Dinu Lipatti

Als Sechzehnjähriger durfte ich im Rahmen eines Schüleraustauschs ein halbes Jahr in Liverpool in die Quarry Bank High School gehen. Dort hatte John Lennon wenige Jahre zuvor seine Schulzeit beendet und war mit den Beatles schon ein weltberühmter Musiker. In der Familie, in der ich mich von der ersten Stunde an wohl gefühlt habe, hatte ich einen „Bruder“ Jonathan, der ein halbes Jahr älter war als ich. Wir verstanden uns prächtig, nicht nur, weil er wie ich ein großer Liebhaber klassischer Musik war. Viele Stunden unserer Freizeit verbrachten wir vor dem Plattenspieler, im Konzertsaal oder am Klavier. Jonathan war ein sehr guter Pianist, und ich bewunderte ihn deshalb.

Neben einem unvergesslichen Klavierabend von Artur Rubinstein habe ich mit Jonathan eine andere lebensprägende Stunde erlebt, von der ich berichten will.

Eines Tages hatte ich das Glück, mit Jonathan und dem Musiklehrer allein im Unterricht zu sein. „Worüber reden wir heute?“, fragte der junge Lehrer. Ich war verblüfft über so viel Freiheit, das Thema des Unterrichts wählen zu dürfen. Ganz spontan sagte ich: „Sie wissen, dass wir beide große Klavierliebhaber sind. Lassen Sie uns über gute Pianisten sprechen!“ – Er lachte: „Da habe ich was für euch!“

Wortlos ging er zum Schrank, holte eine Schallplatte hervor, nahm sie geradezu liebevoll zart aus der Hülle wie einen zerbrechlichen Schatz, legte sie vorsichtig auf den Plattenteller und schuf sofort eine aufmerksam andächtige Stimmung, indem er flüsterte: „Hört einfach mal zu.“

Ein kurzer Begrüßungsapplaus führte uns akustisch in ein Livekonzert. Der warme und klare Klang des Flügels faszinierte mich vom ersten Ton an. Ich spürte intuitiv: Das ist etwas ganz Besonders. Das Ebenmaß der Anschläge, die Weichheit der Phrasenbildung, die makellose und doch lebendige Rhythmik zogen mich in den Bann. Ich kannte das Stück nicht, ahnte, dass es ein Stück von Bach sein könnte. Wir hörten fasziniert zu, staunend, wortlos. Das Klassenzimmer wurde zur Kirche, in mir breiteten sich Ruhe und Andacht aus, und doch gleichzeitig eine elektrisierende Wachheit, eine wissbegierige Aufmerksamkeit und die jugendliche Neugier, auch wirklich jeden Ton in mir aufzunehmen. Je länger ich hörte, umso klarer war es mir: Das muss Bach sein, aber was ist das für ein grandioser Pianist? Eine fließend ruhige Sarabande, ein wiegendes Menuett und eine geradezu fetzig hingeworfene und doch absolut brillant-makellose Gigue verzauberten mich. Blitzsauber gespielt und mit einer mühelos natürlichen Wärme, die ich bis dahin beim Bachspiel nie gehört hatte. Eine Abgeklärtheit des Spiels, die mir fremd war und mich geradezu überwältigte. Das Spiel riss mich mit, und ich getraute mich kaum zu atmen. Ich erinnere mich an die Szene genau: Wir schauten einander an, lächelten und schlossen schweigend die Augen. Erst nach mehreren kurzen Sätzen, nach dem Applaus des Publikums nahm der Lehrer langsam den Tonarm von der Platte. Er sagte nichts und wartete auf unsere Reaktion.

Jonathan fand das erste Wort: „Absolutely unbelievable!“, sagt er ehrfürchtig staunend und langsam den Kopf schüttelnd. Ich konnte nur nicken. Langsam fand ich wieder hierher in den Klassenraum.

