einschätzen und gewichten kann. Und der Grundsatz gilt: Was häufig ist, ist häufig, und was selten ist, ist selten. – Also suchen wir zuerst mal die häufigen Diagnosen.

Dazu kommt, dass wir Menschen dazu neigen, ein wichtiges und unangenehmes oder bedrohlich wirkendes Symptom mit dem zeitlich am nächsten gelegenen anderen Ereignis ursächlich in Verbindung zu bringen. Sie erkennen dabei nicht, dass es wahrscheinlich nur ein zeitlicher Zusammenhang ist, der die Ereignisse verbindet. – Den Unterschied erkläre ich dann so: „Ich bin heute nicht in die Praxis gekommen, weil Sie kommen, denn das wusste ich nicht. Also ist das nur ein zeitlicher Zusammenhang zwischen meinem und Ihrem Hiersein. Das eine ist nicht die Ursache für das andere.“

Wenn dann noch die medizinische Halbbildung des Patienten verknüpft wird mit der manchmal Panik erzeugenden Berichterstattung der Medien mit Dauernachrichtenbeschuss über Nebenwirkungen der Covid-Impfstoffe, entsteht eine Situation wie neulich in der Notfallpraxis.

Die Patientin sagte: „Ich habe gestern meine zweite Impfung gegen Covid bekommen, und jetzt habe ich eine kleine Verdickung hier an der Wade bemerkt.“ Sie zog die Hose hoch und deutete auf ihren Unterschenkel, wo ich große und weiche Krampfadern und einen weichen und schmerzfreien Unterschenkel abtastete. Die Patientin fuhr sehr bestimmend fort: „Google sagt, Sie müssen hier eine Sinusvenenthrombose nach Impfung ausschließen!“

Die Situation entbehrte nicht einer gewissen Komik. Ich musste mich beherrschen, nicht zu lachen. Aber ich habe gelernt, auch da ernst zu bleiben, weil es für die Patienten ernst ist. Sie wissen nicht, dass die Sinusvenen an der Schädelbasis liegen und die Entwicklung einer Sinusvenenthrombose erst etwa fünf Tage nach der Impfung entsteht – wenn sie überhaupt auftritt. Die Wahrscheinlichkeit ist ja extrem gering.

In diesem Fall akzeptierte die Patientin eine sachliche Aufklärung und Untersuchung. Sie meinte auch, die Krampfadern habe sie noch gar nicht bemerkt. Das erschien mir zwar völlig unglaubhaft, aber ich sagte nichts dazu.

Ich machte einen therapeutischen D-Dimer-Test. Das ist ein Blutschnelltest, der positiv ist bei Thrombosen, Lungenembolie, übermäßiger Gerinnung, bösartigen Tumoren oder einer schweren Leberzirrhose. Er kann auch positiv sein bei sehr alten Menschen und Schwangeren. Zur Diagnostik brauchte ich ihn bei dieser Patientin nicht, denn es gab hier für mich keinen Verdacht auf eine Beinvenenthrombose. Die Therapie der aufgeregten und verunsicherten Patientin bestand in dem negativen Testbefund, den wir erhielten. Das war allemal sinnvoller als ein Beruhigungsmittel gegen die Angst, das die Patientin ohnehin sicher nicht genommen hätte.

In diesem Fall war die Covid-Impfung der scheinbare Grund für die vermutete Thrombose in den angeblich erst jetzt entdeckten Krampfadern. Es bestand also nur ein (falsch wahrgenommener) zeitlicher Zusammenhang, kein ursächlicher. Die Krampfadern waren schon lange vorher vorhanden gewesen.

Bei einem Kollegen, der offensichtlich überdrüssig war, mit Diagnosen von Dr. Google konfrontiert zu werden, sah ich in seinem Wartezimmer ein Schild: „Wer seine Erstmeinung bei Dr. Google eingeholt hat, sollte seine Zweitmeinung bei Dr. Yahoo oder Dr. Bing erfragen – und nicht in hier in dieser Praxis!“

So witzig und verstehbar ich das Schild fand: Ich denke da anders. Ich habe gelernt, dass die Patienten manchmal Diagnosen oder therapeutische Gedanken anbringen, an die ich nicht gedacht habe. Kollege Google kennt mehr Fakten als ich. Und ich kann dazu 49 Jahre ärztliche Erfahrung beisteuern. Dann kommen wir sicher gemeinsam zu einer vernünftigen und pragmatischen Lösung. Ich nehme diese Hinweise von Google, die Patienten mir vermitteln, als Gelegenheit, etwas dazu zu lernen oder an etwas zu denken, das mir im Moment nicht eingefallen war. Dass nebenbei auch mal komische oder lustige Situationen entstehen, ist der humorvolle Anteil in unserem Beruf. Das nehme ich dankbar an

Der wichtigste Lehrsatz in der Diagnostik für mich stammt von dem verehrten Internisten Prof. Bock, den ich als Student in Tübingen noch erleben konnte. Er sagte: „Sie können eine Diagnose nur stellen, wenn Sie an diese Diagnose denken!“ Das ist so banal wie richtig und unverzichtbar.

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Schäffer: Jeder Magen hat seinen Reiz. – Rezension

Warum wir Sodbrennen bekommen und Liebe durch den Magen geht

Heyne-Verlag, ISBN 978-3-453-20738-7, 18€, 284 Seiten

Rezension

Ein Chirurg (altgriech. Handwerk, Handarbeit) schreibt ein sehr gutes populärwissenschaftliches Buch. – Das ist der erste Satz, der mir bei der Charakterisierung dieses Buchs wichtig erscheint. Er ist auffallend und bemerkenswert, weil es wenige Chirurgen gibt, die gut lesbare und sehr informative Bücher für Nichtwissenschaftler schreiben. Da sind Allgemeinärzte, Kinderärzte, Neurologen, Internisten und Psychiater sehr viel literaturaffiner und schreibfreudiger.

Ein weiterer Gesichtspunkt, der dieses Buch so lesenswert macht, ist Schäffers pragmatischer und im Praxisalltag so wichtiger Ansatz, auf die psychosomatische Sprache unserer Patienten zu achten. Wenn wir Ärzte ihnen regelmäßig in der Sprechstunde aufmerksam zuhören, erhalten wir durch diese umgangssprachlichen Formulierungen wertvolle Hinweise auf die psychosozialen Hintergründe, die unsere Patienten zu ihren Beschwerden und letztlich zu uns führen. Es wird deutlich, wie sehr der Verdauungstrakt symbolisiert, was wir im übertragenen Sinn im Leben alles zu verdauen haben, was uns reizt, bläht und umtreibt, was uns schwer im Magen liegt, wenn es nicht mehr weitergeht oder wenn wir Schiss haben. Wenn uns die Galle überläuft, weil uns eine Laus über die Leber gelaufen ist, werden wir sauer, und es stößt uns sauer auf.

Der erfahrene Chirurgie-Professor gliedert sein umfangreiches Buch deshalb logischerweise anhand typischer Alltagsfragen aus der Praxis. Ein paar Beispiele: Was treibt den Magen an? Vom Sodbrennen und verrutschten Magen. Kann der Magen ausleiern? Kann der Magen platzen? Geht Liebe durch den Magen? Wenn der Magen das Sagen hat und durch die Galle zu uns spricht. Magengeschwüre, Magenkrebs und Magentherapien. Und die Frage Wie näht man Butter? macht neugierig auf das Kapitel über die Bauchspeicheldrüse! Vom Magenknurren, Schluckauf und saurem Hering. In dem Kapitel Rettung vor Rundungen? Hilft die Magen-OP? bespricht Schäffer die neue chirurgische Disziplin der bariatrischen Chirurgie, die Übergewichtigen Hilfe zur Gewichtsreduktion verschaffen soll.

Natürlich spielen Essen und Trinken eine große Rolle in diesem Buch. Schäffer erklärt wichtige und oft unbekannte Fakten, räumt mit typischen Irrtümern auf und gibt wertvolle praktische Tipps für genussvolle, gesunde und bewusste Ernährung. Er ist ehrlich dabei, denn er gesteht schmunzelnd seine Schwäche, in der Hektik des Klinikalltags Gummibärchen zu naschen.

Viele dramatische Geschichten aus der Klinik, die spannend geschildert werden, zeigen den authentischen Praxisbezug des Buchs und das erzählerische Geschick des Autors.

Schäffer gibt Antworten auf die Fragen und Konflikte in leicht verstehbarer Sprache. So stelle ich mir vor, dass er in der Sprechstunde seinen Patienten antwortet – sachlich korrekt, wissenschaftlich auf neuestem Stand, sehr informativ und abwägend. Er spricht erfahren, lebensklug und humorvoll mit den Menschen. Wir können ihm beim Lesen zuhören. Hier zeigt sich, dass er auf die zwischenmenschlichen Dinge ebenso achtet wie auf sein hoch spezialisiertes operatives Handwerk. Dieses Buch ist nicht nur auch für medizinische Laien flüssig zu lesen; man kann auch als Arzt einiges daraus lernen.

Was ist der Unterschied zwischen einem Mediziner und einem Arzt? Ein Mediziner behandelt einen Magenkrebs. Ein Arzt behandelt einen Menschen, der an Magenkrebs leidet.

Prof. Michael Schäffer ist ein Arzt, der sein Handwerk (im wörtlichen und besten wertschätzenden Sinn gemeint) menschenwürdig ausübt – und überzeugend und unterhaltend darüber schreibt.

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Sein Bild in meinem Bild

Am Totensonntag wurde ich spät abends zu meiner fünften Leichenschau an diesem Tag in ein Pflegeheim gerufen. Die Pflegefachkraft berichtete: „Das ist eine skurrile Situation. Der Patient ist gerade heute, am Todestag seiner Frau verstorben. Ich glaube nicht, dass das ein Zufall ist. Die beiden hatten eine besonders innige Beziehung. Sie starb vor fünf Jahren. Er war ein liebenswerter Mann und ist uns allen sehr ans Herz gewachsen, seit er hier wohnt. Als ich vorhin in sein Zimmer kam, saß er ganz entspannt in seiner bequemen Lieblingshaltung im Sessel und hatte einfach aufgehört zu atmen. Wir haben ihn dann ins Bett gelegt.“

Ich schaute die Krankenakte des 86-jähringen Mannes an, bevor ich zu ihm ging. Eine Demenz war die Grunderkrankung. Sonst gab es neben dem Diabetes und einer chronischen Niereninsuffizienz keine besonderen Diagnosen oder Vorkommnisse. Die letzten Tage waren ganz unauffällig verlaufen.

