Zwei Begegnungen der besonderen Art in einer Nacht

Ich war gerade in meinem Dienstzimmer eingeschlafen, wo wir Ärzte uns ausruhen können, wenn wir Nachtdienst in der Notfallpraxis haben. Da ruft mich die Arzthelferin in die Praxis zurück. Auf dem Weg über den Flur mache ich mir zum soundsovielten Mal klar, dass ich jetzt trotz meiner Müdigkeit freundlich und aufmerksam sein muss.
Es gibt ja tatsächlich Patienten, die nachts in die Notfallpraxis kommen und wirklich ein Notfall sind. Ich meine mit Notfall, was ein Arzt darunter versteht: eine frisch aufgetretene Notsituation, die den Patient akut bedroht und sofort Hilfe benötigt. Oft habe ich den Eindruck, dass die Notfallpraxis für manche Menschen eine Bedürfnisbefriedigungsanstalt ist, zu der sie gehen, wenn sie gerade Zeit haben, ein schon längeres Bedürfnis zu stillen oder eine unangenehme Sache zu klären. Außerdem muss man in unserer Notfallpraxis auch selten lang warten, jedenfalls nicht länger als in so mancher Arztpraxis. Die Patienten wissen das genau und nützen es aus. Ich komme mir manchmal vor wie ein Angestellter bei McDonald´s oder an der Tankstelle. Deshalb denke ich manchmal, wir müssten die Notfallpraxis umbennen: Wie wär´s mit McMed? Aber jetzt, heute Nacht, bin ich der Verantwortliche in einer richtigen Arztpraxis.
Auf der Rezeption steht eine halb volle Sprudelflasche. Die junge Frau weint, als wir einander begrüßen. Eine Begleitperson sitzt still im Eck.
„Was gibt´s denn?“, frage ich.
Die Patientin schaut mich durch ihre Tränen an und fragt mit weinerlicher Stimme:
„Können Sie mir sagen, warum mein Mund seit heute Abend keine Spucke mehr produziert?“
Ich bin verblüfft und versuche, meinen Ärger zu besänftigen.
„Und das fragen Sie mich jetzt um halb zwei morgens?“
„Ja, das möchte ich jetzt wissen, ich werde fast verrückt. Ich trinke und trinke, und ich habe einen furztrockenen Mund.“
Da greift die medizinische Fachangestellte ein: „Sie müssen dem Herrn Doktor aber schon die ganze Geschichte erzählen!“
„Und was ist die ganze Geschichte?“
„Ja, wissen Sie, ich habe mir Anfang der Woche ein Zungenpiercing-Loch erweitern lassen, da schwillt die Zunge an, das ist ja in Ordnung, und das ist auch schon wieder vorbei, aber jetzt habe ich keine Spucke mehr! Es macht mich wahnsinnig!“
Ich bin drauf und dran, der Frau zu empfehlen, jetzt sofort mitten in der Nacht ihren Piercer anzurufen und um Rat zu fragen. Aber ich halte mich zurück und sage: „Na, über Piercing habe ich sicher eine andere Meinung als Sie! Kommen Sie ins Sprechzimmer, ich schau mir das mal an.“
Ich untersuche die Mundhöhle und sehe kein Piercingloch, keinen Zungenstecker und einen auch sonst völlig gesunden Mund.
Dann zucke ich mit den Schultern: „Ich weiß nicht, warum Sie keine Spucke haben. Haben Sie denn Medikamente genommen, die als Nebenwirkung einen trockenen Mund machen können?“
„Nein, ich nehme gar keine Medikamente!“ –
Die Frau wird etwas ruhiger, wahrscheinlich, weil sie merkt, dass ich sie doch wenigstens ernst nehme.
„Dann erzählen Sie mir mal genau, was Sie heute Abend gemacht haben. Vielleicht komme ich dann drauf, was Ihr Problem verursacht hat.“
Sie schildert einen unauffälligen Verlauf des Abends, dann kommt der entscheidende Satz:
„Nach dem Zähneputzen habe ich noch eine Mundspülung gemacht, richtig lang und gründlich, damit es ja keine Infektion in dem Piercingloch gibt!“
Ich bin erleichtert:
„Ja, dann ist doch alles klar. Kennen Sie den Begriff adstringierende Wirkung?“
„Nein.“
„Das Mundspülmittel zieht die Schleimhaut zusammen und schließt damit auch die Ausführungsgänge der Speicheldrüsen. Das ist lästig und harmlos!“
Die Frau schaut mich verblüfft an. „Und jetzt? Was mach ich jetzt?“
Ich lächle sie an: „Ruhig bleiben, weiter trinken, bis die Wirkung nachlässt. Dann machen die Speicheldrüsen wieder auf. Im Lauf des Vormittags ist wieder alles in Ordnung!“
Ich gehe zurück in meine Dienstzimmer und lege mich wieder hin. Nach einer weiteren Stunde im Halbschlaf werde ich erneut in die Praxis gerufen.
Das steht ein Mann etwa Mitte vierzig und sagt: „Ich habe seit sechs Wochen Schmerzen an der linken Fußsohle. Können Sie da was machen?“
Ich bemühe mich, nicht zu explodieren. Diese Situation habe ich oft erlebt: Ein völlig unangemessener Wunsch zur Unzeit und dann noch mit einer ebenso unpassenden Anspruchshaltung auf Sofort-Wunderheilung. Ich weiß, dass ich ruhig bleiben muss. Also sage ich nur mit gebremster Freundlichkeit und so, dass der Patient merkt, wie er bei mir auf ein roten Knopf gedrückt hat:
„Also, seit sechs Wochen haben Sie das, und da kommen Sie mitten in der Nacht? Was sagt der Hausarzt?“
Der Patient erwidert ganz ruhig: „Ich war bei keinem Arzt!“
Ich bleibe auch ruhig – äußerlich wenigstens: „Da fühle ich mich aber ganz schön verschaukelt von Ihnen und ausgenützt! Haben Sie gelesen, dass da draußen auf dem Schild Notfallpraxis steht? Sie sind ganz bestimmt, ganz sicher nie und nimmer ein Notfall. Ist Ihnen das bewusst?“
Der Patient zuckt mit der Schulter: „Nein, aber heute Abend hat´s weh getan. Und jetzt bin ich da. Was machen wir jetzt?“
Ich weiß ja, dass ich den Patient versorgen muss, also schlucke ich meinen Ärger runter und sage: „Zeigen Sie mir mal den Fuß.“
Ich untersuche den Fuß gründlich, denn auch ein nächtlicher Nicht-Notfall-Patient kann krank sein. Die Fußsohle zeigt keine Entzündung, keine Verletzung, keine Druckschmerzen, keine Bewegungsschmerzen, keine Hautauffälligkeiten, es ist wirklich eine völlig normale Fußsohle.
Mit ernster Miene sage ich: „Das ist ein eindrucksvoller Befund!“
„So, was ist das?“
„Eine völlig normale Fußsohle!“
Nach dieser Verblüffung überlegt der Patient: „Ja, können Sie die Glasscherbe jetzt rausmachen?“
Jetzt bin ich überrascht: „Glasscherbe? Wie kommen Sie denn auf Glasscherbe?“
„Ja wissen Sie, vor sechs Wochen habe ich im Urlaub am Strand Volleyball gespielt, und da habe ich mir wahrscheinlich eine Glasscherbe reingetreten. Die können Sie doch jetzt rausoperieren!“
Ich hole Luft: „In so eine gesunde Fußsohle wird kein vernünftiger Chirurg reinschneiden, schon gar nicht, wenn er nicht sieht und tastet und Sie nicht wissen, wo die Glasscherbe ist!“
„Aber Sie können doch jetzt ein Röntgenbild machen!“
„Ich mache jetzt ganz sicher mitten in der Nacht kein Röntgenbild, auch deshalb nicht, weil man eine normale Glasscherbe im Röntgenbild nicht sieht. Nur wenn Sie schwören, dass es ein Bleiglas war, – und das können Sie nicht -, dann kann man die Scherbe im Röntgen sehen.“
Der Patient lässt nicht locker.
„Aber Sie können doch jetzt eine Computertomografie machen!“
„Wenn es ein lebensbedrohlicher Notfall wäre, zum Beispiel ein Schlaganfall, könnte man jetzt ein CT machen, da haben Sie Recht. Aber die Sache hatte jetzt sechs Wochen Zeit. Dann muss ich nicht notfallmäßig auch noch die Röntgenassistentin aus dem Bett holen. Ich denke, das sollten Sie mal in Ruhe in der ganz normalen Sprechstunde mit Ihrem Hausarzt besprechen. Der kann Sie dann immer noch, wenn er es für nötig hält, zum Röntgen oder zum Chirurgen überweisen.“
„Ja, und was soll ich jetzt machen?“
„Jetzt gehen Sie nach Hause wie in den letzten sechs Wochen auch. Und wenn Sie je wieder Schmerzen haben – jetzt haben Sie ja keine Schmerzen -, dann nehmen Sie ein Schmerzmittel. Gute Nacht!“

