Meine Doktorarbeit

Am 27. Juli 2022 bekam ich überraschend Post von Herrn Dr. Klaus Baier, dem Präsident der Bezirksärztekammer Nordwürttemberg. Er gratulierte mir zum goldenen Promotionsjubiläum! Und er entschuldigte sich dafür, dass die Universität Heidelberg-Mannheim keine Urkunden mehr zu diesem Feiertag ausstellt, „auch nicht gegen Bezahlung!“

Das hat mich verblüfft: Die Ärztekammer denkt an meine Doktorarbeit, und der Präsident schickt mir einen persönlichen Brief! Herzlichen Dank dafür! Diese Post kam auf den Tag richtig! Der 27. Juli 1972 war nämlich der Tag meiner Promotionsprüfung. Da musste ich wieder einmal schmunzeln, als ich über meine Doktorarbeit nachdachte. Diese Geschichte wollte ich schon lange aufschreiben. Hier ist sie.

Ich studierte im Wintersemester 1969 und Sommersemester 1970 im Klinikum Mannheim, das der Universität Heidelberg angeschlossen war. Nebenbei machte ich Nachtwachen in der Abteilung für Schwerverbrannte in der Berufsgenossenschaftlichen Klinik Ludwigshafen. Die beeindruckenden und manchmal tragischen Erlebnisse in dieser Klinik gehören nicht hierher, aber sie haben mich nachhaltig geprägt. Das will ich wenigstens erwähnen.

Eines Morgens im Januar 1970 sagte ein Kollege im Hörsaal der Uni zu mir: „Du suchst doch nach einem Thema für eine Doktorarbeit. Bei Prof. Stoll in der Frauenklinik steht am Schwarzen Brett, dass er eine Arbeit zu vergeben hat! Interessiert dich das?“

Also bat ich im Sekretariat von Herrn Prof. Stoll um einen Termin zu einem Gespräch. „Gut, der Termin ist jetzt!,“ sagte die Sekretärin, „Er ist da und hat jetzt gerade Zeit, ich melde Sie an!“

Prof. Stoll erklärte mir nach einer kurzen Begrüßung sein Anliegen: „Für 1968 habe ich von einer Doktorandin überprüfen lassen, mit welchen Indikationen die Neugeborenen in die Kinderklinik verlegt werden, welche Diagnosen sie dort erhalten und in welchem Zustand sie entlassen werden. Ich möchte wissen, inwiefern sich das verändert hat. Dazu habe ich zwei besondere Fragen: Haben wir alle Kinder rechtzeitig verlegt? Und eine andere Besonderheit sollten Sie genauer anschauen. Ich habe nämlich bemerkt, dass im Sommer 1969 eine Durchfallepidemie im Neugeborenenzimmer ausgebrochen ist und wir deshalb noch viel mehr Neugeborene verlegt haben als in den Vergleichsmonaten des Vorjahres. Ich will wissen, ob das etwas mit den hygienischen Zuständen des Neugeborenenzimmers zu tun hat. Wir verlegen sehr viele Kinder nur, weil wir keinen Platz haben, sie hier zu behandeln. Sie müssen sich das Zimmer mal anschauen und mit den Schwestern dort über die Situation sprechen. Interessiert Sie das Thema?“

„Ja, das interessiert mich! Ich möchte nach dem Examen eine Kinderfacharztweiterbildung machen. Da passt dieses perinatologische Thema sehr gut! – Mir fällt spontan ein Vorschlag ein: Mein Vater ist niedergelassener Kinderarzt, und ich werde morgen zum Wochenende zu meinen Eltern fahren. Da kann ich mit meinem Vater zusammen eine Gliederung der Arbeit und eine Liste der Dinge erstellen, die ich brauche, um die Grundlagen für die Arbeit zu sammeln.“

„Gut, dann kommen Sie am Montag wieder zu mir, damit wir das besprechen können. Ich möchte, dass wir immer wieder kurz während Ihrer Arbeit miteinander reden, damit Sie möglichst keine Umwege machen und zielgerichtet und rasch das Ergebnis erreichen. Einverstanden?“

Ja natürlich war ich einverstanden, was konnte mir Besseres passieren? Andere Doktoranden warten monatelang, bis ihr Doktorvater mal Zeit für sie hat.

Als ich am Wochenende meinen Eltern den Plan vorlegte, den ich mir schon teilweise gemacht hatte, war mein Vater voll Interesse, und wir wollten gleich mit der gemeinsamen Arbeit loslegen.

Da bremste meine Mutter: „Kennst du die Frau von Prof. Stoll?“ – „Nein, natürlich nicht, warum?“ – „Ich habe den Verdacht, dass das die Freundin ist, die ich seit vielen Jahren suche. Mit ihr habe ich viel Zeit im Reichsarbeitsdienst verbracht und seither den Kontakt verloren. Bei jedem Kongress, zu dem ich Vater begleitet habe, halte ich Ausschau nach ihr, weil ich gehört habe, dass sie einen Frauenarzt geheiratet hat. Ich hole mal mein Fotoalbum aus der RAD-Zeit!“

Sie zeigte mir in dem Album einige leicht vergilbte Bilder und deutet immer wieder auf die Freundin, die sie suchte.

„Ich möchte sie so gern wieder treffen!“

„Mutter, dann mache ich dir einen Vorschlag. Ich nehme das Album am Montag mit zu Prof. Stoll und frage ihn, ob diese Frau seine Frau ist.“

„Ja, das ist prima. Und ich schreibe jetzt einen Brief an diese Frau, den du ihm geben kannst, wenn er seine Frau auf diesen Bildern erkennt! Und jetzt könnt ihr beiden an die Arbeit gehen.“

Vater und ich entwarfen unseren Plan, und es machte uns beiden richtig Spaß, dieses Projekt gemeinsam anzustoßen.

Am Montag war ich bei Prof. Stoll, und er fragte sofort: „Na, was haben Sie mit Ihrem Vater erarbeitet?“ – „Das erkläre ich Ihnen gleich, aber ich möchte Ihnen vorher etwas anderes zeigen!“

Ich zog das Album aus meiner Aktentasche. Er schaute erstaunt: „Wo haben Sie das Buch her? So eines haben wir auch zu Hause?“

Ich legte das Album auf den Tisch und schlug es gezielt auf bei einer Seite, die meine Mutter mit einem kleinen Zettel markiert hatte. Dann deutete ich auf die Frau, die meine Mutter suchte:

„Ist das Ihre Frau?“ –

„Ja! Ja!“

Er war ganz begeistert, als ich ihm berichtete, wie ich zu dem Buch gekommen war und dass ich jetzt auch noch einen Brief für seine Frau hatte:

„Bitte nehmen Sie das Album und den Brief mit für Ihre Frau! Sie können mir das Album ja gelegentlich wieder geben.“

Dann besprachen wir die Arbeitsliste, wegen der ich eigentlich gekommen war. Prof. Stoll war sehr angetan von dem Plan und schlug noch wenige kleine Änderungen vor, dann verabschiedete er mich: „Gehen Sie ins Archiv, lassen Sie sich alle Akten geben, die Sie brauchen, dann gehen Sie in die Kinderklinik und suchen dort alle Akten raus. Dann schauen Sie sich im Neugeborenenzimmer um! Meine Sekretärin meldet sie überall an. Wenn Sie die Unterlagen beieinander haben, melden Sie sich wieder. Sie bekommen dann kurzfristig wieder einen Termin!“

Am Abend erfuhr ich telefonisch von meiner Mutter, dass Frau Stoll schon angerufen hatte! Sie hatten wohl eine lange Unterhaltung, und beide Frauen waren hoch erfreut über das späte Treffen.

Ich erstellte in der Frauenklinik eine Liste der Kinder, die 1969 in der Frauenklinik geboren und von dort in die Kinderklinik verlegt worden waren und füllte meine Fragebogen mit allen Daten aus, die ich brauchte. Dafür hatte ich mir einige Abkürzungen festgelegt, um die Liste übersichtlich zu halten. Dann ging ich mit der Liste in die Kinderklinik und ergänzte die Daten von dort.

Der Besuch im Neugeborenzimmer war besonders interessant. Die Kinderkrankenschwester, die mir öffnete und der ich erklärte, warum ich komme, war schon informiert über meine Aufgabe. Sie war sehr bereit, mir zu helfen und kam gleich zum Punkt: „Schauen Sie, hier an dieser Wand ist der lange Wickeltisch, wo vier Kinder gleichzeitig gewickelt werden können. Es ist sehr praktisch, dass ich mich nur umdrehen muss, um die volle Windel in diesen Papierkorb zu werfen. Aber dieser Korb hängt am ersten Bett der Reihe von Kinderbetten, die hier im Zimmer stehen! So haben wir vier Bettchenreihen, die alle am ersten Bett der Reihe einen Windelkorb tragen! Wir haben festgestellt, dass immer zuerst das Kind im ersten Bett den Durchfall bekam und dann das zweite, und das dritte. Kein Wunder! Merken Sie was? Das ist ein Planungsfehler! –  Wir können keine Kinder isolieren  und wegen des geringen Platzes keine Kinder unter 2500 g Geburtsgewicht hier unterbringen, weil sonst die Station überläuft. Deshalb müssen wir so viele Kinder verlegen. Und deshalb will der Professor das unbedingt ändern, aber er sagt, er bekommt kein Geld dafür!“ –

Jetzt war mir schlagartig klar, worum es ging. Das war eine zusätzliche Motivation, diese Arbeit zu schreiben. Keine wissenschaftlich anspruchsvolle Arbeit, aber immerhin mit der Aussicht, etwas Praktisches und Wichtiges in der Klinik verbessern zu helfen!

Ich machte mich mit Freude und gewisser Neugier an die Auswertung meiner vielen Daten und stellte tatsächlich die vermehrte Überweisungsaktivität im Sommer fest und konnte sie genau mit der Diagnose Enteritis verbinden. Außerdem konnte ich als Begleitergebnis dokumentieren, dass kein einziges Kind zu spät verlegt worden war. Auch die schwerstkranken Neugeborenen, die später in der Kinderklinik verstarben, waren sofort nach der Geburt in die Kinderklinik verlegt worden. Aber von den 1853 Kindern, die 1969 in der Frauenklinik geboren waren, -das sind durchschnittlich fünf Kinder jeden Tag!-, mussten 472 verlegt werden. Das sind 25%! Diese sehr hohe Zahl lag ganz offensichtlich an den sehr schlechten hygienischen und beengten räumlichen Bedingungen im Kinderzimmer der Frauenklinik. So entschloss man sich zum Beispiel, alle Kinder unter 2500 g Geburtsgewicht auch gesund zu verlegen, weil eine angemessene Versorgung nicht möglich war. In einer gut ausgestatteten Frauenklinik wäre zum Beispiel ein gesundes Neugeborenes mit 2000 g nicht verlegt worden! Die Kinder mussten also von der Mutter getrennt werden, weil das Kinderzimmer zu klein war, nicht weil das Kind oder die Mutter krank waren. Dadurch ergab sich für Mutter und Kind die psychologisch schwierige Situation, dass sie durch eine größere Entfernung voneinander getrennt wurden, denn die Kinderklinik war in einem anderen Haus im Klinikgelände untergebracht.

Als ich Prof. Stoll meine Ergebnisse erklärte und schriftlich zeigte, war er sehr zufrieden: „Das habe ich erwartet! Jetzt schreiben Sie das sehr genau und detailliert in einen flüssigen Text, berücksichtigen Sie die einzelnen Diagnosegruppen der Verlegungen, und bleiben Sie streng bei Ihrer Gliederung. Dann kommen Sie wieder.“

So war ich immer, nachdem ich einen Teilschritt der Arbeit erledigt hatte, bei ihm zu einem kurzen Gespräch, das nie länger als zehn Minuten dauerte, aber mich sehr zielsicher auf meiner Arbeitsspur hielt. So machte ich nichts Überflüssiges und musste nichts Falsches korrigieren. Diese Bereitschaft von Prof. Stoll, mich so zu unterstützen, war eine echte und vorbildliche Hilfe, für die ich heute noch dankbar bin.

Ich fand auch noch eine Sekretärin, die in enormer Fleißarbeit meine gesamte Datenliste abschrieb, die wir dann später verkleinert in die Arbeit hinten einfügten.

Als ich sechs Wochen nach unserem ersten Gespräch Herrn Prof. Stoll an einem Freitag nach seiner Vorlesung meine fertige Arbeit abgab, die ich selbst in die Schreibmaschine getippt hatte, fragte ich ihn: „Wann darf ich wieder kommen, um das zu besprechen?“

Er überlegte kurz: „Ich fahre morgen mit dem Zug nach Bremen, um einen Vortrag zu halten. Da lese ich die Arbeit während der Fahrt. Meine Frau hat mir verboten, mit meinem schnellen Auto selbst zu fahren. Kommen Sie am Montag nach meiner Vorlesung wieder!“

Na, besser konnte es ja nicht laufen!

Als ich am Montag die Arbeit abholen wollte, sagte Prof. Stoll: „Die Arbeit ist prima, ich habe nur ein einziges Adjektiv geändert, den Rest lassen Sie so. Ich habe die Arbeit heute Morgen schon unserem Perinatologen gegeben. Bis morgen hat er sie gelesen, dann gehen Sie zu ihm, holen sie ab und fragen nach seiner Meinung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er etwas auszusetzen hat.“

Auch von diesem Kollegen bekam ich freundlich und knapp den Kommentar: „Sehr gut, nichts ändern!“

Prof. Stoll schlug noch vor, Herrn Prof. Huth, das war der Direktor der Kinderklinik, und Herrn Prof. von Keiser, das war der Dekan der Medizinischen Fakultät und gleichzeitig Direktor der Radiologischen Klinik, als Prüfer der Arbeit zu benennen. Diesen beiden Professoren brachte ich die Arbeit auch, als ich sie in Reinschrift verfasst hatte, und sie waren ebenfalls einverstanden.

So, könnte man denken, das war´s.

Aber so einfach geht es natürlich nicht. Zu jeder Doktorarbeit gehört eine Prüfung! Rigorosum nennt man das oder in manchen Fakultäten sogar Verteidigung. Das hört sich sehr militärisch nach einem großen Widerstand an, dem sich der Kandidat stellen muss. In einigen Universitäten findet diese Prüfung öffentlich statt, und der Kandidat muss sich nach einem Vortrag, in dem er seine Arbeit vorstellt, nicht nur über sein Promotionsthema, sondern auch über alle anderen Themen seines Fachs prüfen lassen! Das bedeutet in meinem Fall über die gesamte Medizin! In dieser Prüfung kann man wirklich durchfallen, und ich kenne Menschen, die in dieser Prüfung regelrecht gegrillt wurden, weil auch Themen genau hinterfragt wurden, über die der Kandidat gar nicht gearbeitet hat. Solche Prüfungsmanöver sind oft nur Profilierungsversuche der Prüfer vor ihren Kollegen.