Der Lehrer erzählte: „Das war die 1. Bach-Partita aus dem letzten Recital von Dinu Lipatti in Besançon am 16. September 1950. Lipatti war damals 33 Jahre alt und schwer an Lymphogranulomatose erkrankt. Die berühmtesten Musiker bezahlten das einzig damals wirksame Medikament Kortison für ihn, weil er es sich nicht leisten konnte. Er war damals schon in Liebhaberkreisen eine Legende. Diesen Klavierabend gab er gegen den dringenden Rat seines Arztes, und am 2. Dezember 1950 verstarb Lipatti.“

Der Lehrer machte eine kleine Pause, damit die Botschaft sich in unseren Herzen setzen konnte. Dann sagte er: „Ihr habt heute keinen Unterricht mehr. Sollen wir das ganze Konzert anhören?“

Welch eine Frage! So versanken wir erneut in die Musik, beglückt von der großartigen Mozart-Sonate KV 310, zwei Schubert-Impromptus und dann noch 13 glitzernden und scheinbar aus dem Jenseits herüber gespielten Walzern von Chopin.

Nachdem der letzte Walzer verklungen war, flüsterte der Lehrer: „Da war Lipatti so erschöpft, dass er den 14. Walzer in As-Dur op. 34 Nr. 1 nicht mehr spielen konnte. Er zog sich einen Moment von der Bühne zurück, kam wieder an den Flügel und spielte den Bach-Choral „Jesu bleibet meine Freude“ aus der 147. Kantate in einer Bearbeitung der englischen Pianistin Myra Hess. Das war sein letztes öffentlich gespieltes Stück. Es wurde damals nicht aufgenommen, aber ich habe eine Aufnahme dieses Stücks von ihm von 1947.“ Er legte eine andere Platte auf, und wir saßen gerührt und tief betroffen im Klassenzimmer und schwiegen lange, nachdem das Stück verklungen war.
Seither und besonders seit ich in den kommenden Jahren seine Aufnahmen gezielt gesammelt habe, ist Dinu Lipatti für mich – und wie ich weiß für viele Klavierkenner – einer der größten Pianisten. Das ist umso verblüffender, als er nur wenig mehr als vier Stunden Klaviermusik für Platte eingespielt hat. Es wird vermutet, dass es noch einige unveröffentlichte Radioaufnahmen gibt. Nicht wegen seiner technischen Brillanz schätze ich ihn so überaus hoch, über die verfügen viele andere Pianisten auch, sondern weil er ein so natürlich durchgeistigtes und kristallin klares Spiel hatte, das ihn über viele anderen weit hinaus hebt.

Ich habe alles über ihn gelesen, was ich erhalten konnte: Er hatte eine wohl behütete Kindheit in Rumänien als Kind reicher Eltern. Sein Taufpate war der rumänische Komponist, Geiger und Pianist George Enescu. Mit 16 Jahren nahm Lipatti am Internationalen Klavierwettbewerb in Wien teil. Als ihm die Jury –angeblich weil er zu jung sei für diesen Preis – nur den Zweiten Preis zugestand, verließ der Pianist Alfred Cortot unter Protest das Jurorengremium. Ab seinem 17. Lebensjahr studierte Lipatti in Paris bei Alfred Cortot. Kompositionsunterricht erhielt er bei Igor Strawinsky, Paul Dukas und Nadja Boulanger. Er hat schon früh mit Komponieren begonnen und u.a. Kammermusikwerke, eine Klaviersonatine für die linke Hand, ein Klavierkonzert und eine Sinfonische Suite geschrieben. In Genf übernahm er 1944, also mit 27 Jahren, eine Klavierklasse als außerordentlicher Professor. Er war jung verheiratet mit einer Pianistin. Erst ab 1946, also vier Jahre vor seinem Tod, wurden Schallplattenaufnahmen von ihm aufgenommen, teilweise sogar in seiner Wohnung.

Für Yehudi Menuhin war Lipatti „die Manifestation der geistigen Welt, immun gegen jeden Schmerz und jedes Leid.“

Cortot hielt sein Spiel für „Perfektion“.

Herbert von Karajan, mit dem Lipatti das Schumann-Klavierkonzert einspielte, sagt hinterher: „Ich hatte den Eindruck, er weilt gar nicht mehr ganz unter uns.“

Clara Haskil, eine andere begnadete rumänische Pianistin dieser Zeit und Freundin von Lipatti, sagte, er sei „ein Mann, dem sein Genius peinlich zu sein scheint.“

Walter Legge, der berühmte Plattenproduzent, Gründer des Philharmonia Orchestra und zeitweiliger Direktor von Covent Garden, sagte: „Gott lieh der Welt sein auserwähltes Instrument, das er für leider zu kurze Zeit Dinu Lipatti nannte.“

Die letzte Live-Aufnahme Lipattis mit Orchester unter Ernest Ansermet lässt uns erleben, wie Lipatti sich unter schwerer Schmerzmedikation im Schumann-Klavierkonzert furios und völlig versunken in Trance spielt, kurz vom Pfad der Noten abkommt und sich wieder zurück in den Fluss des Konzerts einfindet.