Als ich in das Zimmer des Patienten trat, sah ich den Mann auf dem Rücken liegen. Der Oberkörper war durch das schräg gestellte Kopfteil des Bettes erhöht, und ein Kissen unterstützte den Kopf, sodass sein Gesicht auf die Hände gerichtet war. Sie hielten auf der Bettdecke ein Bild in hellem Holzrahmen. Obwohl die Augen geschlossen waren, betrachtete er in aller Ruhe das Bild.

Ich war im ersten Moment sehr verblüfft von dieser ungewöhnlichen Anordnung, die ich so noch nie gesehen hatte. Denn üblicherweise werden die Verstorbenen ganz flach gelagert, und sie bekommen oft ein Kreuz oder ein Blume in die Hände gelegt. Ich zögerte einen Moment und ließ den sanften Eindruck auf mich wirken. Dann schaute ich das Bild an. Es war sein Hochzeitsfoto.

Jetzt an seinem Sterbetag und am Todestag seiner Frau war er mit ihr vereint. Der Lebenskreis war geschlossen.

„Wissen Sie,“, sagte die Pflegefachkraft, „seine Frau war sehr wichtig für ihn, er sprach jeden Tag ganz liebevoll von ihr.“

Ich steckte spontan meine Hand in die Hosentasche, um mein Handy für ein Foto zu zücken. Mein zweiter Gedanke hielt mich aber sofort zurück. Ich spürte, wie ich damit die Stimmung gestört hätte. Deshalb wartete ich nachdenklich eine Weile ab und formte dann langsam mit meinen Daumen und Zeigefingern einen Bilderrahmen: „Dieses Bild möchte ich mir intensiv einprägen, das ist ausdrucksstark! Es war eine würdevolle Idee, dem Mann sein Hochzeitsbild in die Hände zu geben.“

PS: Nachträglich habe ich vom Bestatter erfahren, dass er dem Verstorbenen das Hochzeitsfoto in den Sarg mitgegeben hat.

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Das war knapp!

Abendsprechstunde in der Notfallpraxis des Marienhospitals Stuttgart.

Der Patient, etwa vierzig Jahre alt, klagte: „Ich bin Migräne-Patient. Seit gestern habe ich schon fünf Tabletten Rizatriptan® genommen, und es hilft nicht. Bald platzt mein Kopf, hier links an der Schläfe ist es am schlimmsten.“
„Haben Sie Flimmern vor den Augen, oder sehen Sie verschwommen?“
„Ja!“
„Ist es Ihnen übel?“ –
„ Ja, ich habe auch schon erbrochen!“
„Gut dann gebe ich Ihnen eine Infusion mit Novaminsulfon.“
„Ich habe aber eine schwere Allergie gegen Ibuprofen!“
„Es ist gut, dass Sie das sagen. Aber ich möchte Ihnen Novaminsulfon geben. Das hilft im Allgemeinen sehr gut und rasch. Kennen Sie Novaminsulfon? Haben Sie es schon einmal gehabt?“
„Nein, das kenne ich nicht!“
Ich wunderte mich, dass der Migränepatient das typische Medikament gegen Migräne nicht kannte.
Die MfA spritzte in die 500 ml Ringerlösung auf meine Bitte hin 1 g Novaminsulfon®, 2 Ampullen Histakut® und eine Ampulle Metoclopramid. Ich legte die Kanüle und ließ die Infusion laufen. Der Patient lag in einem Transportrollstuhl vor meinem Behandlungszimmer. – Wir hatten keinen anderen Platz als auf dem Flur.
Es waren bestimmt nicht mehr als fünf Milliliter Infusionsflüssigkeit eingelaufen, da sah ich, wie dem Patient der Schweiß auf die Stirn trat, und der Mann sagte: „Da fängt eine Allergie an, es kribbelt in den Fingern, und mir wird so warm!“
Ich erschrak, stellt die Infusion sofort ab und bat die MFA: „Bitte geben Sie mir schnell 250 mg Solu-Decortin, das spritze ich direkt in die Vene.“
Während sie das Medikament aufzog, sah ich, wie der Patient unruhig wurde, ein ganz rotes Gesicht bekam und stark schwitzte. Es war mir klar, da bildete sich ein anaphylaktischer Schock aus. 
Als ich gerade das Kortison injizierte hatte, verdreht der Patient die Augen, wurde bewusstlos und hörte auf zu atmen. Während die eine MfA den Herzalarm auslöste, gab ich mit einem Ambubeutel dem Patient einige Atemstöße, die Atmung setzte wieder ein. Das Herz schlug schnell und regelmäßig. Die andere MfA hob die Beine des Mannes hoch, um den Schock so weit wie in dieser Lage möglich auszugleichen.
Rasch war die Notfallmannschaft von der Intensivstation bei uns.
Die Übergabe war einfach: „Das ist ein anaphylaktischer Schock auf Novaminsulfon, 250 mg Solu-Decortin habe ich schon gespritzt.“
„Gut, dann gebe ich ihm noch Suprarenin“, sagte der Kollege von der ITS.
Während er das Medikament spritzte, wachte der Patient auf.
Die Intensivmannschaft nahm den Mann mit, und wir waren froh, dass noch einmal alles gut gegangen war. Ich nahm mir vor, am späteren Abend mich nach seinem Befinden zu erkundigen.
Der Kollege von der ITS kam mir zuvor, er rief an:
„Haben Sie in der Notfallpraxis einen Zugang zu unseren Klinikakten?“
„Nein, das ist aus Datenschutzgründen abgelehnt worden. In Leonberg haben wir in der Notfallpraxis aus demselben Grund auch keinen Zugang zur Klinik-EDV. – Wie geht es dem Mann?“
„Es geht ihm jetzt wieder gut. Aber ich habe nachgeschaut: Er war vor fünf Wochen hier stationär wegen einer schweren Allergie auf Metamizol!“
Ich erschrak sehr. „Oje, ich habe ihn nur gefragt, ob er Novaminsulfon kennt und ob er das schon einmal hatte, und er hat nein gesagt!“
Das Erlebnis ist mir eine Lehre! In Zukunft werde ich fragen: „Haben Sie eine Allergie gegen Novaminsulfon, Novalgin oder Metamizol? Das ist dasselbe!“
Vielleicht hätte der Patient diese Frage bejaht, und wir hätten den Schock verhindern können.
Ich schicke diese Geschichte an einige Kolleginnen und Kollegen in der Hoffnung, dass wir dadurch eine Wiederholung der gefährlichen Situation vermeiden können.

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Was Bill Gates zu Corona-Virus und Covid-19 sagt

Leider habe ich für diesen Originaltext keine verlässliche und belastbare Quelle. Ich bekam den Text von einem Bekannten ohne Quellenangabe geschickt. Im Internet steht der Text unter einem Link von Volkswagen:  https://www.auburnvw.com/bill-gates-on-covid-19/

Da der Inhalt des Textes aber genau den bisher bekannten Meinungen von Bill Gates entspricht, zweifle ich nicht daran, dass der Text von ihm stammt. Sollte der Text nicht von Bill Gates sein oder kann mir jemand die Quelle nennen, bitte ich um Nachricht.

Der englische Text folgt nach meiner Übersetzung

 

Was lehrt uns das Corona-Covid-19-Virus wirklich?

Ich glaube fest daran, dass es eine spirituelle Absicht hinter  allem Geschehen gibt, egal ob wir das als gut oder schlecht empfinden. Da ich darüber tief nachdenke, möchte ich mit euch teilen, was das Corona-Covid-19-Virus in Wirklichkeit mit uns macht.

Es erinnert uns, dass wir alle gleich sind, unabhängig von unserer Kultur, Religion, Beschäftigung, finanziellen Lage oder wir berühmt wir sind. Diese Krankheit behandelt uns alle gleich, vielleicht sollten wir es auch so machen. Wenn ihr mir nicht glaubt, fragt Tom Hanks.

Es erinnert uns, dass wir alle verbunden sind und dass etwas, was einen Menschen betrifft, auch eine Wirkung auf einen anderen hat. Es erinnert uns, dass die falschen Grenzen, die wir errichtet haben, wenig Wert haben, da dieses Virus keinen Pass braucht.  Es erinnert uns durch eine kurzzeitige Unterdrückung an jene auf dieser Welt, deren ganzes Leben in Unterdrückung verbracht wird.

Es erinnert uns, wie kostbar unsere Gesundheit ist und wie wir dazu gekommen sind, das zu vernachlässigen, indem wir nährstoffarm hergestellte Kost essen und Wasser trinken, das über und über voll mit Chemikalien ist. Wenn wir uns nicht um unsere Gesundheit kümmern, werden wir natürlich krank.

Es erinnert uns an die Kürze des Lebens und daran, was wir am wichtigsten tun müssen, nämlich einander zu helfen, besonders denen, die alt und krank sind. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, Toilettenpapierrollen zu kaufen.

Es erinnert uns, wie materialistisch unsere Gesellschaft  geworden ist und wie in Zeiten der Schwierigkeiten es die entscheidenden Dinge sind, die wir brauchen (Nahrung, Wasser, Medizin) im Gegensatz zu den Luxusgütern,  denen wir manchmal unnötigerweise Wert zumessen.

Es erinnert uns, wie wichtig unsere Familie und unser häusliches Leben sind und wie sehr wir das vernachlässigt haben. Es zwingt uns zurück in unsere Häuser, damit wir sie wieder zu unserem Heim aufbauen und die Familieneinheit stärken können.

Es erinnert uns, dass unsere wahre Arbeit nicht in unserem Job besteht, das ist, was wir machen, und nicht, wozu wir geschaffen wurden. Unsere eigentliche Arbeit besteht darin, uns um einander zu kümmern, uns gegenseitig zu schützen und füreinander von Nutzen zu sein.

Es erinnert uns, unsere Egos unter Kontrolle zu halten. Es erinnert uns, dass egal für wie groß wir uns halten und wie groß andere uns halten, ein Virus unsere Welt zum Stillstand bringen kann.

Es erinnert uns, dass die Kraft des freien Willens in unseren Händen liegt. Wir können wählen zu kooperieren und einander zu helfen, zu teilen, zu schenken, zu helfen und einander zu unterstützen, oder wir können wählen, selbstsüchtig zu sein, zu horten, uns nur um uns zu kümmern. Es ist in der Tat so, dass es Schwierigkeiten sind, die unsere wahren Farben hervorbringen.

