Macht Lesen gesund?

Mein Beitrag zum Almanach 2022

Frau Prof. Dr. med. Silke Heimes veröffentlichte 2017 bei Vandenhoeck & Ruprecht das Buch Lesen macht gesund – Die Heilkraft der Bibliotherapie. Almanach-Leser kennen Texte von Frau Heimes aus einigen der früheren Almanache, die ich herausgegeben habe. Sie ist Ärztin, Autorin, Leiterin des Instituts für kreatives und therapeutisches Schreiben (IKUTS) und Professorin für Journalismus (Schwerpunkt Wissenschaftsjournalismus) an der Hochschule Darmstadt. Im Vorfeld zu dem Buch bat sie Bekannte und Freunde um ihre Antworten auf einen Fragebogen, der das Grundgerüst und die Stoffsammlung für das Buch darstellen sollte.

Das Buch stellt eine gründliche Synthese der vielen Einsendungen und eine sehr gute Übersicht der Erkenntnisse zu dem gestellten Thema dar. Ich möchte im Folgenden meine damaligen Antworten auf den Fragebogen darlegen. Dabei habe ich zur Veröffentlichung in diesem Almanach 2022 nur wenig ergänzt oder aktualisiert.

Wichtig für das Verständnis und die Länge meiner Antworten ist die „Gebrauchsanweisung“ zu dem Fragebogen: Bei den Antworten können Sie gerne auch ausführlichere Gründe angeben, ungewöhnlich, poetisch oder wie es Ihnen gefällt!

  • Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Lesen? Wer hat Ihnen das Lesen nahegebracht?

Lesen konnte ich mit fünf Jahren, weil meine Mutter es mir schon vor der Schule beigebracht hat. Seither lese ich regelmäßig, viel und mit Freude. Von meiner Mutter habe ich auch gelernt, etwas, was ich nicht weiß, sofort nachzuschlagen. Dafür gab es immer gute Nachschlagewerke bei uns. Zur Konfirmation bekam ich den zwanzigbändigen Brockhaus mit Goldschnitt geschenkt, in dem ich oft las. Heute ist die Antwort auf eine Frage nur so weit wie das Smartphone in meiner Hosentasche oder der PC auf dem Schreibtisch entfernt. Und der Brockhaus ist keineswegs antiquarisch wertvoll, wie ich dachte, sondern, wie mir ein Buchantiquar sagte: „Der ist nur noch für den Papiercontainer gut!“

Das für mein Leben entscheidende Leseerlebnis hatte ich, als ich mit neun Jahren wegen einer schweren Osteomyelitis (Knochenentzündung) am Bein zweimal operiert werden und ein halbes Jahr mit Gipsbein zuhause im Bett liegen musste. Um der Langeweile vorzubeugen, besorgte meine Mutter mir regelmäßig aus der Stadtbibliothek Bücher, oft alle zwei, drei Tage ein neues. Ich verschlang die Bücher regelrecht und las alles, was ich an Reise- und Abenteuerliteratur in die Finger bekam. Seltsamerweise hat Karl May mich nicht fasziniert. Ich habe nur „Winnetou“ gelesen, und den nur halb. Vielleicht, weil er in einer Welt spielte, die mir nicht sehr sympathisch war.

Stattdessen faszinierten mich Reiseberichte, besonders von Hans-Otto-Meissner (deutscher Diplomat und Reiseschriftsteller), und ich bat meine Mutter, mir nach und nach alle Bücher von ihm zu besorgen, und das waren viele. – Ich weiß noch genau, wie ich in die Länder eintauchte, in die Erlebnisse, von denen ich wusste, dass sie real geschehen waren. –

Nebenbei machte ich meine Hausaufgaben, die mein Freund mir jeden Nachmittag aus der Schule brachte. Ich hielt ohne Schulbesuch so gut beim Lehrplan mit, dass ich vor der zweiten Operation die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium bestand.

Lesen ist für mich geistige Nahrung. Sie ist fast so wichtig wie Essen und Trinken. Aber wenn ich nicht mehr lesen könnte, weil ich blind bin, könnte ich noch hören und sprechen und würde darüber meine Eindrücke, Erkenntnisse und Hilfen erhalten.

Mein Lateinlehrer Edwin Brauchle – sein Name ist hier mein Denkmal für ihn! – vermittelte mir den geistigen Hintergrund für Sprachzusammenhänge, kulturelle Verbindungen der Geschichte, Entwicklung und Bedeutungswandel von Wörtern mit lateinischer Wurzel in verschiedenen Sprachen. Durch ihn lernte ich den Wert der Grammatik und das damit verbundene strukturelle Denken, das einer Sprache innewohnt, und eines gut übersetzten Textes kennen und schätzen. Auch heute noch macht es mir große Freude, einen Text gut zu übersetzen, d.h. soweit wie möglich im Stil und Sprach- und Grammatikniveau des Originals zu bleiben.

Herr Brauchle ist einer der wenigen Lehrer meines Lebens, von dem ich viel mehr als das reine Fachwissen lernen durfte: Meine Einstellung zu Kultur und besonders zur Kultur der Sprache und ihrem zeitlosen Wert, der in einem geschliffenen Text modelliert ist, verdanke ich vorrangig ihm. Er machte Latein zu meinem Lieblingsfach. Ich bin froh, dass ich ihm viel später als Erwachsener noch sagen konnte, wie sehr ich ihm dankbar war und bin für den lebensprägenden Schatz, den er mir vermittelt hat.

Wenn ich ein paar Tage lang nicht zum Lesen komme, spüre ich Entzugserscheinungen. Ich sehne mich nach dem Gefühl, in einem Buch zur Ruhe zu kommen, mich auf Interessantes, Spannendes, Lehrreiches und Aufbauendes konzentrieren zu können. Ich sehne mich nach guter Sprache, die mich ins Gleichgewicht bringt und meinen Gefühlen und meinem Verstand Nahrung schenkt. Dadurch spüre ich die Kraft des Heilsamen. Eine ungestörte Lese- oder Schreibstunde ist für mich die reine Meditation.

Durch Lesen (und Leben!!) habe ich gelernt, die Welt um mich herum und in mir besser zu verstehen, zu ertragen und zu genießen. Das bedeutet für mich, die Polarität und unaufhaltsame Prozesse als natürlichen Bestandteil unseres Seins und unserer Entwicklung anzunehmen.

Lesen ist ein wesentlicher Katalysator des Heil-Werdens: Gute Lektüre vermittelt mir lebenswichtige und lebenssteuernde Impulse und Erkenntnisse.

Die Weltgesundheitsorganisation hat definiert Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“

Nach diesen Gesichtspunkten ist sicherlich niemand wirklich gesund. Aber ein ideales Ziel ist vorgegeben, dem wir nachstreben können, wohl wissend, dass wir es nie und sicher nie auf Dauer perfekt erreichen werden.

Medizinisch spitzfindig formuliert: Gesundheit heißt: Der Mensch wurde noch nicht gründlich genug untersucht.

Für mich bedeutet in dem Zusammenhang dieses Interviews heil werden und heilsam sein, dass wir durch Heilkräfte in uns und um uns herum mehr in das Gleichgewicht zwischen den Extremen des Krankseins und der Gesundseins kommen. Lektüre, die heilsam ist, hilft uns auf dem Weg, geistig, seelisch und körperlich gesünder zu leben. Lektüre kann aber auf genau demselben Weg durch destruktiven Lesestoff krank machen. Leider achten viele Menschen bei der geistigen Nahrung ebenso wenig auf Qualität wie bei der körperlichen.

Es gibt einen aussagekräftigen Versuch in der Psychoneuroimmunologie. Man bildete drei Gruppen von Versuchspersonen und nahm ihnen vor dem Versuch Laborwerte ab, die den Zustand ihres Autoimmunsystems repräsentierten. Dann wurde die erste Gruppe in einem Horrorfilm geschickt, die zweite Gruppe sah einen Naturfilm, und die dritte Gruppe bekam keinen Film zu sehen. Anschließend wurde festgestellt, dass die Laborwerte der Horrorfilm-Gruppe signifikant abgesunken und die der Naturfilm-Gruppe signifikant angestiegen waren. Die Kontrollgruppe zeigte natürlich keine Laborveränderungen. Schon ein einziger  Film hat messbare Auswirkungen auf unsere Gesundheit! Was machen dann erst unser Fernsehprogramm und die entsetzlichen Videospiele mit uns, denen sich viele Menschen über viele, viele Stunden täglich hingeben! – Ich schlage vor, den Versuch zu wiederholen mit zwei Stunden Horrorroman für die erste Gruppe und zwei Stunden Natur beschreibender Literatur für die zweite.

Lesen vermittelt mir auch die Erkenntnis, dass es mir so gut oder schlecht geht, wie ich mich in dem Vergleich erlebe, den ich selbst anstelle. Es gibt immer etwas Besseres und immer etwas Schlechteres als meine Situation. Also liegt es an mir, womit ich mich vergleiche. Das Sprichwort zeigt es: „Das Gras ist immer auf der anderen Straßenseite grüner.“ Auch die Gedichtzeile von Georg Philipp Schmidt von Lübeck in Des Fremdlings Abendlied, das Franz Schubert in seinem Lied Der Wanderer vertont hat:  Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück“ veranschaulicht diese negative Denkstruktur. Das heißt, ich entscheide durch meinen Vergleich, ob es mir gut oder schlecht geht. Der Vergleich lässt mich heil oder krank werden. Lektüre kann helfen, hier die gute Entscheidung zu treffen.

  • Welches war Ihr Lieblingsbuch als Kind? Welches ist Ihr aktuelles Lieblingsbuch?

Lieblingsbücher als Kind: Reiseberichte, besonders von Hans-Otto-Meissner

Aktuelle Lieblingsbücher: Hier zögere ich und schreibe lieber Aktuelle Lieblingsschriftsteller.

Ich bin ein Sammler: Wenn ich etwas entdecke (neuer Interpret in der Klassik, neuer Schriftsteller, neues Thema), will ich alles davon haben und suche dann gezielt und lese und höre möglichst viel vom selben Autor und zum selben Thema. In den letzten Jahren entdeckte ich z.B. so die Bücher von

José Saramago: Die Stadt der Sehenden, Die Stadt der Blinden, Eine Zeit ohne Tod (grandiose Sprache, mitreißender Duktus), Die Reise des Elefanten, Alle Namen

Hanns-Josef Ortheil: Erfindung des Lebens (faszinierende, tief berührende Autobiografie), Liebesnähe (verblüffender Liebesroman), Das Kind, das nicht fragte, Lesehunger, Die Berlinreise, Das Glück der Musik.

Roger Willemsen: Kleine Lichter (sehr einfühlsamer Liebesroman aus interessanter Perspektive), Die Enden der Welt (großartige Reiseberichte), Das Hohe Haus (brillanter Sachbericht, der oft am Verstand und der guten Erziehung unserer Volksvertreter zweifeln lässt!). Nicht zu vergessen: Die großartigen auch auf DVD und CD aufgezeichneten Sendungen über Musik wie Willemsen legt auf!

Pablo Neruda: Ich bekenne, ich habe gelebt (Mitreißende Autobiografie) und Matilde Urrutia: Mein Leben mit Pablo Neruda(Diese Biografie über Nerudas Leben scheint ein ganz anderes Leben zu beschreiben als Neruda selbst!)

Rolf Dobelli: Er ist ein brillanter Schriftsteller, weil er zeigt, dass noch nicht alle Gedanken gedacht und formuliert worden sind. Seine Bücher Fragen an das Leben und Turbulenzen (777 bodenlose Gedanken) werfen den Leser komplett auf sich selbst zurück und stellen Fragen, die nicht nur verblüffen, sondern atemlos machen. Die Kunst des klaren Denkensund Die Kunst des klugen Handelns sind ein Wegweiser durch den Dschungel unserer unkontrollierten Gedanken und unüberlegten Handlungen. Dobellis Intelligenz und messerscharf formulierte Analyse können wehtun! – Er kann aber auch witzige und packend fantasievolle Romane schreiben: Himmelreichist ein Beweis dafür. – „Ganz nebenbei“ ist Dobelli ein äußerst erfolgreicher Geschäftsmann.

Ferdinand von Schirach, der ehemalige Strafverteidiger,schreibt spannende Geschichten und Dramen aus dem realen Leben: Strafe, Verbrechen, Der Fall Collini, die Dramen Gott und Terror.

Julia Zeh, die promovierte Juristin und Verfassungsrichterin, ist eine der profiliertesten Romanautorinnen unserer Zeit. Ihre Bücher spielen mit  ineinander verwobenen Handlungssträngen, die die Spannung aufrecht halten und gezielt die Fantasie des Lesers anregen. Beispiele: Leere Herzen, Adler und Engel, Corpus delicti, Schilf und Über Menschen.

Andreas Altmann ist seit ein paar Jahren mein Lieblingsautor für die Reiseliteratur. Ich halte ihn für einen der besten Reiseschriftsteller, denn er reißt mich in jedem Buch durch seine blitzgenauen Formulierungen und Vergleiche mit. Bei ihm erkenne ich die wertvolle praktische Umsetzung des Zitats: „Das richtige Wort und das fast richtige Wort verhalten sich wie ein Blitz zu einem Glühwürmchen.“ – Er schafft es, die gesamte mögliche Gefühlswelt eines Menschen aufgrund seiner eigenen manchmal traumatischen und grotesken Erfahrungen und Erlebnisse  in wenigen Sätzen bildhaft, emotionsgeladen und bezwingend zu schildern. Seine geradezu kindliche Freude befeuert den professionellen Umgang mit dem Spiel mit den Buchstaben. Seine schonungslosen gesellschaftskritischen Gedanken werfen den bewussten Leser immer wieder vom Leserausch in den Meint-der-etwa-mich?-Schock. Beispiele sind nachzulesen u.v.a. in: Gebrauchsanweisung für das Leben, Gebrauchsanweisung für Heimat, Gebrauchsanweisung für die Welt, Weit weg vom Rest der Welt, Notbremse nicht zu früh ziehen!, Leben in alle Himmelrichtungen.

Da mir das kreative Fotografieren wieder nach 30 Jahren, in denen ich nicht mehr oder kaum fotografiert habe, sehr wichtig ist, sind zurzeit Bücher über Naturfotografie (Landschaften, Pflanzen, Makro) zentrale Lektüre. Bewusstes Fotografieren hilft mir in wunderbarer Weise, das Leben um mich herum und die Wunder der Natur besonders im Detail klarer, intensiver, auch mit großer Freude und Dankbarkeit wahrzunehmen. Wenn ich es schaffe, diese Eindrücke selbst kreativ und mit möglichst schlackenloser Schönheit festzuhalten, gewinne ich den Eindruck, wenigstens Sekunden des fließenden Lebens festhalten zu können. Eine Stunde Spaziergang in der Natur mit der Kamera in der Hand ist für mich ein wunderbarer Urlaub. Das Buch dazu, zuhause gelesen, hilft mir, diese Zeit noch intensiver als heilsam zu empfinden.