Es ist Vorschrift, dass diese Prüfung erst nach bestandenem Staatsexamen stattfinden darf. In den meisten Fächern darf man erst nach einem sehr gut bestandenen Examen eine Doktorarbeit anfangen! Das ist dann eine zusätzliche Auszeichnung, bei der man weiß, dass dieser Mensch eine sehr gute Gesamtexamensnote geschafft hat. In der Medizin gibt es da die Ausnahme, dass man die Arbeit schon vor dem Examen schreiben darf. Aber man darf den Titel erst nach dem Rigorosum tragen.

Das war also noch eine Weile hin. Denn ich musste noch drei Semester studieren, und ich wollte wieder zurück nach Tübingen zum Endspurt. Es gab da nämlich die drei Freunde, mit denen ich Physikum gemacht hatte. Dann hatten wir in Wien ein Semester lang offiziell Medizin studiert und inoffiziell den großen Theater – Oper – Konzert – Kino – Freizeit – Schein gemacht. Den haben wir mit Bravour bestanden, nachdem wir fast jeden Abend bei einer anderen großartigen Veranstaltung waren – oft auf den Stehplätzen, aber wir waren dabei! In diesem Sommer fiel in Wien das 100-jährige Ballettjubiläum mit den Wiener Festwochen zusammen. Das durfte ich mir als großer Klassikliebhaber nicht entgehen lassen.

Im Klartext: Es gab Fächer, in denen man tatsächlich zwei Mal in einen Kurs kommen musste: zur Anmeldung und um den Schein abzuholen. Deshalb wollte ich ja nach Mannheim, um dort in zwei Semestern an einer kleinen Uni die neun Scheine nachzuholen und tatsächlich zu erarbeiten, die ich Wien „gewonnen“ hatte.

Meine Freunde hatten so wie ich nach Wien auch andere Unis besucht: München und Innsbruck. Deshalb verabredeten wir uns für das Sommersemester 1970 in Tübingen, um miteinander auf das Staatsexamen zu lernen.

Aus diesem Grund fragte ich Prof. Stoll bei meinem Abschied, wie wir das mit dem Termin für das Rigorosum machen sollten.

„Das ist einfach: Sie rufen meine Sekretärin an, und sie macht Ihnen die Termine bei mir und den Prüfern.“

Also zog ich beruhigt wieder nach Tübingen.

Einen Monat vor der letzten der 18 Prüfungen rief ich im Sekretariat der Frauenklinik an und bat um die Termine. „Ja klar, mache ich für Sie! Wann ist ihr letzter Prüfungstermin? 25. Juli? Gut, rufen Sie mich morgen wieder an, dann habe ich die Termine.“

Am nächsten Tag sagte die Sekretärin: „Ich habe alle drei Termine auf den 27. Juli gelegt, dann haben Sie es an einem Tag hinter sich und müssen nur einmal hierher fahren!“

Also fuhr ich am 27. Juli nach Mannheim.

Erster Termin bei Prof. Stoll. Er begrüßte mich sehr freundlich, bot mir einen Platz vor seinem Schreibtisch an und setzte eine ungewöhnlich ernste Miene auf. Das kannte ich nicht von ihm.

„Herr Weller, Sie sind zur Prüfung hier!“

Er machte eine Pause, schaute mich mit unbeweglicher Miene an und wartete offensichtlich darauf, dass seine Worte Wirkung zeigen.

In welchen Film bin ich denn jetzt geraten?, schoss mir durch den Kopf? So kenne ich den Professor gar nicht!

Dann fuhr er fort: „Ich habe mir drei besondere Fragen für Sie ausgedacht, die müssen Sie alle sehr gut beantworten, sonst kann ich Sie nicht bestehen lassen! Sind Sie bereit?“

„Ja natürlich“, sagte meine Stimme, mein Kopfkino stellte auf Alarm und begann mit Rauswurfszenen.

„Also, erste Frage: Welche Gesamtnote haben Sie im Staatsexamen erreicht?!“

Puh, das war leicht.

„Eine Eins.“

Aber wie geht es weiter? Wo ist da die Prüfung?

„Zweite Frage: Wie geht es Ihren Eltern?“

Jetzt hatte ich´s begriffen: Er spielte mit mir und machte sich einen Spaß daraus. Da spielte ich gern mit.

„Oh, denen geht es gut, ich war gestern bei ihnen und soll freundliche Grüße ausrichten, auch von meiner Mutter an Ihre Frau!“

„Dritte Frage: Wohin fahren Sie jetzt in Urlaub?“

Ja bitte, gern noch mehr solche Fragen! Jetzt war ich wieder ganz entspannt.

„Ich werde am kommenden Montag mit einem Freund wegfahren zu einer sechswöchigen Rundreise durch die Balkanstaaten bis Istanbul und dann um das Marmarameer zurück über Griechenland nach Deutschland.“

Jetzt lachte der Professor: „Na, sehen Sie, Sie haben doch alles sehr gut beantwortet. Ich unterschreibe das hier jetzt, und Sie grüßen Ihre Eltern sehr herzlich. Und alles Gute für Ihre nächsten Prüfungstermine!“

„Die habe ich jetzt gleich im Anschluss. Aber ich habe noch eine Frage an Sie.“

Er schaute verwundert, fragend.

„Was habe Sie denn mit meiner Arbeit gemacht, hatte sie irgendwelche Konsequenzen?“

„Das kann man wohl sagen! Ich bin damit zum Baubürgermeister gegangen und habe mir 200.000 DM geben lassen, um das Neugeborenenzimmer endlich umbauen und vergrößern zu lassen. Sie sollten sich das noch ansehen, bevor Sie das Haus verlassen. Ist richtig schön geworden!“

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, ging direkt dorthin, und man zeigte mir gern den schönen und praktischen Umbau, der endlich den nötigen Anforderungen entsprach.

Deshalb habe ich immer noch das gute Gefühl, eine sinnvolle Arbeit geschrieben zu haben. Nicht wissenschaftlich, aber dafür pragmatisch mit einem echten Vorteil für diese Klinik und die Neugeborenen! Keine Arbeit für die Schublade, sondern etwas Notwendiges, das die Not wendet! Dafür bekam ich die Note cum laude – mit Lob. Das ist die beste Note, die man für eine nicht experimentelle Arbeit erhalten kann. Es gibt ja noch magna cum laude und summa cum laude.

Bei Prof. Huth in der Kinderklinik war die erste Frage: „Welche Arbeit haben Sie denn geschrieben, ich erinnere mich nicht mehr. Können Sie mir kurz das Wesentliche erklären?“

Das war einfach, und ich konnte fließend berichten und einige beeindruckende Zahlen einstreuen, weil ich am Tag davor meine Arbeit noch einmal gelesen hatte. Außerdem hatte ich sicherheitshalber ein Exemplar der Arbeit in meiner Aktentasche dabei, aber das wollte er gar nicht sehen.

„Das war eine gute Arbeit, jetzt erinnere ich mich wieder! Also kann ich hier unterschreiben, dass Sie die Prüfung bei mir bestanden haben! Alles Gute für Sie!“

Bei Prof. von Keiser wurde ich freundlich und jovial begrüßt. Das war schon mal erfreulich, weil er als sehr strenger Prüfer bekannt war.

„Herr Weller, zuerst will ich mal wissen, welche Note Sie im Staatexamen gemacht haben.“

„Eine Eins.“

„Also, Sie wissen ja, wenn ich Sie durchfallen lassen will, schaffe ich das!“ Das klang sehr streng.

Ich nickte und ahnte Schlimmes. Er setzte sich bequem hin. Ich noch nicht.

„Wenn Sie aber in 18 Einzelprüfungen bewiesen haben, dass Ihr medizinisches Wissen insgesamt eine Eins wert ist, muss ich jetzt nicht eine 19. Prüfung machen! Erzählen Sie mir einfach mal, was Sie für eine Arbeit geschrieben haben. Ich erinnere mich nicht mehr daran.“

Nach meinem Bericht sagte er freundlich und schon im Aufstehen: „Also, mein Glückwunsch! Ich unterschreibe hier und wünsche Ihnen alles Gute!“

Damit war ich draußen, erleichtert und mit verschwitztem Hemd, aber das kam natürlich nur von der Bullenhitze an diesem heißen Julitag und meinem dunklen Anzug und der korrekt geknoteten und hochgezogenen Krawatte!

Anschließend ging ich –endlich ohne Sakko und Krawatte!- in einen Herrenkonfektionsladen und kaufte mir eine beige Hose. Ich hatte nämlich fast während der ganzen Prüfungsvorbereitung und der sechsmonatigen Prüfungszeit beim Lernen und Lesen am Schreibtisch immer dieselbe Hose an, weil sie so bequem war. Sie war jetzt durchgewetzt, und ich hatte mir vorgenommen, sie erst nach dem bestandenen Examen zu ersetzen. Die neue Hose behielt ich gleich an, weil sie so schön leicht war. Dazu passte ein helles Sommerhemd, das auch noch auf dem Ausstellungstisch lag. Auch das behielt ich gleich an. Die dunkle Anzughose und mein weißes Hemd ließ ich einpacken.

Jetzt wurde mir die Symbolik richtig bewusst: Studium ade – Urlaub, ich komme!

Die neue Hose und das Hemd bezahlte ich mit einem Scheck, und ich unterschrieb zum ersten Mal in meinem Leben und sehr aufmerksam mit Dr. Dietrich Weller. Darüber habe ich mich noch viel mehr gefreut als über die Hose und das Hemd.

Das war mein ganz stiller Triumph in diesen Minuten des Einkaufs: In einer einzigen Woche hatte ich nach sechs Jahren mein Studium und die Promotion abgeschlossen und das mit 25 Jahren! Das fühlte sich sehr großartig an!

Dann genehmigte ich mir in einem Straßencafé einen Erdbeereisbecher und genoss die heitere und lebhafte Stimmung in der Straße an diesem herrlichen Sommertag.

Ich fuhr glücklich und gemütlich nach Leonberg zurück, wo meine Mutter schon Vorbereitungen getroffen hatte für das Fest am morgigen Samstag. Meine Eltern hatten nämlich schon vor Monaten, als die Prüfungstermine bekannt waren, die Idee gehabt, meine drei Studienfreunde mit ihren Eltern zu einem Grillfest in unserem Garten einzuladen. Ein meinen Eltern gut bekanntes Ehepaar, er war Koch, machte sich eine Freude daraus, uns am Grill leckere Speisen zuzubereiten. Es wurde ein richtig stimmungsvoller Abend an diesem wunderbaren Sommertag und ein denkwürdiger Abschluss unseres Studiums!

Einen Nachklapp zur der Geschichte will ich der Vollständigkeit halber noch hinzufügen.

Lange, nachdem ich schon meine eigene Praxis in Leonberg hatte, bekam ich von der Kreisärzteschaft eine Einladung zu einem Vortrag von Prof. Stoll in Leonberg.  So sah ich meinen Doktorvater wieder, und mein Vater brachte meine Mutter mit, die sich während des Vortrags im Restaurant des Hotels mit Frau Stoll zwei gute Stunden machte.

Einige Jahre später, als ich in einem meiner Bücher eine kurze Geschichte aus einer Vorlesung bei Prof. Stoll veröffentlichte, suchte ich ihn, um ihm das Buch zu schicken. Ich erreichte telefonisch seine Frau, die mir erzählte, er sei an einer Lungenfibrose verstorben. Also schickte ich das Buch an Frau Stoll.

Leonberg, am 08.08.2022

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My Heart – Mein Herz (André Simon, übersetzt von Dietrich Weller)

Beitrag von André Simon und Dietrich Weller zur BDSÄ-Lesung am 16.07.2022 um 17h

Rotkehlchen, Foto von Dietrich Weller

Lieber Dietrich,

In der Beilage befindet sich mein Prosagedicht über ein Rotkehlchen betitelt «My Heart»
Es ist ein Reprint aus der Schweizerischen Ärzte Zeitung 2009.

Die aktuellen Geschehnisse und das Feldheer sind beschrieben in »The heart of the evil one« Die Energetische Krise zu überwinden ist beschrieben in «The energy of the heart«   

P.S.

Das Rotkehlchen habe ich als zentrale Gestalt genommen, weil nach Christlegenden bei der Christusgeburt in der kalten Höhle das Rotkehlchen mit seinen Flügeln das Feuer ausbreitete und sich daran auf seiner Brust verbrannte.

Selma Lagerlöf erzählt:  Auf dem Hügel vor Jerusalem stirbt Jesus einen qualvollen Tod. Gleißende Sonne, eine johlende Menge, die Stacheln der Dornenkrone reißen weitere Wunden. Aus einem Rosenbusch heraus beobachtet ein kleiner hellbrauner Vogel das Geschehen. Die Leiden des Mannes am Kreuz zerreißen ihm das Herz. Also fliegt er zu ihm und löst mit aller Kraft einen Dorn aus der Stirn von Jesus. Dabei fällt ein Blutstropfen auf die Vogelbrust, färbt sie rot. Die Farbe bleibt – und so kommt Herr Rotkehlchen zu seinem Namen.

MY HEART von André Simon

I am a small singing bird. My singing can be heard everywhere from morning to night. I am able to sing short, often varied tunes. The feathers on my breast are bright red.     As I did not understand why is that, I decided to ask for an explanation my big friend, who sits the whole day long on the branch of an old oak-tree. «My dear, you who know everything, please explain to me the meaning of the red feathers on my breast. » The owl explained: «Dear Robin, these red colored feathers on your breast are in the front of your heart. It signifies that you are good-hearted. You make everybody happy with your nice tunes.  «What do you mean by good-hearted?»

The owl replied: 

«The good heart is the shrine of God with unseen dwellers within. In the middle of the shrine there is a green tree with a singing bird sitting on it. As in every shrine, and in the good heart, the entrance door is open to all beings. The good-hearted accept every new arrival. However, only the kind, amiable dwellers remain there in happiness. In the shrine, unseen dwellers live safely in peace. Paradoxically, although the good heart is crowded with amiable dwellers, there is always more space for every new arrival.

The volume of the heart changes permanently and shows great adaptability to all new circumstances. The length of the heart is measured by its art of compassion and tolerance. The thankful heart is the greatest virtue.

 The width of the heart   is measured by its enormous strength and endurance. Every heart that beats strongly, gives us hopeful impulses.

The height of the heart is measured by its power of mercy and understanding. A loving heart is the truest wisdom.

The depth of the heart is measured by its capacity to forgive and assimilate all. It is full of growing fertile seeds, ready to become attached to someone.

The energy of the heart is measured by its quantity of kindness. This energy warms the soul. If everybody would generate energy through kindness, this would be a sufficient supply to the whole planet. With unlimited energy, mankind would be able to create prosperity on Earth.