Es erinnert uns, dass wir geduldig sein können, oder wir können panisch sein.  Wir können entweder verstehen, dass die Art der Lage schon mehrfach vorher in der Geschichte geschehen ist und vorbeigehen wird. Oder wir können panisch sein und es als Ende der Welt ansehen und uns folglich mehr Schaden als Nutzen zufügen.

Es erinnert uns daran, dass dies entweder ein Ende oder ein Neubeginn sein kann. Dies kann eine Zeit der Überlegung und des Verstehens sein, in der wir aus unseren Fehler lernen, oder es kann der Anfang eines Kreislaufs sein, der andauert, bis wir schließlich die Lektion lernen, die wir lernen müssen.

Es erinnert uns, dass diese Erde krank ist. Es erinnert uns, dass wir genauso dringend auf das Ausmaß der Entwaldung schauen sollten wie auf die Geschwindigkeit, mit der die Toilettenpapierrollen aus den Regalen verschwinden. Wir sind krank, weil unser Heim krank ist.

Es erinnert uns, dass nach jeder Schwierigkeit immer Leichtigkeit folgt. Das Leben ist wie ein Kreislauf, und dies ist eben eine Phase in diesem großen Kreislauf. Wir brauchen nicht panisch zu sein, auch das wird vorbeigehen.

Während viele das Corona-Covid-19-Virus als große Katastrophe sehen, sehe ich es lieber als einen großen Verbesserer. Es ist uns geschickt, um uns an die wichtigen Lektionen  zu erinnern, die wir anscheinend vergessen haben, und es liegt an uns, ob wir sie lernen oder nicht.

Übersetzung von Dr. Dietrich Weller am 07.04.2020

Und hier ist der Originaltext, wie er mir am 07.04.2020 geschickt wurde.

What is the Corona/ Covid-19 Virus Really Teaching us?

I’m a strong believer that there is a spiritual purpose behind everything that happens, whether that is what we perceive as being good or being bad. As I meditate upon this, I want to share with you what I feel the Corona/ Covid-19 virus is really doing to us:

It is reminding us that we are all equal, regardless of our culture, religion, occupation, financial situation or how famous we are. This disease treats us all equally, perhaps we should, too. If you don’t believe me, just ask Tom Hanks.

It is reminding us that we are all connected and something that affects one person has an effect on another. It is reminding us that the false borders that we have put up have little value as this virus does not need a passport. It is reminding us, by oppressing us for a short time, of those in this world whose whole life is spent in oppression.

It is reminding us of how precious our health is and how we have moved to neglect it through eating nutrient poor manufactured food and drinking water that is contaminated with chemicals upon chemicals.  If we don’t look after our health, we will, of course, get sick.

It is reminding us of the shortness of life and of what is most important for us to do, which is to help each other, especially those who are old or sick. Our purpose is not to buy toilet roll.

It is reminding us of how materialistic our society has become and how, when in times of difficulty, we remember that it’s the essentials that we need (food, water, medicine) as opposed to the luxuries that we sometimes unnecessarily give value to.

It is reminding us of how important our family and home life is and how much we have neglected this. It is forcing us back into our houses so we can rebuild them into our home and to strengthen our family unit.

It is reminding us that our true work is not our job, that is what we do, not what we were created to do. Our true work is to look after each other, to protect each other and to be of benefit to one another.

It is reminding us to keep our egos in check. It is reminding us that no matter how great we think we are or how great others think we are, a virus can bring our world to a standstill.

It is reminding us that the power of freewill is in our hands. We can choose to cooperate and help each other, to share, to give, to help and to support each other or we can choose to be selfish, to hoard, to look after only our self. Indeed, it is difficulties that bring out our true colors.

It is reminding us that we can be patient, or we can panic. We can either understand that this type of situation has happened many times before in history and will pass, or we can panic and see it as the end of the world and, consequently, cause ourselves more harm than good.

It is reminding us that this can either be an end or a new beginning. This can be a time of reflection and understanding, where we learn from our mistakes, or it can be the start of a cycle which will continue until we finally learn the lesson we are meant to.

It is reminding us that this Earth is sick. It is reminding us that we need to look at the rate of deforestation just as urgently as we look at the speed at which toilet rolls are disappearing off of shelves. We are sick because our home is sick.

It is reminding us that after every difficulty, there is always ease. Life is cyclical, and this is just a phase in this great cycle. We do not need to panic; this too shall pass.

Whereas many see the Corona/ Covid-19 virus as a great disaster, I prefer to see it as a great corrector. It is sent to remind us of the important lessons that we seem to have forgotten and it is up to us if we will learn them or not.
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Die Geldquellen in einer Uhr

Die Geschichte begann, als die Uhr stehen blieb. Allerdings ist es keine gewöhnliche Uhr. Nein, meine liebe Frau Birgit hat sie vor vielen Jahren geschenkt bekommen, und deshalb ist die kleine rechteckige Golduhr mit schlichter Eleganz ein wertvolles Erinnerungsstück. Auf dem schwarzen Zifferblatt steht der Name einer weltberühmten Modefirma.

„Die Uhr braucht sicherlich eine neue Batterie“, meinte Birgit und brachte das Schmuckstück beim nächsten Bummel in Stuttgart zu einem namhaften Uhrenhändler.

„So einfach ist das nicht!“, gab der Händler zu bedenken. „Diese Firma macht die Batteriewechsel selbst, wir bekommen keine Ersatzteile. Dafür müssen wir die Uhr einschicken. Und hier sehe ich noch einen kleinen Kratzer im Glas. – Ich lasse Ihnen einen Kostenvoranschlag machen. Dann melden wir uns in ein paar Tagen bei Ihnen.“

„Was kostet denn so eine Batterie? Letztes Mal war die sehr teuer.“

„Also mit etwa 200 Euro sollten Sie rechnen. Und dann müssen wir sehen, was die Firma noch alles reparieren will.“

„Aber ich brauche doch nur eine neue Batterie!“

Der Verkäufer beschwichtigte und vertröstete sie auf den Kostenvoranschlag. Als dieser per E-Mail bei uns eintraf, war ich zuerst einmal sprachlos.

Da stand „Kompletter Service 305 €, Ersatz des Zifferblattes 219 €, Ersatz des Glases 58 €, zusammen 582 €.“ Optional wurde noch Ersatz des Zeigersets für 44 € und Ersatz der Krone für 35 € in Aussicht gestellt. Alles zusammen für schlappe 661 €. – Und von Batteriewechsel stand da nichts. Immerhin wurden wir informiert, dass die Reparatur etwa 40 Werktage in Anspruch nehmen würde. Der Verkäufer bestätigte uns, dass die Firma die Batterie nur wechselt, wenn die erwähnten Reparaturen auch beauftragt werden.

„Das lasse ich nicht machen, das ist doch viel zu teuer!“, war Birgit entsetzt.

Ich pflichtete ihr bei, meinte aber: „Wenn du die Uhr nicht reparieren lässt, liegt sie im Schrank, und dann hast du gar nichts davon, und eine Uhr, die nicht läuft, nur als Schmuckstück anzuziehen, ist auch doof.“

Nach einigen Wochen Bedenkzeit versuchten wir es noch einmal beim selben Händler, allerdings bediente uns ein anderer Verkäufer.

Birgit machte ihn auf die etwas lockere Schließe im Lederarmband aufmerksam.

„Die Schließe funktioniert prima, aber kann man sie etwas straffer einstellen? Und was kostet die Batterie, die in dem Kostenvoranschlag gar nicht aufgeführt ist, obwohl wir gerade deshalb kamen?“

Der Verkäufer antwortete routiniert: „Ich muss die Uhr einschicken und einen Kostenvoranschlag anfordern. Wir benachrichtigen Sie!“

Ein paar Tage später kam der neue Kostenvoranschlag.

Jetzt standen außer den bereits bekannten Reparaturen noch folgende Kosten auf dem Plan: „Ersatz der Faltschließe 350 €, Ersatz des Armbandes 200 €.“ Zusammen waren das 1.214 €, und der Batteriewechsel wurde wieder nicht erwähnt. Aber die angekündigte Reparaturzeit schrumpfte auf 10 Werktage. Die Verdoppelung des Rechnungsbetrags verkürzte die Bearbeitungszeit auf ein Viertel.

Na, man gönnt sich ja sonst nichts! Ich überlegte mir, dass ich Birgit von diesem Geld locker für jeden Wochentag eine neue Extrauhr kaufen könnte.

Ich schrieb eine E-Mail zurück: „Da Ihre Firma nicht bereit ist, den Reparaturauftrag ohne Ersetzen der Schließe zu erledigen, möchten wir keine Reparatur und schließen daraus, dass es Ihrer Firma in erster Linie um Erschließung der Geldquellen geht und nicht um die Erfüllung der Kundenwünsche.“

Prompt kam die Nachricht, die Uhr liege zur Abholung bereit. Als Birgit die Uhr entgegennehmen wollte, beklagte sie sich bei dem Verkäufer über das kundenfeindliche Verhalten der Firma.  Er lächelte etwas gequält, zuckte mit der Schulter und sagte bedauernd: „Ich kann Sie gut verstehen, aber das ist in dieser Firma üblich, wir kennen die Beschwerden schon lang und können nichts dagegen machen. – Tatsache ist, dass Sie hier einen kleinen Spalt am Uhrglas sehen, durch den Feuchtigkeit eingedrungen ist. Sie dürfen diese Uhren nie im Badezimmer liegen lassen! Deshalb will die Firma das Zifferblatt ersetzen. Die Schließe, die Krone und das Zeigerset muss man nicht ersetzen.“

„Aber offensichtlich funktioniert die Geschäftsidee mit den angeblich notwendigen Zwangsreparaturen sehr gut, die Leute zahlen das. Sonst würde die Firma das nicht so machen!“, entgegnete ich. „Außerdem wissen wir jetzt genau, von welcher Firma wir in Zukunft keine Produkte mehr kaufen.“

Als wir den Laden verlassen hatten, begegneten wir einem Bekannten, der uns ein Uhrengeschäft ganz in der Nähe empfahl: „Die wechseln die Batterie!“

In dem sehr gepflegt wirkenden Geschäft wurden wir freundlich empfangen. Birgit legte die Uhr auf den Tisch und sagte: „Ich glaube, die Uhr läuft nicht mehr, weil die Batterie leer ist. Können Sie das prüfen und eventuell eine neue Batterie einsetzen?“

Die Verkäuferin schaute die Uhr mit einem prüfenden Blick an und griff zum Telefonhörer: „Wir brauchen jetzt einen Batteriewechsel!“, und dann zu uns gewandt: „Haben Sie ein bisschen Zeit? Wir machen das gleich.“

„Das trifft sich gut“, sagte ich, „wir gehen jetzt zum Mittagessen und kommen anschließend wieder vorbei.“

Die Geschichte endet jetzt, weil die Uhr wieder zuverlässig läuft. Nach einem Batteriewechsel für 20 Euro.