Copyright Dr. Dietrich Weller

Veröffentlicht unter Prosa | Verschlagwortet mit | Schreib einen Kommentar

Lebensfreude oder histrionische Persönlichkeit?

 

Am Abend in der Notfallpraxis.
„Können Sie noch eine Patientin anschauen, die der Chirurg nebenan schon gesehen hat? Er bittet Sie darum.“
Die Arzthelferin schiebt eine ältere Dame herein, die gepflegt gekleidet und mit nacktem linkem Fuß im Rollstuhl sitzt. Sie lächelt mich zur Begrüßung freundlich an und beginnt nach der Begrüßung, ohne Aufforderung zu erzählen. Ich höre den italienischen Akzent und sehe die lebhafte Mimik und die leuchtenden Augen.
„Wissen Sie, ich war noch vor ein paar Tagen in Venezia, da war herrliches Wetter, und die Pasta hat so delikat geschmeckt auf der Piazza San Marco! Und dann habe ich eine Freundin besucht in Mazedonia. Die ganze lange Strecke bin ich gefahren, obwohl ich habe diesen Bauchspeicheldrüsenkrebs und eine große Operation hinter mir. Jetzt sind trotzdem in der Leber Metastasen. Ich weiß, dass ich nicht mehr so lange lebe, aber ich freue mich über jeden Tag! Es ist wunderbar, so viele Freunde zu haben. Ich bin so dankbar!“
„Und warum sind Sie jetzt hier? Ich sehe, dass Ihre Zehe entzündet ist, aber das hat der Chirurg schon gesehen.“
Ja“, sagt sie, „aber manchmal bekomme ich so schlecht Luft. Deshalb möchte er, dass Sie mich untersuchen! Im Moment kann ich gut atmen.“
Neben meinem Schreibtisch sitzt die Begleitperson der Dame, eine schlanke junge Frau mit kurz geschnittenen dunklen Haaren und hellwachen Augen. Mir fällt ihre pinkfarbene Kostümjacke auf.
Ich frage: „Und wer sind Sie? Die Tochter?“
„Nein, ich bin die Arzthelferin des Hausarztes von Frau Sorriso. Wir kennen uns schon seit vielen Jahren und wohnen nahe beieinander. Deshalb habe ich sie hierher begleitet.“
Ungewöhnlich, denke ich, aber das ist ein sehr freundlicher Hilfsdienst.
Ich untersuche den Fuß, sehe die Entzündung eines Hühnerauges und bitte die Arzthelferin,  einen Salbenverband anzulegen. Dann höre ich die Lunge von Frau Sorriso ab, stelle einen normalen Befund fest und bitte die Arzthelferin, eine Blutuntersuchung zu machen. Ich will wissen, ob ich ein Antibiotikum verordnen soll.
Ich möchte die Unterredung trotz der draußen wartenden Patienten weiterführen. Das ist ein ungewöhnlicher Moment mit einer besonderen Patientin.
„Es beeindruckt mich sehr, dass Sie so gut gestimmt sind und angesichts der schwerwiegenden Diagnose eine so lebensbejahende Ausstrahlung haben. Was hilft Ihnen dazu?“
Sie lächelt mich an: „Wissen Sie, ich genieße mein Leben, weil ich geliebt werde und viele Menschen mir helfen. Ich lebe allein, aber ich bin nicht einsam. Meine Krankheit kann ich so gut tragen. Und ich weiß, dass ich nicht mehr lange Zeit habe. Ich bin dankbar für jede Stunde und jede gute Begegnung. Ich weiß, dass ich allein mir gute oder schlechte Stimmung machen kann. Und da ist es besser, mit Freude zu leben.“
Sie macht eine kurze Pause, dann fragt sie: „Haben Sie einen Vorschlag, was ich noch tun kann?“
Ich überlege: „Möchten Sie ein Buch über den guten Umgang mit schweren Krankheiten lesen oder ist das eher nicht so gut für Sie?“
„Oh, wenn Sie eines empfehlen, lese ich es gern!“
Ich gebe ihr meine Visitenkarte mit der Adresse meiner Homepage, wo meine Bücher verzeichnet sind und schlage eines meiner Bücher vor, das ich vor einigen Jahren speziell für Patienten wie Frau Sorriso geschrieben habe. Dann nimmt die Arzthelferin Blut ab, und ich bitte die beiden Damen, im Wartebereich auf das Ergebnis zu warten.
Während ich die nächsten Patienten behandele, kommt mir nach ein paar Minuten auf dem Flur die Begleiterin entgegen und streckt mir einen Becher mit Cappuccino entgegen: „Das ist für Sie ein freundlicher Gruß von Frau Sorriso! Wir freuen uns, dass wir Ihnen begegnet sind!“
