Nachtsprechstunde in der Notfallpraxis. Eine Dame Anfang Achtzig stellte sich spät abends vor. Sie war gepflegt gekleidet, freundlich zugewandt und kam gleich auf ihre Beschwerden zu sprechen:
„Ich bin eigentlich ganz gesund. Aber seit etwa zwei Wochen habe ich ein bisschen Schwindel, aber nur beim Gehen. Da dachte ich, man sollte mal nachschauen.“
Ich maß zuerst den Blutdruck, weil eine Hochdruckkrise in diesem Alter häufig ist. Der Blutdruck war normal. Auch einen paroxysmalen Lagerungsschwindel konnte ich rasch ausschließen. Deshalb entschloss ich mich zu einer neurologischen Routine-Untersuchung, wie ich sie während meiner acht Jahre in der Neurologie bei jeder Aufnahme angewandt hatte. Und dabei fielen mir ein eingeschränkter Finger-Tipp-Versuch links und eine Unsicherheit beim Versuch der Patientin auf, drei Schritte mit geschlossenen Augen rückwärts zu gehen.
Das alarmierte mich, und ich fragte: „Haben Sie denn irgendwelche besondere Erkrankungen gehabt?“
„Nein, nein, da war vor vier Jahren mal eine Brustkrebsoperation, aber alle Kontrollen waren normal. Sonst bin ich immer gesund gewesen. Und mir geht es ja auch gut – bis auf den Schwindel.“
Ich sagte nichts über meine differentialdiagnostischen Gedanken, um die Patientin nicht unnötig zu beunruhigen und erklärte ihr, dass ich sie zur genaueren Überprüfung gern jetzt gleich an die diensthabende Ärztin in der Neurologischen Klinik im Haus überweisen möchte. Damit war die alte Dame sofort einverstanden. Ich meldete sie telefonisch an, schrieb das Mammakarzinom in die Anamnese und verwies auf die Kleinhirnzeichen.
Als ich zwei Stunden später in der Notaufnahme der Klinik war, um mich nach einem anderen Patienten zu erkundigen, den ich ein paar Stunden davor eingewiesen hatte, sprach mich die Neurologin an: „Haben Sie mir die Patientin mit dem Schwindel geschickt? Schauen Sie mal dieses MRT an!“
Da erschrak ich trotz meiner Vorahnung. Ich sah einen soliden Tumor mit etwa 3 cm Durchmesser im Kleinhirn. Das war die Metastase, die ich befürchtet hatte.