  • Wann war die exzessivste Lesephase Ihres Lebens?

Siehe oben in der Krankheitsphase als Kind. In der Oberstufe entdeckte ich Stefan Zweig und Hermann Hesse für mich, die immer noch zu meinen Lieblingsschriftstellern gehören. Später während der Prüfungsvorbereitungen im Studium las ich meist Fachliteratur. Seither lese ich regelmäßig im Durchschnitt ein Buch pro zwei Wochen, manchmal ein Buch pro Tag. Ich gestehe: Ich bin lesegierig. Da ich Entzugserscheinungen bekomme, wenn ich einige Zeit nicht lesen kann, ist es wahrscheinlich, dass ich abhängig bin. Aber ich möchte keine Therapie machen, um diese Abhängigkeit loszuwerden.

Ich habe schon lange bemerkt, dass ich das Gefühl der Langeweile nicht kenne. Selbst wenn ich mal auf dem Sessel vor mich hin döse, ist das keine langweilige, sondern einen entspannende  und bewusst verbrachte Zeit, die mir guttut. Wenn ich eine freie Minute habe, lese ich mit Vergnügen. Ich habe immer ein interessantes Buch oder eine gute Zeitschrift über Klassische Musik, Medizin oder Fotografieren bei der Hand. Sogar wenn ich in der Notfallpraxis Dienst habe, nütze ich arbeitsfreie Zeit mit Lesen. Weil ich dort oft gestört werde durch meine Dienstaufgaben, habe ich für diesen Zweck ein Buch oder eine Zeitschrift mit kurzen Abschnitten dabei.

  • Welche Bücher hatten einen entscheidenden Einfluss auf Sie? Können Sie sagen, warum und in welcher Weise?

Die wichtigsten Bücher in meinem Leben:

Dale Carnegie: Sorge dich nicht, lebe! – Das war mein Einstieg in das Thema Kommunikation und Menschenführung zum Beginn der Kliniktätigkeit als Assistenzarzt. Grundlegende Ideen im Umgang mit Mitmenschen im Privaten und mit Patienten im Besonderen. Dann in der Folge zahlreiche Kurse in dieser Richtung, zuerst als Teilnehmer, später als Leiter.  Gute Kommunikation war immer ein sehr wichtiges berufsbegleitendes Thema, das u.a. mich dazu brachte, u.a. zwei Bücher zu schreiben: Wenn das Licht naht- der würdige Umgang mit schwer kranken, sterbenden und genesenden Menschen und Ich verstehe Sie! – Verständigung in Praxis, Klinik und Pflege. Beiden Büchern ist die Grundfrage eigen: Wie gehen wir richtig mit Menschen in schwierigen Situationen um?

Thorwald Dethlefsen, Rüdiger Dahlke: Krankheit als Weg. – Dieses Buch hat zu Beginn meiner Arbeit in der eigenen Praxis meinen Zugang zu Krankheiten und meinen Umgang mit Patienten grundlegend verändert und geprägt. Es hat mich vor allem auf die psychosomatische Sprache aufmerksam gemacht, die seither für mich ein unverzichtbares Mittel der Diagnostik und Therapie in der ärztlichen Arbeit und in meiner Selbstwahrnehmung darstellt. Dieses Buch und die damit verwandten Bücher haben mir unerlässliche Perspektiven aufgezeigt, die neben der reinen Apparate-Schulmedizin nötig sind, um mit kranken Menschen angemessen und verständnisvoll umzugehen. Für mich gibt es den wichtigen Unterschied zwischen Mediziner und Arzt: Der Mediziner behandelt einen Krebs. Der Arzt behandelt einen Menschen, der an Krebs leidet.

Erhard Freitag: Kraftzentrale Unterbewusstsein. Dieses Buch hat mich in die Welt der eigenen unbewussten Entwicklung und Steuerung eingeführt. Ich habe viele Seminare des Autors besucht, bis er mich dazu brachte, eigene Seminare zu veranstalten. Ihm und seinen Büchern verdanke ich entscheidende Erkenntnisse über Krankheit und Gesundheit und besonders über die Prozesse des Heil-Werdens.

Stefan Zweig: Stellvertretend für sein Werk, das ich (fast) ganz gelesen habe, sei hier Sternstunden der Menschheit genannt. „Nur“ kurze Geschichten, aber von enormer erzählerischer Wucht und detaillierter, feinsinniger Empathie. Bestechend gut sind seine Romane und Biografien berühmter Persönlichkeiten (Joseph Fouché, Maria Stuart, Calvin usw.). Für mich einer der brillantesten Schriftsteller für psychologische Analyse und deren Schilderung. Die Zweig-Biografie von Alberto Dines: Tod im Paradies[1] ist eine der besten Biografien, die ich je gelesen habe.

Hermann Hesse: Stellvertretend für sein Poesiewerk sei das Gedicht Stufen erwähnt, das auch heute noch mein Ratgeber, mein Lebenswegweiser in Situationen des Zweifels und Wandels ist. Es ist das wichtigste Gedicht meines Lebens. – Hesses gewichtiges Prosawerk, das ich auch fast ganz gelesen habe, hat mich tief beeindruckt, von Unterm Rad über den Steppenwolf bis zum Glasperlenspiel.

Elisabeth Kübler-Ross: Interview mit Sterbenden. Dieses Buch habe ich während meiner Kinderfacharzt-Weiterbildung auf der Krebsstation kennen gelernt. Es brachte mich auf den intensiven Weg der Palliativmedizin, die seither mein wichtigstes ärztliches Feld ist. In Folge las ich später alle anderen Bücher von ihr und die gängige Palliativmedizinliteratur. Und ich schrieb als Arbeitsbilanz zu meinem 50. Geburtstag das Buch Wenn das Licht naht (siehe oben), das meine Einstellung kranken Menschen gegenüber und meine Arbeitsweise zusammenfasst. Bei diesem Buch hat mich meine Frau durch kluge Fragen, Vorschläge und ein wunderbares Titelbild unterstützt.

Lennart Nilsson: Ein Kind entsteht: Das schönste, beste und Wunder-vollste (im wörtlichen Sinn!) Buch mit faszinierenden intrauterinen Fotos über die Entstehung eines Menschen. Ich empfehle es allen „schwangeren Eltern“ zur besseren Wahrnehmung und Wertschätzung der Veränderungen in der Schwangerschaft. Ich kenne keinen schöneren Weg, sich während der Schwangerschaft auf das Kind vorzubereiten und das Wunder seines Lebens zu verinnerlichen.

Sol Stein: Über das Schreiben. – Erst nachdem ich schon Bücher selbst geschrieben hatte, entdeckte ich dieses Buch. Es ist bis jetzt das Beste, was ich über Schreiben gelesen habe. Ich schlage immer wieder nach, hole mir Anregungen und überprüfe meine Texte anhand Steins Kriterien.

Das Manfred-Kyber-Buch: Die besten Tiergeschichten (Fabeln) über das menschliche Fehl-Verhalten. Von heiter bis todernst, von gut bis bitterböse sind hier alle menschlichen Gefühle und Eigenschaften meisterhaft geschildert und teilweise grandios karikiert.

Bernd Frederich: Zuflucht in der Krankheit suchen – Die Angst vor dem Partner. Dieses Buch des Internisten und Arztes für Psychosomatische Therapie hat mir vermittelt, dass es (grob gesprochen) zwei Menschentypen gibt: solche, die Angst vor Schwäche haben, und solche, die Angst vor Fehlern haben. Die weitgehenden Konsequenzen für den Entwurf und Ablauf des Lebens werden an praktischen Beispielen hervorragend dargestellt. Diese Erkenntnisse helfen mir im Alltag und als Arzt in der Sprechstunde, mich und andere besser zu verstehen und verständnisvoller mit ihnen umzugehen.

Tiziano Terzani ist einer der „großen Weisen“ für mich. Während seiner über dreißig Journalistenjahre (vorwiegend für DER SPIEGEL) in Asien (Terzani sprach perfekt Chinesisch!) tauchte er tief in die Philosophie des Ostens ein und ging am Ende seiner Laufbahn für viele Monate als Einsiedler in den Himalaya zurück, um die Diagnose eines Bauchspeicheldrüsenkrebses zu verarbeiten. Seine zahlreichen Bücher, z.B. Noch eine Runde auf dem Karussell und Fremder unter Chinesen und Fliegen ohne Flügel) sind Meilensteine in der westlichen Journalistenliteratur und bauen eine begehbare Brücke zwischen östlicher und westlicher Philosophie und Lebensweise. Unvergessen sind mir die von ihm dokumentierten Dialoge mit seinem Sohn vor Tizianis Tod (Das Ende ist mein Anfang), und der tief beeindruckende Film darüber, in dem Bruno Ganz die Hauptrolle spielt.

Erich Fromm: Über die Liebe. Das beste Buch über die Liebe, das ich kenne. Haben oder Sein: Das beste Buch, das ich kenne, über die wichtigste Polarität, mit der wir uns lebenslang auseinandersetzen müssen.

  • Gibt es Bücher, die Ihnen in schwierigen Zeiten geholfen haben? Welche Zeiten waren das, und wie haben die Bücher Ihnen geholfen?

Meine Grundlage ist das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse, das mich an jeder Stufe meines Lebens, besonders bei den Brüchen und Krisen gestützt und geleitet hat. Es vermittelt mir Ruhe, Gelassenheit und das Wissen, dass die Brüche und Stufen natürliche Bestandteile jedes Lebens und notwendig sind – die Not wendend. Ich habe bin jetzt nach jedem schweren Konflikt und jeder bitteren Entscheidung und Ent-Täuschung festgestellt, dass alles(!) auch eine gute Seite hat, die sich aus dem Konflikt entwickeln kann bzw. nur durch den Konflikt möglich wird. Eine Ent-Täuschung ist wie Ent-Tarnung die Wegnahme der Täuschung, die wir uns oft selbst vorgetäuscht haben. Da die Erkenntnis, selbst für die Täuschung verantwortlich zu sein, so bitter ist, projizieren wir oft die Verantwortung für unsere schlechte Stimmung nach der Ent-Täuschung auf den Anderen, der uns enttäuscht hat. Die Aufgaben werden schwerer, die Entwicklung drängt vorwärts. Wir ändern nur etwas in unserem Leben, wenn der Leidensdruck größer als die Angst vor Veränderung. Dieses Bewusstsein, dieses Wissen lässt mich Entscheidungen leichter fällen und die Konsequenzen geduldiger ertragen.

Alle anderen Bücher, die mir in Krisen hilfreich sind oder waren (Romane, Lebenshilfe-Literatur, alle unter Punkt 4 angeführten wichtigen Bücher), sagen im Prinzip nichts anderes aus als dieses Gedicht. Es ist für mich verdichtet die Essenz aller Lebensweisheit.

  • Gibt es ein Buch, das Ihre Weltsicht entscheidend geprägt oder verändert hat?

Alle oben erwähnten Bücher haben meine Weltsicht in der jeweils beschriebenen Weise geprägt, bereichert und entwickelt.

  • Welches Buch hat die größte Sehnsucht bei Ihnen ausgelöst? Sehnsucht wonach?

Die Reisebücher meiner Kindheit haben meine Sehnsucht nach der Ferne, nach großen Landschaften, nach fremden Kulturerlebnissen ausgelöst. – Bis mir klar wurde, dass Sehn-Sucht das falsche Wort oder der falsche Ansatz ist. Sucht ist pathologisch. Insofern finde ich das Wort in der Frage nicht so gut. Intensive Wünsche, attraktive Ziele, drängende Motivation wäre besser.

Auf jeden Fall haben alle Bücher in mir den Wunsch ausgelöst, selbst und gut zu schreiben, um im Schreiben, Formulieren, Suchen nach dem richtigen Wort mich selbst und mein Leben besser wahrzunehmen und auszudrücken. Schreiben ist für mich auch ein therapeutischer Prozess. Wenn mir wichtige Dinge oder zu entscheidende Fragen und Konflikte unklar sind, schreibe ich darüber. Im Nachdenken, Formulieren und Lesen komme ich zur Klarheit und Entscheidung. Das heilt mich, weil es mich wieder mehr ins Gleichgewicht, zu Ruhe und Gelassenheit bringt. Ob ich das Geschriebene dann auch veröffentliche, ist eine ganz andere Sache.

Wenn ich beim Lesen mir verwandte Gedanken finde oder eine gute Formulierung für das, was ich immer schon gefühlt habe, aber nicht treffend genug in Worte fassen konnte, bin ich glücklich.

  • Welches war der ‚speziellste Zustand’, in den ein Buch Sie versetzt hat? Vielleicht ein lesender Liebesrausch?

Bücher, die ich nicht aus der Hand legen konnte, bevor ich auf der letzten Seite war, gab es viele, aber interessant ist, dass mir spontan kein einziger Titel dazu einfällt. Waren es Strohfeuer? Es war der Drang zu wissen, wie es weitergeht. Spannende Krimis, Erzählungen, Romane.

Ach ja, da waren die beiden Romane von Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fester stieg und verschwand und Die Analphabetin, die rechnen konnte. Und von Patrick Süßkind Das Parfüm! Das sind drei Romane, die an Erzählfreude und Humor kaum übertroffen werden können und trotz der irrealen Handlung köstlich erfrischend und lesenswert sind. Ich habe sie „in einem Rutsch“ gelesen.

Und zuletzt von Siegfried Lenz Der Überläufer und von Ayelet Gundar-Goshen Löwen wecken. Zwei dramatische Romane, die rasant geschrieben sind und alle Tiefen menschlicher Existenz und Polarität ausleuchten.

Alle im Gedächtnis gebliebenen Bücher, besonders die wichtigen von Punkt 4, habe ich langsam und oft mehrfach, auch abschnittweise gelesen. Sie sind ein Teil von mir geworden. Ich habe sie in mich integriert. Jedes dieser Bücher hat in mir eine bleibende Faszination ausgelöst, das Gefühl, etwas Neues zu entdecken, mein Wissen und meine Sicht der Dinge oder Beziehungen zu erweitern und für mich nützen zu können.

  • Das Schicksal welches Protagonisten hat Sie am tiefsten berührt?

Realistische Schilderungen von Menschen in lebensbedrohlichen oder lebensvernichtenden Situationen. Beispielhaft nenne ich das Buch Sterben dürfen von Wolfgang Putz und Elke Glor (Hofmann und Campe). Das ist für mich eines der wichtigsten Bücher in der Palliativmedizin. Es handelt sich um einen Tatsachenbericht, der kaum bizarrer hätte erfunden werden können. Eine wahre Arzt-Kriminalgeschichte, die in unserer aktuellen, realen deutschen Justiz Rechtsgeschichte geschrieben hat:

Der berühmte Medizin-Fachanwalt Wolfgang Putz wurde wegen Tötung angeklagt, weil er Elke Glor riet, die Magensonde bei ihrer seit Jahren im Wachkoma liegenden Mutter durchzuschneiden, als diese auf Anordnung der Heimleitung zwangsernährt werden sollte, obwohl die Patientin noch im gesunden Zustand lebensverlängernde Maßnahmen verboten hatte.