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Das Krieger-Gen und der Populismus

 Viele Menschen versuchen, ihr eigenes mangelndes Selbstwertgefühl zu verbessern, indem sie ihre Mitmenschen hetzen, demütigen, beleidigen, als minderwertig darstellen oder in irgendeiner anderen Weise herabsetzen. Es ist ja sehr einfach, am Anderen Fehler zu entdecken und zu kritisieren. Dass wir diese nur entdecken können, weil wir sie in der Anlage selbst auch besitzen, wird meist großzügig übersehen. Die Logik dahinter ist einfach: Wenn der Andere meiner Meinung nach weniger wert ist als ich, bin ich „sozial mehr wert“. Der scheinbare Vorteil dieser Verhaltensweise besteht darin, dass ich nicht an mir arbeiten muss, um meinen gesellschaftlichen Wert und mein soziales Ansehen zu verbessern. Der Andere muss etwas tun und besser werden! Und wenn er etwas verbessert, werde ich ihn kleinhalten und weiter niedermachen, um den Abstand zwischen uns nicht kleiner werden zu lassen. Deshalb werden Friedensaktivisten auch so oft Opfer von hoch aggressiven Mitmenschen. Denken wir nur an Jesus, Mahatma Ghandi, Martin Luther King, Olaf Palme; Anwar Al Sadat und viele andere. Die Tatsache, dass Nelson Mandela hochbetagt eines natürlichen Todes starb, ist für mich die Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Die gegensätzliche Sichtweise besteht darin, an sich selbst zu arbeiten und sich zu verbessern. Dann kann ich den Anderen als Hilfe sehen, in dessen Spiegel ich meine Unzulänglichkeiten sehe. Das ist eine therapeutische Begegnung, die mir helfen kann, meine eigene Entwicklung zu verbessern.

Die erste Lebenseinstellung ist die einfachere und vordergründig und besonders in der Menschenmasse wirkungsvoller. Sie beflügelt die Populisten und sichert ihnen ein zahlreiches Publikum und Wahlvolk, das jemanden gefunden hat, der so ist wie sie selbst (sein wollen) und „es den Andern mal richtig zeigt“![1]

Die zweite Lebenseinstellung ist schwieriger, bringt aber zuverlässig charakterliches Wachstum und echtes Ansehen in der Gemeinschaft.

Wenn wir die politische Landschaft von der Familienebene bis zur Weltpolitik überschauen, finden wir überall Beispiele für beide Lebensweisen. Die Abwertung, Verfolgung, Bestrafung, Ablehnung Andersdenkender zählt zum täglichen Geschäft der Populisten, die dem breiten Volk das Blaue vom Himmel herunter versprechen und die einfachsten menschlichen Instinkte bedienen, um unterstützt und wiedergewählt zu werden. Angeblich wollen sie dem Volk dienen, in Wirklichkeit dienen sie ihrem eigenen Ego und Geldbeutel. Dazu sind ihnen (fast?) alle Mittel erlaubt, die sie selbstverständlich dem Gegner mit Macht verwehren und bei ihm anprangern, wenn er sie auch nützt.

Ein besonders fieses und nicht sofort im Detail durchschaubares Beispiel dieses scheinbar seriösen politischen Denkens habe ich neulich kennengelernt.

Ich wurde auf dieses Video aufmerksam gemacht:

https://www.youtube.com/watch?v=8eO_HNs_BwQ&feature=share

Hier hält Stefan Magnet einen kurzen Vortrag darüber, dass ein italienisches Gericht einem Mörder mit dem sogenannten Killergen geringere Strafen auferlegt hat als Mördern, die dieses Gen nicht in sich tragen. Magnet bringt einige drastische Beispiele von grausamen Verbrechen und vergleichsweise abgemilderten Strafen, weil bei den Tätern dieses Killergen nachgewiesen werden konnte. 2009 zum Beispiel erhielt ein verurteilter Mörder im Berufungsverfahren eine um ein Jahr reduzierte Haftstrafe, weil bei ihm die weniger aktive Variante dieses Killergens nachgewiesen wurde.

Der Zuhörer wird automatisch emotional aufgeladen, und die Forderung „Gleiche Strafen für gleiche Taten!“ springt sofort im Zuschauer an. Magnet spielt virtuos und beredt mit diesem Gefühl, das –wenn der kritische Kopf nicht eingeschaltet wird-, genauso rasch harte Strafen für die gengeschädigten Menschen fordert wie für einen „normalen“ Mörder. Die Darstellung von Magnet legt nahe, dass die Träger dieses Gens gemeingefährlich sind. Wie das Wort sagt, scheinen alle Träger dieses veränderten Gens Mörder zu sein oder zu werden.

Aber: War da nicht mal etwas in der deutschen Vergangenheit mit sogenanntem lebensunwertem Leben? Mit Menschen, die Erbkrankheiten hatten, vermindert intelligent oder missgebildet waren oder gar zu einer fremden Religion gehörten? Was hat der größte Populist aller Zeiten und Führer der „Herrenrasse“ mit diesen gemacht? – Ersparen Sie mir Details. Jetzt merken Sie, worauf ich raus will.

Deshalb habe ich über dieses Killergen recherchiert. Dabei war meine erste Entdeckung, dass es in der wissenschaftlichen Literatur Warrior-Gen, also Kriegergen heißt. Aber Killergen klingt schlimmer, absolut verdammenswert und ist deshalb in einer Rede mit Magnets Ziel viel wirkungsvoller! Populisten bedienen sich typischerweise einer einfachen und suggestiven Sprache!

Tatsächlich gibt es ein Enzym, das Monoaminooyxidase A (abgekürzt MAOA) heißt und den Abbau der wichtigen Botenstoffe Dopamin und Serotonin im Nervensystem steuert.[2] Das Gen, das die Bildung von MAOA kodiert, ist auf dem kurzen Arm des X-Chromosoms lokalisiert. Wenn der Körper eine weniger aktive Variante des Gens hat, kann die gesteigerte Menge von Dopamin die Aktivität einiger Hirnareale und damit auch Aggression fördern. Dies geschieht aber nicht zwangsläufig, sondern nur, wenn Umweltfaktoren wie Traumatisierung, Frustration oder Provokation die Verhaltensveränderung begünstigen.[3] Missbrauch im Kindesalter, eine der schwersten Traumatisierungen, ist in den meisten Fällen von MAOA-Mangel mit kriminellem oder besonders aggressivem Verhalten nachgewiesen worden und wird als stark begünstigender Faktor für spätere Aggressionen gesehen.

Auch in Ruhe konnte bei Menschen mit inaktiver MAOA-Genvariante in MRT-Serienuntersuchungen eine geringere Aktivität in verschiedenen Arealen nachgewiesen werden, die für kognitive Kontrolle, Aufmerksamkeit und Steuerungsfunktionen wie Planen, Denken und Problemlösen verantwortlich sind. Das zeigt, dass die Wirkung des geschädigten Gens schon in Ruhe und ohne äußere Einflüsse nachweisbar ist. Ob daraus eine spezifische Therapie der Betroffenen abgeleitet und entwickelt werden kann, ist zurzeit noch Gegenstand der Forschung.

Magnet sagt, dass nur 0,1-0,5 % der Deutschen die verminderte Genvariante von MAOA tragen, die Araber aber mit 15,6 % der Bevölkerung betroffen sind. Was schließt der unkritische deutsche Zuhörer daraus?  Er denkt: „Wir sind die Guten, und die Araber sind die Bösen!“ Ist das nicht eine Steilvorlage für einen angeblich wissenschaftlich begründeten Ausländerhass und eine fremdenfeindliche Politik? Und schon steht an der nächsten Wand eines Migrantenwohnheims: „Ausländer raus!“

Wenn man aber die wissenschaftlichen Zahlen liest, sieht es ganz anders aus: Dr. Benjamin Clemens von der Universitätsklinik für Psychiatrie in Aachen schreibt[4], dass etwa 40 %(!) der westeuropäischen Bevölkerung diese vermindert aktive MAOA-Genvariante in sich tragen. Jetzt möchte ich Herrn Magnet fragen, ob wir mit diesem Wissen und seiner Logik die Araber und Türken, die zu uns kommen wollen, vor den Europäern warnen(!) müssen, weil nach Magnets Darstellung (fast) alle Träger dieses Gens aggressiv und potenzielle Mörder sind oder werden.

Der niederländische Genetiker Han Brunner von der Universität Nijmwegen entdeckte 1993 eine besonders schwerwiegende Variante des MAOA-Gens bei einer Familie, deren männliche Mitglieder alle durch ihr aggressives Verhalten und ihren Hang zur Kriminalität auffielen. Es wurde von ihnen kein MAOA mehr produziert. Diese Erbkrankheit heißt heute Brunner-Syndrom. Die Betroffenen sind alle Männer, zeigen oft verminderte Intelligenz und einen starken Hang zur Impulsivität, gesteigertes sexuelles Verlangen, extreme Stimmungsschwankungen und den Hang zu Gewalttätigkeit. Es gibt aber auch noch weitere Mutationsformen dieses Gens, die weniger eindeutige Auswirkungen haben.

Nehmen wir drei einfache Beispiele aus dem Alltag zur Anschaulichkeit: Ein Schizophrenie-Kranker denkt in einem psychotischen Schub mit Verfolgungswahn, dass sein Arzt ihn umbringen will und ersticht ihn „in Notwehr!“ –  Ein anderer Mann hat einen Hass auf den Liebhaber seiner Frau, plant minutiös dessen Mord und tötet ihn kaltblütig. – Der nächste Täter hat das Brunner-Syndrom und rastet aus, als ein Stammtischbruder ihm widerspricht und ermordet diesen im Affekt. – Nach Magnets Logik verdienen alle die gleich hohe Strafe!

Mal zynisch weitergedacht: Tot ist tot, egal wie der Mensch zu Tode kam. Dann brauchen wir auch keine Unterschiede zu machen zwischen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung mit Todesfolge, kaltblütig kalkuliertem und verübtem Mord oder Tötung durch einen geisteskranken oder gengeschädigten Menschen. Dann erhalten alle Täter dieselbe Strafe, weil alle „über einen Kamm geschoren“ werden. Das wäre eine radikale Vereinfachung unserer Justiz und würde viel Geld sparen.