Ich bedanke mich überrascht, gehe in mein Sprechzimmer zurück und schließe für einen Moment die Tür. Auf dem Stuhl trinke langsam den Becher leer und mache mir bewusst, dass ich noch nie von einem Patienten in der Praxis oder in der Klinik einen Kaffee bekommen habe. Und diese Frau dort draußen mit ihrem unheilbaren Krebs, die mich überhaupt nicht kennt, denkt an mich und lässt einen Kaffee für mich bringen! Welch eine ungewöhnliche Situation. Ich bin sehr dankbar.
Nachdem das Blutbild fertig ist, hole ich die Patientin und ihre Begleiterin wieder herein: „Das Blutbild zeigt jetzt keine Entzündungszeichen. Wie waren die letzten Blutwerte?“, frage ich die Begleiterin. Sie ist genau informiert. Ich verschreibe kein Antibiotikum.
Für Frau Sorriso ist aber etwas ganz anderes wichtig. Sie sagt feierlich und mit einem strahlenden Gesicht: „Wir haben draußen überlegt, dass ich Sie zu meiner Trauerfeier einlade! Ich weiß schon genau, wo sie stattfindet – bei einem sehr guten Italiener in der Innenstadt. Das wird ein großes Fest! Die Liste der Gäste ist schon fertig! Alle meine Kollegen werden eingeladen! Herr Doktor, Sie werden auch eine schriftliche Einladung erhalten, wenn es soweit ist! Es dauert nicht mehr lang! Und Sie müssen mit Ihrer Frau kommen, das müssen Sie versprechen! Ich werde von oben zuschauen und auf Sie warten! – Danke, dass Sie mich hier versorgt haben. Das war eine gute Begegnung für mich!“
„Ja, für mich auch! Geht es Ihnen auch so wie mir? Ich treffe immer die richtigen Menschen, die richtigen Bücher und die richtige Musik im richtigen Moment.“
Sie lacht: „Das stimmt genau. Vielleicht sind wir uns deshalb jetzt begegnet! Alles Gute für Sie! Bis bald!“
Sie drückt meine Hand fest mit ihren beiden Händen, schaut mich lächelnd an und lässt sich winkend hinaus schieben.
Ich bleibe sehr nachdenklich zurück – und mit einem großen Gefühl der Dankbarkeit.

PS: Der Name Sorriso ist natürlich nicht der wirkliche Name der Patientin. Ich habe ihn gewählt, weil er im Italienischen Das Lächeln bedeutet.

Veröffentlicht unter Prosa | Verschlagwortet mit , , , | Schreib einen Kommentar

Das Haus der Verwandlung

Der Stacheldraht ist mit Kieferzweigen getarnt. Aaron rennt schreiend auf den Zaun zu: „Ich ertrag das nicht mehr!“
„Musst du auch nicht!“, sagt der Aufseher ruhig und lässt ihn rennen. Ein greller Blitz, und Aaron bricht im Stromschlag zusammen.
„Da kommen neue Zebras!“, ruft der Aufseher.
Dem Zug im vorderen Teil des Lagers entsteigen viele Gefangene in schwarz-weißer Häftlingskluft. Auch etwa zweihundert Kinder klettern heraus. Sie sind festlich gekleidet. Janusz Korczak, der Kinderarzt und Leiter ihres Heimes geht ihnen voran. Er trägt zwei Kinder, die noch nicht gehen können, auf dem Arm.
„Was machen wir hier?“, fragt ein größerer Junge den deutschen Soldat, der den Zug begleitet hatte.
„Ihr werdet jetzt im Haus der Verwandlung zu guten Juden gemacht. Wer hinten rauskommt, ist ein guter Jude! Und dann dürft ihr zu eurem Jahwe auffahren!“
„Stellt euch in Zweierreihen auf, dann gehen wir miteinander“, sagt Korczak freundlich. Die Kinder gehorchen sofort. Sie haben schon auf dem Weg aus dem Ghetto zum Bahnhof in Warschau mit Korczak gesungen. Einen schönen Spaziergang hatte er ihnen versprochen zu grünen Wiesen, blühenden Bäumen und frischen Bächen.
„Alles ausziehen!“, ordnet der Soldat an. Die Kinder legen ihre Kleider fein säuberlich auf kleine Häufchen, wie sie es vom Heim gewohnt sind.
„Jetzt geht ihr zum Friseur“, sagt der Soldat, „damit ihr keine Läuse bekommt.“ Die Gefangenen werden kahlgeschoren. Die Haare werden sorgfältig gesammelt für neue Matratzen.
„Alle Marsch!“, treibt der Soldat die Kinder an und zeigt auf die Tür, die zur Verwandlung führt.
Korczak geht voraus, zwei Kinder auf seinen Armen, die anderen Kinder hinter ihm. Er beginnt, mit fester Stimme zu singen. Die Kinder fallen sofort ein:

So nimm denn meine Hände / und führe mich
bis an mein selig Ende / und ewiglich.
Ich mag allein nicht gehen, / nicht einen Schritt:
wo du wirst gehn und stehen, / da nimm mich mit.

Die Wachen sind still und schauen auf den Boden. Sie müssen die Kinder nicht wie sonst in das Haus prügeln.
Der Soldat deutet auf eine junge Frau unter den Neuankömmlingen.
„Du da, komm her! Wie heißt du?“
„Rebecca.“
„Zieh deine Mütze ab!“ Das Haar fließt schwarzwellig bis zu den Schultern.
„Ich habe einen Spezialauftrag für dich. Du wartest heute Abend nach der Dämmerung dort an meiner Baracke!“
Er leckt lustvoll seine Lippen. Dann geht er weg. Er sieht nicht die Wutglut in Rebeccas Augen. Sie überlegt nur kurz. Dann schlängelt sie sich entschlossen durch das Menschengewühl zum Friseur. Anschließend legt sie alle Kleider auf den großen Haufen. Den gelben Stern obenauf. Sie reiht sich bei den Kindern singend ein. In jeder Hand eine Kinderhand.
Die Tür schließt sich. Im Gesang hören die Kinder das Zischen der Düsen nicht. Die Stimmen werden leiser, schweigen bald. Die Körper fallen leicht. Ein Aufseher schaltet die Entlüftung ein. Dann öffnet er die hintere Tür. Die Kinder liegen in einem Knäuel verschlungen aufeinander. Sie halten sich gegenseitig fest. Mitten unter ihnen Janusz Korczak.
„Los, reiß sie auseinander, und bring sie zum Rost!“, herrscht der Aufseher Moshe an, der mit seinen Kameraden Aschedienst hat. Er reicht Moshe eine Beißzange.
„Aber vorher holst du noch die Goldkronen bei den Erwachsenen raus!“
Moshe zögert. Der Aufseher wird sehr ungeduldig.
„Mach schon! Wir haben keine Zeit, die nächste Lieferung wartet!“
„Ich kann nicht!“ Moshes Stimme zittert.
„Willst du dich weigern, das Gold rauszuholen, das unser Führer zum Endsieg braucht? Das ist Sabotage!“, brüllt der Soldat, entsichert die Pistole und setzt sie auf Moshes Herz.
„Ich zähle bis drei! Eins …“
„Ich kann nicht“, haucht Moshe.
Der Schuss kommt als lautes Echo aus dem Haus der Verwandlung zurück.
„Los, dann machst du den Zahnarzt! Er hier hat auch eine Goldkrone!“ Der Aufseher zeigt auf Moshe und gibt Samuel die Beißzange. Dessen schwarz-weiß gestreifte Kleidung schlottert über seinem Skelett.
Das Krachen der Kieferknochen ist gut zu hören.
„Na also, geht doch. Das kannst du ein paar Tage lang üben!“, lobt der Aufseher. „Mach die Zähne sauber, und bring sie zur Lagerleitung.“
Die Gefangenen tragen die Kinder zum Rost und legen sie behutsam ab.
„Ihr könnt sie ruhig werfen! Die wiegen ja nichts! Das geht schneller!“, treibt der Aufseher die Gefangenen an und wirft gleich ein Kleinkind hinterher. Samuel reagiert zu langsam. Der Schädel platzt auf dem Steinboden.
Der noch heiße Rost ist rasch beladen. Zwei Meter hoch liegen die Leichen. Das Feuer schießt mit Brandbeschleuniger lodernd in die Höhe. Die Soldaten der benachbarten Kaserne beklagen sich über den Gestank von verkohltem Fleisch und Horn. Die Aschekolonne räumt die Überreste weg und siebt sie. Manchmal finden sie wertvolle verschluckte Gegenstände und Goldmünzen. Den Abfall kippen sie in Gruben und bedecken ihn mit Kalk und Erde.
Wegen des anrückenden russischen Heers wird beschlossen, das Lager zu schließen. Die Gefangenen müssen mehr und tiefere Gruben ausheben. Bei Beginn der Vernichtungsarbeit wurden die lebenden Skelette in die Grube geworfen und beschossen, bis sie sich nicht mehr bewegten. Jetzt geht es ökonomischer. Sie stellen oder setzen sich nackt an den Grubenrand. Gesicht zur Grube. Der Wachhabende geht von einem zum anderen. Jeder Genickschuss ein Treffer. Das spart Munition. Ein Helfer reicht geladene Magazine. Das spart Zeit. Ein Aufseher springt in die Grube auf die Leichen und schichtet sie Platz sparend. Kopf gegen Beine. Die Grube ist rasch voll. An der nächsten warten lebende Skelette.
„Gut gemacht, ich werde dem Führer berichten!“, lobt der Abgesandte des Führerhauptquartiers nach der erfolgreichen Aktion.
Als die Abrissarbeiten im Oktober 1943 fast abgeschlossen sind, sitzt Samuel neben Jakob
und zeigt wortlos auf den Rostplatz.
„Was meinst du?“
„Wir haben es überlebt. Der Ofen ist aus!“
Er beginnt hemmungslos zu weinen.
Den Genickschuss spürte er nicht.