Der Konflikt führte nach der Verurteilung des Anwalts und der Tochter in 1. Instanz(!) schließlich in der Revision zu dem BGH-Urteil und Freispruch vom 02.06.2010. Die Begründung ist für unserer tägliche Arbeit in der Patientenversorgung so grundlegend wichtig, dass ich sie zitieren will: „Der Abbruch einer lebenserhaltenden Behandlung auf der Grundlage des Patientenwillens ist nicht strafbar. – Niemand macht sich strafbar, der dem explizit geäußerten oder dem klar festgestellten mutmaßlichen Willen des Patienten, auf lebensverlängernde Maßnahmen zu verzichten, Beachtung schenkt. – Der freiverantwortlich gefasste Willen eines Patienten muss in allen Lebenslagen beachtet werden.“

Das Drama der Beteiligten ist sehr sachlich und wahrscheinlich gerade deshalb so packend geschildert. Die Rechtsfolgen für die betroffenen Patienten und die betreuenden Ärzte sind endlich geklärt und verschaffen Patienten, Ärzten und Familienmitgliedern in Zukunft Rechtssicherheit.

  • Welches Buch würden Sie aus einem brennenden Haus retten?

So viele wie möglich, solange ich mein Leben nicht dadurch riskiere. Ich kann, wenn es um existenzielle Bedrohung geht, auf alle meine Bücher verzichten. Im Zweifelsfall kann ich Lesenswertes wieder kaufen oder leihen. Antiquarische Bücher habe ich nicht. Auch die würde ich nicht retten wollen, wenn ich mein Leben dafür riskieren müsste. Kein Buch ist es wert, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Ich hoffe, dass die wesentlichen Erkenntnisse, die ich aus Büchern bis jetzt gewonnen habe, so in mir integriert sind, dass ich das Buch dazu nicht mehr brauche. Ich sage das, obwohl ich ein sehr großer Bücherliebhaber bin, eine große Bibliothek besitze und viel lieber ein gutes Buch in Händen halte als einen E-Book-Reader (ich besitze gar keinen). Und es fällt mir immer wieder schwer, Bücher wegzugeben, weil meine Bücherschränke voll sind und ich immer noch ein anderes Buch kaufen und lesen möchte.

  • Gibt es Bücher, die Sie mehrfach gelesen haben?

Ja, die unter Punkt 4 aufgeführten Bücher

  • Was ist Ihr Lieblingsplatz zum Lesen? Haben Sie bestimmte Rituale, wenn Sie lesen?

Ich lese Sachbücher am Schreibtisch im gemütlichen Arbeitszimmer, weil ich oft unterstreiche und Notizen mache. Außerdem habe ich hier alle Nachschlagewerke und den PC zur Verfügung. um Einzelheiten zu recherchieren.

Romane lese ich manchmal im Wohnzimmer in einem bequemen Sessel, Beine hoch auf dem anderen Sessel, das Tageslicht schräg von hinten. Der Kaffee auf dem Tisch daneben wird meist kalt, weil ich ihn über der spannenden Lektüre vergesse.

Interessant ist, dass ich früher regelmäßig neben dem Lesen klassische Instrumentalmusik gehört habe, Vokalmusik störte mich schon immer bei der Konzentration. – Inzwischen –vielleicht altersbedingt- stört mich auch leise Klassik beim Lesen. Deshalb ist es jetzt um mich herum ruhig, wenn ich am Schreibtisch sitze und lese oder an anderen Projekten arbeite.

  • Wer darf Sie beim Lesen stören, oder darf niemand Sie stören?

Jede Störung ist eine Störung. Ich habe keinen Einfluss darauf, wer mich anruft oder an der Haustür klingelt. Ich lese meist tagsüber, wenn ich allein in der Wohnung bin. Das geht so, weil ich als Rentner, der immer noch weiter arbeitet, meine Zeit einteilen kann. Das Ausmaß der empfundenen Störung hängt davon ab, wie tief ich „im Buch stecke“. Wenn ich intensiv lese, vergesse ich die Zeit und alles um mich herum.

Meine Frau versucht, Störungen abzumildern mit dem Satz: „Wenn du nachher Zeit hast, bitte ich dich, ….“ oder „Bitte denke dran, dass in einer halben Stunde die Gäste kommen!“ Trotzdem vergesse ich es manchmal, weil ich so intensiv auf das konzentriert bin, was auf dem Schreibtisch vor mir liegt. Es ist schon passiert, dass trotzdem „plötzlich“ die eingeladenen Gäste vor der Tür standen und ich völlig verblüfft darüber war, dass sie „schon“ da sind.

  • Gibt es einen Autor, dem Sie sich seelenverwandt fühlen?

Bei Stefan Zweig fasziniert mich seine psychologische Einfühlungskraft in reale oder erfundene Personen, die ich gern hätte. Bei Hermann Hesse begeistert mich die endlos variable bildreiche Sprache, die ich versuche, bei mir zu entwickeln. Bei Ferdinand von Schirach spüre ich den gemeinsamen Drang, ungewöhnliche Geschichten aus dem Alltag, die wir aufgrund unserer beruflichen Tätigkeit erleben, aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Es ist doch einfach manchmal nicht zu glauben, was uns alles begegnet, wenn wir aufmerksam sind und zuhören und uns auf das Leben der Menschen einlassen, die sich uns anvertrauen! Ich muss nur sehr aufpassen, dass die beschriebenen Personen nicht identifizierbar sind. Mit Andreas Altmann fühle ich mich seelenverwandt, weil ich gern so geistreich und treffsicher formulieren können möchte wie er es regelmäßig schafft.

Ich fühle mich jedem Menschen seelisch verwandt, bei dem ich den Eindruck habe, dass er sich bewusst bemüht, eine im besten Wortsinn schlichte und ausdrucksstarke Sprache zu schreiben und zu sprechen und „auf den Punkt“ zu formulieren.

Menschen, die Denglisch, Worthülsen, unnötige oder die falschen Fremdwörter, Wortverschwurbelungen, Politikerfloskeln, verbale Täuschungsmanöver verbreiten und gezielt, wörterreich und nichtssagend an der Frage vorbei antworten, stoßen mich ab.

  • Was halten Sie von der Idee, dass Lesen heilsam ist?

Unter Punkt 1 habe ich schon darüber gesprochen: Ich bin überzeugt, dass Lesen heilen kann. Wichtig ist aber, dass man richtig lesen gelernt hat – ich meine: nicht nur Wörter und ihre Bedeutung erkennen. Zum Heilwerden durch Lesen gehören Bewusstsein für Sprache, Erfassen von Zusammenhängen und Stimmungen, Muße, um das Buch auch mal wegzulegen und nach-zudenken, nach-zuspüren, in sich hineinzuhorchen. Victor Frankl hat es wunderbar mit seiner Logotherapie gezeigt. – Der Leser muss bereit sind, sich auf die Gedanken eines anderen Menschen (des Autors) einzulassen.

Es muss auch geklärt werden, warum „man“ liest. Zur Verdrängung der Langeweile auf niederem Niveau? Da reicht die Regenbogenpresse oder ein Groschenroman oder ein Fantasy-Schinken. Ich sag´s mal deftig und plakativ: Für mich ist das eine Form von Umweltverschmutzung mit Buchstaben und ein Missbrauch der Natur, weil Bäume für die Verbreitung von geistigem Müll gefällt werden. Und dieser Schund wird viel gefährlicher, wenn er über elektronische Medien weltweit verbreitet wird. Er bietet deshalb mehr bedrohliches Gewaltpotenzial.

Wenn ich etwas lernen und auf gutem Niveau Freude haben will beim Lesen, wird´s anspruchsvoller. Dann kommen Bücher aus den Kategorien dran, von denen ich hier berichtet habe.

Wenn ich gesund werden will durch Lesen, erfordert das einen Bewusstheitsgrad, der davon ausgeht, dass (m)ein inneres Ungleichgewicht durch Veränderung der Gedanken ausgeglichen werden kann, die ich bei dem Autor hole und mir zu eigen mache. Dieser Schritt ist therapeutisch wirksam, weil er ganzheitlich, psychosomatisch eingreift.

In der ärztlichen Sprechstunde nützt bei reflektierenden Patienten die psychosomatische Sprache sehr viel. Die richtige Frage hilft heilen: Was / Wer sitzt Ihnen im Nacken? Was halten Sie im Kopf nicht aus? Wer oder was drückt auf Ihr Herz? Was können Sie nicht mehr hören? Warum haben Sie zu viel um die Ohren? Haben Sie Herzprobleme oder Herzensprobleme? Was hat Ihnen die Sprache verschlagen? Welcher Konflikt hat ihr inneres Abwehrsystem so weit gedämpft, dass die Bakterien Oberhand gewissen konnten?

  • Gibt es einen Schriftsteller, dessen Werke Sie für besonders heilsam halten?

Wenn Heilung bedeutet, besser im inneren Gleichgewicht zu sein und sich selbst rascher ins Gleichgewicht bringen zu können, dann gilt für mich:

Dale Carnegie, Thorwald Dethlefsen, Erhard Freitag, Elisabeth Kübler-Ross und Tiziano Terzani haben mich auf den Weg gebracht, mit mir und meinen Mitmenschen bewusster und besser umzugehen.

Hermann Hesse, Stefan Zweig, José Saramago, Sol Stein und Roger Willemsen haben mich auf Gleichgewicht und Exzellenz der guten, das heißt auch heilsamen Sprache aufmerksam gemacht und sind ein Vorbild dafür.

  • Gibt es Bücher, die Sie für bestimmte Gemütslagen (z.B. Angst, Trauer) empfehlen?

Bei Krankheit und Trauer empfehle ich manchmal mein Buch Wenn das Licht naht – der würdige Umgang mit schwer kranken, genesenden und sterbenden Menschen. Ich habe es speziell für Pflegende, Angehörige und Patienten geschrieben. Es schildert an vielen selbst erlebten Patienten und Situationen gute und schlechte Möglichkeiten des Umgangs mit der Krankheit und den Menschen. Häufig habe ich Vorträge darüber gehalten. Oft hörte und las ich, das sei ein Lebenshilfebuch, das man auf den Nachttisch legen könne, um jeden Abend einen guten Gedanken daraus zu holen.

Als Arzt in der Neurologischen Reha-Klinik nahm ich einen Patienten nach Schlaganfall auf meiner Station auf. Nach dem ausführlichen Gespräch mit Untersuchung fragte die Ehefrau: „Was kann ich noch für meinen Mann tun?“ Ich legte dieses Buch auf den Tisch. Sie war verblüfft und lachte mich an. „Oh, Sie haben das geschrieben! – Dieses Buch hat mich auf der Intensivstation in München in den letzten Wochen am Bett meines Mannes am Leben gehalten. Eine Schwester hat es mir ausgeliehen.“

Bei Angst empfehle ich kein Buch, sondern Gespräche und Verhaltenstherapie. Wenn ich im Gespräch auf ein bestimmtes Thema komme, kann es sein, dass ich ein Buch darüber empfehle. Bedrohliche Gefühle lassen sich nicht durch Vernunftgedanken heilen – Verliebtheit übrigens auch nicht J. Aber im therapeutischen Gespräch kann der Kranke neue Gefühle und Gedanken entwickeln, die ihn heilen. Oder anders gesagt: Die meisten Menschen wissen, was sie tun oder lassen sollen. Sie brauchen und suchen oft unbewusst einen Menschen, der sie bestärkt in dem, was ihre innere Stimme schon lange weiß. Dann bin ich im besten Fall der Katalysator, der den bereits begonnenen Entscheidungsprozess gutheißt, bekräftigt und die Patienten ermuntert, das Überlegte auch umzusetzen.

Bevor ich ein Buch empfehle, frage ich immer: „Haben Sie in Ihrer jetzigen Verfassung den Kopf frei zum Lesen?“ Wenn Menschen in tiefen Gefühlen sind, haben sie oft keine Konzentration für lange und / oder schwierige Texte.

Gedichte und kurze, prägnant formulierte Texte / Zitate sind ansprechender, wirksamer:

Texte von Khalil Gibran (z.B. Der Prophet), Mascha Kaléko (ihre Gedichte! Gut zusammengefasst in Die paar leuchtenden Jahre) und Victor Frankl (Trotzdem ja zum Leben sagen und Der Wille zum Sinn) halte ich für besonders feinsinnig, zart, hilfreich.

Die weichgespülte Form der „Heilliteratur“ kommt von Phil Bosmans, Paul Coelho und Kollegen und äußert sich vorwiegend in Kalendersprüchen und kleinen Bild-Text-Kombinationen in Büchlein-Form fürs Krankenbett oder zum Geburtstag oder anlässlich einer Trauersituation.

Manchmal ist es nämlich nur ein Satz, der notwendig -die Not wendend!- ist zur Heilung. Er wendet die Not, weil es der richtige Satz im richtigen Moment von der richtigen Person ist. Das sind die Zufälle, die uns zufallen, wenn sie fällig sind. Wir treffen immer die richtigen Bücher, die richtige Musik und die richtigen Menschen im richtigen Moment. Unsere Aufgabe besteht darin, es zu bemerken und zu nützen.

  • In England kann man sich vom Arzt Bücher gegen Depressionen verschreiben lassen und das Rezept in der Stadtbibliothek einlösen. Was halten Sie von dieser Idee?

Ein tief Depressiver kann nicht mehr lesen. Er ist zu sehr in seinen negativen Gedankenstrudel hinein gesaugt und gedanklich gelähmt. Er kann nicht mehr aus der Tiefe des Wirbels hinaus denken. Er hat auch keine Kraft, in die Stadtbibliothek zu gehen.

Es muss zuerst geklärt werden, ob der Depressive noch oder schon wieder in der Lage ist zu lesen und das Gelesene aufzunehmen und umzusetzen! Wenn er das kann und will, finde ich die Idee gut.

  • Haben Sie zum Abschluss ein Zitat, das Sie den Lesern mitgeben möchten?

Zwei Zitate:

  • Ein gutes Buch ist ein Freund. Er ist in uns wirksam, wenn ich ihn brauche.
  • Das Leben ist zu kurz, um ein schlechtes Buch zu lesen.