The coating of the heart is soft like the plumage of the bird and is covered with delicate tissue, like silk. If the ordinary silk tissue is torn it is reparable.

The heart of the evil one is not a shrine, crowded with happy dwellers and singing birds. It is an empty, small, dark insignificant room, without doors and no space for anybody. Silence reigns, like in an empty grave. So, the lonely evil being tends to enter the crowded shrine of the good-hearted only with the purpose of hurting and tearing the heart’s coating. The tear in the heart’s coating, like an open wound, is irreparable and remains forever. Bitter tears pour out through the tear. God himself collects these tear drops; one after another, in separate bowls, one for every offended being. The tear-filled bowls remain in Heaven for eternity.

Quintessence:
Only the good-hearted people are really happy people. Goodness and happiness are inseparable like Siamese twins.

Mein Herz – Übersetzung von Dietrich Weller

Ich bin ein kleiner Singvogel. Meinen Gesang kann man überall von morgens bis nachts hören. Ich kann kurze, oft variierende Melodien singen. Die Federn auf meiner Brust sind hellrot. Da ich nicht verstanden habe, warum das so ist, beschloss ich, meinen großen Freund zu fragen, der den ganzen Tag lang auf dem Ast einer alten Eiche sitzt.

„Mein Lieber, der du alles weißt, bitte erkläre mir die Bedeutung der roten Federn auf meiner Brust.“

Die Eule erklärte: „Liebes Rotkehlchen, diese roten Federn auf deiner Brust liegen vor deinem Herzen. Das ist ein Zeichen, dass du gutherzig bist. Du machst jeden glücklich mit deinen netten Melodien.“ – „Was meinst du mit gutherzig?“

Die Eule erklärte:

„Das gute Herz ist Gottes heiliger Platz mit ungesehenen Bewohnern darin. In der Mitte dieses Heiligtums steht ein grüner Baum, auf dem ein Singvogel sitzt. Wie in jedem Heiligtum, so ist auch im guten Herz die Eingangstür nach allen Seiten offen. Die Gutherzigen nehmen jeden Neuankömmling an. Aber nur die freundlichen liebenswerten Bewohner bleiben dort im Glück. In dem Heiligtum leben unsichtbare Bewohner sicher in Frieden. Scheinbar widersprüchlich gibt es immer mehr Platz für jeden Neuankömmling, obwohl das gute Herz voll von liebenswerten Bewohnern ist.

Der Inhalt des Herzens ändert sich ständig und zeigt größte Anpassungsfähigkeit an alle neuen Umstände. Die Länge des Herzens wird nach seiner Kunst des Mitgefühls und der Toleranz bemessen. Das dankbare Herz ist die größte Tugend.

Die Breite des Herzens wird nach der enormen Stärke und Ausdauer bemessen. Jedes Herz, das stark schlägt, schenkt uns hoffnungsvolle Anregungen.

Die Höhe des Herzens wird nach der Kraft der Barmherzigkeit und des Verstehens bemessen. Ein liebendes Herz stellt die wahrhaftigste Weisheit dar.

Die Tiefe des Herzens wird nach seiner Fähigkeit bemessen zu vergeben und alles auszugleichen. Es ist voll von wachsenden, fruchtbaren Samen, die bereit sind, sich an jemanden zu heften.

Die Energie des Herzens wird nach seiner Menge an Freundlichkeit bemessen. Diese Energie wärmt die Seele. Wenn jemand Energie durch Freundlichkeit erschaffen würde, wäre das genügend Versorgung für den ganzen Planeten. Mit unbegrenzter Energie wäre die Menschheit fähig, Wohlstand auf der Erde zu erschaffen.

Die Ummantelung des Herzens ist weich wie das Gefieder des Vogels und ist bedeckt von zartem Gewebe wie Seide. Wenn das normale Seidengewebe zerrissen wird, ist es wieder herstellbar.

Das Herz des Bösen ist kein Heiligtum, das von glücklichen Bewohnern und singenden Vögeln erfüllt wird. Es ist ein leerer, kleiner, dunkler, unbedeutender Raum ohne Türen und ohne Platz für irgendjemanden. Die Stille regiert wie in einem leeren Grab. Deshalb neigt das einsame böse Wesen dazu, in das volle Heiligtum der Gutherzigen mit der Absicht einzudringen, die Herzummantelung zu verletzen und zu zerreißen. Der Riss in der Herzummantelung ist wie eine offene Wunde nicht wiederherstellbar und bleibt für immer bestehen. Bittere Tränen fließen durch den Riss nach außen. Gott selbst sammelt diese Tränen – eine nach der anderen – in getrennten Schalen, eine für jedes verletzte Wesen. Die mit Tränen gefüllten Schalen bleiben für ewig im Himmel.

Quintessenz:
Nur die gutherzigen Menschen sind glückliche Menschen. Güte und Glück insd untrennbar wie siamesische Zwillinge.

Quintessenz: Nur die gutherzigen Menschen sind wirklich glückliche Menschen. Güte und Glück sind untrennbar wir siamesische Zwillinge.“

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Der neue Almanach deutschsprachiger Schriftstellerärzte ist erschienen!

Das Titelbild mit der Libelle stammt von mir. Klicken Sie auf das Bild, dann sehen Sie es größer

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Macht Lesen gesund?

Mein Beitrag zum Almanach 2022

Frau Prof. Dr. med. Silke Heimes veröffentlichte 2017 bei Vandenhoeck & Ruprecht das Buch Lesen macht gesund – Die Heilkraft der Bibliotherapie. Almanach-Leser kennen Texte von Frau Heimes aus einigen der früheren Almanache, die ich herausgegeben habe. Sie ist Ärztin, Autorin, Leiterin des Instituts für kreatives und therapeutisches Schreiben (IKUTS) und Professorin für Journalismus (Schwerpunkt Wissenschaftsjournalismus) an der Hochschule Darmstadt. Im Vorfeld zu dem Buch bat sie Bekannte und Freunde um ihre Antworten auf einen Fragebogen, der das Grundgerüst und die Stoffsammlung für das Buch darstellen sollte.

Das Buch stellt eine gründliche Synthese der vielen Einsendungen und eine sehr gute Übersicht der Erkenntnisse zu dem gestellten Thema dar. Ich möchte im Folgenden meine damaligen Antworten auf den Fragebogen darlegen. Dabei habe ich zur Veröffentlichung in diesem Almanach 2022 nur wenig ergänzt oder aktualisiert.

Wichtig für das Verständnis und die Länge meiner Antworten ist die „Gebrauchsanweisung“ zu dem Fragebogen: Bei den Antworten können Sie gerne auch ausführlichere Gründe angeben, ungewöhnlich, poetisch oder wie es Ihnen gefällt!

  • Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Lesen? Wer hat Ihnen das Lesen nahegebracht?

Lesen konnte ich mit fünf Jahren, weil meine Mutter es mir schon vor der Schule beigebracht hat. Seither lese ich regelmäßig, viel und mit Freude. Von meiner Mutter habe ich auch gelernt, etwas, was ich nicht weiß, sofort nachzuschlagen. Dafür gab es immer gute Nachschlagewerke bei uns. Zur Konfirmation bekam ich den zwanzigbändigen Brockhaus mit Goldschnitt geschenkt, in dem ich oft las. Heute ist die Antwort auf eine Frage nur so weit wie das Smartphone in meiner Hosentasche oder der PC auf dem Schreibtisch entfernt. Und der Brockhaus ist keineswegs antiquarisch wertvoll, wie ich dachte, sondern, wie mir ein Buchantiquar sagte: „Der ist nur noch für den Papiercontainer gut!“

Das für mein Leben entscheidende Leseerlebnis hatte ich, als ich mit neun Jahren wegen einer schweren Osteomyelitis (Knochenentzündung) am Bein zweimal operiert werden und ein halbes Jahr mit Gipsbein zuhause im Bett liegen musste. Um der Langeweile vorzubeugen, besorgte meine Mutter mir regelmäßig aus der Stadtbibliothek Bücher, oft alle zwei, drei Tage ein neues. Ich verschlang die Bücher regelrecht und las alles, was ich an Reise- und Abenteuerliteratur in die Finger bekam. Seltsamerweise hat Karl May mich nicht fasziniert. Ich habe nur „Winnetou“ gelesen, und den nur halb. Vielleicht, weil er in einer Welt spielte, die mir nicht sehr sympathisch war.

Stattdessen faszinierten mich Reiseberichte, besonders von Hans-Otto-Meissner (deutscher Diplomat und Reiseschriftsteller), und ich bat meine Mutter, mir nach und nach alle Bücher von ihm zu besorgen, und das waren viele. – Ich weiß noch genau, wie ich in die Länder eintauchte, in die Erlebnisse, von denen ich wusste, dass sie real geschehen waren. –

Nebenbei machte ich meine Hausaufgaben, die mein Freund mir jeden Nachmittag aus der Schule brachte. Ich hielt ohne Schulbesuch so gut beim Lehrplan mit, dass ich vor der zweiten Operation die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium bestand.

Lesen ist für mich geistige Nahrung. Sie ist fast so wichtig wie Essen und Trinken. Aber wenn ich nicht mehr lesen könnte, weil ich blind bin, könnte ich noch hören und sprechen und würde darüber meine Eindrücke, Erkenntnisse und Hilfen erhalten.

Mein Lateinlehrer Edwin Brauchle – sein Name ist hier mein Denkmal für ihn! – vermittelte mir den geistigen Hintergrund für Sprachzusammenhänge, kulturelle Verbindungen der Geschichte, Entwicklung und Bedeutungswandel von Wörtern mit lateinischer Wurzel in verschiedenen Sprachen. Durch ihn lernte ich den Wert der Grammatik und das damit verbundene strukturelle Denken, das einer Sprache innewohnt, und eines gut übersetzten Textes kennen und schätzen. Auch heute noch macht es mir große Freude, einen Text gut zu übersetzen, d.h. soweit wie möglich im Stil und Sprach- und Grammatikniveau des Originals zu bleiben.

Herr Brauchle ist einer der wenigen Lehrer meines Lebens, von dem ich viel mehr als das reine Fachwissen lernen durfte: Meine Einstellung zu Kultur und besonders zur Kultur der Sprache und ihrem zeitlosen Wert, der in einem geschliffenen Text modelliert ist, verdanke ich vorrangig ihm. Er machte Latein zu meinem Lieblingsfach. Ich bin froh, dass ich ihm viel später als Erwachsener noch sagen konnte, wie sehr ich ihm dankbar war und bin für den lebensprägenden Schatz, den er mir vermittelt hat.

Wenn ich ein paar Tage lang nicht zum Lesen komme, spüre ich Entzugserscheinungen. Ich sehne mich nach dem Gefühl, in einem Buch zur Ruhe zu kommen, mich auf Interessantes, Spannendes, Lehrreiches und Aufbauendes konzentrieren zu können. Ich sehne mich nach guter Sprache, die mich ins Gleichgewicht bringt und meinen Gefühlen und meinem Verstand Nahrung schenkt. Dadurch spüre ich die Kraft des Heilsamen. Eine ungestörte Lese- oder Schreibstunde ist für mich die reine Meditation.

Durch Lesen (und Leben!!) habe ich gelernt, die Welt um mich herum und in mir besser zu verstehen, zu ertragen und zu genießen. Das bedeutet für mich, die Polarität und unaufhaltsame Prozesse als natürlichen Bestandteil unseres Seins und unserer Entwicklung anzunehmen.

Lesen ist ein wesentlicher Katalysator des Heil-Werdens: Gute Lektüre vermittelt mir lebenswichtige und lebenssteuernde Impulse und Erkenntnisse.

Die Weltgesundheitsorganisation hat definiert Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“

Nach diesen Gesichtspunkten ist sicherlich niemand wirklich gesund. Aber ein ideales Ziel ist vorgegeben, dem wir nachstreben können, wohl wissend, dass wir es nie und sicher nie auf Dauer perfekt erreichen werden.

Medizinisch spitzfindig formuliert: Gesundheit heißt: Der Mensch wurde noch nicht gründlich genug untersucht.

Für mich bedeutet in dem Zusammenhang dieses Interviews heil werden und heilsam sein, dass wir durch Heilkräfte in uns und um uns herum mehr in das Gleichgewicht zwischen den Extremen des Krankseins und der Gesundseins kommen. Lektüre, die heilsam ist, hilft uns auf dem Weg, geistig, seelisch und körperlich gesünder zu leben. Lektüre kann aber auf genau demselben Weg durch destruktiven Lesestoff krank machen. Leider achten viele Menschen bei der geistigen Nahrung ebenso wenig auf Qualität wie bei der körperlichen.

Es gibt einen aussagekräftigen Versuch in der Psychoneuroimmunologie. Man bildete drei Gruppen von Versuchspersonen und nahm ihnen vor dem Versuch Laborwerte ab, die den Zustand ihres Autoimmunsystems repräsentierten. Dann wurde die erste Gruppe in einem Horrorfilm geschickt, die zweite Gruppe sah einen Naturfilm, und die dritte Gruppe bekam keinen Film zu sehen. Anschließend wurde festgestellt, dass die Laborwerte der Horrorfilm-Gruppe signifikant abgesunken und die der Naturfilm-Gruppe signifikant angestiegen waren. Die Kontrollgruppe zeigte natürlich keine Laborveränderungen. Schon ein einziger  Film hat messbare Auswirkungen auf unsere Gesundheit! Was machen dann erst unser Fernsehprogramm und die entsetzlichen Videospiele mit uns, denen sich viele Menschen über viele, viele Stunden täglich hingeben! – Ich schlage vor, den Versuch zu wiederholen mit zwei Stunden Horrorroman für die erste Gruppe und zwei Stunden Natur beschreibender Literatur für die zweite.

Lesen vermittelt mir auch die Erkenntnis, dass es mir so gut oder schlecht geht, wie ich mich in dem Vergleich erlebe, den ich selbst anstelle. Es gibt immer etwas Besseres und immer etwas Schlechteres als meine Situation. Also liegt es an mir, womit ich mich vergleiche. Das Sprichwort zeigt es: „Das Gras ist immer auf der anderen Straßenseite grüner.“ Auch die Gedichtzeile von Georg Philipp Schmidt von Lübeck in Des Fremdlings Abendlied, das Franz Schubert in seinem Lied Der Wanderer vertont hat:  Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück“ veranschaulicht diese negative Denkstruktur. Das heißt, ich entscheide durch meinen Vergleich, ob es mir gut oder schlecht geht. Der Vergleich lässt mich heil oder krank werden. Lektüre kann helfen, hier die gute Entscheidung zu treffen.

  • Welches war Ihr Lieblingsbuch als Kind? Welches ist Ihr aktuelles Lieblingsbuch?