PS: Es ist eine historisch belegte Tatsache, dass Janusz Korczak, Kinderarzt, Pädagoge und Schriftsteller, mit den Kinder aus seinem Heim in Treblinka in den Tod ging, obwohl er die Möglichkeit hatte, die Kinder allein ins Verderben zu schicken. Es wird von dem Augenzeugen Wladislaw Szpilman, einem berühmten polnischen Pianist, der den Holokaust überlebt hat, berichtet, dass Korczak die Kinder singend in den Tod begleitete, um ihnen den Schrecken zu nehmen. – Treblinka war ein Jahr lang in Betrieb. In dieser Zeit wurden dort über 1 Million Menschen ermordet.

Diesen Text habe ich als Stilübung in einer Schreibwerkstatt verfasst. Möglichst sachliche Schilderung, kurze, abgehackte Sätze ohne Emotionen. Dann bleiben die Gefühle im Leser „stecken“ und können sich dort voll entfalten. Das ist der Sinn dieser grausigen Erzählung, dessen Grundlage eine tatsächliche Begebenheit ist. Die Arbeit in  dem Konzentrationslager Treblinka habe ich einem sehr detaillierten Artikel bei Wikipedia entnommen.

Copyright Dr. Dietrich Weller

Veröffentlicht unter Prosa | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar

Der Entschluss

 

Spät abends kam eine Patientin in die Notfallpraxis, begleitet von ihrer Tochter. Es fiel mir auf, wie gebeugt die Patientin beim Betreten des Sprechzimmers ging und wie sie mich mit tief traurigen Augen anschaute. Ich erwartete, dass sie gleich anfangen würde zu weinen. Sie klagte mit gedämpfter Stimme über starke Nacken- und Kopfschmerzen. Ich stellte einige Fragen, untersuchte sie und fand dabei „nur“ eine erheblich verspannte Schulter- und Halsmuskulatur. Alle Zeichen und die Vorgeschichte sprachen für die Diagnose Spannungskopfschmerzen.

„Können Sie meine Mutter ein paar Tage krankschreiben?“, fragte die Tochter.

„Ja, das kann ich, aber das löst die Probleme nicht. Es lindert vielleicht ein paar Tage den Druck, unter dem Ihre Mutter leidet.“

Dabei legte ich meine Hände auf die Nackenmuskulatur und sagte: „Der Rucksack, den man Ihnen aufgeladen hat und den Sie sich haben aufladen lassen, ist zu schwer! Dadurch wird der Nacken ganz hart. Und dann kommen noch die Nackenschläge dazu, die sie im Alltag einstecken müssen!“

Ich symbolisierte mit dem erhobenen Arm einen Handkantenschlag ins Genick.

„Und das halten sie im Kopf nicht aus. Sie haben das Gefühl, der platzt bald.“

Die Patientin erschrak: „Ja, genau so ist es!“

„Sie können Krankengymnastik machen, den Nacken einreiben, Schmerzmittel nehmen, sich von mir in die verspannte Muskulatur spritzen lassen, in Urlaub gehen – alles in Ordnung – für eine Weile, aber die Probleme sind dadurch nicht gelöst. Die Beschwerden kommen wieder! –  Ich bin überzeugt, Sie wissen genau, woher die Anspannungen kommen und was Sie tun müssen, um eine dauerhafte Lösung zu bekommen!“

Die Patientin sagte spontan und mit fester Stimme: „Ja, Schluss damit!“

„Sehen Sie, das ist die Lösung, auf die selbst gekommen sind. Ich glaube, Sie sind nur hier, um dafür eine Bestätigung zu erhalten. Sie brauchen einen kleinen Schubs, um das zu tun, was Sie längst als richtig erkannt haben, stimmt´s?“

Die Augen der Frau fingen an zu leuchten: „Woher wissen Sie das? So hat mir noch niemand gesprochen!“

Wir ändern erst etwas in unserem Leben, wenn der Leidensdruck größer ist als die Angst vor der Veränderung! Sind Sie so weit?“

„Ja, es reicht! Das mache ich jetzt, Schluss mit dem Druck, dann geht´s mir wieder besser! Danke!“

Ich sehe immer noch, wie die Augen der Frau strahlten und wie straff und entschlossen ihr Gang und ihre Körperhaltung waren, als sie die Praxis verließ, aufgerichtet im wörtlichsten Sinn.

Copyright Dr. Dietrich Weller

September 2013

Veröffentlicht unter Prosa | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar

Schmetterlinge (Fotos)

Bild und Schrift retten die Schmetterlinge aus der Vergänglichkeit in das andauernde Staunen, mit welch fantasievoller Vielfalt und Schönheit die Natur auch ihre kurzlebigsten Kreaturen beschenkt.

Schmetterlinge sind die gesprenkelten Farbtupfer eines sprühenden Universums.

Demut und Andacht, Dankbarkeit und Liebe sollten unsere Antwort sein.

Die folgenden Bilder habe ich im Juli 2014 im Schmetterlingshaus der Insel Mainau aufgenommen.

DSC_0809

DSC_0651

DSC_0810

DSC_0742

DSC_0740

cropped-DSC_0673.jpg

DSC_0417-mittel

DSC_0628

DSC_0659-mittel

DSC_0672-mittel

DSC_0679

DSC_0708

DSC_0727-mittel

DSC_0758-mittel

DSC_0785

DSC_0461-mittel 103hjo3p_2_DSC_0836

DSC_0465

DSC_0803

DSC_0721

Veröffentlicht unter Fotos | Verschlagwortet mit | Schreib einen Kommentar

Anagramm

Anagram: Aus den Buchstaben eines Wortes wird ein neues Wort gebildet.

Beispiel: Hose –> Shoe

Nachdem die Hasenpfote in die Suppe gefallen war,
hatte er nach dem Essen eine Pestofahne.