[1] Meine Rezension zu diesem Buch finden Sie bei https://dietrich-weller.de/prosa/ein-literarischer-brief/

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Sprechstunde mit Dr. Google

Schon als Schüler habe ich gelernt, sofort nachzuschlagen, wenn eine Frage auftauchte, die ich nicht beantworten konnte. Meine Mutter zeigte mir, wie man das macht. Sie hatte immer gute Nachschlagewerke bei der Hand, die sie bis ins hohe Alter fleißig nutzte. Zur Konfirmation bekam ich von meiner Großmutter die zwanzig Bände des großen Brockhaus mit Goldschnitt geschenkt, in dem ich häufig nachschaute, bis die digitale Entwicklung solche Papierwälzer völlig überflüssig machte, weil sie schon beim Erscheinen überholt waren. Trotzdem dachte ich, es sei ein bibliophiles Werk und brachte es inzwischen zu einem Antiquar, weil ich mir sicher war, er könnte es gut verwerten. Er hatte nur einen abschätzigen Blick dafür: „Wenn ich gewusst hätte, dass Sie mir das bringen, hätte ich gleich gesagt, werfen Sie die Bücher weg. Das ist nur noch das Papier wert. Ich werfe es in den Papiermüll!“

Ich erzähle die Geschichte, weil ich damit zeigen will, wie wichtig und wertvoll mir nachgeschlagenes Wissen und die Bücher sind, die es vermitteln. Inzwischen habe ich mir angewöhnt, sofort im iPhone oder am PC nachzuschlagen, wenn ich etwas wissen will, das ich nicht sofort im Gedächtnis parat habe. Auch meine Bücher, die mir Wissen bereithalten, ziehe ich oft zu Rate. Sogar in der Sprechstunde habe ich keine Scheu, seltene Nebenwirkungen, Dosierungen oder Krankheitsbilder in Anwesenheit des Patienten in meinen Suchwerkzeugen aufzurufen. Jeder Patient weiß, dass ich nicht alles wissen kann. Meine Grenzen zu kennen und zuzugeben, ist auch eine wichtige Eigenschaft.

Aber es gibt Situationen, wo das Nachgeschlagene eher schadet, weil die Fülle der Fakten vom Leser nicht eingeordnet werden kann in die Kategorien wichtig oder unwichtig, gefährlich oder ungefährlich, dringend oder nicht dringend. Da zeigt sich dann, dass wir Menschen dazu neigen, aus einer Menge von möglichen Diagnosen mit großer Gewissheit sofort die schlimmste herauszufinden und automatisch auf uns zu beziehen. Das ist nicht nur beim Beipackzettel der Medikamente so, der viele Patienten total verunsichert, weil die Pharmafirma alle denkbar möglichen Nebenwirkungen aufgezählt hat, um ja nicht verklagt zu werden, bzw. sich bei einer Klage auf den Beipackzettel beziehen zu können. Ich habe schon oft gehört: „Herr Doktor, ich habe das Medikament nicht genommen, weil ich den Beipackzettel gelesen habe.“ Das ist wenigstens ehrlich und für mich eine Basis für ein weiteres offenes und vertrauensvolles Gespräch.

Es ist schwierig oder unmöglich, einen Patienten gegen dieses Argument zu überzeugen, das Medikament eben doch regelmäßig wie vorgeschlagen zu nehmen.  Eine Prüfungsfrage für mich ist dann: Würde ich das Medikament nehmen, wenn ich an der Stelle des Patienten wäre? –Das relativiert oft meinen Drang, Patienten zu überzeugen. Dabei muss ich mir immer bewusst sein, dass ein überredeter Patient viel anfälliger für Unzuverlässigkeit und schlechte Mitarbeit ist als ein überzeugter. Ich will keine überredeten Patienten haben. Und schon gar nicht, wenn ich sie mit Schuldgefühlen „motivieren“ müsste. Das ist die fieseste Methode! Ich nehme mir lieber Zeit, die Patienten mit sachlichen Argumenten zu überzeugen. Das geht aber auch nur, wenn ich selbst überzeugt bin von meinem Vorschlag und die Bereitschaft habe nachzugeben, wenn der Patient sich nicht überzeugen lässt. Dann versuche ich, ihm trotzdem ein guter ärztlicher Begleiter zu sein.

Ein typisches Beispiel für Verwirrung durch Dr. Google habe ich vor der Corona-Pandemie in der Notfallpraxis erlebt. Eine Mutter brachte ihre sechzehnjährige Tochter, die völlig haltlos schluchzte und kein Wort mehr sprechen konnte. Erst nachdem ich eine ganze Weile gebraucht hatte, um die Tochter „herunterzureden“ und einigermaßen in Ruhe zu bringen, konnte ich die Frage stellen: „Warum sind Sie so verzweifelt?“

Die Antwort kam zögernd: „Als ich heute Morgen aufwachte, habe ich ein bisschen gehustet. Dann habe ich bei Google gelesen: Wer hustet, hat Lungenkrebs!“

Nachdem ich meinen ersten Schreck über so viel Naivität und kritiklose Gutgläubigkeit wahrgenommen hatte, begann ich ernsthaft mit dem Gespräch und erklärte ihr, für wie viele leichte und schwere Erkrankungen Husten ein Symptom sein kann. Ich untersuchte sie gründlich. Sie hatte einen leichten grippalen Infekt, und ich verordnete ein pflanzliches Medikament. Aber die eigentliche Therapie bestand in einem längeren Gespräch.

Manchmal beginnen die Patienten das Gespräch in der Praxis mit dem Satz: „Ich weiß, dass ich nicht bei Google nachschlagen soll, aber ich habe gelesen, dass ich eine Leukämie, ( … einen Krebs, einen Tumor etc.) habe. Das will ich jetzt abklären lassen.“

Natürlich erwarten viele Patienten, dass wir jetzt sofort die große Maschine anwerfen und den kompletten Checkup machen: Und das unabhängig von der Dauer der Symptome und der Tageszeit, in der ihr Wunsch und ihre Angst zur Handlungsaufforderung für den Arzt werden. eine „große Blutuntersuchung“ oder „die Sache mit dem Gel auf dem Bauch“ oder die „Untersuchung mit der Röhre“ sind das Mindeste, was angefordert wird, auch wenn es bei dem jeweiligen Fall völlig sinnlos ist.

Jetzt bin ich seit 49 Jahren als Arzt tätig und kann gut überschauen, was sich in dieser Zeit im Arzt-Patienten-Verhältnis verändert hat. Ich beobachte in den vergangenen Jahren immer häufiger, dass die Patienten mit Anliegen in die Sprechstunde kommen, die man früher mit dem gesunden Menschenverstand zuhause erledigt hätte. Die Unselbständigkeit der Menschen nimmt zu, und die Anspruchshaltung, dass in der Notfallpraxis auch Banalitäten sofort erledigt werden müssen, greift immer mehr um sich. – Zugespitzt formuliert: Es ist wie überall im richtigen Leben: Jedes soziale Angebot wird von manchen Menschen als Einladung zum Missbrauch angenommen und ausgenützt.

Wenn die Patienten mit einer fertigen Diagnose von Dr. Google das Gespräch eröffnen, sage ich dann manchmal: „Wer bei Google nachschlägt, stirbt!“ Dann mache ich eine Kunstpause und erkläre ganz ernsthaft, dass jedes noch so kleine Symptom wie Schnupfen oder Halskratzen oder ein bisschen Bauchweh ein Zeichen einer schweren und möglicherweise tödlichen Krankheit sein kann. Die Diagnosen, die Google auf ein bestimmtes Stichwort hin aufzählt, sind ja alle realistisch möglich, aber doch nur mit ganz verschiedenen Wahrscheinlichkeiten und unter ganz bestimmten Bedingungen, die der Patient aber nicht kennt und nicht einschätzen und gewichten kann. Und der Grundsatz gilt: Was häufig ist, ist häufig, und was selten ist, ist selten. – Also suchen wir zuerst mal die häufigen Diagnosen.

Dazu kommt, dass wir Menschen dazu neigen, ein wichtiges und unangenehmes oder bedrohlich wirkendes Symptom mit dem zeitlich am nächsten gelegenen anderen Ereignis ursächlich in Verbindung zu bringen. Sie erkennen dabei nicht, dass es wahrscheinlich nur ein zeitlicher Zusammenhang ist, der die Ereignisse verbindet. – Den Unterschied erkläre ich dann so: „Ich bin heute nicht in die Praxis gekommen, weil Sie kommen, denn das wusste ich nicht. Also ist das nur ein zeitlicher Zusammenhang zwischen meinem und Ihrem Hiersein. Das eine ist nicht die Ursache für das andere.“

Wenn dann noch die medizinische Halbbildung des Patienten verknüpft wird mit der manchmal Panik erzeugenden Berichterstattung der Medien mit Dauernachrichtenbeschuss über Nebenwirkungen der Covid-Impfstoffe, entsteht eine Situation wie neulich in der Notfallpraxis.

Die Patientin sagte: „Ich habe gestern meine zweite Impfung gegen Covid bekommen, und jetzt habe ich eine kleine Verdickung hier an der Wade bemerkt.“ Sie zog die Hose hoch und deutete auf ihren Unterschenkel, wo ich große und weiche Krampfadern und einen weichen und schmerzfreien Unterschenkel abtastete. Die Patientin fuhr sehr bestimmend fort: „Google sagt, Sie müssen hier eine Sinusvenenthrombose nach Impfung ausschließen!“

Die Situation entbehrte nicht einer gewissen Komik. Ich musste mich beherrschen, nicht zu lachen. Aber ich habe gelernt, auch da ernst zu bleiben, weil es für die Patienten ernst ist. Sie wissen nicht, dass die Sinusvenen an der Schädelbasis liegen und die Entwicklung einer Sinusvenenthrombose erst etwa fünf Tage nach der Impfung entsteht – wenn sie überhaupt auftritt. Die Wahrscheinlichkeit ist ja extrem gering.

In diesem Fall akzeptierte die Patientin eine sachliche Aufklärung und Untersuchung. Sie meinte auch, die Krampfadern habe sie noch gar nicht bemerkt. Das erschien mir zwar völlig unglaubhaft, aber ich sagte nichts dazu.

Ich machte einen therapeutischen D-Dimer-Test. Das ist ein Blutschnelltest, der positiv ist bei Thrombosen, Lungenembolie, übermäßiger Gerinnung, bösartigen Tumoren oder einer schweren Leberzirrhose. Er kann auch positiv sein bei sehr alten Menschen und Schwangeren. Zur Diagnostik brauchte ich ihn bei dieser Patientin nicht, denn es gab hier für mich keinen Verdacht auf eine Beinvenenthrombose. Die Therapie der aufgeregten und verunsicherten Patientin bestand in dem negativen Testbefund, den wir erhielten. Das war allemal sinnvoller als ein Beruhigungsmittel gegen die Angst, das die Patientin ohnehin sicher nicht genommen hätte.

In diesem Fall war die Covid-Impfung der scheinbare Grund für die vermutete Thrombose in den angeblich erst jetzt entdeckten Krampfadern. Es bestand also nur ein (falsch wahrgenommener) zeitlicher Zusammenhang, kein ursächlicher. Die Krampfadern waren schon lange vorher vorhanden gewesen.

Bei einem Kollegen, der offensichtlich überdrüssig war, mit Diagnosen von Dr. Google konfrontiert zu werden, sah ich in seinem Wartezimmer ein Schild: „Wer seine Erstmeinung bei Dr. Google eingeholt hat, sollte seine Zweitmeinung bei Dr. Yahoo oder Dr. Bing erfragen – und nicht in hier in dieser Praxis!“

So witzig und verstehbar ich das Schild fand: Ich denke da anders. Ich habe gelernt, dass die Patienten manchmal Diagnosen oder therapeutische Gedanken anbringen, an die ich nicht gedacht habe. Kollege Google kennt mehr Fakten als ich. Und ich kann dazu 49 Jahre ärztliche Erfahrung beisteuern. Dann kommen wir sicher gemeinsam zu einer vernünftigen und pragmatischen Lösung. Ich nehme diese Hinweise von Google, die Patienten mir vermitteln, als Gelegenheit, etwas dazu zu lernen oder an etwas zu denken, das mir im Moment nicht eingefallen war. Dass nebenbei auch mal komische oder lustige Situationen entstehen, ist der humorvolle Anteil in unserem Beruf. Das nehme ich dankbar an

Der wichtigste Lehrsatz in der Diagnostik für mich stammt von dem verehrten Internisten Prof. Bock, den ich als Student in Tübingen noch erleben konnte. Er sagte: „Sie können eine Diagnose nur stellen, wenn Sie an diese Diagnose denken!“ Das ist so banal wie richtig und unverzichtbar.

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Schäffer: Jeder Magen hat seinen Reiz. – Rezension

Warum wir Sodbrennen bekommen und Liebe durch den Magen geht

Heyne-Verlag, ISBN 978-3-453-20738-7, 18€, 284 Seiten

Rezension

Ein Chirurg (altgriech. Handwerk, Handarbeit) schreibt ein sehr gutes populärwissenschaftliches Buch. – Das ist der erste Satz, der mir bei der Charakterisierung dieses Buchs wichtig erscheint. Er ist auffallend und bemerkenswert, weil es wenige Chirurgen gibt, die gut lesbare und sehr informative Bücher für Nichtwissenschaftler schreiben. Da sind Allgemeinärzte, Kinderärzte, Neurologen, Internisten und Psychiater sehr viel literaturaffiner und schreibfreudiger.

Ein weiterer Gesichtspunkt, der dieses Buch so lesenswert macht, ist Schäffers pragmatischer und im Praxisalltag so wichtiger Ansatz, auf die psychosomatische Sprache unserer Patienten zu achten. Wenn wir Ärzte ihnen regelmäßig in der Sprechstunde aufmerksam zuhören, erhalten wir durch diese umgangssprachlichen Formulierungen wertvolle Hinweise auf die psychosozialen Hintergründe, die unsere Patienten zu ihren Beschwerden und letztlich zu uns führen. Es wird deutlich, wie sehr der Verdauungstrakt symbolisiert, was wir im übertragenen Sinn im Leben alles zu verdauen haben, was uns reizt, bläht und umtreibt, was uns schwer im Magen liegt, wenn es nicht mehr weitergeht oder wenn wir Schiss haben. Wenn uns die Galle überläuft, weil uns eine Laus über die Leber gelaufen ist, werden wir sauer, und es stößt uns sauer auf.

Der erfahrene Chirurgie-Professor gliedert sein umfangreiches Buch deshalb logischerweise anhand typischer Alltagsfragen aus der Praxis. Ein paar Beispiele: Was treibt den Magen an? Vom Sodbrennen und verrutschten Magen. Kann der Magen ausleiern? Kann der Magen platzen? Geht Liebe durch den Magen? Wenn der Magen das Sagen hat und durch die Galle zu uns spricht. Magengeschwüre, Magenkrebs und Magentherapien. Und die Frage Wie näht man Butter? macht neugierig auf das Kapitel über die Bauchspeicheldrüse! Vom Magenknurren, Schluckauf und saurem Hering. In dem Kapitel Rettung vor Rundungen? Hilft die Magen-OP? bespricht Schäffer die neue chirurgische Disziplin der bariatrischen Chirurgie, die Übergewichtigen Hilfe zur Gewichtsreduktion verschaffen soll.