Lieblingsbücher als Kind: Reiseberichte, besonders von Hans-Otto-Meissner

Aktuelle Lieblingsbücher: Hier zögere ich und schreibe lieber Aktuelle Lieblingsschriftsteller.

Ich bin ein Sammler: Wenn ich etwas entdecke (neuer Interpret in der Klassik, neuer Schriftsteller, neues Thema), will ich alles davon haben und suche dann gezielt und lese und höre möglichst viel vom selben Autor und zum selben Thema. In den letzten Jahren entdeckte ich z.B. so die Bücher von

José Saramago: Die Stadt der Sehenden, Die Stadt der Blinden, Eine Zeit ohne Tod (grandiose Sprache, mitreißender Duktus), Die Reise des Elefanten, Alle Namen

Hanns-Josef Ortheil: Erfindung des Lebens (faszinierende, tief berührende Autobiografie), Liebesnähe (verblüffender Liebesroman), Das Kind, das nicht fragte, Lesehunger, Die Berlinreise, Das Glück der Musik.

Roger Willemsen: Kleine Lichter (sehr einfühlsamer Liebesroman aus interessanter Perspektive), Die Enden der Welt (großartige Reiseberichte), Das Hohe Haus (brillanter Sachbericht, der oft am Verstand und der guten Erziehung unserer Volksvertreter zweifeln lässt!). Nicht zu vergessen: Die großartigen auch auf DVD und CD aufgezeichneten Sendungen über Musik wie Willemsen legt auf!

Pablo Neruda: Ich bekenne, ich habe gelebt (Mitreißende Autobiografie) und Matilde Urrutia: Mein Leben mit Pablo Neruda(Diese Biografie über Nerudas Leben scheint ein ganz anderes Leben zu beschreiben als Neruda selbst!)

Rolf Dobelli: Er ist ein brillanter Schriftsteller, weil er zeigt, dass noch nicht alle Gedanken gedacht und formuliert worden sind. Seine Bücher Fragen an das Leben und Turbulenzen (777 bodenlose Gedanken) werfen den Leser komplett auf sich selbst zurück und stellen Fragen, die nicht nur verblüffen, sondern atemlos machen. Die Kunst des klaren Denkensund Die Kunst des klugen Handelns sind ein Wegweiser durch den Dschungel unserer unkontrollierten Gedanken und unüberlegten Handlungen. Dobellis Intelligenz und messerscharf formulierte Analyse können wehtun! – Er kann aber auch witzige und packend fantasievolle Romane schreiben: Himmelreichist ein Beweis dafür. – „Ganz nebenbei“ ist Dobelli ein äußerst erfolgreicher Geschäftsmann.

Ferdinand von Schirach, der ehemalige Strafverteidiger,schreibt spannende Geschichten und Dramen aus dem realen Leben: Strafe, Verbrechen, Der Fall Collini, die Dramen Gott und Terror.

Julia Zeh, die promovierte Juristin und Verfassungsrichterin, ist eine der profiliertesten Romanautorinnen unserer Zeit. Ihre Bücher spielen mit  ineinander verwobenen Handlungssträngen, die die Spannung aufrecht halten und gezielt die Fantasie des Lesers anregen. Beispiele: Leere Herzen, Adler und Engel, Corpus delicti, Schilf und Über Menschen.

Andreas Altmann ist seit ein paar Jahren mein Lieblingsautor für die Reiseliteratur. Ich halte ihn für einen der besten Reiseschriftsteller, denn er reißt mich in jedem Buch durch seine blitzgenauen Formulierungen und Vergleiche mit. Bei ihm erkenne ich die wertvolle praktische Umsetzung des Zitats: „Das richtige Wort und das fast richtige Wort verhalten sich wie ein Blitz zu einem Glühwürmchen.“ – Er schafft es, die gesamte mögliche Gefühlswelt eines Menschen aufgrund seiner eigenen manchmal traumatischen und grotesken Erfahrungen und Erlebnisse  in wenigen Sätzen bildhaft, emotionsgeladen und bezwingend zu schildern. Seine geradezu kindliche Freude befeuert den professionellen Umgang mit dem Spiel mit den Buchstaben. Seine schonungslosen gesellschaftskritischen Gedanken werfen den bewussten Leser immer wieder vom Leserausch in den Meint-der-etwa-mich?-Schock. Beispiele sind nachzulesen u.v.a. in: Gebrauchsanweisung für das Leben, Gebrauchsanweisung für Heimat, Gebrauchsanweisung für die Welt, Weit weg vom Rest der Welt, Notbremse nicht zu früh ziehen!, Leben in alle Himmelrichtungen.

Da mir das kreative Fotografieren wieder nach 30 Jahren, in denen ich nicht mehr oder kaum fotografiert habe, sehr wichtig ist, sind zurzeit Bücher über Naturfotografie (Landschaften, Pflanzen, Makro) zentrale Lektüre. Bewusstes Fotografieren hilft mir in wunderbarer Weise, das Leben um mich herum und die Wunder der Natur besonders im Detail klarer, intensiver, auch mit großer Freude und Dankbarkeit wahrzunehmen. Wenn ich es schaffe, diese Eindrücke selbst kreativ und mit möglichst schlackenloser Schönheit festzuhalten, gewinne ich den Eindruck, wenigstens Sekunden des fließenden Lebens festhalten zu können. Eine Stunde Spaziergang in der Natur mit der Kamera in der Hand ist für mich ein wunderbarer Urlaub. Das Buch dazu, zuhause gelesen, hilft mir, diese Zeit noch intensiver als heilsam zu empfinden.

  • Wann war die exzessivste Lesephase Ihres Lebens?

Siehe oben in der Krankheitsphase als Kind. In der Oberstufe entdeckte ich Stefan Zweig und Hermann Hesse für mich, die immer noch zu meinen Lieblingsschriftstellern gehören. Später während der Prüfungsvorbereitungen im Studium las ich meist Fachliteratur. Seither lese ich regelmäßig im Durchschnitt ein Buch pro zwei Wochen, manchmal ein Buch pro Tag. Ich gestehe: Ich bin lesegierig. Da ich Entzugserscheinungen bekomme, wenn ich einige Zeit nicht lesen kann, ist es wahrscheinlich, dass ich abhängig bin. Aber ich möchte keine Therapie machen, um diese Abhängigkeit loszuwerden.

Ich habe schon lange bemerkt, dass ich das Gefühl der Langeweile nicht kenne. Selbst wenn ich mal auf dem Sessel vor mich hin döse, ist das keine langweilige, sondern einen entspannende  und bewusst verbrachte Zeit, die mir guttut. Wenn ich eine freie Minute habe, lese ich mit Vergnügen. Ich habe immer ein interessantes Buch oder eine gute Zeitschrift über Klassische Musik, Medizin oder Fotografieren bei der Hand. Sogar wenn ich in der Notfallpraxis Dienst habe, nütze ich arbeitsfreie Zeit mit Lesen. Weil ich dort oft gestört werde durch meine Dienstaufgaben, habe ich für diesen Zweck ein Buch oder eine Zeitschrift mit kurzen Abschnitten dabei.

  • Welche Bücher hatten einen entscheidenden Einfluss auf Sie? Können Sie sagen, warum und in welcher Weise?

Die wichtigsten Bücher in meinem Leben:

Dale Carnegie: Sorge dich nicht, lebe! – Das war mein Einstieg in das Thema Kommunikation und Menschenführung zum Beginn der Kliniktätigkeit als Assistenzarzt. Grundlegende Ideen im Umgang mit Mitmenschen im Privaten und mit Patienten im Besonderen. Dann in der Folge zahlreiche Kurse in dieser Richtung, zuerst als Teilnehmer, später als Leiter.  Gute Kommunikation war immer ein sehr wichtiges berufsbegleitendes Thema, das u.a. mich dazu brachte, u.a. zwei Bücher zu schreiben: Wenn das Licht naht- der würdige Umgang mit schwer kranken, sterbenden und genesenden Menschen und Ich verstehe Sie! – Verständigung in Praxis, Klinik und Pflege. Beiden Büchern ist die Grundfrage eigen: Wie gehen wir richtig mit Menschen in schwierigen Situationen um?

Thorwald Dethlefsen, Rüdiger Dahlke: Krankheit als Weg. – Dieses Buch hat zu Beginn meiner Arbeit in der eigenen Praxis meinen Zugang zu Krankheiten und meinen Umgang mit Patienten grundlegend verändert und geprägt. Es hat mich vor allem auf die psychosomatische Sprache aufmerksam gemacht, die seither für mich ein unverzichtbares Mittel der Diagnostik und Therapie in der ärztlichen Arbeit und in meiner Selbstwahrnehmung darstellt. Dieses Buch und die damit verwandten Bücher haben mir unerlässliche Perspektiven aufgezeigt, die neben der reinen Apparate-Schulmedizin nötig sind, um mit kranken Menschen angemessen und verständnisvoll umzugehen. Für mich gibt es den wichtigen Unterschied zwischen Mediziner und Arzt: Der Mediziner behandelt einen Krebs. Der Arzt behandelt einen Menschen, der an Krebs leidet.

Erhard Freitag: Kraftzentrale Unterbewusstsein. Dieses Buch hat mich in die Welt der eigenen unbewussten Entwicklung und Steuerung eingeführt. Ich habe viele Seminare des Autors besucht, bis er mich dazu brachte, eigene Seminare zu veranstalten. Ihm und seinen Büchern verdanke ich entscheidende Erkenntnisse über Krankheit und Gesundheit und besonders über die Prozesse des Heil-Werdens.

Stefan Zweig: Stellvertretend für sein Werk, das ich (fast) ganz gelesen habe, sei hier Sternstunden der Menschheit genannt. „Nur“ kurze Geschichten, aber von enormer erzählerischer Wucht und detaillierter, feinsinniger Empathie. Bestechend gut sind seine Romane und Biografien berühmter Persönlichkeiten (Joseph Fouché, Maria Stuart, Calvin usw.). Für mich einer der brillantesten Schriftsteller für psychologische Analyse und deren Schilderung. Die Zweig-Biografie von Alberto Dines: Tod im Paradies[1] ist eine der besten Biografien, die ich je gelesen habe.

Hermann Hesse: Stellvertretend für sein Poesiewerk sei das Gedicht Stufen erwähnt, das auch heute noch mein Ratgeber, mein Lebenswegweiser in Situationen des Zweifels und Wandels ist. Es ist das wichtigste Gedicht meines Lebens. – Hesses gewichtiges Prosawerk, das ich auch fast ganz gelesen habe, hat mich tief beeindruckt, von Unterm Rad über den Steppenwolf bis zum Glasperlenspiel.

Elisabeth Kübler-Ross: Interview mit Sterbenden. Dieses Buch habe ich während meiner Kinderfacharzt-Weiterbildung auf der Krebsstation kennen gelernt. Es brachte mich auf den intensiven Weg der Palliativmedizin, die seither mein wichtigstes ärztliches Feld ist. In Folge las ich später alle anderen Bücher von ihr und die gängige Palliativmedizinliteratur. Und ich schrieb als Arbeitsbilanz zu meinem 50. Geburtstag das Buch Wenn das Licht naht (siehe oben), das meine Einstellung kranken Menschen gegenüber und meine Arbeitsweise zusammenfasst. Bei diesem Buch hat mich meine Frau durch kluge Fragen, Vorschläge und ein wunderbares Titelbild unterstützt.

Lennart Nilsson: Ein Kind entsteht: Das schönste, beste und Wunder-vollste (im wörtlichen Sinn!) Buch mit faszinierenden intrauterinen Fotos über die Entstehung eines Menschen. Ich empfehle es allen „schwangeren Eltern“ zur besseren Wahrnehmung und Wertschätzung der Veränderungen in der Schwangerschaft. Ich kenne keinen schöneren Weg, sich während der Schwangerschaft auf das Kind vorzubereiten und das Wunder seines Lebens zu verinnerlichen.

Sol Stein: Über das Schreiben. – Erst nachdem ich schon Bücher selbst geschrieben hatte, entdeckte ich dieses Buch. Es ist bis jetzt das Beste, was ich über Schreiben gelesen habe. Ich schlage immer wieder nach, hole mir Anregungen und überprüfe meine Texte anhand Steins Kriterien.

Das Manfred-Kyber-Buch: Die besten Tiergeschichten (Fabeln) über das menschliche Fehl-Verhalten. Von heiter bis todernst, von gut bis bitterböse sind hier alle menschlichen Gefühle und Eigenschaften meisterhaft geschildert und teilweise grandios karikiert.

Bernd Frederich: Zuflucht in der Krankheit suchen – Die Angst vor dem Partner. Dieses Buch des Internisten und Arztes für Psychosomatische Therapie hat mir vermittelt, dass es (grob gesprochen) zwei Menschentypen gibt: solche, die Angst vor Schwäche haben, und solche, die Angst vor Fehlern haben. Die weitgehenden Konsequenzen für den Entwurf und Ablauf des Lebens werden an praktischen Beispielen hervorragend dargestellt. Diese Erkenntnisse helfen mir im Alltag und als Arzt in der Sprechstunde, mich und andere besser zu verstehen und verständnisvoller mit ihnen umzugehen.

Tiziano Terzani ist einer der „großen Weisen“ für mich. Während seiner über dreißig Journalistenjahre (vorwiegend für DER SPIEGEL) in Asien (Terzani sprach perfekt Chinesisch!) tauchte er tief in die Philosophie des Ostens ein und ging am Ende seiner Laufbahn für viele Monate als Einsiedler in den Himalaya zurück, um die Diagnose eines Bauchspeicheldrüsenkrebses zu verarbeiten. Seine zahlreichen Bücher, z.B. Noch eine Runde auf dem Karussell und Fremder unter Chinesen und Fliegen ohne Flügel) sind Meilensteine in der westlichen Journalistenliteratur und bauen eine begehbare Brücke zwischen östlicher und westlicher Philosophie und Lebensweise. Unvergessen sind mir die von ihm dokumentierten Dialoge mit seinem Sohn vor Tizianis Tod (Das Ende ist mein Anfang), und der tief beeindruckende Film darüber, in dem Bruno Ganz die Hauptrolle spielt.

Erich Fromm: Über die Liebe. Das beste Buch über die Liebe, das ich kenne. Haben oder Sein: Das beste Buch, das ich kenne, über die wichtigste Polarität, mit der wir uns lebenslang auseinandersetzen müssen.

  • Gibt es Bücher, die Ihnen in schwierigen Zeiten geholfen haben? Welche Zeiten waren das, und wie haben die Bücher Ihnen geholfen?