Terrassendach
Dachterrassen mit Rasterschaden und Traserschaden
den Schreiner zu der Arbeit laden,denn er sieht auf der
Drachentrasse Starrdachseen,
nimmt Sand, rasch Teer,
die Drachenraste und Taeschners Rad,
wehrt den Trassendrache ab,
murmelt: Esst Rachenrad!
und ruft Sandra Scherte
zu Hilfe.

 

 

Veröffentlicht unter Gedichte, Prosa | Verschlagwortet mit , | Schreib einen Kommentar

ABC-Darien

ABC-Darien sind Sätze, die mit den Anfangsbuchstaben dem Alphabet folgen.

Anna braucht circa drei elegante, farbig geschmackvolle Hosen in jedem Kleiderschrank. Loden, Mohair, Nerze, Ohrringe, Perlenketten quellen randlos stapelweise tagelang unverhüllt voll weiser Xenien Ypern-weit zusammen.

Am besten Cello dient eindrucksvoll faszinierend geschult halbwegs intelligent jedes Kalenderjahr lernend, Melodien natürlich oder präzise qualvoll rauschend, schmeichelnd, tastend unverdrossen Xaver Ypsilanti, Zaire.

An beiden Cembali drängen eilig flüchtige Gefangene halbherzig in jedem Kerker lachend miteinander, nebeneinander quasselnd, Prioritäten ratend, Sätze trommelnd um vergebliche x-beliebige y-förmige Zugeständnisse.

 

 

Veröffentlicht unter Prosa | Verschlagwortet mit , | Schreib einen Kommentar

Homofone und Homogramme

Homofone sind Wörter, die gleich klingen, verschieden geschrieben werden und verschiedene Bedeutungen haben,
Beispiel: er ist – er isst

Homografen oder Homogramme sind Wörter, die gleich geschrieben werden, meist verschieden betont werden und verschiedene Bedeutung haben.
Beispiel: modern (Adjektiv) – modern (Verb)

Das Gericht beurteilt das Gericht nach dem Kochen:
„Dies Mahl ist diesmal gut gelungen!“

Dann isst das Gericht das Gericht im Gericht.
Das Gericht nimmt am Gericht nach der Uhr teil,
bevor es das Urteil mitteilt.

Wenn die Liebe ihre Hochzeit hat,
findet bald die Hochzeit statt.

Wenn das Model zum Model greift
und ein Modell zum Staunen schleift,
kann man vor Freude auf den Rasen
eilig rasen oder wütend rasen.

Der Tenor aller klugen Stimmen ist,
dass Tenor ne hohe Männerstimme ist.

Wenn Ideen lange in der Stille modern,
können plötzlich sie modern auflodern.

Wenn die Spinne Netze spinnt,
heißt das, dass sie nicht spinnt.

Lieber arm dran als Arm ab,
lieber Arm dran als arm.

Die Spinne spinnt in dem Spind,
der Speichel rinnt an dem Rind.

Der Sänger um die Liebste minnt,
und vorher lutscht er Pepper-Mint.

Umfahren ist besser als umfahren.

Wenn ein Boxer einen Boxer beißt,
er diesem Löcher in die Hose reißt.

In der Sonne vor der Bank steht eine Bank zum Sitzen,
wer ohne Rast rast, kann hier ruhig schwitzen.

Wenn ich in der Lache lache,
sitzen in der Wache Wache.

Laster fahren kann ein Laster sein,
und bei Lüstern weiß man, dass sie nicht lüstern sind.

Wenn ich vor der Weiche weiche,
streiche ich geplante Streiche.
Wer ein Tor geschlossen hat,
freut sich, wenn er ein Tor geschossen hat.

Das Geschoss fliegt aus dem ersten Geschoss
und trifft den Stock im zweiten Stock,
der auf dem Block im gegenüberliegenden Block liegt.

Wenn der Schläger einen Schläger aus Metall zum Schlagen nimmt,
er den Träger in der Decke und am Hemd mit Löchern trimmt.

Das Blatt zum Schreiben
und das Blatt der Eiben
sind als Blatt beim Kartenspiel
ungeeignet, schreibt das Gelbe Blatt.
Aber der Blatt-Schuss des Jägers,
ist das Ruhmes-Blatt des Trägers.

Wenn ein Mann im Eis ein Eis isst
und trotz Kälte auf die Frauen heiß ist,
reist er kalt und reißt heiß.

Raser rasen auf dem Rasen,
Läufer auf dem Teppich-Läufer
kriegen keine Blasen,
wenn sie auf der Tuba blasen.

Listen können bei Statistik hilfreich sein,
gegen Feinde schaffen sie elende Pein.
Lasten lasten schwer.
Leisten Leisten mehr?

Wenn sich im Regen Rege regen
und mit Brille auf der Brille sitzen,
Imker nach den Trachten trachten
und Jäger nach verfehltem Schuss Cola nur mit Schuss beachten,
Leiter der Abteilung ihre Leiter pflegen.

Nachdem sie über Pisten rasten schrill,
rasten sie beim Grill.

Gibt der Polizist die Laster frei,
ist er noch lang nicht lasterfrei.

Wird das Haar der Dichter dichter?
Nein, es wird allmählich lichter.

Was leisten die Leisten?

Die Linsen in den Augen
nicht zum Essen taugen!
Die Linsen auf dem Teller
sehen auch nicht schneller.

Die Kreißenden kommen immer zum Ende,
während es gar keine Kreisenden gibt.

Denk mal! Ein Denkmal fällt auf das Feld.

Seltsam: Wer wagen will, muss abwägen.
Dazu braucht er eine Waage und keinen Wagen.
Wer wiegen will, braucht eine Waage
und keine Wiege, es sei denn, er legt ein Kind hinein.

Warum wehen die Wehen nicht?

Reichen bei Reichen Reiche aus, um Reiche aufzubauen?
Nein, es wird immer fleißige Arme,
die mit ihren Armen für Reiche arbeiten
und arm dran sind.