Ich denke, sie verdienen individuelle Gerichtsprozesse mit Überprüfung der jeweiligen Sachlagen, Motivationen, Hintergründe und Schuldfähigkeit und ein individuelles Urteil im Rahmen unserer Strafgesetzgebung. Das ist mühsam, zeitaufwändig, teuer und oft eine schwere Belastung für alle Beteiligten. Aber es ist ein Versuch, jedem Menschen, der straffällig geworden ist, gerecht zu werden.

Was sollen wir mit Menschen machen, die gen-verändert sind und vielleicht gefährlich werden? Die populistische Antwort ist einfach: „Gen-veränderte Menschen, die gemeingefährlich sind, müssen aus dem Verkehr gezogen werden.“ Dieses wörtliche Zitat bekam ich als Antwort, als ich den Entwurf dieses Artikels einer Bekannten geschickt hatte!

Wenn wir aber wissen, dass etwa 40% der Europäer, also fast die Hälfte!!, das vermindert aktive MAOA-Gen haben und vielleicht gefährlich werden, was sollen wir dann mit unserer Bevölkerung machen? Und wir wissen aus der täglichen Erfahrung,. Dass bei Weitem nicht 40% der europäischen Bevölkerung aggressiv und gewalttätig sind.

Sollen wir etwa eine Pflicht einführen, dass jeder Mensch auf die Aktivität seines MAOA-Gens untersucht wird, damit wir ihn dann –wie auch immer – „aus dem Verkehr ziehen“ können, wenn es eine zu geringe Aktivität ausweist? – Ich hoffe, Sie spüren meine tiefe Ablehnung hinter dieser absurden und zynischen Frage! – Als ich diesen Satz über das „Aus-dem-Verkehr-Ziehen“ gelesen habe, erschienen die Bilder von Gaskammern, Konzentrationslagern und Massenerschießungen vor meinem inneren Auge.

Ich will dieser Bekannten wirklich nicht unterschieben, sie plane diese Form des „Aus-dem-Verkehr-Ziehens“, aber wie sollen wir denn die potenziell Gemeingefährlichen entdecken, und wie sollen sie konkret behandelt werden? Gefängnis allein, „Wegsperren“ ist keine taugliche Antwort. Aber ein Verhalten, das eine zivilisierte und kultivierte Bevölkerung auszeichnet, sollten wir schon anstreben bzw. weiterentwickeln. Die therapeutischen Möglichkeiten müssen weiter entwickelt werden. Sicherheitsverwahrung ist nur in Ausnahmefällen sinnvoll. Und eine pauschale Verurteilung von irgendwelchen „verdächtigen Genträgern“ lehne ich rundweg ab.

Noch etwas als Nachwort:

Ich habe mal geschaut, wer Herr Stefan Magnet ist.[5] Er ist Werbetexter und war Führungskader der bis 2007 in Österreich aktiven Neonazigruppe „Bund freier Jugend“. Dort war Stefan Haider einer seiner Stellvertreter. Von Stefan Magnet gibt es Videos über seine politische Meinung auf Youtube, die ich nicht angeschaut habe, weil mir das oben besprochene schon gereicht hat. Ich möchte, wenn möglich, gern ausgewogene Informationen haben, auch mit dem „Risiko“, dass ich sorgfältiger darüber nachdenken muss.

[1] Meine Prognose: Aus genau diesem Grund wird Donald Trump eine zweite Amtsperiode erhalten!

[2] Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, Oxytocin und Phenethylamin (PEA) und Endorphin gehören zu den sogenannten Glückshormonen.

[3] Zusammenfassung von MAOA-Gen und Aggression sichtbar gemacht, siehe https://www.medmix.at/welchen-einfluss-haben-aggression-gene-wirklich/

[4] https://www.medmix.at/welchen-einfluss-haben-aggression-gene-wirklich/

[5] https://rfjwatch.wordpress.com/2013/05/27/ehemaliger-neonazi-kader-als-werbefachmann-haimbuchners/

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Der defekte Kompass

Es ist hilfreich, einen Kompass zu nutzen, wenn wir unseren Weg suchen. Das setzt voraus, dass wir unser Ziel kennen und den Kompass richtig benützen. Dies gilt im übertragenen Sinn auch für die Orientierung in geistiger und sozialer Richtung.

Meine Geschichte zeigt, was geschieht, wenn jemand einen defekten Kompass nutzt und ihn für voll funktionsfähig hält.

Schon gleich zu Beginn der Abendsprechstunde um 18 h in der Notfallpraxis lag eine Anforderung von der DRK-Leitstelle vor, einen Hausbesuch zu machen bei einem Mann, der einen suprapubischen Blasenkatheter und Fieber habe. Der Patient war uns bekannt, weil er schon einmal mit Urosepsis stationär eingewiesen werden musste. Da ich der einzige Arzt in der Sprechstunde war, musste ich diese bis 22 Uhr abhalten. Deshalb hat ich den Praxishelfer, bei dem Patienten anzurufen, die Situation zu klären und unseren Besuch für kurz nach 22 Uhr zuzusagen. Die Ehefrau des Patienten klang alkoholisiert und machte den Besuch dringend, ihr Mann habe keine Schmerzen, und es gehe ihm gut, Fieber habe sie nicht gemessen, aber er habe wahrscheinlich Fieber, und wir sollten gleich kommen, sie könne nicht warten.  Wir vertrösteten sie, auch nachdem sie in den folgenden Stunden mehrfach sehr ungeduldig und verärgert den Besuch anmahnte. Aber da es ihrem Mann angeblich gut ging, sah ich keinen Grund, einen Notarztwagen zu ihm zu schicken.

Als ich kurz nach 22 Uhr in die Wohnung des Patienten kam, lag der Mann im Bett und begrüßte mich freundlich, während im Nebenzimmer die alkoholisierte Ehefrau meine Fahrerin anschimpfte, weil wir so lange nicht gekommen seien. Sie müsse schließlich morgen früh wieder arbeiten und könne nicht so lange auf uns warten.

Der Patient sagte, er habe seit morgens Fieber gehabt, aber nicht gemessen, weil er kein Thermometer habe. Er machte auf mich keinen kranken Eindruck. Mein Fieberthermo-meter zeigte jetzt bei ihm 37,5°C. Aus dem Blasenkatheter floss klarer Urin. Der Urinteststreifen ergab keine Zeichen für einen Harnwegsinfekt. Herz und Lunge waren normal. Der Tastbefund des Bauches war unauffällig. Der Patient klagte keine Beschwerden.

Ich sah keinen Grund für eine akute Therapie und fragte: „Haben Sie Ibuprofen da, falls Sie tatsächlich Fieber bekommen? Haben Sie ein Antibiotikum da?“ –

„Nein, ich habe gar keine Medikamente da!“, meinte der Patient.

Bei einem Blick auf ein Regal entdeckte ich Medikamentenschachteln, ging darauf zu und sagte: „Aber da haben Sie doch Ibuprofen!“

Ich nahm die Schachtel, sah, dass sie fast voll war, da riss mir die Ehefrau die Schachtel aus der Hand und keifte: „Das sind meine Tabletten!“

„Das ist prima,“, meinte ich, „da können Sie Ihrem Mann eine Tablette schenken, wenn er heute Nacht Fieber bekommt, und ich schreibe ihm jetzt ein Rezept, dann können Sie morgen für ihn die Tabletten holen.“

„Nein, der bekommt meine Tabletten nicht! Die brauche ich manchmal!“

Ihre Stimme wurde schärfer und lauter.

Ich versuchte freundlich, sie umzustimmen:

„Mir geht es doch nur darum, dass Sie in Ihrem Zustand jetzt nicht mehr Auto fahren sollten, um in der Nachtapotheke für Ihren Mann Tabletten zu holen!“

„Nein, der bekommt meine Tabletten nicht!“ –

Ich setzte mich hin und schrieb ein Rezept über Ibuprofen für den Mann und einen kurzen Informationsbrief für den Hausarzt.

Eine weitere Diskussion erschien mir bei der angespannten Lage und dem nicht bedrohlichen Gesundheitszustand des Ehemannes nicht angebracht.

Ich wandte mich zu ihm und sagte: „Also, da läuft gerade eine völlig bescheuerte Situation ab. Es wäre so einfach, Ihnen bei Bedarf heute Nacht die Tabletten zu geben, aber das sollten Sie besser allein mit Ihrer Frau abmachen. In dem Zustand kann sie jedenfalls nicht in die Apotheke nach M. fahren.“

Ich verabschiedete mich freundlich bei dem Patienten und knapp bei der Frau und verließ das Haus.

Im Auto dachte ich an meinen Vater, der einmal ein Ehepaar mit dem schwäbischen Satz beschrieben hat: „Er wär´ ja scho´ recht, aber sie isch a Aufgab´!“

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Meine Streifzüge durch die Medizin

Schon als Schüler erlebte ich regelmäßig in der Kinderarztpraxis meines Vaters Grundlagen der Behandlung. Die Höhensonne sollte die Aufnahme von Vitamin D fördern, das die Kinder – auch meine Schwester und ich!- als scheußlichen Lebertran essen mussten. Wunden nähte mein Vater mit sterilen Fäden, die er in kleinen Fläschchen aufbewahrte. Ich durfte sogar manchmal den Faden abschneiden. Jeder Faden musste einzeln in die Klemmhaltung der Nadel eingefädelt werden. – Die Nadeln bewahrte Vater in einer Dose auf, die mit dem Nadelhalter zusammen sterilisiert wurde. Erst Jahre später kamen die einzeln verpackten atraumatischen Nadeln mit dem angehängten Faden auf. Noch viele Jahre wurde das Besteck sterilisiert. Inzwischen verwenden wir in der Notfallpraxis Skalpelle, Pinzetten, Scheren, Injektionsnadeln, Spritzen und andere Instrumente als Einmalware und produzieren einen gigantischen Müllberg.

Als junger Student habe ich im Katharinenhospital Frankfurt ein Praktikum gemacht. Dort bestand eine meiner Aufgaben darin, den Nonnen bei der Wiederaufbereitung des Verbandsmaterials zu helfen: Die Binden wurden gewaschen, zum Trocknen aufgehängt, dann gebügelt und neu aufgerollt. Heute schneiden wir selbstverständlich einen Verband auf, werfen das Material weg und holen neue Ware aus dem Regal. Sogar die Pinzetten, Scheren und Skalpelle sind Einmalmaterial und dementsprechend minderwertig. Das Einmalbesteck soll den Aufwand des Sterilisierens mit den sehr aufwändigen Hygienevorschriften ersparen.