Meine Grundlage ist das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse, das mich an jeder Stufe meines Lebens, besonders bei den Brüchen und Krisen gestützt und geleitet hat. Es vermittelt mir Ruhe, Gelassenheit und das Wissen, dass die Brüche und Stufen natürliche Bestandteile jedes Lebens und notwendig sind – die Not wendend. Ich habe bin jetzt nach jedem schweren Konflikt und jeder bitteren Entscheidung und Ent-Täuschung festgestellt, dass alles(!) auch eine gute Seite hat, die sich aus dem Konflikt entwickeln kann bzw. nur durch den Konflikt möglich wird. Eine Ent-Täuschung ist wie Ent-Tarnung die Wegnahme der Täuschung, die wir uns oft selbst vorgetäuscht haben. Da die Erkenntnis, selbst für die Täuschung verantwortlich zu sein, so bitter ist, projizieren wir oft die Verantwortung für unsere schlechte Stimmung nach der Ent-Täuschung auf den Anderen, der uns enttäuscht hat. Die Aufgaben werden schwerer, die Entwicklung drängt vorwärts. Wir ändern nur etwas in unserem Leben, wenn der Leidensdruck größer als die Angst vor Veränderung. Dieses Bewusstsein, dieses Wissen lässt mich Entscheidungen leichter fällen und die Konsequenzen geduldiger ertragen.

Alle anderen Bücher, die mir in Krisen hilfreich sind oder waren (Romane, Lebenshilfe-Literatur, alle unter Punkt 4 angeführten wichtigen Bücher), sagen im Prinzip nichts anderes aus als dieses Gedicht. Es ist für mich verdichtet die Essenz aller Lebensweisheit.

  • Gibt es ein Buch, das Ihre Weltsicht entscheidend geprägt oder verändert hat?

Alle oben erwähnten Bücher haben meine Weltsicht in der jeweils beschriebenen Weise geprägt, bereichert und entwickelt.

  • Welches Buch hat die größte Sehnsucht bei Ihnen ausgelöst? Sehnsucht wonach?

Die Reisebücher meiner Kindheit haben meine Sehnsucht nach der Ferne, nach großen Landschaften, nach fremden Kulturerlebnissen ausgelöst. – Bis mir klar wurde, dass Sehn-Sucht das falsche Wort oder der falsche Ansatz ist. Sucht ist pathologisch. Insofern finde ich das Wort in der Frage nicht so gut. Intensive Wünsche, attraktive Ziele, drängende Motivation wäre besser.

Auf jeden Fall haben alle Bücher in mir den Wunsch ausgelöst, selbst und gut zu schreiben, um im Schreiben, Formulieren, Suchen nach dem richtigen Wort mich selbst und mein Leben besser wahrzunehmen und auszudrücken. Schreiben ist für mich auch ein therapeutischer Prozess. Wenn mir wichtige Dinge oder zu entscheidende Fragen und Konflikte unklar sind, schreibe ich darüber. Im Nachdenken, Formulieren und Lesen komme ich zur Klarheit und Entscheidung. Das heilt mich, weil es mich wieder mehr ins Gleichgewicht, zu Ruhe und Gelassenheit bringt. Ob ich das Geschriebene dann auch veröffentliche, ist eine ganz andere Sache.

Wenn ich beim Lesen mir verwandte Gedanken finde oder eine gute Formulierung für das, was ich immer schon gefühlt habe, aber nicht treffend genug in Worte fassen konnte, bin ich glücklich.

  • Welches war der ‚speziellste Zustand’, in den ein Buch Sie versetzt hat? Vielleicht ein lesender Liebesrausch?

Bücher, die ich nicht aus der Hand legen konnte, bevor ich auf der letzten Seite war, gab es viele, aber interessant ist, dass mir spontan kein einziger Titel dazu einfällt. Waren es Strohfeuer? Es war der Drang zu wissen, wie es weitergeht. Spannende Krimis, Erzählungen, Romane.

Ach ja, da waren die beiden Romane von Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fester stieg und verschwand und Die Analphabetin, die rechnen konnte. Und von Patrick Süßkind Das Parfüm! Das sind drei Romane, die an Erzählfreude und Humor kaum übertroffen werden können und trotz der irrealen Handlung köstlich erfrischend und lesenswert sind. Ich habe sie „in einem Rutsch“ gelesen.

Und zuletzt von Siegfried Lenz Der Überläufer und von Ayelet Gundar-Goshen Löwen wecken. Zwei dramatische Romane, die rasant geschrieben sind und alle Tiefen menschlicher Existenz und Polarität ausleuchten.

Alle im Gedächtnis gebliebenen Bücher, besonders die wichtigen von Punkt 4, habe ich langsam und oft mehrfach, auch abschnittweise gelesen. Sie sind ein Teil von mir geworden. Ich habe sie in mich integriert. Jedes dieser Bücher hat in mir eine bleibende Faszination ausgelöst, das Gefühl, etwas Neues zu entdecken, mein Wissen und meine Sicht der Dinge oder Beziehungen zu erweitern und für mich nützen zu können.

  • Das Schicksal welches Protagonisten hat Sie am tiefsten berührt?

Realistische Schilderungen von Menschen in lebensbedrohlichen oder lebensvernichtenden Situationen. Beispielhaft nenne ich das Buch Sterben dürfen von Wolfgang Putz und Elke Glor (Hofmann und Campe). Das ist für mich eines der wichtigsten Bücher in der Palliativmedizin. Es handelt sich um einen Tatsachenbericht, der kaum bizarrer hätte erfunden werden können. Eine wahre Arzt-Kriminalgeschichte, die in unserer aktuellen, realen deutschen Justiz Rechtsgeschichte geschrieben hat:

Der berühmte Medizin-Fachanwalt Wolfgang Putz wurde wegen Tötung angeklagt, weil er Elke Glor riet, die Magensonde bei ihrer seit Jahren im Wachkoma liegenden Mutter durchzuschneiden, als diese auf Anordnung der Heimleitung zwangsernährt werden sollte, obwohl die Patientin noch im gesunden Zustand lebensverlängernde Maßnahmen verboten hatte.

Der Konflikt führte nach der Verurteilung des Anwalts und der Tochter in 1. Instanz(!) schließlich in der Revision zu dem BGH-Urteil und Freispruch vom 02.06.2010. Die Begründung ist für unserer tägliche Arbeit in der Patientenversorgung so grundlegend wichtig, dass ich sie zitieren will: „Der Abbruch einer lebenserhaltenden Behandlung auf der Grundlage des Patientenwillens ist nicht strafbar. – Niemand macht sich strafbar, der dem explizit geäußerten oder dem klar festgestellten mutmaßlichen Willen des Patienten, auf lebensverlängernde Maßnahmen zu verzichten, Beachtung schenkt. – Der freiverantwortlich gefasste Willen eines Patienten muss in allen Lebenslagen beachtet werden.“

Das Drama der Beteiligten ist sehr sachlich und wahrscheinlich gerade deshalb so packend geschildert. Die Rechtsfolgen für die betroffenen Patienten und die betreuenden Ärzte sind endlich geklärt und verschaffen Patienten, Ärzten und Familienmitgliedern in Zukunft Rechtssicherheit.

  • Welches Buch würden Sie aus einem brennenden Haus retten?

So viele wie möglich, solange ich mein Leben nicht dadurch riskiere. Ich kann, wenn es um existenzielle Bedrohung geht, auf alle meine Bücher verzichten. Im Zweifelsfall kann ich Lesenswertes wieder kaufen oder leihen. Antiquarische Bücher habe ich nicht. Auch die würde ich nicht retten wollen, wenn ich mein Leben dafür riskieren müsste. Kein Buch ist es wert, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Ich hoffe, dass die wesentlichen Erkenntnisse, die ich aus Büchern bis jetzt gewonnen habe, so in mir integriert sind, dass ich das Buch dazu nicht mehr brauche. Ich sage das, obwohl ich ein sehr großer Bücherliebhaber bin, eine große Bibliothek besitze und viel lieber ein gutes Buch in Händen halte als einen E-Book-Reader (ich besitze gar keinen). Und es fällt mir immer wieder schwer, Bücher wegzugeben, weil meine Bücherschränke voll sind und ich immer noch ein anderes Buch kaufen und lesen möchte.

  • Gibt es Bücher, die Sie mehrfach gelesen haben?

Ja, die unter Punkt 4 aufgeführten Bücher

  • Was ist Ihr Lieblingsplatz zum Lesen? Haben Sie bestimmte Rituale, wenn Sie lesen?

Ich lese Sachbücher am Schreibtisch im gemütlichen Arbeitszimmer, weil ich oft unterstreiche und Notizen mache. Außerdem habe ich hier alle Nachschlagewerke und den PC zur Verfügung. um Einzelheiten zu recherchieren.

Romane lese ich manchmal im Wohnzimmer in einem bequemen Sessel, Beine hoch auf dem anderen Sessel, das Tageslicht schräg von hinten. Der Kaffee auf dem Tisch daneben wird meist kalt, weil ich ihn über der spannenden Lektüre vergesse.

Interessant ist, dass ich früher regelmäßig neben dem Lesen klassische Instrumentalmusik gehört habe, Vokalmusik störte mich schon immer bei der Konzentration. – Inzwischen –vielleicht altersbedingt- stört mich auch leise Klassik beim Lesen. Deshalb ist es jetzt um mich herum ruhig, wenn ich am Schreibtisch sitze und lese oder an anderen Projekten arbeite.

  • Wer darf Sie beim Lesen stören, oder darf niemand Sie stören?

Jede Störung ist eine Störung. Ich habe keinen Einfluss darauf, wer mich anruft oder an der Haustür klingelt. Ich lese meist tagsüber, wenn ich allein in der Wohnung bin. Das geht so, weil ich als Rentner, der immer noch weiter arbeitet, meine Zeit einteilen kann. Das Ausmaß der empfundenen Störung hängt davon ab, wie tief ich „im Buch stecke“. Wenn ich intensiv lese, vergesse ich die Zeit und alles um mich herum.

Meine Frau versucht, Störungen abzumildern mit dem Satz: „Wenn du nachher Zeit hast, bitte ich dich, ….“ oder „Bitte denke dran, dass in einer halben Stunde die Gäste kommen!“ Trotzdem vergesse ich es manchmal, weil ich so intensiv auf das konzentriert bin, was auf dem Schreibtisch vor mir liegt. Es ist schon passiert, dass trotzdem „plötzlich“ die eingeladenen Gäste vor der Tür standen und ich völlig verblüfft darüber war, dass sie „schon“ da sind.

  • Gibt es einen Autor, dem Sie sich seelenverwandt fühlen?

Bei Stefan Zweig fasziniert mich seine psychologische Einfühlungskraft in reale oder erfundene Personen, die ich gern hätte. Bei Hermann Hesse begeistert mich die endlos variable bildreiche Sprache, die ich versuche, bei mir zu entwickeln. Bei Ferdinand von Schirach spüre ich den gemeinsamen Drang, ungewöhnliche Geschichten aus dem Alltag, die wir aufgrund unserer beruflichen Tätigkeit erleben, aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Es ist doch einfach manchmal nicht zu glauben, was uns alles begegnet, wenn wir aufmerksam sind und zuhören und uns auf das Leben der Menschen einlassen, die sich uns anvertrauen! Ich muss nur sehr aufpassen, dass die beschriebenen Personen nicht identifizierbar sind. Mit Andreas Altmann fühle ich mich seelenverwandt, weil ich gern so geistreich und treffsicher formulieren können möchte wie er es regelmäßig schafft.

Ich fühle mich jedem Menschen seelisch verwandt, bei dem ich den Eindruck habe, dass er sich bewusst bemüht, eine im besten Wortsinn schlichte und ausdrucksstarke Sprache zu schreiben und zu sprechen und „auf den Punkt“ zu formulieren.

Menschen, die Denglisch, Worthülsen, unnötige oder die falschen Fremdwörter, Wortverschwurbelungen, Politikerfloskeln, verbale Täuschungsmanöver verbreiten und gezielt, wörterreich und nichtssagend an der Frage vorbei antworten, stoßen mich ab.

  • Was halten Sie von der Idee, dass Lesen heilsam ist?

Unter Punkt 1 habe ich schon darüber gesprochen: Ich bin überzeugt, dass Lesen heilen kann. Wichtig ist aber, dass man richtig lesen gelernt hat – ich meine: nicht nur Wörter und ihre Bedeutung erkennen. Zum Heilwerden durch Lesen gehören Bewusstsein für Sprache, Erfassen von Zusammenhängen und Stimmungen, Muße, um das Buch auch mal wegzulegen und nach-zudenken, nach-zuspüren, in sich hineinzuhorchen. Victor Frankl hat es wunderbar mit seiner Logotherapie gezeigt. – Der Leser muss bereit sind, sich auf die Gedanken eines anderen Menschen (des Autors) einzulassen.

Es muss auch geklärt werden, warum „man“ liest. Zur Verdrängung der Langeweile auf niederem Niveau? Da reicht die Regenbogenpresse oder ein Groschenroman oder ein Fantasy-Schinken. Ich sag´s mal deftig und plakativ: Für mich ist das eine Form von Umweltverschmutzung mit Buchstaben und ein Missbrauch der Natur, weil Bäume für die Verbreitung von geistigem Müll gefällt werden. Und dieser Schund wird viel gefährlicher, wenn er über elektronische Medien weltweit verbreitet wird. Er bietet deshalb mehr bedrohliches Gewaltpotenzial.

Wenn ich etwas lernen und auf gutem Niveau Freude haben will beim Lesen, wird´s anspruchsvoller. Dann kommen Bücher aus den Kategorien dran, von denen ich hier berichtet habe.

Wenn ich gesund werden will durch Lesen, erfordert das einen Bewusstheitsgrad, der davon ausgeht, dass (m)ein inneres Ungleichgewicht durch Veränderung der Gedanken ausgeglichen werden kann, die ich bei dem Autor hole und mir zu eigen mache. Dieser Schritt ist therapeutisch wirksam, weil er ganzheitlich, psychosomatisch eingreift.

In der ärztlichen Sprechstunde nützt bei reflektierenden Patienten die psychosomatische Sprache sehr viel. Die richtige Frage hilft heilen: Was / Wer sitzt Ihnen im Nacken? Was halten Sie im Kopf nicht aus? Wer oder was drückt auf Ihr Herz? Was können Sie nicht mehr hören? Warum haben Sie zu viel um die Ohren? Haben Sie Herzprobleme oder Herzensprobleme? Was hat Ihnen die Sprache verschlagen? Welcher Konflikt hat ihr inneres Abwehrsystem so weit gedämpft, dass die Bakterien Oberhand gewissen konnten?

  • Gibt es einen Schriftsteller, dessen Werke Sie für besonders heilsam halten?

Wenn Heilung bedeutet, besser im inneren Gleichgewicht zu sein und sich selbst rascher ins Gleichgewicht bringen zu können, dann gilt für mich:

Dale Carnegie, Thorwald Dethlefsen, Erhard Freitag, Elisabeth Kübler-Ross und Tiziano Terzani haben mich auf den Weg gebracht, mit mir und meinen Mitmenschen bewusster und besser umzugehen.