Er warf ihm den Schein nur zum Schein zu.
Er war ein Scheinwerfer, der keinen Schein warf.

Der Mast steht mitten in dem Schiff.
Die Mast ist ein alter Zucht-Begriff,

Die Maus rennt durch das Haus
und jagt den Curser über den Bildschirm.

Ist die Mode noch modern,
kann der Stoff trotzdem modern.

Auf dem Bier schäumt die Blume weiß,
die Blume auf dem Feld vertrocknet leis.

Wenn der Ton trocken ist,
klingt der Ton heller.

Rost aus schlechtem Stahl
setzt den Rost an allemal.

 

 

Copyright Dr. Dietrich Weller

 

 

Veröffentlicht unter Gedichte, Prosa | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar

Das Haus der Verwandlung

 

Der Stacheldraht ist mit Kieferzweigen getarnt. Aaron rennt schreiend auf den Zaun zu: „Ich ertrag das nicht mehr!“
„Musst du auch nicht!“, sagt der Aufseher ruhig und lässt ihn rennen. Ein greller Blitz, und Aaron bricht im Stromschlag zusammen.
„Da kommen neue Zebras!“, ruft ein anderer Aufseher.
Dem Zug im vorderen Teil des Lagers entsteigen viele Gefangene in schwarz-weiß gestreifter er Häftlingskluft. Auch etwa zweihundert Kinder klettern heraus. Sie sind festlich gekleidet. Janusz Korczak, der Kinderarzt und Leiter ihres Heimes, geht ihnen voran. Er trägt zwei Kinder, die noch nicht gehen können, auf dem Arm.
„Was machen wir hier?“, fragt ein größerer Junge den deutschen Soldat, der den Zug begleitet hatte.
„Ihr werdet jetzt im Haus der Verwandlung zu guten Juden gemacht. Wer hinten rauskommt, ist ein guter Jude! Und dann dürft ihr zu eurem Jahwe auffahren!“
„Stellt euch in Zweierreihen auf, dann gehen wir miteinander“, sagt Korczak freundlich. Die Kinder gehorchen sofort. Sie haben schon auf dem Weg aus dem Ghetto zum Bahnhof in Warschau mit Korczak gesungen. Einen schönen Spaziergang hatte er ihnen versprochen zu grünen Wiesen, blühenden Bäumen und frischen Bächen. Er hätte er die Chance gehabt, sie allein zu diesem Ausflug zu schicken. Das hat er ihnen nicht erzählt. Es war ihm eine heilige Pflicht, gerade jetzt mitzugehen.
„Alles ausziehen!“, ordnet der Soldat an. Die Kinder legen ihre Kleider fein säuberlich auf kleine Häufchen. Das sind sie vom Heim gewohnt.
„Jetzt geht ihr zum Friseur“, sagt der Soldat, „damit ihr keine Läuse bekommt.“ Die Gefangenen werden kahlgeschoren. Die Haare werden sorgfältig gesammelt für neue Matratzen.
„Alle Marsch!“, treibt der Soldat die Kinder an. Er zeigt auf die Tür, die zur Verwandlung führt.
Korczak geht voraus, zwei Kinder auf seinen Armen, die anderen Kinder folgen ihm. Er beginnt, mit fester Stimme zu singen. Die Kinder fallen sofort ein:

So nimm denn meine Hände / und führe mich
bis an mein selig Ende / und ewiglich.
Ich mag allein nicht gehen, / nicht einen Schritt:
wo du wirst gehn und stehen, / da nimm mich mit.