Natürlich spielen Essen und Trinken eine große Rolle in diesem Buch. Schäffer erklärt wichtige und oft unbekannte Fakten, räumt mit typischen Irrtümern auf und gibt wertvolle praktische Tipps für genussvolle, gesunde und bewusste Ernährung. Er ist ehrlich dabei, denn er gesteht schmunzelnd seine Schwäche, in der Hektik des Klinikalltags Gummibärchen zu naschen.

Viele dramatische Geschichten aus der Klinik, die spannend geschildert werden, zeigen den authentischen Praxisbezug des Buchs und das erzählerische Geschick des Autors.

Schäffer gibt Antworten auf die Fragen und Konflikte in leicht verstehbarer Sprache. So stelle ich mir vor, dass er in der Sprechstunde seinen Patienten antwortet – sachlich korrekt, wissenschaftlich auf neuestem Stand, sehr informativ und abwägend. Er spricht erfahren, lebensklug und humorvoll mit den Menschen. Wir können ihm beim Lesen zuhören. Hier zeigt sich, dass er auf die zwischenmenschlichen Dinge ebenso achtet wie auf sein hoch spezialisiertes operatives Handwerk. Dieses Buch ist nicht nur auch für medizinische Laien flüssig zu lesen; man kann auch als Arzt einiges daraus lernen.

Was ist der Unterschied zwischen einem Mediziner und einem Arzt? Ein Mediziner behandelt einen Magenkrebs. Ein Arzt behandelt einen Menschen, der an Magenkrebs leidet.

Prof. Michael Schäffer ist ein Arzt, der sein Handwerk (im wörtlichen und besten wertschätzenden Sinn gemeint) menschenwürdig ausübt – und überzeugend und unterhaltend darüber schreibt.

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Sein Bild in meinem Bild

Am Totensonntag wurde ich spät abends zu meiner fünften Leichenschau an diesem Tag in ein Pflegeheim gerufen. Die Pflegefachkraft berichtete: „Das ist eine skurrile Situation. Der Patient ist gerade heute, am Todestag seiner Frau verstorben. Ich glaube nicht, dass das ein Zufall ist. Die beiden hatten eine besonders innige Beziehung. Sie starb vor fünf Jahren. Er war ein liebenswerter Mann und ist uns allen sehr ans Herz gewachsen, seit er hier wohnt. Als ich vorhin in sein Zimmer kam, saß er ganz entspannt in seiner bequemen Lieblingshaltung im Sessel und hatte einfach aufgehört zu atmen. Wir haben ihn dann ins Bett gelegt.“

Ich schaute die Krankenakte des 86-jähringen Mannes an, bevor ich zu ihm ging. Eine Demenz war die Grunderkrankung. Sonst gab es neben dem Diabetes und einer chronischen Niereninsuffizienz keine besonderen Diagnosen oder Vorkommnisse. Die letzten Tage waren ganz unauffällig verlaufen.

Als ich in das Zimmer des Patienten trat, sah ich den Mann auf dem Rücken liegen. Der Oberkörper war durch das schräg gestellte Kopfteil des Bettes erhöht, und ein Kissen unterstützte den Kopf, sodass sein Gesicht auf die Hände gerichtet war. Sie hielten auf der Bettdecke ein Bild in hellem Holzrahmen. Obwohl die Augen geschlossen waren, betrachtete er in aller Ruhe das Bild.

Ich war im ersten Moment sehr verblüfft von dieser ungewöhnlichen Anordnung, die ich so noch nie gesehen hatte. Denn üblicherweise werden die Verstorbenen ganz flach gelagert, und sie bekommen oft ein Kreuz oder ein Blume in die Hände gelegt. Ich zögerte einen Moment und ließ den sanften Eindruck auf mich wirken. Dann schaute ich das Bild an. Es war sein Hochzeitsfoto.

Jetzt an seinem Sterbetag und am Todestag seiner Frau war er mit ihr vereint. Der Lebenskreis war geschlossen.

„Wissen Sie,“, sagte die Pflegefachkraft, „seine Frau war sehr wichtig für ihn, er sprach jeden Tag ganz liebevoll von ihr.“

Ich steckte spontan meine Hand in die Hosentasche, um mein Handy für ein Foto zu zücken. Mein zweiter Gedanke hielt mich aber sofort zurück. Ich spürte, wie ich damit die Stimmung gestört hätte. Deshalb wartete ich nachdenklich eine Weile ab und formte dann langsam mit meinen Daumen und Zeigefingern einen Bilderrahmen: „Dieses Bild möchte ich mir intensiv einprägen, das ist ausdrucksstark! Es war eine würdevolle Idee, dem Mann sein Hochzeitsbild in die Hände zu geben.“

PS: Nachträglich habe ich vom Bestatter erfahren, dass er dem Verstorbenen das Hochzeitsfoto in den Sarg mitgegeben hat.

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Das war knapp!

Abendsprechstunde in der Notfallpraxis des Marienhospitals Stuttgart.

Der Patient, etwa vierzig Jahre alt, klagte: „Ich bin Migräne-Patient. Seit gestern habe ich schon fünf Tabletten Rizatriptan® genommen, und es hilft nicht. Bald platzt mein Kopf, hier links an der Schläfe ist es am schlimmsten.“
„Haben Sie Flimmern vor den Augen, oder sehen Sie verschwommen?“
„Ja!“
„Ist es Ihnen übel?“ –
„ Ja, ich habe auch schon erbrochen!“
„Gut dann gebe ich Ihnen eine Infusion mit Novaminsulfon.“
„Ich habe aber eine schwere Allergie gegen Ibuprofen!“
„Es ist gut, dass Sie das sagen. Aber ich möchte Ihnen Novaminsulfon geben. Das hilft im Allgemeinen sehr gut und rasch. Kennen Sie Novaminsulfon? Haben Sie es schon einmal gehabt?“
„Nein, das kenne ich nicht!“
Ich wunderte mich, dass der Migränepatient das typische Medikament gegen Migräne nicht kannte.
Die MfA spritzte in die 500 ml Ringerlösung auf meine Bitte hin 1 g Novaminsulfon®, 2 Ampullen Histakut® und eine Ampulle Metoclopramid. Ich legte die Kanüle und ließ die Infusion laufen. Der Patient lag in einem Transportrollstuhl vor meinem Behandlungszimmer. – Wir hatten keinen anderen Platz als auf dem Flur.
Es waren bestimmt nicht mehr als fünf Milliliter Infusionsflüssigkeit eingelaufen, da sah ich, wie dem Patient der Schweiß auf die Stirn trat, und der Mann sagte: „Da fängt eine Allergie an, es kribbelt in den Fingern, und mir wird so warm!“
Ich erschrak, stellt die Infusion sofort ab und bat die MFA: „Bitte geben Sie mir schnell 250 mg Solu-Decortin, das spritze ich direkt in die Vene.“
Während sie das Medikament aufzog, sah ich, wie der Patient unruhig wurde, ein ganz rotes Gesicht bekam und stark schwitzte. Es war mir klar, da bildete sich ein anaphylaktischer Schock aus. 
Als ich gerade das Kortison injizierte hatte, verdreht der Patient die Augen, wurde bewusstlos und hörte auf zu atmen. Während die eine MfA den Herzalarm auslöste, gab ich mit einem Ambubeutel dem Patient einige Atemstöße, die Atmung setzte wieder ein. Das Herz schlug schnell und regelmäßig. Die andere MfA hob die Beine des Mannes hoch, um den Schock so weit wie in dieser Lage möglich auszugleichen.
Rasch war die Notfallmannschaft von der Intensivstation bei uns.
Die Übergabe war einfach: „Das ist ein anaphylaktischer Schock auf Novaminsulfon, 250 mg Solu-Decortin habe ich schon gespritzt.“
„Gut, dann gebe ich ihm noch Suprarenin“, sagte der Kollege von der ITS.
Während er das Medikament spritzte, wachte der Patient auf.
Die Intensivmannschaft nahm den Mann mit, und wir waren froh, dass noch einmal alles gut gegangen war. Ich nahm mir vor, am späteren Abend mich nach seinem Befinden zu erkundigen.
Der Kollege von der ITS kam mir zuvor, er rief an:
„Haben Sie in der Notfallpraxis einen Zugang zu unseren Klinikakten?“
„Nein, das ist aus Datenschutzgründen abgelehnt worden. In Leonberg haben wir in der Notfallpraxis aus demselben Grund auch keinen Zugang zur Klinik-EDV. – Wie geht es dem Mann?“
„Es geht ihm jetzt wieder gut. Aber ich habe nachgeschaut: Er war vor fünf Wochen hier stationär wegen einer schweren Allergie auf Metamizol!“
Ich erschrak sehr. „Oje, ich habe ihn nur gefragt, ob er Novaminsulfon kennt und ob er das schon einmal hatte, und er hat nein gesagt!“
Das Erlebnis ist mir eine Lehre! In Zukunft werde ich fragen: „Haben Sie eine Allergie gegen Novaminsulfon, Novalgin oder Metamizol? Das ist dasselbe!“
Vielleicht hätte der Patient diese Frage bejaht, und wir hätten den Schock verhindern können.
Ich schicke diese Geschichte an einige Kolleginnen und Kollegen in der Hoffnung, dass wir dadurch eine Wiederholung der gefährlichen Situation vermeiden können.

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Was Bill Gates zu Corona-Virus und Covid-19 sagt

Leider habe ich für diesen Originaltext keine verlässliche und belastbare Quelle. Ich bekam den Text von einem Bekannten ohne Quellenangabe geschickt. Im Internet steht der Text unter einem Link von Volkswagen:  https://www.auburnvw.com/bill-gates-on-covid-19/

Da der Inhalt des Textes aber genau den bisher bekannten Meinungen von Bill Gates entspricht, zweifle ich nicht daran, dass der Text von ihm stammt. Sollte der Text nicht von Bill Gates sein oder kann mir jemand die Quelle nennen, bitte ich um Nachricht.

Der englische Text folgt nach meiner Übersetzung

 

Was lehrt uns das Corona-Covid-19-Virus wirklich?

Ich glaube fest daran, dass es eine spirituelle Absicht hinter  allem Geschehen gibt, egal ob wir das als gut oder schlecht empfinden. Da ich darüber tief nachdenke, möchte ich mit euch teilen, was das Corona-Covid-19-Virus in Wirklichkeit mit uns macht.

Es erinnert uns, dass wir alle gleich sind, unabhängig von unserer Kultur, Religion, Beschäftigung, finanziellen Lage oder wir berühmt wir sind. Diese Krankheit behandelt uns alle gleich, vielleicht sollten wir es auch so machen. Wenn ihr mir nicht glaubt, fragt Tom Hanks.

Es erinnert uns, dass wir alle verbunden sind und dass etwas, was einen Menschen betrifft, auch eine Wirkung auf einen anderen hat. Es erinnert uns, dass die falschen Grenzen, die wir errichtet haben, wenig Wert haben, da dieses Virus keinen Pass braucht.  Es erinnert uns durch eine kurzzeitige Unterdrückung an jene auf dieser Welt, deren ganzes Leben in Unterdrückung verbracht wird.

Es erinnert uns, wie kostbar unsere Gesundheit ist und wie wir dazu gekommen sind, das zu vernachlässigen, indem wir nährstoffarm hergestellte Kost essen und Wasser trinken, das über und über voll mit Chemikalien ist. Wenn wir uns nicht um unsere Gesundheit kümmern, werden wir natürlich krank.

Es erinnert uns an die Kürze des Lebens und daran, was wir am wichtigsten tun müssen, nämlich einander zu helfen, besonders denen, die alt und krank sind. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, Toilettenpapierrollen zu kaufen.

Es erinnert uns, wie materialistisch unsere Gesellschaft  geworden ist und wie in Zeiten der Schwierigkeiten es die entscheidenden Dinge sind, die wir brauchen (Nahrung, Wasser, Medizin) im Gegensatz zu den Luxusgütern,  denen wir manchmal unnötigerweise Wert zumessen.

Es erinnert uns, wie wichtig unsere Familie und unser häusliches Leben sind und wie sehr wir das vernachlässigt haben. Es zwingt uns zurück in unsere Häuser, damit wir sie wieder zu unserem Heim aufbauen und die Familieneinheit stärken können.

Es erinnert uns, dass unsere wahre Arbeit nicht in unserem Job besteht, das ist, was wir machen, und nicht, wozu wir geschaffen wurden. Unsere eigentliche Arbeit besteht darin, uns um einander zu kümmern, uns gegenseitig zu schützen und füreinander von Nutzen zu sein.

Es erinnert uns, unsere Egos unter Kontrolle zu halten. Es erinnert uns, dass egal für wie groß wir uns halten und wie groß andere uns halten, ein Virus unsere Welt zum Stillstand bringen kann.

Es erinnert uns, dass die Kraft des freien Willens in unseren Händen liegt. Wir können wählen zu kooperieren und einander zu helfen, zu teilen, zu schenken, zu helfen und einander zu unterstützen, oder wir können wählen, selbstsüchtig zu sein, zu horten, uns nur um uns zu kümmern. Es ist in der Tat so, dass es Schwierigkeiten sind, die unsere wahren Farben hervorbringen.

Es erinnert uns, dass wir geduldig sein können, oder wir können panisch sein.  Wir können entweder verstehen, dass die Art der Lage schon mehrfach vorher in der Geschichte geschehen ist und vorbeigehen wird. Oder wir können panisch sein und es als Ende der Welt ansehen und uns folglich mehr Schaden als Nutzen zufügen.

Es erinnert uns daran, dass dies entweder ein Ende oder ein Neubeginn sein kann. Dies kann eine Zeit der Überlegung und des Verstehens sein, in der wir aus unseren Fehler lernen, oder es kann der Anfang eines Kreislaufs sein, der andauert, bis wir schließlich die Lektion lernen, die wir lernen müssen.

Es erinnert uns, dass diese Erde krank ist. Es erinnert uns, dass wir genauso dringend auf das Ausmaß der Entwaldung schauen sollten wie auf die Geschwindigkeit, mit der die Toilettenpapierrollen aus den Regalen verschwinden. Wir sind krank, weil unser Heim krank ist.

Es erinnert uns, dass nach jeder Schwierigkeit immer Leichtigkeit folgt. Das Leben ist wie ein Kreislauf, und dies ist eben eine Phase in diesem großen Kreislauf. Wir brauchen nicht panisch zu sein, auch das wird vorbeigehen.

Während viele das Corona-Covid-19-Virus als große Katastrophe sehen, sehe ich es lieber als einen großen Verbesserer. Es ist uns geschickt, um uns an die wichtigen Lektionen  zu erinnern, die wir anscheinend vergessen haben, und es liegt an uns, ob wir sie lernen oder nicht.

Übersetzung von Dr. Dietrich Weller am 07.04.2020

Und hier ist der Originaltext, wie er mir am 07.04.2020 geschickt wurde.

What is the Corona/ Covid-19 Virus Really Teaching us?