Hermann Hesse, Stefan Zweig, José Saramago, Sol Stein und Roger Willemsen haben mich auf Gleichgewicht und Exzellenz der guten, das heißt auch heilsamen Sprache aufmerksam gemacht und sind ein Vorbild dafür.

  • Gibt es Bücher, die Sie für bestimmte Gemütslagen (z.B. Angst, Trauer) empfehlen?

Bei Krankheit und Trauer empfehle ich manchmal mein Buch Wenn das Licht naht – der würdige Umgang mit schwer kranken, genesenden und sterbenden Menschen. Ich habe es speziell für Pflegende, Angehörige und Patienten geschrieben. Es schildert an vielen selbst erlebten Patienten und Situationen gute und schlechte Möglichkeiten des Umgangs mit der Krankheit und den Menschen. Häufig habe ich Vorträge darüber gehalten. Oft hörte und las ich, das sei ein Lebenshilfebuch, das man auf den Nachttisch legen könne, um jeden Abend einen guten Gedanken daraus zu holen.

Als Arzt in der Neurologischen Reha-Klinik nahm ich einen Patienten nach Schlaganfall auf meiner Station auf. Nach dem ausführlichen Gespräch mit Untersuchung fragte die Ehefrau: „Was kann ich noch für meinen Mann tun?“ Ich legte dieses Buch auf den Tisch. Sie war verblüfft und lachte mich an. „Oh, Sie haben das geschrieben! – Dieses Buch hat mich auf der Intensivstation in München in den letzten Wochen am Bett meines Mannes am Leben gehalten. Eine Schwester hat es mir ausgeliehen.“

Bei Angst empfehle ich kein Buch, sondern Gespräche und Verhaltenstherapie. Wenn ich im Gespräch auf ein bestimmtes Thema komme, kann es sein, dass ich ein Buch darüber empfehle. Bedrohliche Gefühle lassen sich nicht durch Vernunftgedanken heilen – Verliebtheit übrigens auch nicht J. Aber im therapeutischen Gespräch kann der Kranke neue Gefühle und Gedanken entwickeln, die ihn heilen. Oder anders gesagt: Die meisten Menschen wissen, was sie tun oder lassen sollen. Sie brauchen und suchen oft unbewusst einen Menschen, der sie bestärkt in dem, was ihre innere Stimme schon lange weiß. Dann bin ich im besten Fall der Katalysator, der den bereits begonnenen Entscheidungsprozess gutheißt, bekräftigt und die Patienten ermuntert, das Überlegte auch umzusetzen.

Bevor ich ein Buch empfehle, frage ich immer: „Haben Sie in Ihrer jetzigen Verfassung den Kopf frei zum Lesen?“ Wenn Menschen in tiefen Gefühlen sind, haben sie oft keine Konzentration für lange und / oder schwierige Texte.

Gedichte und kurze, prägnant formulierte Texte / Zitate sind ansprechender, wirksamer:

Texte von Khalil Gibran (z.B. Der Prophet), Mascha Kaléko (ihre Gedichte! Gut zusammengefasst in Die paar leuchtenden Jahre) und Victor Frankl (Trotzdem ja zum Leben sagen und Der Wille zum Sinn) halte ich für besonders feinsinnig, zart, hilfreich.

Die weichgespülte Form der „Heilliteratur“ kommt von Phil Bosmans, Paul Coelho und Kollegen und äußert sich vorwiegend in Kalendersprüchen und kleinen Bild-Text-Kombinationen in Büchlein-Form fürs Krankenbett oder zum Geburtstag oder anlässlich einer Trauersituation.

Manchmal ist es nämlich nur ein Satz, der notwendig -die Not wendend!- ist zur Heilung. Er wendet die Not, weil es der richtige Satz im richtigen Moment von der richtigen Person ist. Das sind die Zufälle, die uns zufallen, wenn sie fällig sind. Wir treffen immer die richtigen Bücher, die richtige Musik und die richtigen Menschen im richtigen Moment. Unsere Aufgabe besteht darin, es zu bemerken und zu nützen.

  • In England kann man sich vom Arzt Bücher gegen Depressionen verschreiben lassen und das Rezept in der Stadtbibliothek einlösen. Was halten Sie von dieser Idee?

Ein tief Depressiver kann nicht mehr lesen. Er ist zu sehr in seinen negativen Gedankenstrudel hinein gesaugt und gedanklich gelähmt. Er kann nicht mehr aus der Tiefe des Wirbels hinaus denken. Er hat auch keine Kraft, in die Stadtbibliothek zu gehen.

Es muss zuerst geklärt werden, ob der Depressive noch oder schon wieder in der Lage ist zu lesen und das Gelesene aufzunehmen und umzusetzen! Wenn er das kann und will, finde ich die Idee gut.

  • Haben Sie zum Abschluss ein Zitat, das Sie den Lesern mitgeben möchten?

Zwei Zitate:

  • Ein gutes Buch ist ein Freund. Er ist in uns wirksam, wenn ich ihn brauche.
  • Das Leben ist zu kurz, um ein schlechtes Buch zu lesen.

[1] Meine Rezension zu diesem Buch finden Sie bei https://dietrich-weller.de/prosa/ein-literarischer-brief/

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Sprechstunde mit Dr. Google

Schon als Schüler habe ich gelernt, sofort nachzuschlagen, wenn eine Frage auftauchte, die ich nicht beantworten konnte. Meine Mutter zeigte mir, wie man das macht. Sie hatte immer gute Nachschlagewerke bei der Hand, die sie bis ins hohe Alter fleißig nutzte. Zur Konfirmation bekam ich von meiner Großmutter die zwanzig Bände des großen Brockhaus mit Goldschnitt geschenkt, in dem ich häufig nachschaute, bis die digitale Entwicklung solche Papierwälzer völlig überflüssig machte, weil sie schon beim Erscheinen überholt waren. Trotzdem dachte ich, es sei ein bibliophiles Werk und brachte es inzwischen zu einem Antiquar, weil ich mir sicher war, er könnte es gut verwerten. Er hatte nur einen abschätzigen Blick dafür: „Wenn ich gewusst hätte, dass Sie mir das bringen, hätte ich gleich gesagt, werfen Sie die Bücher weg. Das ist nur noch das Papier wert. Ich werfe es in den Papiermüll!“

Ich erzähle die Geschichte, weil ich damit zeigen will, wie wichtig und wertvoll mir nachgeschlagenes Wissen und die Bücher sind, die es vermitteln. Inzwischen habe ich mir angewöhnt, sofort im iPhone oder am PC nachzuschlagen, wenn ich etwas wissen will, das ich nicht sofort im Gedächtnis parat habe. Auch meine Bücher, die mir Wissen bereithalten, ziehe ich oft zu Rate. Sogar in der Sprechstunde habe ich keine Scheu, seltene Nebenwirkungen, Dosierungen oder Krankheitsbilder in Anwesenheit des Patienten in meinen Suchwerkzeugen aufzurufen. Jeder Patient weiß, dass ich nicht alles wissen kann. Meine Grenzen zu kennen und zuzugeben, ist auch eine wichtige Eigenschaft.

Aber es gibt Situationen, wo das Nachgeschlagene eher schadet, weil die Fülle der Fakten vom Leser nicht eingeordnet werden kann in die Kategorien wichtig oder unwichtig, gefährlich oder ungefährlich, dringend oder nicht dringend. Da zeigt sich dann, dass wir Menschen dazu neigen, aus einer Menge von möglichen Diagnosen mit großer Gewissheit sofort die schlimmste herauszufinden und automatisch auf uns zu beziehen. Das ist nicht nur beim Beipackzettel der Medikamente so, der viele Patienten total verunsichert, weil die Pharmafirma alle denkbar möglichen Nebenwirkungen aufgezählt hat, um ja nicht verklagt zu werden, bzw. sich bei einer Klage auf den Beipackzettel beziehen zu können. Ich habe schon oft gehört: „Herr Doktor, ich habe das Medikament nicht genommen, weil ich den Beipackzettel gelesen habe.“ Das ist wenigstens ehrlich und für mich eine Basis für ein weiteres offenes und vertrauensvolles Gespräch.

Es ist schwierig oder unmöglich, einen Patienten gegen dieses Argument zu überzeugen, das Medikament eben doch regelmäßig wie vorgeschlagen zu nehmen.  Eine Prüfungsfrage für mich ist dann: Würde ich das Medikament nehmen, wenn ich an der Stelle des Patienten wäre? –Das relativiert oft meinen Drang, Patienten zu überzeugen. Dabei muss ich mir immer bewusst sein, dass ein überredeter Patient viel anfälliger für Unzuverlässigkeit und schlechte Mitarbeit ist als ein überzeugter. Ich will keine überredeten Patienten haben. Und schon gar nicht, wenn ich sie mit Schuldgefühlen „motivieren“ müsste. Das ist die fieseste Methode! Ich nehme mir lieber Zeit, die Patienten mit sachlichen Argumenten zu überzeugen. Das geht aber auch nur, wenn ich selbst überzeugt bin von meinem Vorschlag und die Bereitschaft habe nachzugeben, wenn der Patient sich nicht überzeugen lässt. Dann versuche ich, ihm trotzdem ein guter ärztlicher Begleiter zu sein.

Ein typisches Beispiel für Verwirrung durch Dr. Google habe ich vor der Corona-Pandemie in der Notfallpraxis erlebt. Eine Mutter brachte ihre sechzehnjährige Tochter, die völlig haltlos schluchzte und kein Wort mehr sprechen konnte. Erst nachdem ich eine ganze Weile gebraucht hatte, um die Tochter „herunterzureden“ und einigermaßen in Ruhe zu bringen, konnte ich die Frage stellen: „Warum sind Sie so verzweifelt?“

Die Antwort kam zögernd: „Als ich heute Morgen aufwachte, habe ich ein bisschen gehustet. Dann habe ich bei Google gelesen: Wer hustet, hat Lungenkrebs!“

Nachdem ich meinen ersten Schreck über so viel Naivität und kritiklose Gutgläubigkeit wahrgenommen hatte, begann ich ernsthaft mit dem Gespräch und erklärte ihr, für wie viele leichte und schwere Erkrankungen Husten ein Symptom sein kann. Ich untersuchte sie gründlich. Sie hatte einen leichten grippalen Infekt, und ich verordnete ein pflanzliches Medikament. Aber die eigentliche Therapie bestand in einem längeren Gespräch.

Manchmal beginnen die Patienten das Gespräch in der Praxis mit dem Satz: „Ich weiß, dass ich nicht bei Google nachschlagen soll, aber ich habe gelesen, dass ich eine Leukämie, ( … einen Krebs, einen Tumor etc.) habe. Das will ich jetzt abklären lassen.“

Natürlich erwarten viele Patienten, dass wir jetzt sofort die große Maschine anwerfen und den kompletten Checkup machen: Und das unabhängig von der Dauer der Symptome und der Tageszeit, in der ihr Wunsch und ihre Angst zur Handlungsaufforderung für den Arzt werden. eine „große Blutuntersuchung“ oder „die Sache mit dem Gel auf dem Bauch“ oder die „Untersuchung mit der Röhre“ sind das Mindeste, was angefordert wird, auch wenn es bei dem jeweiligen Fall völlig sinnlos ist.

Jetzt bin ich seit 49 Jahren als Arzt tätig und kann gut überschauen, was sich in dieser Zeit im Arzt-Patienten-Verhältnis verändert hat. Ich beobachte in den vergangenen Jahren immer häufiger, dass die Patienten mit Anliegen in die Sprechstunde kommen, die man früher mit dem gesunden Menschenverstand zuhause erledigt hätte. Die Unselbständigkeit der Menschen nimmt zu, und die Anspruchshaltung, dass in der Notfallpraxis auch Banalitäten sofort erledigt werden müssen, greift immer mehr um sich. – Zugespitzt formuliert: Es ist wie überall im richtigen Leben: Jedes soziale Angebot wird von manchen Menschen als Einladung zum Missbrauch angenommen und ausgenützt.

Wenn die Patienten mit einer fertigen Diagnose von Dr. Google das Gespräch eröffnen, sage ich dann manchmal: „Wer bei Google nachschlägt, stirbt!“ Dann mache ich eine Kunstpause und erkläre ganz ernsthaft, dass jedes noch so kleine Symptom wie Schnupfen oder Halskratzen oder ein bisschen Bauchweh ein Zeichen einer schweren und möglicherweise tödlichen Krankheit sein kann. Die Diagnosen, die Google auf ein bestimmtes Stichwort hin aufzählt, sind ja alle realistisch möglich, aber doch nur mit ganz verschiedenen Wahrscheinlichkeiten und unter ganz bestimmten Bedingungen, die der Patient aber nicht kennt und nicht einschätzen und gewichten kann. Und der Grundsatz gilt: Was häufig ist, ist häufig, und was selten ist, ist selten. – Also suchen wir zuerst mal die häufigen Diagnosen.

Dazu kommt, dass wir Menschen dazu neigen, ein wichtiges und unangenehmes oder bedrohlich wirkendes Symptom mit dem zeitlich am nächsten gelegenen anderen Ereignis ursächlich in Verbindung zu bringen. Sie erkennen dabei nicht, dass es wahrscheinlich nur ein zeitlicher Zusammenhang ist, der die Ereignisse verbindet. – Den Unterschied erkläre ich dann so: „Ich bin heute nicht in die Praxis gekommen, weil Sie kommen, denn das wusste ich nicht. Also ist das nur ein zeitlicher Zusammenhang zwischen meinem und Ihrem Hiersein. Das eine ist nicht die Ursache für das andere.“

Wenn dann noch die medizinische Halbbildung des Patienten verknüpft wird mit der manchmal Panik erzeugenden Berichterstattung der Medien mit Dauernachrichtenbeschuss über Nebenwirkungen der Covid-Impfstoffe, entsteht eine Situation wie neulich in der Notfallpraxis.

Die Patientin sagte: „Ich habe gestern meine zweite Impfung gegen Covid bekommen, und jetzt habe ich eine kleine Verdickung hier an der Wade bemerkt.“ Sie zog die Hose hoch und deutete auf ihren Unterschenkel, wo ich große und weiche Krampfadern und einen weichen und schmerzfreien Unterschenkel abtastete. Die Patientin fuhr sehr bestimmend fort: „Google sagt, Sie müssen hier eine Sinusvenenthrombose nach Impfung ausschließen!“

Die Situation entbehrte nicht einer gewissen Komik. Ich musste mich beherrschen, nicht zu lachen. Aber ich habe gelernt, auch da ernst zu bleiben, weil es für die Patienten ernst ist. Sie wissen nicht, dass die Sinusvenen an der Schädelbasis liegen und die Entwicklung einer Sinusvenenthrombose erst etwa fünf Tage nach der Impfung entsteht – wenn sie überhaupt auftritt. Die Wahrscheinlichkeit ist ja extrem gering.