Es war in meiner Kindheit etwas Besonders, bei einer Entzündung ein Antibiotikum zu erhalten. Mein Vater erklärte mir das, als ich mit neun Jahren eine Osteomyelitis am Bein hatte, die operiert werden musste. Es gab damals, wenn ich mich recht erinnere, Penicillin und ein Sulfonamid. Sie wurden als große Neuerung gefeiert, und ich nahm meine Tabletten mit großem Respekt. Von den Resistenzen, die uns heute Sorgen machen, war damals nur wenig bekannt. In Europa sterben heute jährlich 33.000 Menschen an resistenten Keimen. Die Wahrscheinlichkeit, beim Krankhausaufenthalt einen solchen Keim einzufangen, ist relativ hoch.

Tetanus schilderte mein Vater noch als große Gefahr. Damals gab es noch Impfstoffe aus Tierseren, die schwere allergische Reaktionen hervorrufen konnten. Deshalb musste man immer genau dokumentierten, von welchem Tier die letzte Impfung war. – Vater erzählte diese Geschichte: Als er im Studium eine Famulatur bei einem Landarzt machte, wurde dessen Sohn verletzt und sollte nach der Wundversorgung eine Tetanusschutzimpfung erhalten. Um auch wirklich alles richtig  zu machen, bat der erfahrene Landarzt einen befreundeten Chirurgie-Chefarzt um Rat: „Welches Serum soll ich spritzen?“ – Die Antwort: „Mach es genauso, wie du es bei irgend einem Patienten machen würdest.“ – Der Arzt spritzte das Serum. Wenige Minuten später erlitt der Junge einen anaphylaktischen Schock und starb unter den Händen seines Vaters. – Diese Geschichte fällt mir oft ein, wenn ich heute eine Tetanusimpfung verabreiche. Ich habe aber in meiner Tätigkeit als Arzt in 48 Jahren nie einen Fall von Wundstarrkrampf erlebt.

Ich erinnere mich auch an eine Chloroform-Maskennarkose, als der HNO-Arzt meine Nasen-scheidewand gerade stellte, nachdem ein Klassenkamerad sie mir versehentlich bei einem Sportunfall gebrochen hatte. – Inzwischen ist es selbstverständlich, dass ein Notarzt einen schwer verletzten noch am Unfallort zum Schutz intubiert und narkotisiert.

Als Schüler las ich, dass es ganz neu Kortison gibt als vorübergehendes Linderungsmittel bei Leukämie. Dinu Lipatti, einer der ganz großen Pianisten, dessen wunderbare Aufnahmen ich damals kennen lernte, konnte eine Zeitlang mit Kortison am Leben gehalten werden. Kollegen wie Yehudi Menuhin bezahlten die extrem teure Therapie. Das war schon eine Erfolgsnachricht. Erst im Studium lernte ich die neuesten Chemotherapien mit den oft heftigen Nebenwirkungen und häufigen Rückfällen. Und zu Beginn meiner Praxiszeit kamen die ersten Stammzelltransplantationen auf, die den Umbau ganzer Stationen in den Krankenhäusern nötig machten. Ich erinnere mich gut an einen Patienten am Anfang meiner Niederlassung 1982, den ich zu einer Schul- und Studienkameradin nach Stuttgart schickte, die dort als Chefärztin gerade eine Hämatologisch-Onkologische Abteilung aufbaute und in Stuttgart die Stammzelltransplantation einführte. Heute werden sogar noch bei über Siebzigjährigen Stammzelltransplantationen erfolgreich vorgenommen. Das war damals undenkbar.

Als ich von 1974-1979 meine Kinderfacharzt-Weiterbildung absolvierte, kam eines Tages mein zuständiger Oberarzt von dem Besuch des Internationalen Kinderärztekongresse aus Rochester / USA zurück und berichtete ganz begeistert: „Stellen Sie sich vor, die haben da ein Röntgengerät entwickelt, das legt den Kopf oder andere Organe in Bildscheiben, man kann sie einzeln anschauen und so im ganzen Körper Tumore, Blutungen, Frakturen und Missbildungen erkennen. Durch eine digitale Dichtemessung können Sie genau erkennen, welches Material (Blut oder Knochen oder Liquor) das ist. Solch ein Gerät müssen wir unbedingt nach Stuttgart bekommen – ein einziges Gerät für ganz Stuttgart! Das wäre fantastisch!“  – Heute hat jede Röntgenpraxis und jede Klinik Computertomografen und Kernspintomografen, und große Kliniken verwenden Positronenemissionstomografen zur Diagnostik und ein Gamma-Knife, das auf den Millimeter genau scharf abgegrenzte Tumore zerstört.

Noch im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts galt es als Kunstfehler, am Gehirn zu operieren. Inzwischen ist die Neurochirurgie eine international etablierte und weit fortgeschrittene operative Disziplin. Während meiner Jahre in der Neurologie habe ich wahre Kunsteingriffe gesehen mit verblüffenden und segensreichen Erfolgen. Und ich kenne viele Menschen, die am Leben gehalten wurden durch moderne medizinische Methoden, aber jetzt im Wachkoma liegen und schwerst pflegebedürftig sind. Früher wären sie gestorben, als es noch keine Therapie gab.

Die neuen Disziplinen der invasiven Radiologie und der minimalinvasiven Chirurgie ermöglichen inzwischen die zielgenaue Ausschaltung kleinster Aneurysmen von Hirngefäßen oder Entfernung von Hirngefäßthrombosen und die millimetergenaue Zerstörung eines Tumors. Die „Knopflochchirurgie“ und Arthroskopie sind ein selbstverständlicher Bestandteile der modernen Chirurgie.

Als Allgemeinarzt erlebte ich in der Hausarztpraxis die Vielzahl der Erkrankungen, die psychosomatischen Auswirkungen sozialer Konflikte und die Freude, wenn meine Therapievorschläge geholfen haben. Nachdem ich meine Praxis verkauft hatte, um eine Privatpraxis zu führen, war ich ein Jahr später als Urlaubsvertreter gerade eine Woche in meiner früheren Praxis tätig, als mein Nachfolger plötzlich schwer krank wurde und ein neues Herz brauchte. Ich führte dann zwei Jahre lang seine Praxis neben meiner eigenen Praxis, bis er wieder zurückkam. Anschließend arbeitete ich zehn Jahre lang als Geschäftsführer einer Firma für Sozialimmobilien und entwarf unter anderem Deutschlands größte Mutter-Kind-Klinik. Ich begleitete den Bau und leitete die Klinik anschließend. Bis zum Beginn meiner Rente war ich dann zehn Jahre in der neurologischen Akutmedizin und Rehaklinik tätig.

Obwohl es seit Menschengedenken eine vornehme Pflicht der Ärzte ist, Schwerstkranken und Sterbenden beizustehen, wurde erst 1969 von der englischen Krankenschwester, Sozialarbeiterin und Ärztin Cicely Saunders das erste Hospiz im St. Christopher´s Hospital in London eröffnet. Sie begründete die moderne Palliativmedizin und den weltweiten Bau von Hospizen. Das ist eine der herausragenden Errungenschaften der Menschlichkeit. Dankenswerterweise haben sich auch die deutschen Krankenkassen inzwischen entschlossen, diese Form der Medizin und Pflege finanziell zu unterstützen.

Die Palliativmedizin ist mir seit meiner Assistentenzeit auf der Kinderkrebsstation ein Hauptanliegen in meiner ärztlichen Arbeit. Deshalb habe ich auch rasch die Gelegenheit ergriffen, die Zusatzbezeichnung Palliativmedizin zu erwerben, als diese in die Weiterbildungsordnung eingeführt wurde. Und es war mir wichtig, ein Buch[1] über meine Erfahrungen im Umgang mit schwerst kranken, sterbenden und genesenden Menschen zu schreiben. Glücklicherweise trug Birgit viele gute Gedanken und das Titelbild bei.

Da ich seit meinem 65. Geburtstag regelmäßig in den Notfallpraxen Leonberg und Stuttgart arbeite, schließt sich der Kreis für mich. Ich bin wieder in meinem ursprünglichen Gebiet als Hausarzt tätig und freue mich, wenn ich Patienten treffe, die ich schon in der Kinderklinik oder in meiner Praxis behandelt habe. Wir werden miteinander alt. Und ich finde meinen Beruf immer noch spannend und sehr befriedigend.

Jetzt verfolge ich die Fortschritte der Technik in der Medizin eher aus einer Beobachterrolle, wenn auch sehr interessiert.

Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz hat natürlich auch in der Medizin Einzug gehalten. Früher habe ich das EKG selbst beurteilt, heute nimmt der PC mir diese Leistung ab. – Aber ich bin dankbar, dass ich gelernt habe, ein EKG zu lesen, denn der PC macht auch immer wieder Fehler! – Diese Technik verführt zu Abhängigkeit und geringer persönlicher Untersuchung. Ich diagnostiziere meist eine Pneumonie immer noch mit Anamnese und Auskultationsbefund, um dann eher selten ein Röntgenbild anzuschießen. Einige jüngere Kollegen verordnen schon bei Husten gleich ein Thorax-CT.

Seit 2019 kann Google mit künstlicher Intelligenz, die mit genetischen Daten gefüttert ist, die Struktur von Proteinen deutlich besser modellieren als alle Wissenschaftler.[2] Gentherapie kann eine Form der Erblindung aufhalten. Im Labor gezüchtete Immunzellen bekämpfen Tumoren. Von künstlicher Intelligenz unterstützte Systeme diagnostizieren Hautkrebs, prognostizieren Nierenversagen und entdecken Herzprobleme früher als Ärzte. Im Blut lässt sich der Fortschritt von Krebs früher feststellen als durch andere körperliche Anzeichen. Entdecken die neuen Verfahren nur 20 Prozent aller Tumoren so früh, dass sie behandelt werden können, hätte dies einen größeren Effekt als viele Therapien, die später zum Einsatz kommen. Besonders wichtig sei es, sagen die Onkologen, falsch positive Krebsdiagnosen zu vermeiden: Wir sollten keinen Krebs diagnostizieren, der gar keiner ist.

Biologie und digitale Technik wachsen zusammen. Es entsteht eine Datenmedizin, die von künstlicher Intelligenz angetrieben wird und die Nutznießer von Daten auf den Plan ruft.