I’m a strong believer that there is a spiritual purpose behind everything that happens, whether that is what we perceive as being good or being bad. As I meditate upon this, I want to share with you what I feel the Corona/ Covid-19 virus is really doing to us:

It is reminding us that we are all equal, regardless of our culture, religion, occupation, financial situation or how famous we are. This disease treats us all equally, perhaps we should, too. If you don’t believe me, just ask Tom Hanks.

It is reminding us that we are all connected and something that affects one person has an effect on another. It is reminding us that the false borders that we have put up have little value as this virus does not need a passport. It is reminding us, by oppressing us for a short time, of those in this world whose whole life is spent in oppression.

It is reminding us of how precious our health is and how we have moved to neglect it through eating nutrient poor manufactured food and drinking water that is contaminated with chemicals upon chemicals.  If we don’t look after our health, we will, of course, get sick.

It is reminding us of the shortness of life and of what is most important for us to do, which is to help each other, especially those who are old or sick. Our purpose is not to buy toilet roll.

It is reminding us of how materialistic our society has become and how, when in times of difficulty, we remember that it’s the essentials that we need (food, water, medicine) as opposed to the luxuries that we sometimes unnecessarily give value to.

It is reminding us of how important our family and home life is and how much we have neglected this. It is forcing us back into our houses so we can rebuild them into our home and to strengthen our family unit.

It is reminding us that our true work is not our job, that is what we do, not what we were created to do. Our true work is to look after each other, to protect each other and to be of benefit to one another.

It is reminding us to keep our egos in check. It is reminding us that no matter how great we think we are or how great others think we are, a virus can bring our world to a standstill.

It is reminding us that the power of freewill is in our hands. We can choose to cooperate and help each other, to share, to give, to help and to support each other or we can choose to be selfish, to hoard, to look after only our self. Indeed, it is difficulties that bring out our true colors.

It is reminding us that we can be patient, or we can panic. We can either understand that this type of situation has happened many times before in history and will pass, or we can panic and see it as the end of the world and, consequently, cause ourselves more harm than good.

It is reminding us that this can either be an end or a new beginning. This can be a time of reflection and understanding, where we learn from our mistakes, or it can be the start of a cycle which will continue until we finally learn the lesson we are meant to.

It is reminding us that this Earth is sick. It is reminding us that we need to look at the rate of deforestation just as urgently as we look at the speed at which toilet rolls are disappearing off of shelves. We are sick because our home is sick.

It is reminding us that after every difficulty, there is always ease. Life is cyclical, and this is just a phase in this great cycle. We do not need to panic; this too shall pass.

Whereas many see the Corona/ Covid-19 virus as a great disaster, I prefer to see it as a great corrector. It is sent to remind us of the important lessons that we seem to have forgotten and it is up to us if we will learn them or not.
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Die Geldquellen in einer Uhr

Die Geschichte begann, als die Uhr stehen blieb. Allerdings ist es keine gewöhnliche Uhr. Nein, meine liebe Frau Birgit hat sie vor vielen Jahren geschenkt bekommen, und deshalb ist die kleine rechteckige Golduhr mit schlichter Eleganz ein wertvolles Erinnerungsstück. Auf dem schwarzen Zifferblatt steht der Name einer weltberühmten Modefirma.

„Die Uhr braucht sicherlich eine neue Batterie“, meinte Birgit und brachte das Schmuckstück beim nächsten Bummel in Stuttgart zu einem namhaften Uhrenhändler.

„So einfach ist das nicht!“, gab der Händler zu bedenken. „Diese Firma macht die Batteriewechsel selbst, wir bekommen keine Ersatzteile. Dafür müssen wir die Uhr einschicken. Und hier sehe ich noch einen kleinen Kratzer im Glas. – Ich lasse Ihnen einen Kostenvoranschlag machen. Dann melden wir uns in ein paar Tagen bei Ihnen.“

„Was kostet denn so eine Batterie? Letztes Mal war die sehr teuer.“

„Also mit etwa 200 Euro sollten Sie rechnen. Und dann müssen wir sehen, was die Firma noch alles reparieren will.“

„Aber ich brauche doch nur eine neue Batterie!“

Der Verkäufer beschwichtigte und vertröstete sie auf den Kostenvoranschlag. Als dieser per E-Mail bei uns eintraf, war ich zuerst einmal sprachlos.

Da stand „Kompletter Service 305 €, Ersatz des Zifferblattes 219 €, Ersatz des Glases 58 €, zusammen 582 €.“ Optional wurde noch Ersatz des Zeigersets für 44 € und Ersatz der Krone für 35 € in Aussicht gestellt. Alles zusammen für schlappe 661 €. – Und von Batteriewechsel stand da nichts. Immerhin wurden wir informiert, dass die Reparatur etwa 40 Werktage in Anspruch nehmen würde. Der Verkäufer bestätigte uns, dass die Firma die Batterie nur wechselt, wenn die erwähnten Reparaturen auch beauftragt werden.

„Das lasse ich nicht machen, das ist doch viel zu teuer!“, war Birgit entsetzt.

Ich pflichtete ihr bei, meinte aber: „Wenn du die Uhr nicht reparieren lässt, liegt sie im Schrank, und dann hast du gar nichts davon, und eine Uhr, die nicht läuft, nur als Schmuckstück anzuziehen, ist auch doof.“

Nach einigen Wochen Bedenkzeit versuchten wir es noch einmal beim selben Händler, allerdings bediente uns ein anderer Verkäufer.

Birgit machte ihn auf die etwas lockere Schließe im Lederarmband aufmerksam.

„Die Schließe funktioniert prima, aber kann man sie etwas straffer einstellen? Und was kostet die Batterie, die in dem Kostenvoranschlag gar nicht aufgeführt ist, obwohl wir gerade deshalb kamen?“

Der Verkäufer antwortete routiniert: „Ich muss die Uhr einschicken und einen Kostenvoranschlag anfordern. Wir benachrichtigen Sie!“

Ein paar Tage später kam der neue Kostenvoranschlag.

Jetzt standen außer den bereits bekannten Reparaturen noch folgende Kosten auf dem Plan: „Ersatz der Faltschließe 350 €, Ersatz des Armbandes 200 €.“ Zusammen waren das 1.214 €, und der Batteriewechsel wurde wieder nicht erwähnt. Aber die angekündigte Reparaturzeit schrumpfte auf 10 Werktage. Die Verdoppelung des Rechnungsbetrags verkürzte die Bearbeitungszeit auf ein Viertel.

Na, man gönnt sich ja sonst nichts! Ich überlegte mir, dass ich Birgit von diesem Geld locker für jeden Wochentag eine neue Extrauhr kaufen könnte.

Ich schrieb eine E-Mail zurück: „Da Ihre Firma nicht bereit ist, den Reparaturauftrag ohne Ersetzen der Schließe zu erledigen, möchten wir keine Reparatur und schließen daraus, dass es Ihrer Firma in erster Linie um Erschließung der Geldquellen geht und nicht um die Erfüllung der Kundenwünsche.“

Prompt kam die Nachricht, die Uhr liege zur Abholung bereit. Als Birgit die Uhr entgegennehmen wollte, beklagte sie sich bei dem Verkäufer über das kundenfeindliche Verhalten der Firma.  Er lächelte etwas gequält, zuckte mit der Schulter und sagte bedauernd: „Ich kann Sie gut verstehen, aber das ist in dieser Firma üblich, wir kennen die Beschwerden schon lang und können nichts dagegen machen. – Tatsache ist, dass Sie hier einen kleinen Spalt am Uhrglas sehen, durch den Feuchtigkeit eingedrungen ist. Sie dürfen diese Uhren nie im Badezimmer liegen lassen! Deshalb will die Firma das Zifferblatt ersetzen. Die Schließe, die Krone und das Zeigerset muss man nicht ersetzen.“

„Aber offensichtlich funktioniert die Geschäftsidee mit den angeblich notwendigen Zwangsreparaturen sehr gut, die Leute zahlen das. Sonst würde die Firma das nicht so machen!“, entgegnete ich. „Außerdem wissen wir jetzt genau, von welcher Firma wir in Zukunft keine Produkte mehr kaufen.“

Als wir den Laden verlassen hatten, begegneten wir einem Bekannten, der uns ein Uhrengeschäft ganz in der Nähe empfahl: „Die wechseln die Batterie!“

In dem sehr gepflegt wirkenden Geschäft wurden wir freundlich empfangen. Birgit legte die Uhr auf den Tisch und sagte: „Ich glaube, die Uhr läuft nicht mehr, weil die Batterie leer ist. Können Sie das prüfen und eventuell eine neue Batterie einsetzen?“

Die Verkäuferin schaute die Uhr mit einem prüfenden Blick an und griff zum Telefonhörer: „Wir brauchen jetzt einen Batteriewechsel!“, und dann zu uns gewandt: „Haben Sie ein bisschen Zeit? Wir machen das gleich.“

„Das trifft sich gut“, sagte ich, „wir gehen jetzt zum Mittagessen und kommen anschließend wieder vorbei.“

Die Geschichte endet jetzt, weil die Uhr wieder zuverlässig läuft. Nach einem Batteriewechsel für 20 Euro.

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Das Krieger-Gen und der Populismus

 Viele Menschen versuchen, ihr eigenes mangelndes Selbstwertgefühl zu verbessern, indem sie ihre Mitmenschen hetzen, demütigen, beleidigen, als minderwertig darstellen oder in irgendeiner anderen Weise herabsetzen. Es ist ja sehr einfach, am Anderen Fehler zu entdecken und zu kritisieren. Dass wir diese nur entdecken können, weil wir sie in der Anlage selbst auch besitzen, wird meist großzügig übersehen. Die Logik dahinter ist einfach: Wenn der Andere meiner Meinung nach weniger wert ist als ich, bin ich „sozial mehr wert“. Der scheinbare Vorteil dieser Verhaltensweise besteht darin, dass ich nicht an mir arbeiten muss, um meinen gesellschaftlichen Wert und mein soziales Ansehen zu verbessern. Der Andere muss etwas tun und besser werden! Und wenn er etwas verbessert, werde ich ihn kleinhalten und weiter niedermachen, um den Abstand zwischen uns nicht kleiner werden zu lassen. Deshalb werden Friedensaktivisten auch so oft Opfer von hoch aggressiven Mitmenschen. Denken wir nur an Jesus, Mahatma Ghandi, Martin Luther King, Olaf Palme; Anwar Al Sadat und viele andere. Die Tatsache, dass Nelson Mandela hochbetagt eines natürlichen Todes starb, ist für mich die Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Die gegensätzliche Sichtweise besteht darin, an sich selbst zu arbeiten und sich zu verbessern. Dann kann ich den Anderen als Hilfe sehen, in dessen Spiegel ich meine Unzulänglichkeiten sehe. Das ist eine therapeutische Begegnung, die mir helfen kann, meine eigene Entwicklung zu verbessern.

Die erste Lebenseinstellung ist die einfachere und vordergründig und besonders in der Menschenmasse wirkungsvoller. Sie beflügelt die Populisten und sichert ihnen ein zahlreiches Publikum und Wahlvolk, das jemanden gefunden hat, der so ist wie sie selbst (sein wollen) und „es den Andern mal richtig zeigt“![1]

Die zweite Lebenseinstellung ist schwieriger, bringt aber zuverlässig charakterliches Wachstum und echtes Ansehen in der Gemeinschaft.

Wenn wir die politische Landschaft von der Familienebene bis zur Weltpolitik überschauen, finden wir überall Beispiele für beide Lebensweisen. Die Abwertung, Verfolgung, Bestrafung, Ablehnung Andersdenkender zählt zum täglichen Geschäft der Populisten, die dem breiten Volk das Blaue vom Himmel herunter versprechen und die einfachsten menschlichen Instinkte bedienen, um unterstützt und wiedergewählt zu werden. Angeblich wollen sie dem Volk dienen, in Wirklichkeit dienen sie ihrem eigenen Ego und Geldbeutel. Dazu sind ihnen (fast?) alle Mittel erlaubt, die sie selbstverständlich dem Gegner mit Macht verwehren und bei ihm anprangern, wenn er sie auch nützt.

Ein besonders fieses und nicht sofort im Detail durchschaubares Beispiel dieses scheinbar seriösen politischen Denkens habe ich neulich kennengelernt.

Ich wurde auf dieses Video aufmerksam gemacht:

https://www.youtube.com/watch?v=8eO_HNs_BwQ&feature=share

Hier hält Stefan Magnet einen kurzen Vortrag darüber, dass ein italienisches Gericht einem Mörder mit dem sogenannten Killergen geringere Strafen auferlegt hat als Mördern, die dieses Gen nicht in sich tragen. Magnet bringt einige drastische Beispiele von grausamen Verbrechen und vergleichsweise abgemilderten Strafen, weil bei den Tätern dieses Killergen nachgewiesen werden konnte. 2009 zum Beispiel erhielt ein verurteilter Mörder im Berufungsverfahren eine um ein Jahr reduzierte Haftstrafe, weil bei ihm die weniger aktive Variante dieses Killergens nachgewiesen wurde.

Der Zuhörer wird automatisch emotional aufgeladen, und die Forderung „Gleiche Strafen für gleiche Taten!“ springt sofort im Zuschauer an. Magnet spielt virtuos und beredt mit diesem Gefühl, das –wenn der kritische Kopf nicht eingeschaltet wird-, genauso rasch harte Strafen für die gengeschädigten Menschen fordert wie für einen „normalen“ Mörder. Die Darstellung von Magnet legt nahe, dass die Träger dieses Gens gemeingefährlich sind. Wie das Wort sagt, scheinen alle Träger dieses veränderten Gens Mörder zu sein oder zu werden.

Aber: War da nicht mal etwas in der deutschen Vergangenheit mit sogenanntem lebensunwertem Leben? Mit Menschen, die Erbkrankheiten hatten, vermindert intelligent oder missgebildet waren oder gar zu einer fremden Religion gehörten? Was hat der größte Populist aller Zeiten und Führer der „Herrenrasse“ mit diesen gemacht? – Ersparen Sie mir Details. Jetzt merken Sie, worauf ich raus will.

Deshalb habe ich über dieses Killergen recherchiert. Dabei war meine erste Entdeckung, dass es in der wissenschaftlichen Literatur Warrior-Gen, also Kriegergen heißt. Aber Killergen klingt schlimmer, absolut verdammenswert und ist deshalb in einer Rede mit Magnets Ziel viel wirkungsvoller! Populisten bedienen sich typischerweise einer einfachen und suggestiven Sprache!