In diesem Fall akzeptierte die Patientin eine sachliche Aufklärung und Untersuchung. Sie meinte auch, die Krampfadern habe sie noch gar nicht bemerkt. Das erschien mir zwar völlig unglaubhaft, aber ich sagte nichts dazu.

Ich machte einen therapeutischen D-Dimer-Test. Das ist ein Blutschnelltest, der positiv ist bei Thrombosen, Lungenembolie, übermäßiger Gerinnung, bösartigen Tumoren oder einer schweren Leberzirrhose. Er kann auch positiv sein bei sehr alten Menschen und Schwangeren. Zur Diagnostik brauchte ich ihn bei dieser Patientin nicht, denn es gab hier für mich keinen Verdacht auf eine Beinvenenthrombose. Die Therapie der aufgeregten und verunsicherten Patientin bestand in dem negativen Testbefund, den wir erhielten. Das war allemal sinnvoller als ein Beruhigungsmittel gegen die Angst, das die Patientin ohnehin sicher nicht genommen hätte.

In diesem Fall war die Covid-Impfung der scheinbare Grund für die vermutete Thrombose in den angeblich erst jetzt entdeckten Krampfadern. Es bestand also nur ein (falsch wahrgenommener) zeitlicher Zusammenhang, kein ursächlicher. Die Krampfadern waren schon lange vorher vorhanden gewesen.

Bei einem Kollegen, der offensichtlich überdrüssig war, mit Diagnosen von Dr. Google konfrontiert zu werden, sah ich in seinem Wartezimmer ein Schild: „Wer seine Erstmeinung bei Dr. Google eingeholt hat, sollte seine Zweitmeinung bei Dr. Yahoo oder Dr. Bing erfragen – und nicht in hier in dieser Praxis!“

So witzig und verstehbar ich das Schild fand: Ich denke da anders. Ich habe gelernt, dass die Patienten manchmal Diagnosen oder therapeutische Gedanken anbringen, an die ich nicht gedacht habe. Kollege Google kennt mehr Fakten als ich. Und ich kann dazu 49 Jahre ärztliche Erfahrung beisteuern. Dann kommen wir sicher gemeinsam zu einer vernünftigen und pragmatischen Lösung. Ich nehme diese Hinweise von Google, die Patienten mir vermitteln, als Gelegenheit, etwas dazu zu lernen oder an etwas zu denken, das mir im Moment nicht eingefallen war. Dass nebenbei auch mal komische oder lustige Situationen entstehen, ist der humorvolle Anteil in unserem Beruf. Das nehme ich dankbar an

Der wichtigste Lehrsatz in der Diagnostik für mich stammt von dem verehrten Internisten Prof. Bock, den ich als Student in Tübingen noch erleben konnte. Er sagte: „Sie können eine Diagnose nur stellen, wenn Sie an diese Diagnose denken!“ Das ist so banal wie richtig und unverzichtbar.

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Schäffer: Jeder Magen hat seinen Reiz. – Rezension

Warum wir Sodbrennen bekommen und Liebe durch den Magen geht

Heyne-Verlag, ISBN 978-3-453-20738-7, 18€, 284 Seiten

Rezension

Ein Chirurg (altgriech. Handwerk, Handarbeit) schreibt ein sehr gutes populärwissenschaftliches Buch. – Das ist der erste Satz, der mir bei der Charakterisierung dieses Buchs wichtig erscheint. Er ist auffallend und bemerkenswert, weil es wenige Chirurgen gibt, die gut lesbare und sehr informative Bücher für Nichtwissenschaftler schreiben. Da sind Allgemeinärzte, Kinderärzte, Neurologen, Internisten und Psychiater sehr viel literaturaffiner und schreibfreudiger.

Ein weiterer Gesichtspunkt, der dieses Buch so lesenswert macht, ist Schäffers pragmatischer und im Praxisalltag so wichtiger Ansatz, auf die psychosomatische Sprache unserer Patienten zu achten. Wenn wir Ärzte ihnen regelmäßig in der Sprechstunde aufmerksam zuhören, erhalten wir durch diese umgangssprachlichen Formulierungen wertvolle Hinweise auf die psychosozialen Hintergründe, die unsere Patienten zu ihren Beschwerden und letztlich zu uns führen. Es wird deutlich, wie sehr der Verdauungstrakt symbolisiert, was wir im übertragenen Sinn im Leben alles zu verdauen haben, was uns reizt, bläht und umtreibt, was uns schwer im Magen liegt, wenn es nicht mehr weitergeht oder wenn wir Schiss haben. Wenn uns die Galle überläuft, weil uns eine Laus über die Leber gelaufen ist, werden wir sauer, und es stößt uns sauer auf.

Der erfahrene Chirurgie-Professor gliedert sein umfangreiches Buch deshalb logischerweise anhand typischer Alltagsfragen aus der Praxis. Ein paar Beispiele: Was treibt den Magen an? Vom Sodbrennen und verrutschten Magen. Kann der Magen ausleiern? Kann der Magen platzen? Geht Liebe durch den Magen? Wenn der Magen das Sagen hat und durch die Galle zu uns spricht. Magengeschwüre, Magenkrebs und Magentherapien. Und die Frage Wie näht man Butter? macht neugierig auf das Kapitel über die Bauchspeicheldrüse! Vom Magenknurren, Schluckauf und saurem Hering. In dem Kapitel Rettung vor Rundungen? Hilft die Magen-OP? bespricht Schäffer die neue chirurgische Disziplin der bariatrischen Chirurgie, die Übergewichtigen Hilfe zur Gewichtsreduktion verschaffen soll.

Natürlich spielen Essen und Trinken eine große Rolle in diesem Buch. Schäffer erklärt wichtige und oft unbekannte Fakten, räumt mit typischen Irrtümern auf und gibt wertvolle praktische Tipps für genussvolle, gesunde und bewusste Ernährung. Er ist ehrlich dabei, denn er gesteht schmunzelnd seine Schwäche, in der Hektik des Klinikalltags Gummibärchen zu naschen.

Viele dramatische Geschichten aus der Klinik, die spannend geschildert werden, zeigen den authentischen Praxisbezug des Buchs und das erzählerische Geschick des Autors.

Schäffer gibt Antworten auf die Fragen und Konflikte in leicht verstehbarer Sprache. So stelle ich mir vor, dass er in der Sprechstunde seinen Patienten antwortet – sachlich korrekt, wissenschaftlich auf neuestem Stand, sehr informativ und abwägend. Er spricht erfahren, lebensklug und humorvoll mit den Menschen. Wir können ihm beim Lesen zuhören. Hier zeigt sich, dass er auf die zwischenmenschlichen Dinge ebenso achtet wie auf sein hoch spezialisiertes operatives Handwerk. Dieses Buch ist nicht nur auch für medizinische Laien flüssig zu lesen; man kann auch als Arzt einiges daraus lernen.

Was ist der Unterschied zwischen einem Mediziner und einem Arzt? Ein Mediziner behandelt einen Magenkrebs. Ein Arzt behandelt einen Menschen, der an Magenkrebs leidet.

Prof. Michael Schäffer ist ein Arzt, der sein Handwerk (im wörtlichen und besten wertschätzenden Sinn gemeint) menschenwürdig ausübt – und überzeugend und unterhaltend darüber schreibt.

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Sein Bild in meinem Bild

Am Totensonntag wurde ich spät abends zu meiner fünften Leichenschau an diesem Tag in ein Pflegeheim gerufen. Die Pflegefachkraft berichtete: „Das ist eine skurrile Situation. Der Patient ist gerade heute, am Todestag seiner Frau verstorben. Ich glaube nicht, dass das ein Zufall ist. Die beiden hatten eine besonders innige Beziehung. Sie starb vor fünf Jahren. Er war ein liebenswerter Mann und ist uns allen sehr ans Herz gewachsen, seit er hier wohnt. Als ich vorhin in sein Zimmer kam, saß er ganz entspannt in seiner bequemen Lieblingshaltung im Sessel und hatte einfach aufgehört zu atmen. Wir haben ihn dann ins Bett gelegt.“

Ich schaute die Krankenakte des 86-jähringen Mannes an, bevor ich zu ihm ging. Eine Demenz war die Grunderkrankung. Sonst gab es neben dem Diabetes und einer chronischen Niereninsuffizienz keine besonderen Diagnosen oder Vorkommnisse. Die letzten Tage waren ganz unauffällig verlaufen.

Als ich in das Zimmer des Patienten trat, sah ich den Mann auf dem Rücken liegen. Der Oberkörper war durch das schräg gestellte Kopfteil des Bettes erhöht, und ein Kissen unterstützte den Kopf, sodass sein Gesicht auf die Hände gerichtet war. Sie hielten auf der Bettdecke ein Bild in hellem Holzrahmen. Obwohl die Augen geschlossen waren, betrachtete er in aller Ruhe das Bild.

Ich war im ersten Moment sehr verblüfft von dieser ungewöhnlichen Anordnung, die ich so noch nie gesehen hatte. Denn üblicherweise werden die Verstorbenen ganz flach gelagert, und sie bekommen oft ein Kreuz oder ein Blume in die Hände gelegt. Ich zögerte einen Moment und ließ den sanften Eindruck auf mich wirken. Dann schaute ich das Bild an. Es war sein Hochzeitsfoto.

Jetzt an seinem Sterbetag und am Todestag seiner Frau war er mit ihr vereint. Der Lebenskreis war geschlossen.

„Wissen Sie,“, sagte die Pflegefachkraft, „seine Frau war sehr wichtig für ihn, er sprach jeden Tag ganz liebevoll von ihr.“

Ich steckte spontan meine Hand in die Hosentasche, um mein Handy für ein Foto zu zücken. Mein zweiter Gedanke hielt mich aber sofort zurück. Ich spürte, wie ich damit die Stimmung gestört hätte. Deshalb wartete ich nachdenklich eine Weile ab und formte dann langsam mit meinen Daumen und Zeigefingern einen Bilderrahmen: „Dieses Bild möchte ich mir intensiv einprägen, das ist ausdrucksstark! Es war eine würdevolle Idee, dem Mann sein Hochzeitsbild in die Hände zu geben.“

PS: Nachträglich habe ich vom Bestatter erfahren, dass er dem Verstorbenen das Hochzeitsfoto in den Sarg mitgegeben hat.

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Das war knapp!

Abendsprechstunde in der Notfallpraxis des Marienhospitals Stuttgart.

Der Patient, etwa vierzig Jahre alt, klagte: „Ich bin Migräne-Patient. Seit gestern habe ich schon fünf Tabletten Rizatriptan® genommen, und es hilft nicht. Bald platzt mein Kopf, hier links an der Schläfe ist es am schlimmsten.“
„Haben Sie Flimmern vor den Augen, oder sehen Sie verschwommen?“
„Ja!“
„Ist es Ihnen übel?“ –
„ Ja, ich habe auch schon erbrochen!“
„Gut dann gebe ich Ihnen eine Infusion mit Novaminsulfon.“
„Ich habe aber eine schwere Allergie gegen Ibuprofen!“
„Es ist gut, dass Sie das sagen. Aber ich möchte Ihnen Novaminsulfon geben. Das hilft im Allgemeinen sehr gut und rasch. Kennen Sie Novaminsulfon? Haben Sie es schon einmal gehabt?“
„Nein, das kenne ich nicht!“
Ich wunderte mich, dass der Migränepatient das typische Medikament gegen Migräne nicht kannte.
Die MfA spritzte in die 500 ml Ringerlösung auf meine Bitte hin 1 g Novaminsulfon®, 2 Ampullen Histakut® und eine Ampulle Metoclopramid. Ich legte die Kanüle und ließ die Infusion laufen. Der Patient lag in einem Transportrollstuhl vor meinem Behandlungszimmer. – Wir hatten keinen anderen Platz als auf dem Flur.
Es waren bestimmt nicht mehr als fünf Milliliter Infusionsflüssigkeit eingelaufen, da sah ich, wie dem Patient der Schweiß auf die Stirn trat, und der Mann sagte: „Da fängt eine Allergie an, es kribbelt in den Fingern, und mir wird so warm!“
Ich erschrak, stellt die Infusion sofort ab und bat die MFA: „Bitte geben Sie mir schnell 250 mg Solu-Decortin, das spritze ich direkt in die Vene.“
Während sie das Medikament aufzog, sah ich, wie der Patient unruhig wurde, ein ganz rotes Gesicht bekam und stark schwitzte. Es war mir klar, da bildete sich ein anaphylaktischer Schock aus. 
Als ich gerade das Kortison injizierte hatte, verdreht der Patient die Augen, wurde bewusstlos und hörte auf zu atmen. Während die eine MfA den Herzalarm auslöste, gab ich mit einem Ambubeutel dem Patient einige Atemstöße, die Atmung setzte wieder ein. Das Herz schlug schnell und regelmäßig. Die andere MfA hob die Beine des Mannes hoch, um den Schock so weit wie in dieser Lage möglich auszugleichen.
Rasch war die Notfallmannschaft von der Intensivstation bei uns.
Die Übergabe war einfach: „Das ist ein anaphylaktischer Schock auf Novaminsulfon, 250 mg Solu-Decortin habe ich schon gespritzt.“
„Gut, dann gebe ich ihm noch Suprarenin“, sagte der Kollege von der ITS.
Während er das Medikament spritzte, wachte der Patient auf.
Die Intensivmannschaft nahm den Mann mit, und wir waren froh, dass noch einmal alles gut gegangen war. Ich nahm mir vor, am späteren Abend mich nach seinem Befinden zu erkundigen.
Der Kollege von der ITS kam mir zuvor, er rief an:
„Haben Sie in der Notfallpraxis einen Zugang zu unseren Klinikakten?“
„Nein, das ist aus Datenschutzgründen abgelehnt worden. In Leonberg haben wir in der Notfallpraxis aus demselben Grund auch keinen Zugang zur Klinik-EDV. – Wie geht es dem Mann?“
„Es geht ihm jetzt wieder gut. Aber ich habe nachgeschaut: Er war vor fünf Wochen hier stationär wegen einer schweren Allergie auf Metamizol!“
Ich erschrak sehr. „Oje, ich habe ihn nur gefragt, ob er Novaminsulfon kennt und ob er das schon einmal hatte, und er hat nein gesagt!“
Das Erlebnis ist mir eine Lehre! In Zukunft werde ich fragen: „Haben Sie eine Allergie gegen Novaminsulfon, Novalgin oder Metamizol? Das ist dasselbe!“
Vielleicht hätte der Patient diese Frage bejaht, und wir hätten den Schock verhindern können.
Ich schicke diese Geschichte an einige Kolleginnen und Kollegen in der Hoffnung, dass wir dadurch eine Wiederholung der gefährlichen Situation vermeiden können.