Die Gesundheitskarte, die unser derzeitiger Gesundheitsminister anstrebt, soll alle relevanten Daten eines Menschen enthalten, damit sie von den behandelnden Ärzten gelesen werden kann. Das Problem: Die Karte wird auch von Hackern gelesen. Das gilt besonders bei Arztpraxen, deren EDV-System nicht abgesichert ist gegen Eindringlinge. Absolut sicher wirkt auch hier das Murphy´sche Gesetz: Wenn etwas Schlimmes geschehen kann, wird es auch geschehen. Der Gesundheitskarten-Patient ist nicht nur für wohlmeinende Ärzte gläsern. Auch die Wirtschaft, die PR-Strategen, die Versicherungen, die Arbeitgeber werden ihre Vorteile aus dem Wissen ziehen, das sie sich auf mehr oder weniger verborgenen Wegen besorgen. Und die Folgen werden ganz sicher nicht nur gut sein für die betroffenen Patienten.

Wenn wir schon bei der Bürokratie sind: Ich erinnere mich daran, dass ich als Schüler immer wieder mit meinem Vater zur Kassenärztlichen Vereinigung fahren durfte, wenn er einen Schuhkarton mit Kassenscheinen am Quartalende abgeben wollte. Inzwischen ist die Abrechnung mit dem PC zur Pflicht geworden. Das hat so manchen Arzt dazu veranlasst oder ihm zumindest die Entscheidung erleichtert, seine Praxis zu verkaufen oder zu schließen, da er dieses „neue Zeug“ nicht mitmachen wollte. Als ich ein paar Jahre lang schon meine Praxis hatte, entschloss ich mich, neben den Karteikarten auch einen PC für die Abrechnung zu benützen. Das war ein richtiges Problem, denn obwohl ich professionelle Hilfe hatte, klappte es mit dem ersten System nicht. Erst das zweite funktionierte. Jetzt rechnen wir bequem im PC ab und schicken die Daten online an die KV. Das Geld bekommen wir auch nicht schneller als früher, aber wir werden viel gründlicher kontrolliert, ob wir irgendwelche Durchschnitte überschreiten, die einen Regress rechtfertigen.

Im Krankenhaus werden die Fallpauschalen nachgerechnet und optimiert, die bei der Behandlung der Krankheiten von den Kassen vergütet oder mit Abzug oder Zuschlag belegt werden. Immer mehr entscheiden Verwaltungsleute über die Umstände, die zur Entlassung führen. Die Fallpauschale ist ein verheerendes Mittel, um die Menschen, die in der Medizin für die kranken Menschen arbeiten, vom Patienten weg zu führen und sich auf den materiellen Gewinn zu konzentrieren. Für die Verwaltungsleute ist nur der ein guter Arzt, der den Gewinn des Krankenhauses steigert. Die Zuwendung zu einem Patienten wird systematisch verringert, weil die Ärzte, das Pflege- und Therapiepersonal sonst mit der vorgeschriebenen Dokumentation nicht zurechtkommen. Der Begriff der „blutigen Entlassung“ und die zunehmende Zahl der Überlastungen beim Personal sind schlimme Zeichen für unmenschliche und fehlgeleitete Verwaltungsmedizin. Die Fall-pauschalen sollten unbedingt zugunsten einer patientenzentrierten und zuwendungs-orientierten Versorgung abgeschafft werden. Es ärgert mich heute noch, wie viele ellenlange Briefe ich in der Rehaklinik diktieren musste, weil die Rentenversicherung verlangte, viele Einzelheiten mehrfach an verschiedenen Stellen im Brief zu wiederholen. Ich empfinde das als erzwungene Verschwendung von wertvoller Zeit, die wir besser dem Patienten zugutekommen lassen sollten. Ich warte jetzt darauf, dass wir bald einen „Facharzt für Verwaltung“ bekommen.

Die Technik ist fabelhaft fortgeschritten. Aber die menschliche Seite, die Zuwendung, das qualifizierte und professionelle Gespräch kommen immer mehr zu kurz. Die Zahl der Psychiater und Psychotherapeuten ist konstant viel zu klein. Das sieht man auch an der Tatsache, dass es extrem schwierig wenn nicht unmöglich ist, für Kriseninterventionen rasch einen Therapieplatz zu bekommen. Und chronisch kranke Psychiatriepatienten könnten viel besser geführt und behandelt werden, wenn mehr Ärzte mehr Zeit hätten, um Therapiegespräche in kürzeren Abständen anzubieten, um eine bessere Beziehung entwickeln und aufrecht erhalten zu können.

Die moderne Medizin hat genau so große Schattenseiten, wie sie Licht verströmt. Das sollten wir uns sehr bewusst machen.

[1] Wenn das Licht naht- Der würdige Umgang mit schwerkranken, genesenden und sterbenden Menschen,
Verlag Weinmann, Filderstadt.

[2] SPIEGEL Nr. 1 vom 28.12.2019, S. 57

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Macht und Ohnmacht in der Medizin

Selten liegen Beispiele für unsere Macht und Ohnmacht so vielzählig und offen zutage wie in der Medizin, wenn es um unsere Gesundheit und Lebensqualität und unser Sterben geht. Vor der technologisch bestimmten Zeit halfen sich die Menschen mit Gebeten, Opfergaben und mehr oder weniger sinnvollen Verhaltensregeln, eine kranke Person auf den Weg der Gesundung zu bringen oder ihr Linderung beim Sterben zu spenden. Später entdeckten sie Kraft der Naturheilkunde, die auch heute die Schulmedizin in einzelnen Bereichen ergänzen, weil sie manche nachprüfbare Erfolge ermöglicht.

Bei dem Diabetes mellitus können wir mit Medikamenten und sorgfältiger Blutzuckerkontrolle, verbunden mit genau dosiertem Insulin die Spätfolgen vermeiden oder zumindest hinausschieben. Noch als junger Arzt erlebte ich auf meiner Station einen 25-Jährigen Diabetiker, der fast blind wegen einer Netzhautgefäßschädigung und mit einer schweren Nierengefäßschädigung in der Urämie starb, weil er seinen Diabetes nicht behandelt hatte. Manche Patienten sind sogar ohne Medikamente erfolgreich, wenn der Diabetes durch unvernünftige Ernährung und Lebensweise im Rahmen eines metabolischen Syndroms entstanden ist. Ich kenne bewundernswerte Patienten, die durch Umstellung ihrer Lebensweise und ihres Speiseplans wieder ihr Idealgewicht erreicht haben und so ganz auf die Fettsenker, Antidiabetika und Antihypertonika verzichten können.

Unsere Macht der Gedanken und des Willens ist beeindruckend. Es ist bewiesen, dass Menschen mit positiver Lebenseinstellung weniger Nebenwirkungen von Medikamenten, auch von Chemotherapie!, haben als negativ eingestellte. Wir wissen durch psychoneuroimmunologische Forschungsergebnisse, dass negative Gedanken messbar schlechten und positive Gedanken messbar guten Einfluss auf unser Immunsystem haben. Das zeigt sich schon nach Anschauen eines Horrorfilms und eines Naturfilms. Und wie viele Horrorfilme drehen sich die Menschen ständig, wenn sie Angst haben?! Sie versorgen ihr Unterbewusstsein dauerhaft mit Katastrophenbildern. Und da das Unterbewusstsein Verneinungen nicht kennt, sondern das anstrebt, was es „sieht“, ist Angst eine hochwirksame Suggestion, die zur Erfüllung der Angstvisionen führt. Das ist die Grundlage der selbsterfüllenden Prophezeiung. – Diese Macht der Gedanken ist ein außerordentlich wichtiger und wirksamer Faktor bei der Lebensführung und natürlich auch beim Verlauf von Erkrankungen.

Bei den Malignomen verzeichnet die Forschung zunehmende Fortschritte. Mit frühzeitigen Operationen, Chemotherapie und Bestrahlungen – je nach histologischem Typ und entsprechend der Ansprechbarkeit des Tumors – gibt es immer mehr Erfolge. Dabei ist es mir sehr wichtig, nicht nur von Erfolg zu sprechen, wenn der Patient Lebenszeit gewinnt. Die Lebensqualität ist meines Erachtens mindestens ebenso wichtig. Was nützt es dem Menschen, wenn er reanimiert wird und dann im Wachkoma weiterlebt? Was hilft es ihm, wenn er einen Monat länger, aber mit qualvollen Schmerzen und anderen stark beeinträchtigenden Symptomen lebt?

Biopharmazeutika, die sogenannten Biologicals, werden mit großem technologischen Aufwand sowie aufwändigen Entwicklungs- und Fertigungsmethoden hergestellt. Sie sollen gezielt in die Vorgänge des Körpers und speziell in die Genetik des Tumors eingreifen. Produziert werden Proteine und Nukleinsäuren. Diese können in der Diagnostik und für die Therapie eingesetzt werden, so z.B. in der Krebsbekämpfung. Es können auch veränderte menschliche Zellen dazu gerechnet werden, z.B. wenn eigene Blutzellen im Zuge eines adoptiven Zelltransfers dem Körper entnommen, im Labor genetisch verändert, vermehrt und wieder verabreicht werden, z. B. die CAT-Lymphozyten bei Behandlung von bestimmten Leukämien.[1] Patienten mit chronisch myeloischer Leukämie werden keine Stammzellen mehr transplantiert, sondern sie erhalten die neuen biologischen Medikamente mit gutem Erfolg.

Wir dürfen gespannt sein, welche Entwicklung die Genetik in der Medizin macht, wenn schon jetzt die Präimplantationsdiagnostik mit ihren guten und schlechten Möglichkeiten hohe Wellen der moralisch-ethischen Diskussion auslöst. Und wenn man seit Jahren schon Schafe klonen kann – Dolly lässt grüßen! -, wird es sicherlich bald auch geklonte und genetisch verbesserte Menschen geben. – Wohlgemerkt, das wird unabhängig von gesetzlichen oder ethischen Diskussionen stattfinden. Das Murphy´sche Gesetz[2] gilt auch in der Genetik und im Umgang mit ihren Möglichkeiten.

Der Nobelpreis für Medizin ging 2018 an den US-Wissenschaftler James P. Allison und den japanischen Forscher Tasuku Honjo. Die Forscher hatten entdeckt, dass bestimmte Proteine als eine Art Bremse auf das Immunsystem wirken und dieses von der Bekämpfung von Tumorzellen abhalten. Löst man die Bremse, attackieren die Immunzellen die Krebszellen. Erste Therapien, die auf diesem Konzept basieren, sind als sogenannte Checkpoint-Therapien für verschiedene Krebsarten bereits im Einsatz und besonders erfolgreich beim metastasierenden Melanom und beim fortgeschrittenen Bronchialkarzinom.