Tatsächlich gibt es ein Enzym, das Monoaminooyxidase A (abgekürzt MAOA) heißt und den Abbau der wichtigen Botenstoffe Dopamin und Serotonin im Nervensystem steuert.[2] Das Gen, das die Bildung von MAOA kodiert, ist auf dem kurzen Arm des X-Chromosoms lokalisiert. Wenn der Körper eine weniger aktive Variante des Gens hat, kann die gesteigerte Menge von Dopamin die Aktivität einiger Hirnareale und damit auch Aggression fördern. Dies geschieht aber nicht zwangsläufig, sondern nur, wenn Umweltfaktoren wie Traumatisierung, Frustration oder Provokation die Verhaltensveränderung begünstigen.[3] Missbrauch im Kindesalter, eine der schwersten Traumatisierungen, ist in den meisten Fällen von MAOA-Mangel mit kriminellem oder besonders aggressivem Verhalten nachgewiesen worden und wird als stark begünstigender Faktor für spätere Aggressionen gesehen.

Auch in Ruhe konnte bei Menschen mit inaktiver MAOA-Genvariante in MRT-Serienuntersuchungen eine geringere Aktivität in verschiedenen Arealen nachgewiesen werden, die für kognitive Kontrolle, Aufmerksamkeit und Steuerungsfunktionen wie Planen, Denken und Problemlösen verantwortlich sind. Das zeigt, dass die Wirkung des geschädigten Gens schon in Ruhe und ohne äußere Einflüsse nachweisbar ist. Ob daraus eine spezifische Therapie der Betroffenen abgeleitet und entwickelt werden kann, ist zurzeit noch Gegenstand der Forschung.

Magnet sagt, dass nur 0,1-0,5 % der Deutschen die verminderte Genvariante von MAOA tragen, die Araber aber mit 15,6 % der Bevölkerung betroffen sind. Was schließt der unkritische deutsche Zuhörer daraus?  Er denkt: „Wir sind die Guten, und die Araber sind die Bösen!“ Ist das nicht eine Steilvorlage für einen angeblich wissenschaftlich begründeten Ausländerhass und eine fremdenfeindliche Politik? Und schon steht an der nächsten Wand eines Migrantenwohnheims: „Ausländer raus!“

Wenn man aber die wissenschaftlichen Zahlen liest, sieht es ganz anders aus: Dr. Benjamin Clemens von der Universitätsklinik für Psychiatrie in Aachen schreibt[4], dass etwa 40 %(!) der westeuropäischen Bevölkerung diese vermindert aktive MAOA-Genvariante in sich tragen. Jetzt möchte ich Herrn Magnet fragen, ob wir mit diesem Wissen und seiner Logik die Araber und Türken, die zu uns kommen wollen, vor den Europäern warnen(!) müssen, weil nach Magnets Darstellung (fast) alle Träger dieses Gens aggressiv und potenzielle Mörder sind oder werden.

Der niederländische Genetiker Han Brunner von der Universität Nijmwegen entdeckte 1993 eine besonders schwerwiegende Variante des MAOA-Gens bei einer Familie, deren männliche Mitglieder alle durch ihr aggressives Verhalten und ihren Hang zur Kriminalität auffielen. Es wurde von ihnen kein MAOA mehr produziert. Diese Erbkrankheit heißt heute Brunner-Syndrom. Die Betroffenen sind alle Männer, zeigen oft verminderte Intelligenz und einen starken Hang zur Impulsivität, gesteigertes sexuelles Verlangen, extreme Stimmungsschwankungen und den Hang zu Gewalttätigkeit. Es gibt aber auch noch weitere Mutationsformen dieses Gens, die weniger eindeutige Auswirkungen haben.

Nehmen wir drei einfache Beispiele aus dem Alltag zur Anschaulichkeit: Ein Schizophrenie-Kranker denkt in einem psychotischen Schub mit Verfolgungswahn, dass sein Arzt ihn umbringen will und ersticht ihn „in Notwehr!“ –  Ein anderer Mann hat einen Hass auf den Liebhaber seiner Frau, plant minutiös dessen Mord und tötet ihn kaltblütig. – Der nächste Täter hat das Brunner-Syndrom und rastet aus, als ein Stammtischbruder ihm widerspricht und ermordet diesen im Affekt. – Nach Magnets Logik verdienen alle die gleich hohe Strafe!

Mal zynisch weitergedacht: Tot ist tot, egal wie der Mensch zu Tode kam. Dann brauchen wir auch keine Unterschiede zu machen zwischen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung mit Todesfolge, kaltblütig kalkuliertem und verübtem Mord oder Tötung durch einen geisteskranken oder gengeschädigten Menschen. Dann erhalten alle Täter dieselbe Strafe, weil alle „über einen Kamm geschoren“ werden. Das wäre eine radikale Vereinfachung unserer Justiz und würde viel Geld sparen.

Ich denke, sie verdienen individuelle Gerichtsprozesse mit Überprüfung der jeweiligen Sachlagen, Motivationen, Hintergründe und Schuldfähigkeit und ein individuelles Urteil im Rahmen unserer Strafgesetzgebung. Das ist mühsam, zeitaufwändig, teuer und oft eine schwere Belastung für alle Beteiligten. Aber es ist ein Versuch, jedem Menschen, der straffällig geworden ist, gerecht zu werden.

Was sollen wir mit Menschen machen, die gen-verändert sind und vielleicht gefährlich werden? Die populistische Antwort ist einfach: „Gen-veränderte Menschen, die gemeingefährlich sind, müssen aus dem Verkehr gezogen werden.“ Dieses wörtliche Zitat bekam ich als Antwort, als ich den Entwurf dieses Artikels einer Bekannten geschickt hatte!

Wenn wir aber wissen, dass etwa 40% der Europäer, also fast die Hälfte!!, das vermindert aktive MAOA-Gen haben und vielleicht gefährlich werden, was sollen wir dann mit unserer Bevölkerung machen? Und wir wissen aus der täglichen Erfahrung,. Dass bei Weitem nicht 40% der europäischen Bevölkerung aggressiv und gewalttätig sind.

Sollen wir etwa eine Pflicht einführen, dass jeder Mensch auf die Aktivität seines MAOA-Gens untersucht wird, damit wir ihn dann –wie auch immer – „aus dem Verkehr ziehen“ können, wenn es eine zu geringe Aktivität ausweist? – Ich hoffe, Sie spüren meine tiefe Ablehnung hinter dieser absurden und zynischen Frage! – Als ich diesen Satz über das „Aus-dem-Verkehr-Ziehen“ gelesen habe, erschienen die Bilder von Gaskammern, Konzentrationslagern und Massenerschießungen vor meinem inneren Auge.

Ich will dieser Bekannten wirklich nicht unterschieben, sie plane diese Form des „Aus-dem-Verkehr-Ziehens“, aber wie sollen wir denn die potenziell Gemeingefährlichen entdecken, und wie sollen sie konkret behandelt werden? Gefängnis allein, „Wegsperren“ ist keine taugliche Antwort. Aber ein Verhalten, das eine zivilisierte und kultivierte Bevölkerung auszeichnet, sollten wir schon anstreben bzw. weiterentwickeln. Die therapeutischen Möglichkeiten müssen weiter entwickelt werden. Sicherheitsverwahrung ist nur in Ausnahmefällen sinnvoll. Und eine pauschale Verurteilung von irgendwelchen „verdächtigen Genträgern“ lehne ich rundweg ab.

Noch etwas als Nachwort:

Ich habe mal geschaut, wer Herr Stefan Magnet ist.[5] Er ist Werbetexter und war Führungskader der bis 2007 in Österreich aktiven Neonazigruppe „Bund freier Jugend“. Dort war Stefan Haider einer seiner Stellvertreter. Von Stefan Magnet gibt es Videos über seine politische Meinung auf Youtube, die ich nicht angeschaut habe, weil mir das oben besprochene schon gereicht hat. Ich möchte, wenn möglich, gern ausgewogene Informationen haben, auch mit dem „Risiko“, dass ich sorgfältiger darüber nachdenken muss.

[1] Meine Prognose: Aus genau diesem Grund wird Donald Trump eine zweite Amtsperiode erhalten!

[2] Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, Oxytocin und Phenethylamin (PEA) und Endorphin gehören zu den sogenannten Glückshormonen.

[3] Zusammenfassung von MAOA-Gen und Aggression sichtbar gemacht, siehe https://www.medmix.at/welchen-einfluss-haben-aggression-gene-wirklich/

[4] https://www.medmix.at/welchen-einfluss-haben-aggression-gene-wirklich/

[5] https://rfjwatch.wordpress.com/2013/05/27/ehemaliger-neonazi-kader-als-werbefachmann-haimbuchners/

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Der defekte Kompass

Es ist hilfreich, einen Kompass zu nutzen, wenn wir unseren Weg suchen. Das setzt voraus, dass wir unser Ziel kennen und den Kompass richtig benützen. Dies gilt im übertragenen Sinn auch für die Orientierung in geistiger und sozialer Richtung.

Meine Geschichte zeigt, was geschieht, wenn jemand einen defekten Kompass nutzt und ihn für voll funktionsfähig hält.

Schon gleich zu Beginn der Abendsprechstunde um 18 h in der Notfallpraxis lag eine Anforderung von der DRK-Leitstelle vor, einen Hausbesuch zu machen bei einem Mann, der einen suprapubischen Blasenkatheter und Fieber habe. Der Patient war uns bekannt, weil er schon einmal mit Urosepsis stationär eingewiesen werden musste. Da ich der einzige Arzt in der Sprechstunde war, musste ich diese bis 22 Uhr abhalten. Deshalb hat ich den Praxishelfer, bei dem Patienten anzurufen, die Situation zu klären und unseren Besuch für kurz nach 22 Uhr zuzusagen. Die Ehefrau des Patienten klang alkoholisiert und machte den Besuch dringend, ihr Mann habe keine Schmerzen, und es gehe ihm gut, Fieber habe sie nicht gemessen, aber er habe wahrscheinlich Fieber, und wir sollten gleich kommen, sie könne nicht warten.  Wir vertrösteten sie, auch nachdem sie in den folgenden Stunden mehrfach sehr ungeduldig und verärgert den Besuch anmahnte. Aber da es ihrem Mann angeblich gut ging, sah ich keinen Grund, einen Notarztwagen zu ihm zu schicken.

Als ich kurz nach 22 Uhr in die Wohnung des Patienten kam, lag der Mann im Bett und begrüßte mich freundlich, während im Nebenzimmer die alkoholisierte Ehefrau meine Fahrerin anschimpfte, weil wir so lange nicht gekommen seien. Sie müsse schließlich morgen früh wieder arbeiten und könne nicht so lange auf uns warten.

Der Patient sagte, er habe seit morgens Fieber gehabt, aber nicht gemessen, weil er kein Thermometer habe. Er machte auf mich keinen kranken Eindruck. Mein Fieberthermo-meter zeigte jetzt bei ihm 37,5°C. Aus dem Blasenkatheter floss klarer Urin. Der Urinteststreifen ergab keine Zeichen für einen Harnwegsinfekt. Herz und Lunge waren normal. Der Tastbefund des Bauches war unauffällig. Der Patient klagte keine Beschwerden.

Ich sah keinen Grund für eine akute Therapie und fragte: „Haben Sie Ibuprofen da, falls Sie tatsächlich Fieber bekommen? Haben Sie ein Antibiotikum da?“ –

„Nein, ich habe gar keine Medikamente da!“, meinte der Patient.

Bei einem Blick auf ein Regal entdeckte ich Medikamentenschachteln, ging darauf zu und sagte: „Aber da haben Sie doch Ibuprofen!“

Ich nahm die Schachtel, sah, dass sie fast voll war, da riss mir die Ehefrau die Schachtel aus der Hand und keifte: „Das sind meine Tabletten!“

„Das ist prima,“, meinte ich, „da können Sie Ihrem Mann eine Tablette schenken, wenn er heute Nacht Fieber bekommt, und ich schreibe ihm jetzt ein Rezept, dann können Sie morgen für ihn die Tabletten holen.“

„Nein, der bekommt meine Tabletten nicht! Die brauche ich manchmal!“

Ihre Stimme wurde schärfer und lauter.

Ich versuchte freundlich, sie umzustimmen:

„Mir geht es doch nur darum, dass Sie in Ihrem Zustand jetzt nicht mehr Auto fahren sollten, um in der Nachtapotheke für Ihren Mann Tabletten zu holen!“

„Nein, der bekommt meine Tabletten nicht!“ –

Ich setzte mich hin und schrieb ein Rezept über Ibuprofen für den Mann und einen kurzen Informationsbrief für den Hausarzt.

Eine weitere Diskussion erschien mir bei der angespannten Lage und dem nicht bedrohlichen Gesundheitszustand des Ehemannes nicht angebracht.

Ich wandte mich zu ihm und sagte: „Also, da läuft gerade eine völlig bescheuerte Situation ab. Es wäre so einfach, Ihnen bei Bedarf heute Nacht die Tabletten zu geben, aber das sollten Sie besser allein mit Ihrer Frau abmachen. In dem Zustand kann sie jedenfalls nicht in die Apotheke nach M. fahren.“

Ich verabschiedete mich freundlich bei dem Patienten und knapp bei der Frau und verließ das Haus.

Im Auto dachte ich an meinen Vater, der einmal ein Ehepaar mit dem schwäbischen Satz beschrieben hat: „Er wär´ ja scho´ recht, aber sie isch a Aufgab´!“

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Meine Streifzüge durch die Medizin

Schon als Schüler erlebte ich regelmäßig in der Kinderarztpraxis meines Vaters Grundlagen der Behandlung. Die Höhensonne sollte die Aufnahme von Vitamin D fördern, das die Kinder – auch meine Schwester und ich!- als scheußlichen Lebertran essen mussten. Wunden nähte mein Vater mit sterilen Fäden, die er in kleinen Fläschchen aufbewahrte. Ich durfte sogar manchmal den Faden abschneiden. Jeder Faden musste einzeln in die Klemmhaltung der Nadel eingefädelt werden. – Die Nadeln bewahrte Vater in einer Dose auf, die mit dem Nadelhalter zusammen sterilisiert wurde. Erst Jahre später kamen die einzeln verpackten atraumatischen Nadeln mit dem angehängten Faden auf. Noch viele Jahre wurde das Besteck sterilisiert. Inzwischen verwenden wir in der Notfallpraxis Skalpelle, Pinzetten, Scheren, Injektionsnadeln, Spritzen und andere Instrumente als Einmalware und produzieren einen gigantischen Müllberg.

Als junger Student habe ich im Katharinenhospital Frankfurt ein Praktikum gemacht. Dort bestand eine meiner Aufgaben darin, den Nonnen bei der Wiederaufbereitung des Verbandsmaterials zu helfen: Die Binden wurden gewaschen, zum Trocknen aufgehängt, dann gebügelt und neu aufgerollt. Heute schneiden wir selbstverständlich einen Verband auf, werfen das Material weg und holen neue Ware aus dem Regal. Sogar die Pinzetten, Scheren und Skalpelle sind Einmalmaterial und dementsprechend minderwertig. Das Einmalbesteck soll den Aufwand des Sterilisierens mit den sehr aufwändigen Hygienevorschriften ersparen.