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Was Bill Gates zu Corona-Virus und Covid-19 sagt

Leider habe ich für diesen Originaltext keine verlässliche und belastbare Quelle. Ich bekam den Text von einem Bekannten ohne Quellenangabe geschickt. Im Internet steht der Text unter einem Link von Volkswagen:  https://www.auburnvw.com/bill-gates-on-covid-19/

Da der Inhalt des Textes aber genau den bisher bekannten Meinungen von Bill Gates entspricht, zweifle ich nicht daran, dass der Text von ihm stammt. Sollte der Text nicht von Bill Gates sein oder kann mir jemand die Quelle nennen, bitte ich um Nachricht.

Der englische Text folgt nach meiner Übersetzung

 

Was lehrt uns das Corona-Covid-19-Virus wirklich?

Ich glaube fest daran, dass es eine spirituelle Absicht hinter  allem Geschehen gibt, egal ob wir das als gut oder schlecht empfinden. Da ich darüber tief nachdenke, möchte ich mit euch teilen, was das Corona-Covid-19-Virus in Wirklichkeit mit uns macht.

Es erinnert uns, dass wir alle gleich sind, unabhängig von unserer Kultur, Religion, Beschäftigung, finanziellen Lage oder wir berühmt wir sind. Diese Krankheit behandelt uns alle gleich, vielleicht sollten wir es auch so machen. Wenn ihr mir nicht glaubt, fragt Tom Hanks.

Es erinnert uns, dass wir alle verbunden sind und dass etwas, was einen Menschen betrifft, auch eine Wirkung auf einen anderen hat. Es erinnert uns, dass die falschen Grenzen, die wir errichtet haben, wenig Wert haben, da dieses Virus keinen Pass braucht.  Es erinnert uns durch eine kurzzeitige Unterdrückung an jene auf dieser Welt, deren ganzes Leben in Unterdrückung verbracht wird.

Es erinnert uns, wie kostbar unsere Gesundheit ist und wie wir dazu gekommen sind, das zu vernachlässigen, indem wir nährstoffarm hergestellte Kost essen und Wasser trinken, das über und über voll mit Chemikalien ist. Wenn wir uns nicht um unsere Gesundheit kümmern, werden wir natürlich krank.

Es erinnert uns an die Kürze des Lebens und daran, was wir am wichtigsten tun müssen, nämlich einander zu helfen, besonders denen, die alt und krank sind. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, Toilettenpapierrollen zu kaufen.

Es erinnert uns, wie materialistisch unsere Gesellschaft  geworden ist und wie in Zeiten der Schwierigkeiten es die entscheidenden Dinge sind, die wir brauchen (Nahrung, Wasser, Medizin) im Gegensatz zu den Luxusgütern,  denen wir manchmal unnötigerweise Wert zumessen.

Es erinnert uns, wie wichtig unsere Familie und unser häusliches Leben sind und wie sehr wir das vernachlässigt haben. Es zwingt uns zurück in unsere Häuser, damit wir sie wieder zu unserem Heim aufbauen und die Familieneinheit stärken können.

Es erinnert uns, dass unsere wahre Arbeit nicht in unserem Job besteht, das ist, was wir machen, und nicht, wozu wir geschaffen wurden. Unsere eigentliche Arbeit besteht darin, uns um einander zu kümmern, uns gegenseitig zu schützen und füreinander von Nutzen zu sein.

Es erinnert uns, unsere Egos unter Kontrolle zu halten. Es erinnert uns, dass egal für wie groß wir uns halten und wie groß andere uns halten, ein Virus unsere Welt zum Stillstand bringen kann.

Es erinnert uns, dass die Kraft des freien Willens in unseren Händen liegt. Wir können wählen zu kooperieren und einander zu helfen, zu teilen, zu schenken, zu helfen und einander zu unterstützen, oder wir können wählen, selbstsüchtig zu sein, zu horten, uns nur um uns zu kümmern. Es ist in der Tat so, dass es Schwierigkeiten sind, die unsere wahren Farben hervorbringen.

Es erinnert uns, dass wir geduldig sein können, oder wir können panisch sein.  Wir können entweder verstehen, dass die Art der Lage schon mehrfach vorher in der Geschichte geschehen ist und vorbeigehen wird. Oder wir können panisch sein und es als Ende der Welt ansehen und uns folglich mehr Schaden als Nutzen zufügen.

Es erinnert uns daran, dass dies entweder ein Ende oder ein Neubeginn sein kann. Dies kann eine Zeit der Überlegung und des Verstehens sein, in der wir aus unseren Fehler lernen, oder es kann der Anfang eines Kreislaufs sein, der andauert, bis wir schließlich die Lektion lernen, die wir lernen müssen.

Es erinnert uns, dass diese Erde krank ist. Es erinnert uns, dass wir genauso dringend auf das Ausmaß der Entwaldung schauen sollten wie auf die Geschwindigkeit, mit der die Toilettenpapierrollen aus den Regalen verschwinden. Wir sind krank, weil unser Heim krank ist.

Es erinnert uns, dass nach jeder Schwierigkeit immer Leichtigkeit folgt. Das Leben ist wie ein Kreislauf, und dies ist eben eine Phase in diesem großen Kreislauf. Wir brauchen nicht panisch zu sein, auch das wird vorbeigehen.

Während viele das Corona-Covid-19-Virus als große Katastrophe sehen, sehe ich es lieber als einen großen Verbesserer. Es ist uns geschickt, um uns an die wichtigen Lektionen  zu erinnern, die wir anscheinend vergessen haben, und es liegt an uns, ob wir sie lernen oder nicht.

Übersetzung von Dr. Dietrich Weller am 07.04.2020

Und hier ist der Originaltext, wie er mir am 07.04.2020 geschickt wurde.

What is the Corona/ Covid-19 Virus Really Teaching us?

I’m a strong believer that there is a spiritual purpose behind everything that happens, whether that is what we perceive as being good or being bad. As I meditate upon this, I want to share with you what I feel the Corona/ Covid-19 virus is really doing to us:

It is reminding us that we are all equal, regardless of our culture, religion, occupation, financial situation or how famous we are. This disease treats us all equally, perhaps we should, too. If you don’t believe me, just ask Tom Hanks.

It is reminding us that we are all connected and something that affects one person has an effect on another. It is reminding us that the false borders that we have put up have little value as this virus does not need a passport. It is reminding us, by oppressing us for a short time, of those in this world whose whole life is spent in oppression.

It is reminding us of how precious our health is and how we have moved to neglect it through eating nutrient poor manufactured food and drinking water that is contaminated with chemicals upon chemicals.  If we don’t look after our health, we will, of course, get sick.

It is reminding us of the shortness of life and of what is most important for us to do, which is to help each other, especially those who are old or sick. Our purpose is not to buy toilet roll.

It is reminding us of how materialistic our society has become and how, when in times of difficulty, we remember that it’s the essentials that we need (food, water, medicine) as opposed to the luxuries that we sometimes unnecessarily give value to.

It is reminding us of how important our family and home life is and how much we have neglected this. It is forcing us back into our houses so we can rebuild them into our home and to strengthen our family unit.

It is reminding us that our true work is not our job, that is what we do, not what we were created to do. Our true work is to look after each other, to protect each other and to be of benefit to one another.

It is reminding us to keep our egos in check. It is reminding us that no matter how great we think we are or how great others think we are, a virus can bring our world to a standstill.

It is reminding us that the power of freewill is in our hands. We can choose to cooperate and help each other, to share, to give, to help and to support each other or we can choose to be selfish, to hoard, to look after only our self. Indeed, it is difficulties that bring out our true colors.

It is reminding us that we can be patient, or we can panic. We can either understand that this type of situation has happened many times before in history and will pass, or we can panic and see it as the end of the world and, consequently, cause ourselves more harm than good.

It is reminding us that this can either be an end or a new beginning. This can be a time of reflection and understanding, where we learn from our mistakes, or it can be the start of a cycle which will continue until we finally learn the lesson we are meant to.

It is reminding us that this Earth is sick. It is reminding us that we need to look at the rate of deforestation just as urgently as we look at the speed at which toilet rolls are disappearing off of shelves. We are sick because our home is sick.

It is reminding us that after every difficulty, there is always ease. Life is cyclical, and this is just a phase in this great cycle. We do not need to panic; this too shall pass.

Whereas many see the Corona/ Covid-19 virus as a great disaster, I prefer to see it as a great corrector. It is sent to remind us of the important lessons that we seem to have forgotten and it is up to us if we will learn them or not.
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Die Geldquellen in einer Uhr

Die Geschichte begann, als die Uhr stehen blieb. Allerdings ist es keine gewöhnliche Uhr. Nein, meine liebe Frau Birgit hat sie vor vielen Jahren geschenkt bekommen, und deshalb ist die kleine rechteckige Golduhr mit schlichter Eleganz ein wertvolles Erinnerungsstück. Auf dem schwarzen Zifferblatt steht der Name einer weltberühmten Modefirma.

„Die Uhr braucht sicherlich eine neue Batterie“, meinte Birgit und brachte das Schmuckstück beim nächsten Bummel in Stuttgart zu einem namhaften Uhrenhändler.

„So einfach ist das nicht!“, gab der Händler zu bedenken. „Diese Firma macht die Batteriewechsel selbst, wir bekommen keine Ersatzteile. Dafür müssen wir die Uhr einschicken. Und hier sehe ich noch einen kleinen Kratzer im Glas. – Ich lasse Ihnen einen Kostenvoranschlag machen. Dann melden wir uns in ein paar Tagen bei Ihnen.“

„Was kostet denn so eine Batterie? Letztes Mal war die sehr teuer.“

„Also mit etwa 200 Euro sollten Sie rechnen. Und dann müssen wir sehen, was die Firma noch alles reparieren will.“

„Aber ich brauche doch nur eine neue Batterie!“

Der Verkäufer beschwichtigte und vertröstete sie auf den Kostenvoranschlag. Als dieser per E-Mail bei uns eintraf, war ich zuerst einmal sprachlos.

Da stand „Kompletter Service 305 €, Ersatz des Zifferblattes 219 €, Ersatz des Glases 58 €, zusammen 582 €.“ Optional wurde noch Ersatz des Zeigersets für 44 € und Ersatz der Krone für 35 € in Aussicht gestellt. Alles zusammen für schlappe 661 €. – Und von Batteriewechsel stand da nichts. Immerhin wurden wir informiert, dass die Reparatur etwa 40 Werktage in Anspruch nehmen würde. Der Verkäufer bestätigte uns, dass die Firma die Batterie nur wechselt, wenn die erwähnten Reparaturen auch beauftragt werden.

„Das lasse ich nicht machen, das ist doch viel zu teuer!“, war Birgit entsetzt.

Ich pflichtete ihr bei, meinte aber: „Wenn du die Uhr nicht reparieren lässt, liegt sie im Schrank, und dann hast du gar nichts davon, und eine Uhr, die nicht läuft, nur als Schmuckstück anzuziehen, ist auch doof.“

Nach einigen Wochen Bedenkzeit versuchten wir es noch einmal beim selben Händler, allerdings bediente uns ein anderer Verkäufer.

Birgit machte ihn auf die etwas lockere Schließe im Lederarmband aufmerksam.

„Die Schließe funktioniert prima, aber kann man sie etwas straffer einstellen? Und was kostet die Batterie, die in dem Kostenvoranschlag gar nicht aufgeführt ist, obwohl wir gerade deshalb kamen?“

Der Verkäufer antwortete routiniert: „Ich muss die Uhr einschicken und einen Kostenvoranschlag anfordern. Wir benachrichtigen Sie!“

Ein paar Tage später kam der neue Kostenvoranschlag.

Jetzt standen außer den bereits bekannten Reparaturen noch folgende Kosten auf dem Plan: „Ersatz der Faltschließe 350 €, Ersatz des Armbandes 200 €.“ Zusammen waren das 1.214 €, und der Batteriewechsel wurde wieder nicht erwähnt. Aber die angekündigte Reparaturzeit schrumpfte auf 10 Werktage. Die Verdoppelung des Rechnungsbetrags verkürzte die Bearbeitungszeit auf ein Viertel.

Na, man gönnt sich ja sonst nichts! Ich überlegte mir, dass ich Birgit von diesem Geld locker für jeden Wochentag eine neue Extrauhr kaufen könnte.

Ich schrieb eine E-Mail zurück: „Da Ihre Firma nicht bereit ist, den Reparaturauftrag ohne Ersetzen der Schließe zu erledigen, möchten wir keine Reparatur und schließen daraus, dass es Ihrer Firma in erster Linie um Erschließung der Geldquellen geht und nicht um die Erfüllung der Kundenwünsche.“

Prompt kam die Nachricht, die Uhr liege zur Abholung bereit. Als Birgit die Uhr entgegennehmen wollte, beklagte sie sich bei dem Verkäufer über das kundenfeindliche Verhalten der Firma.  Er lächelte etwas gequält, zuckte mit der Schulter und sagte bedauernd: „Ich kann Sie gut verstehen, aber das ist in dieser Firma üblich, wir kennen die Beschwerden schon lang und können nichts dagegen machen. – Tatsache ist, dass Sie hier einen kleinen Spalt am Uhrglas sehen, durch den Feuchtigkeit eingedrungen ist. Sie dürfen diese Uhren nie im Badezimmer liegen lassen! Deshalb will die Firma das Zifferblatt ersetzen. Die Schließe, die Krone und das Zeigerset muss man nicht ersetzen.“

„Aber offensichtlich funktioniert die Geschäftsidee mit den angeblich notwendigen Zwangsreparaturen sehr gut, die Leute zahlen das. Sonst würde die Firma das nicht so machen!“, entgegnete ich. „Außerdem wissen wir jetzt genau, von welcher Firma wir in Zukunft keine Produkte mehr kaufen.“

Als wir den Laden verlassen hatten, begegneten wir einem Bekannten, der uns ein Uhrengeschäft ganz in der Nähe empfahl: „Die wechseln die Batterie!“

In dem sehr gepflegt wirkenden Geschäft wurden wir freundlich empfangen. Birgit legte die Uhr auf den Tisch und sagte: „Ich glaube, die Uhr läuft nicht mehr, weil die Batterie leer ist. Können Sie das prüfen und eventuell eine neue Batterie einsetzen?“

Die Verkäuferin schaute die Uhr mit einem prüfenden Blick an und griff zum Telefonhörer: „Wir brauchen jetzt einen Batteriewechsel!“, und dann zu uns gewandt: „Haben Sie ein bisschen Zeit? Wir machen das gleich.“

„Das trifft sich gut“, sagte ich, „wir gehen jetzt zum Mittagessen und kommen anschließend wieder vorbei.“

Die Geschichte endet jetzt, weil die Uhr wieder zuverlässig läuft. Nach einem Batteriewechsel für 20 Euro.

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