Die Wachen sind still und schauen auf den Boden. Sie müssen die Kinder nicht wie sonst in das Haus prügeln.
Der Soldat deutet auf eine junge Frau unter den Neuankömmlingen.
„Du da, komm her! Wie heißt du?“
„Rebecca.“
„Zieh deine Mütze ab!“ Das Haar fließt schwarzwellig bis zu den Schultern.
„Ich habe einen Spezialauftrag für dich. Du wartest heute Abend nach der Dämmerung
dort an meiner Baracke!“
Er leckt lustvoll seine Lippen. Dann geht er weg. Er sieht nicht die Wutglut in Rebeccas Augen. Sie überlegt nur kurz. Dann schlängelt sie sich entschlossen durch das Menschengewühl zum Friseur. Kahlgeschoren legt sie alle Kleider auf den großen Haufen. Den gelben Stern obenauf. Sie reiht sich bei den Kindern singend ein. In jeder Hand eine Kinderhand.
Die Tür schließt sich. Im Gesang hören die Kinder das Zischen der Düsen nicht. Die Stimmen werden leiser, schweigen bald. Die Körper fallen leicht. Ein Aufseher schaltet die Entlüftung ein. Dann öffnet er die hintere Tür. Die Kinder liegen in einem Knäuel verschlungen aufeinander. Sie halten sich gegenseitig fest. Mitten unter ihnen Janusz Korczak.
„Los, reiß sie auseinander, und bring sie zum Rost!“, herrscht der Aufseher Moshe an, der mit seinen Kameraden Aschedienst hat. Er reicht Moshe eine Beißzange.
„Aber vorher holst du noch die Goldkronen bei den Erwachsenen raus!“
Moshe zögert. Der Aufseher wird sehr ungeduldig.
„Mach schon! Wir haben keine Zeit, die nächste Lieferung wartet!“
„Ich kann nicht!“ Moshes Stimme zittert.
„Willst du dich weigern, das Gold rauszuholen, das unser Führer zum Endsieg braucht? Das ist Sabotage!“, brüllt der Soldat, entsichert die Pistole und setzt sie auf Moshes Herz.
„Ich zähle bis drei! Eins …“
„Ich kann nicht“, haucht Moshe.
Der Schuss kommt als lautes Echo aus dem Haus der Verwandlung zurück.
„Los, dann machst du den Zahnarzt! Er hier hat auch eine Goldkrone!“ Der Aufseher zeigt auf Moshe und gibt Samuel die Beißzange. Dessen schwarz-weiß gestreifte Kleidung schlottert über seinem Skelett.
Das Krachen der Kieferknochen ist gut zu hören.
„Na also, geht doch. Das kannst du ein paar Tage lang üben!“, lobt der Aufseher. „Mach die Zähne sauber, und bring sie zur Lagerleitung.“
Die Gefangenen tragen die Kinder zum Rost und legen sie behutsam ab.
„Ihr könnt sie ruhig werfen! Die wiegen ja nichts! Das geht schneller!“, treibt der Aufseher die Gefangenen an und wirft gleich ein Kleinkind hinterher. Samuel reagiert zu langsam. Der Schädel platzt auf dem Steinboden.
Der noch heiße Rost ist rasch beladen. Zwei Meter hoch liegen die Leichen. Das Feuer schießt mit Brandbeschleuniger lodernd in die Höhe. Die Soldaten der benachbarten Kaserne beklagen sich über den Gestank von verkohltem Fleisch und Horn. Die Aschekolonne räumt die Überreste weg und siebt sie. Manchmal finden sie wertvolle verschluckte Gegenstände und Goldmünzen. Den Abfall kippen sie in Gruben und bedecken ihn mit Kalk und Erde.
Wegen des anrückenden russischen Heers wird beschlossen, das Lager zu schließen. Die Gefangenen müssen mehr und tiefere Gruben ausheben.
Bei Beginn der Vernichtungsarbeit wurden die lebenden Skelette in die Grube geworfen und beschossen, bis sie sich nicht mehr bewegten. Jetzt geht es mit kalkuliertem Sparplan ökonomischer. Sie stellen oder setzen sich nackt an den Grubenrand. Gesicht zur Grube. Der SS-Schütze geht von einem zum anderen. Jeder Genickschuss ein Treffer. Das spart Munition. Ein Helfer reicht geladene Pistolen. Das spart Zeit. Ein Häftling bekommt noch ein paar Lebensminuten. Er springt in die Grube auf die Leichen. Dort schichtet er Köpfe gegen Beine. Das spart Platz und SS-Arbeitskraft. Der Häftling geht auf den Leichen aufwärts. Das spart die Leiter. Wenn er oben ist, legt er sich mit einer Kugel im Genick dazu. Die Grube ist rasch voll. An der nächsten warten lebende Skelette.
„Gut gemacht, ich werde dem Führer berichten!“, lobt der Abgesandte des Führerhauptquartiers nach der erfolgreichen Aktion.
Als die Abrissarbeiten im Oktober 1943 fast abgeschlossen sind, sitzt Samuel neben Jakob und zeigt wortlos auf den Rostplatz.
„Was meinst du?“
„Wir haben es überlebt. Der Ofen ist aus!“
Er beginnt hemmungslos zu weinen. Den Genickschuss spürte er nicht.

1. PS: Es wird von dem Augenzeugen Wladislaw Szpilman, einem berühmten polnischen Pianist, berichtet, dass Korczak die Kinder singend in den Tod begleitete, um ihnen den Schrecken zu nehmen. – Treblinka war ein Jahr lang in Betrieb. In dieser Zeit wurden dort über 1 Million Menschen ermordet. Etwa 2700 jeden Tag.

2. PS: Die Geschichte entstand in der Schreibwerkstatt mit der Aufgabe, über Der Ofen ist aus! zu schreiben. Ich habe es als Stilübung aufgefasst: Knappe Sätze, sachliche Schilderung, möglichst wenige Emotionen im Text. Damit bleiben die Emotionen im Leser und können dort wachsen und wirken. Das ist bei dem grausigen Sachverhalt der Geschichte umso schlimmer. – Die Lebensumstände im Vernichtungslager Treblinka habe ich in einem ausführlich recherchierten Artikel bei Wikipedia nachgelesen.

Copyright Dr. Dietrich Weller

 

 

 

Veröffentlicht unter Prosa | Verschlagwortet mit , , , , | Schreib einen Kommentar

Was wir dir für dein Leben wünschen

_DSC7905_mcMein erster Enkel wurde am 24.02.2014 geboren.
Für ihn habe ich den folgenden Text geschrieben.

Jonathan =
(hebr.) Das Geschenk Gottes

Benjamin =
(hebr.) Der Sohn des Glücks
 

 Was wir dir für dein Leben wünschen

J   edes Jahr ein besonderes Glückserlebnis
O  ffene Augen und Ohren für das Schöne und Unscheinbare
N  achdenklichkeit mit Freude
A  usgleichendes und ausgeglichenes Wesen
T   räume, die du wahrmachen kannst
H  umor, Heiterkeit und Herzlichkeit. Hoffnung und Heilung.
A  ndauerndes Streben nach dem Guten
N  ervenstärke in Krisen, Dankbarkeit und Demut im Alltag

B  leib gesund, geliebt, geduldig, großzügig und dem Glück verbunden.
E   rfassen von scheinbar Unwichtigem
eidfreies Denken und Handeln
J   a zum Leben, besonders wenn es schwierig ist. Daran wächst du.
A  usdauer zum Lösen komplizierter Probleme
M  usik als Quelle von Kraft, Freude und Friede
I    ntelligenz: Einsicht in komplexe Zusammenhänge
ächstenliebe. Liebe deinen Nächsten als Teil deiner Welt.

S   elbstvertrauen und Stärke durch Vertrauen auf höhere Führung
I    nnere Stimme und das Vertrauen in sie
E   mpathie: Einfühlung in andere, ohne Probleme als deine zu übernehmen.
N  achhaltigkeit im Denken und Tun
I    deale und die Ideen, Intuition und Beharrlichkeit, ihnen nachzustreben
T   aktgefühl und Toleranz; Tiefsinn und Treue
Z   ielsicherheit bei Entscheidung und Handeln
unstsinn und Kreativität
I    nnigkeit, Intensität und Intimität

Veröffentlicht unter Prosa | Verschlagwortet mit , , , | Schreib einen Kommentar