Es war in meiner Kindheit etwas Besonders, bei einer Entzündung ein Antibiotikum zu erhalten. Mein Vater erklärte mir das, als ich mit neun Jahren eine Osteomyelitis am Bein hatte, die operiert werden musste. Es gab damals, wenn ich mich recht erinnere, Penicillin und ein Sulfonamid. Sie wurden als große Neuerung gefeiert, und ich nahm meine Tabletten mit großem Respekt. Von den Resistenzen, die uns heute Sorgen machen, war damals nur wenig bekannt. In Europa sterben heute jährlich 33.000 Menschen an resistenten Keimen. Die Wahrscheinlichkeit, beim Krankhausaufenthalt einen solchen Keim einzufangen, ist relativ hoch.

Tetanus schilderte mein Vater noch als große Gefahr. Damals gab es noch Impfstoffe aus Tierseren, die schwere allergische Reaktionen hervorrufen konnten. Deshalb musste man immer genau dokumentierten, von welchem Tier die letzte Impfung war. – Vater erzählte diese Geschichte: Als er im Studium eine Famulatur bei einem Landarzt machte, wurde dessen Sohn verletzt und sollte nach der Wundversorgung eine Tetanusschutzimpfung erhalten. Um auch wirklich alles richtig  zu machen, bat der erfahrene Landarzt einen befreundeten Chirurgie-Chefarzt um Rat: „Welches Serum soll ich spritzen?“ – Die Antwort: „Mach es genauso, wie du es bei irgend einem Patienten machen würdest.“ – Der Arzt spritzte das Serum. Wenige Minuten später erlitt der Junge einen anaphylaktischen Schock und starb unter den Händen seines Vaters. – Diese Geschichte fällt mir oft ein, wenn ich heute eine Tetanusimpfung verabreiche. Ich habe aber in meiner Tätigkeit als Arzt in 48 Jahren nie einen Fall von Wundstarrkrampf erlebt.

Ich erinnere mich auch an eine Chloroform-Maskennarkose, als der HNO-Arzt meine Nasen-scheidewand gerade stellte, nachdem ein Klassenkamerad sie mir versehentlich bei einem Sportunfall gebrochen hatte. – Inzwischen ist es selbstverständlich, dass ein Notarzt einen schwer verletzten noch am Unfallort zum Schutz intubiert und narkotisiert.

Als Schüler las ich, dass es ganz neu Kortison gibt als vorübergehendes Linderungsmittel bei Leukämie. Dinu Lipatti, einer der ganz großen Pianisten, dessen wunderbare Aufnahmen ich damals kennen lernte, konnte eine Zeitlang mit Kortison am Leben gehalten werden. Kollegen wie Yehudi Menuhin bezahlten die extrem teure Therapie. Das war schon eine Erfolgsnachricht. Erst im Studium lernte ich die neuesten Chemotherapien mit den oft heftigen Nebenwirkungen und häufigen Rückfällen. Und zu Beginn meiner Praxiszeit kamen die ersten Stammzelltransplantationen auf, die den Umbau ganzer Stationen in den Krankenhäusern nötig machten. Ich erinnere mich gut an einen Patienten am Anfang meiner Niederlassung 1982, den ich zu einer Schul- und Studienkameradin nach Stuttgart schickte, die dort als Chefärztin gerade eine Hämatologisch-Onkologische Abteilung aufbaute und in Stuttgart die Stammzelltransplantation einführte. Heute werden sogar noch bei über Siebzigjährigen Stammzelltransplantationen erfolgreich vorgenommen. Das war damals undenkbar.

Als ich von 1974-1979 meine Kinderfacharzt-Weiterbildung absolvierte, kam eines Tages mein zuständiger Oberarzt von dem Besuch des Internationalen Kinderärztekongresse aus Rochester / USA zurück und berichtete ganz begeistert: „Stellen Sie sich vor, die haben da ein Röntgengerät entwickelt, das legt den Kopf oder andere Organe in Bildscheiben, man kann sie einzeln anschauen und so im ganzen Körper Tumore, Blutungen, Frakturen und Missbildungen erkennen. Durch eine digitale Dichtemessung können Sie genau erkennen, welches Material (Blut oder Knochen oder Liquor) das ist. Solch ein Gerät müssen wir unbedingt nach Stuttgart bekommen – ein einziges Gerät für ganz Stuttgart! Das wäre fantastisch!“  – Heute hat jede Röntgenpraxis und jede Klinik Computertomografen und Kernspintomografen, und große Kliniken verwenden Positronenemissionstomografen zur Diagnostik und ein Gamma-Knife, das auf den Millimeter genau scharf abgegrenzte Tumore zerstört.

Noch im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts galt es als Kunstfehler, am Gehirn zu operieren. Inzwischen ist die Neurochirurgie eine international etablierte und weit fortgeschrittene operative Disziplin. Während meiner Jahre in der Neurologie habe ich wahre Kunsteingriffe gesehen mit verblüffenden und segensreichen Erfolgen. Und ich kenne viele Menschen, die am Leben gehalten wurden durch moderne medizinische Methoden, aber jetzt im Wachkoma liegen und schwerst pflegebedürftig sind. Früher wären sie gestorben, als es noch keine Therapie gab.

Die neuen Disziplinen der invasiven Radiologie und der minimalinvasiven Chirurgie ermöglichen inzwischen die zielgenaue Ausschaltung kleinster Aneurysmen von Hirngefäßen oder Entfernung von Hirngefäßthrombosen und die millimetergenaue Zerstörung eines Tumors. Die „Knopflochchirurgie“ und Arthroskopie sind ein selbstverständlicher Bestandteile der modernen Chirurgie.

Als Allgemeinarzt erlebte ich in der Hausarztpraxis die Vielzahl der Erkrankungen, die psychosomatischen Auswirkungen sozialer Konflikte und die Freude, wenn meine Therapievorschläge geholfen haben. Nachdem ich meine Praxis verkauft hatte, um eine Privatpraxis zu führen, war ich ein Jahr später als Urlaubsvertreter gerade eine Woche in meiner früheren Praxis tätig, als mein Nachfolger plötzlich schwer krank wurde und ein neues Herz brauchte. Ich führte dann zwei Jahre lang seine Praxis neben meiner eigenen Praxis, bis er wieder zurückkam. Anschließend arbeitete ich zehn Jahre lang als Geschäftsführer einer Firma für Sozialimmobilien und entwarf unter anderem Deutschlands größte Mutter-Kind-Klinik. Ich begleitete den Bau und leitete die Klinik anschließend. Bis zum Beginn meiner Rente war ich dann zehn Jahre in der neurologischen Akutmedizin und Rehaklinik tätig.

Obwohl es seit Menschengedenken eine vornehme Pflicht der Ärzte ist, Schwerstkranken und Sterbenden beizustehen, wurde erst 1969 von der englischen Krankenschwester, Sozialarbeiterin und Ärztin Cicely Saunders das erste Hospiz im St. Christopher´s Hospital in London eröffnet. Sie begründete die moderne Palliativmedizin und den weltweiten Bau von Hospizen. Das ist eine der herausragenden Errungenschaften der Menschlichkeit. Dankenswerterweise haben sich auch die deutschen Krankenkassen inzwischen entschlossen, diese Form der Medizin und Pflege finanziell zu unterstützen.

Die Palliativmedizin ist mir seit meiner Assistentenzeit auf der Kinderkrebsstation ein Hauptanliegen in meiner ärztlichen Arbeit. Deshalb habe ich auch rasch die Gelegenheit ergriffen, die Zusatzbezeichnung Palliativmedizin zu erwerben, als diese in die Weiterbildungsordnung eingeführt wurde. Und es war mir wichtig, ein Buch[1] über meine Erfahrungen im Umgang mit schwerst kranken, sterbenden und genesenden Menschen zu schreiben. Glücklicherweise trug Birgit viele gute Gedanken und das Titelbild bei.

Da ich seit meinem 65. Geburtstag regelmäßig in den Notfallpraxen Leonberg und Stuttgart arbeite, schließt sich der Kreis für mich. Ich bin wieder in meinem ursprünglichen Gebiet als Hausarzt tätig und freue mich, wenn ich Patienten treffe, die ich schon in der Kinderklinik oder in meiner Praxis behandelt habe. Wir werden miteinander alt. Und ich finde meinen Beruf immer noch spannend und sehr befriedigend.

Jetzt verfolge ich die Fortschritte der Technik in der Medizin eher aus einer Beobachterrolle, wenn auch sehr interessiert.

Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz hat natürlich auch in der Medizin Einzug gehalten. Früher habe ich das EKG selbst beurteilt, heute nimmt der PC mir diese Leistung ab. – Aber ich bin dankbar, dass ich gelernt habe, ein EKG zu lesen, denn der PC macht auch immer wieder Fehler! – Diese Technik verführt zu Abhängigkeit und geringer persönlicher Untersuchung. Ich diagnostiziere meist eine Pneumonie immer noch mit Anamnese und Auskultationsbefund, um dann eher selten ein Röntgenbild anzuschießen. Einige jüngere Kollegen verordnen schon bei Husten gleich ein Thorax-CT.

Seit 2019 kann Google mit künstlicher Intelligenz, die mit genetischen Daten gefüttert ist, die Struktur von Proteinen deutlich besser modellieren als alle Wissenschaftler.[2] Gentherapie kann eine Form der Erblindung aufhalten. Im Labor gezüchtete Immunzellen bekämpfen Tumoren. Von künstlicher Intelligenz unterstützte Systeme diagnostizieren Hautkrebs, prognostizieren Nierenversagen und entdecken Herzprobleme früher als Ärzte. Im Blut lässt sich der Fortschritt von Krebs früher feststellen als durch andere körperliche Anzeichen. Entdecken die neuen Verfahren nur 20 Prozent aller Tumoren so früh, dass sie behandelt werden können, hätte dies einen größeren Effekt als viele Therapien, die später zum Einsatz kommen. Besonders wichtig sei es, sagen die Onkologen, falsch positive Krebsdiagnosen zu vermeiden: Wir sollten keinen Krebs diagnostizieren, der gar keiner ist.

Biologie und digitale Technik wachsen zusammen. Es entsteht eine Datenmedizin, die von künstlicher Intelligenz angetrieben wird und die Nutznießer von Daten auf den Plan ruft.

Die Gesundheitskarte, die unser derzeitiger Gesundheitsminister anstrebt, soll alle relevanten Daten eines Menschen enthalten, damit sie von den behandelnden Ärzten gelesen werden kann. Das Problem: Die Karte wird auch von Hackern gelesen. Das gilt besonders bei Arztpraxen, deren EDV-System nicht abgesichert ist gegen Eindringlinge. Absolut sicher wirkt auch hier das Murphy´sche Gesetz: Wenn etwas Schlimmes geschehen kann, wird es auch geschehen. Der Gesundheitskarten-Patient ist nicht nur für wohlmeinende Ärzte gläsern. Auch die Wirtschaft, die PR-Strategen, die Versicherungen, die Arbeitgeber werden ihre Vorteile aus dem Wissen ziehen, das sie sich auf mehr oder weniger verborgenen Wegen besorgen. Und die Folgen werden ganz sicher nicht nur gut sein für die betroffenen Patienten.

Wenn wir schon bei der Bürokratie sind: Ich erinnere mich daran, dass ich als Schüler immer wieder mit meinem Vater zur Kassenärztlichen Vereinigung fahren durfte, wenn er einen Schuhkarton mit Kassenscheinen am Quartalende abgeben wollte. Inzwischen ist die Abrechnung mit dem PC zur Pflicht geworden. Das hat so manchen Arzt dazu veranlasst oder ihm zumindest die Entscheidung erleichtert, seine Praxis zu verkaufen oder zu schließen, da er dieses „neue Zeug“ nicht mitmachen wollte. Als ich ein paar Jahre lang schon meine Praxis hatte, entschloss ich mich, neben den Karteikarten auch einen PC für die Abrechnung zu benützen. Das war ein richtiges Problem, denn obwohl ich professionelle Hilfe hatte, klappte es mit dem ersten System nicht. Erst das zweite funktionierte. Jetzt rechnen wir bequem im PC ab und schicken die Daten online an die KV. Das Geld bekommen wir auch nicht schneller als früher, aber wir werden viel gründlicher kontrolliert, ob wir irgendwelche Durchschnitte überschreiten, die einen Regress rechtfertigen.

Im Krankenhaus werden die Fallpauschalen nachgerechnet und optimiert, die bei der Behandlung der Krankheiten von den Kassen vergütet oder mit Abzug oder Zuschlag belegt werden. Immer mehr entscheiden Verwaltungsleute über die Umstände, die zur Entlassung führen. Die Fallpauschale ist ein verheerendes Mittel, um die Menschen, die in der Medizin für die kranken Menschen arbeiten, vom Patienten weg zu führen und sich auf den materiellen Gewinn zu konzentrieren. Für die Verwaltungsleute ist nur der ein guter Arzt, der den Gewinn des Krankenhauses steigert. Die Zuwendung zu einem Patienten wird systematisch verringert, weil die Ärzte, das Pflege- und Therapiepersonal sonst mit der vorgeschriebenen Dokumentation nicht zurechtkommen. Der Begriff der „blutigen Entlassung“ und die zunehmende Zahl der Überlastungen beim Personal sind schlimme Zeichen für unmenschliche und fehlgeleitete Verwaltungsmedizin. Die Fall-pauschalen sollten unbedingt zugunsten einer patientenzentrierten und zuwendungs-orientierten Versorgung abgeschafft werden. Es ärgert mich heute noch, wie viele ellenlange Briefe ich in der Rehaklinik diktieren musste, weil die Rentenversicherung verlangte, viele Einzelheiten mehrfach an verschiedenen Stellen im Brief zu wiederholen. Ich empfinde das als erzwungene Verschwendung von wertvoller Zeit, die wir besser dem Patienten zugutekommen lassen sollten. Ich warte jetzt darauf, dass wir bald einen „Facharzt für Verwaltung“ bekommen.

Die Technik ist fabelhaft fortgeschritten. Aber die menschliche Seite, die Zuwendung, das qualifizierte und professionelle Gespräch kommen immer mehr zu kurz. Die Zahl der Psychiater und Psychotherapeuten ist konstant viel zu klein. Das sieht man auch an der Tatsache, dass es extrem schwierig wenn nicht unmöglich ist, für Kriseninterventionen rasch einen Therapieplatz zu bekommen. Und chronisch kranke Psychiatriepatienten könnten viel besser geführt und behandelt werden, wenn mehr Ärzte mehr Zeit hätten, um Therapiegespräche in kürzeren Abständen anzubieten, um eine bessere Beziehung entwickeln und aufrecht erhalten zu können.

Die moderne Medizin hat genau so große Schattenseiten, wie sie Licht verströmt. Das sollten wir uns sehr bewusst machen.

[1] Wenn das Licht naht- Der würdige Umgang mit schwerkranken, genesenden und sterbenden Menschen,
Verlag Weinmann, Filderstadt.

[2] SPIEGEL Nr. 1 vom 28.12.2019, S. 57

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