Das gefürchtete Ovarialkarzinom ist sogar bei einem Befall des Bauchfells (Peritonealkarzinose) mit Chemotherapie recht gut behandelbar. Aber bei dem Pankreaskarzinom haben nur die Patienten eine echte wenn auch kleine Heilungschance, bei denen der Krebs extrem früh entdeckt und radikal operiert wird. Sogar in der Neurochirurgie können die Spezialisten viele Tumoren und Aneurysmen kurativ operieren. Aber das Glioblastom ist immer noch ein sicheres Todesurteil, weil die infiltrierenden Mikrometastasen nicht entdeckbar sind und das weitere Wachstum sichern.

Das ganze Drama zwischen Macht und Ohnmacht zeigt sich am folgenden realistischen Beispiel. Der Patient wird mit einem Schädel-Hirntrauma in eine sehr gut eingerichtete Klinik eingewiesen. Die Ärzte stellen rasch die richtige Diagnose, versorgen in der Neurochirurgie die Hirnverletzung, der Patient erleidet auf der Intensivstation einen Herzstillstand, die Reanimationsversuche scheitern. Die professionellen und gezielten Handlungen der Ärzte und des Pflegepersonals stoppen, aber nur für eine Sekunde, in der die Ohnmacht der Ärzte, diesem Patient zu helfen, klar wird und sich wie ein lähmender Teppich in den Raum zu senken droht. Aber die Ärzte und das Personal funktionieren im antrainierten Handlungsschema. Sie haben gelernt, in dieser Situation ihre lähmende Ohnmacht auf die Seite zu schieben.
Der Narkosearzt fragt in die Stille: „Ist der Patient Organspender? Hat er einen Ausweis?“
Der Patient ist noch an die Beatmungsmaschinen angeschlossen. Der Blutkreislauf wird künstlich aufrecht gehalten. –
Ein Arzt eilt zu den Angehörigen, die vor dem Operationsraum warten und überbringt die Nachricht vom Tod des Patienten. Die Verwandten sind überwältigt vor Entsetzen und isoliert in ihrer Trauer, unfähig zu sprechen, sie umarmen einander in ohnmächtigem Schmerz. Erst nach einer ganzen Weile wagt der Arzt, sie erneut anzusprechen und stellt der Ehefrau die scheinbar völlig unpassende, aber für den potenziellen Organempfänger überlebenswichtige Frage. „Hat Ihr Mann einen Organspendeausweis?“ – Stille. – Nach einer kurzen Pause trocknet die Ehefrau ihre Tränen und nickt: „Ja, mein Mann hat einen Ausweis. Er wollte seine Organe spenden.“- Aus der Ohnmacht gegenüber dem Tod heraus übernimmt jetzt wieder die Macht der Medizin die Oberhand. Der Tote wird zum Lebensspender. Nach wenigen Telefonaten mit Eurotransplant steht fest, welche Organe dem Verstorbenen entnommen werden sollen und wohin sie transportiert werden. Ein dem Tod naher Mensch kann geheilt werden, vielleicht können auch mehrere seiner Organe mehreren Menschen das bedrohte Leben retten. –

Aber die Ohnmacht bleibt bedrohlich, denn es gibt viel zu wenige Menschen, die bereit sind, ihre Organe zu spenden. Mehr als 9.500 Menschen stehen in Deutschland auf der Warteliste für eine Organtransplantation. 2018 wurden etwa 5.000 Personen neu auf die Warteliste aufgenommen. Etwa 9 Prozent (genau: 901) der Patienten auf der Warteliste sind 2018 verstorben. Im Vergleich zu anderen Mitgliedsstaaten des Eurotransplant-Verbunds ist Deutschland das Land mit den meisten Patienten auf der Warteliste. (Wikipedia)

Ein anderes wesentliches Problem der Behandlung ist die Frage: Wann ist es richtig, eine Therapie zu beenden? Wann müssen wir einsehen, dass es besser ist, unsere Ohnmacht anzuerkennen statt unsere Macht der forcierten Therapie durchzusetzen? Nicht das Beginnen einer Therapie ist schwierig, sondern das Aufhören! Dazu bedarf es klarer und nachvollziehbarer Fakten, einer erheblichen Entschlusskraft und Konsequenz. Palliativmediziner sind sich einig, dass es beispielweise nicht sinnvoll ist, einem dementen Patienten eine Magensonde durch die Bauchdecke (PEG) zu legen, da die Komplikationen des Verschluckens und der Aspirationspneumonie nicht vermieden und die Lebensqualität nicht verbessert werden.

Und wenn die PEG schon liegt, wann soll die Ernährung dann beendet werden? Schließlich gehört diese Form der Ernährung zur ärztlich zu verantwortenden Therapie und zu den lebensverlängernden Maßnahmen. Die Indikation für jeden einzelnen Beutel Nahrung muss genauso regelmäßig überprüft und begründet sein wie bei einem Antibiotikum oder einer Tablette gegen Bluthochdruck.

Die wichtigen Fragen dazu sind:
1. Nützt dieser Beutel dem Patienten jetzt?
2. Würde der Patient diesen Beutel jetzt wollen, wenn er entscheiden könnte?

Dabei muss klar sein, dass es nicht um die unbezweifelbare Wirkung der Nahrung geht, sondern um den Nutzen, den nur der Patient beurteilen kann. Nützt die Nahrung für seine Lebensqualität und für sein Therapieziel? Wenn der Patient keine lebensverlängernden Maßnahmen wollte, widerspricht jeder Beutel dem Wunsch nach dem Lebensende unter natürlichen Bedingungen. Also ist es konsequent, diesen nächsten Beutel nicht zu verabreichen und der Erkrankung unter palliativer Pflege den natürlichen Verlauf zu lassen. Um den Willen des Patienten klar und unmissverständlich dazustellen, gibt es die Patientenverfügung, an die Ärzte und Angehörige gebunden sind. Dieses Dokument ist auch für Angehörige eine wichtige Hilfe bei anstehenden Entscheidungen, weil ihnen lebenswichtige Entscheidungen vom Patienten vorsorglich abgenommen werden.

Die rechtlichen Grundlagen sind in Deutschland eindeutig!

Der BGH hat den Abbruch einer lebensverlängernden Maßnahme (PEG-Ernährung) „ausnahmsweise“ auch dann für zulässig erklärt, wenn der Sterbevorgang noch nicht eingesetzt hat (Patientin im Wachkoma).[3]

Der Verzicht auf lebenserhaltende Maßnahmen ist ethisch und rechtlich zulässig, wenn dies dem ausdrücklichen oder mutmaßlichen Patientenwillen entspricht.[4]

Die Richtlinien der Bundesärztekammer erlauben den Abbruch der PEG-Ernährung, wenn sie das Leiden / Sterben nur verlängert.

Wenn wir im Spannungsfeld zwischen Macht und Ohnmacht leben, müssen wir erkennen, dass nicht das technisch Machbare immer das Richtige ist, sondern im Allgemeinen das menschlich und ethisch Vertretbare den erstrebenswerten Weg zeigt. Es muss immer in Betracht gezogen werden, das Therapieziel von Heilung zur palliativen Begleitung zu verändern. Wenn nichts mehr zu machen ist, gibt es noch viel zu tun. Das ist der Titel eines lesenswerten Buchs[5] über das Sterben alter Menschen.

Die Ethiker Tom Beauchamps und James Childress haben vier Kriterien aufgestellt, die helfen, in extremen Lebenskonflikten eine ethisch und medizinisch gut vertretbare Lösung zu finden:

  1. Der Respekt vor der Selbstbestimmung (Autonomie) des Patienten ist eine Grundlage der Entscheidung.
  2. Dem Patienten nicht zu schaden ist Voraussetzung jedes Vorgehens.
  3. Wir sollen dem Patienten Gutes tun und fürsorglich handeln.
  4. Das Vorgehen soll in möglichst vielen Aspekten gerecht sein.

Die Hoffnung, im entscheidenden Moment selbst entscheiden können, was mit uns geschieht, ist nur für die Menschen groß, die entscheidungswillig sind. Selbst wenn wir aus irgendwelchen Gründen eine Entscheidung aufschieben, haben wir in diesem Moment entschieden, dass es so bleibt, wie es ist. Es ist nur die Frage, ob wir uns das bewusst machen. Viele Menschen legen die Entscheidung über das Vorgehen am Lebensende lieber in die Hände der Ärzte oder traditionsgemäß in Gottes Hand. Selbst wenn es einen Gott geben sollte: Woher wissen wir sicher, was er will? –

Die vielen Glaubenskriege, die in der Menschheitsgeschichte mehr Tote gefordert haben als alle Kriege, um Landraub  durchzusetzen, und die ständigen Auseinandersetzungen um die Auslegung der religiösen Standartwerke beweisen, dass der Wille Gottes sehr umstritten und keineswegs klar ist. Es gibt viele Menschen, die sich berufen fühlen, Gottes Meinung zu kennen und durchsetzen zu müssen. Ich habe den Verdacht, dass viele Menschen den angeblichen Willen Gottes vorschieben, um eigene Interessen durchzusetzen.

Wer sein Schicksal in Gottes Hände legt und seinem Willen vertraut, hat sicherlich ein ruhigeres und zufriedeneres Sterben, das zur inneren Ruhe und zu seelischem Frieden führt. Wer nicht an die Existenz Gottes glaubt, kann hoffentlich trotzdem die individuelle Grenze zwischen Macht und Ohnmacht erkennen und sein Lebensende akzeptieren.

Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht. (Václav Havel)

Cicely Saunders, die Begründerin der Hospizidee in England, sagte: „Es gibt Zeiten, da ist es gesund zu sterben.“

 

[1] Wikipedia: Biopharmazeutika

[2] „Wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, eine Aufgabe zu erledigen, und eine davon in einer Katastrophe endet oder sonstwie unerwünschte Konsequenzen nach sich zieht, dann wird es jemand genau so machen.“ Kurzform: „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“ (Wikipedia)

[3] 1 StR 357/94 – NJW 1995, 204

[4] BGH-Urteil 08.06.2005

[5] Herausgegeben von Andreas Heller, Katharina Heimerl und Stein Husebø, Lambertus-Verlag

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