Das Hodgkin-Lymphom belastete Lipatti in seinen letzten Jahren schwer. Die Therapie mit Kortison war noch im Versuchsstadium und brachte nur vorübergehende Erfolge und umso schwerere Rückschläge. Lipatti hatte nur eine funktionierende Lunge und konnte viele Konzerte und Plattenaufnahmen nur unter Aufbietung größter Selbstdisziplin durchhalten. Er starb plötzlich, weil ein Abszess in dieser Lunge platzte.

Frühvollendete sterben früher, weil sie ihre Aufgabe erfüllt haben.

Ich bin glücklich, inzwischen alle seine Aufnahmen zu haben, die zu den kostbarsten Raritäten der Musikgeschichte gehören. Es gibt nicht viele, aber alle sind außergewöhnliche Zeugnisse seiner Vielseitigkeit und überschwänglichen Musikalität. Das sind Dokumente eines großen Musikers, wie die Geschichte sie sicherlich nur sehr selten erlebt. Leider gibt es keinen Mitschnitt der Szenen, bei denen er im Familienkreis auch hervorragend Jazz gespielt hat.

Die 3. Klaviersonate von Chopin gewann den Grand Prix du Disque 1949 und gehört auch im Vergleich mit den inzwischen eingespielten vielen Aufnahmen anderer Pianisten zu den besten. Das Des-Dur-Nocturne von Chopin ist ein Beispiel für Reinheit und klangliches Gleichgewicht, Tonfülle und doch feinster Eleganz. Die 1. Bach-Partita, die Konzerte von Ravel, Grieg, Schumann und Lipattis Aufnahme der C-Dur Konzertes KV 467 von Mozart mit Karajan und einige leuchtend brillant gespielte Scarlatti-Sonaten sind Referenzaufnahmen und werden es sicherlich bleiben. Seine ersten Schallplattenaufnahmen, zusammen mit Nadia Boulanger, stammen aus dem Jahr 1937. Bis heute unerreicht ist ihre gemeinsame Einspielung der Brahms-Walzer op. 39 für vier Hände.

In einem Aufsatz über Dinu Lipatti schrieb der schweizerische Kulturphilosoph Carl Jakob Burkhardt:

„Ein Licht, das niemals flackert, eine stetige Kraft, in der nicht das leiseste Zittern erkennbar ist – sie ist dem Entrückten eigen, so wie sie dem Lebenden gehörte. Sobald der Gedanke sich ihm zuwendet, beginnt die lichte Kraft zu wirken, steigernd und reinigend, die eigentümliche Kraft seines so geschlossenen Wesens, welches ihm in seinem kurzen Leben erlaubte zu ertragen, was ihm auferlegt, und zu vollbringen, was ihm aufgetragen war. … In seinem unbestechlichen Blick stand die Frage: und du? Man musste Einkehr halten, wenn er einen anschaute. Ja, vor diesem munteren jungen Menschen, dem das Lachen so nahe war, wurde man zur Entscheidung gezwungen; man musste auf alles Vorläufige, Scheinbare verzichten. Von den Menschen, die ihm gegenübertraten, blieb nur dasjenige erhalten, was allein in jedem von ihnen zur Reife gelangen könnte, jeder Reife, die er vor uns allen voraus hatte.“ (Diener der Musik, Rainer Wunderlich Verlag, Tübingen 1965)

Lipattis Unterschrift zeigt seinen Namen steil, gerade, mit gut lesbarem und weichem Zug.

Ich bin glücklich, dass ich in meinem Leben schon sehr viele große Musiker hören durfte – im Konzert und auf Tonträgern. Und doch – oder gerade deshalb: Für mich ist Dinu Lipatti mit seiner großen Kunst die wichtigste Leitfigur, ein wirkungsvoller Lebensbegleiter in der Musik geworden. Er wird es bleiben, solange ich Musik hören kann. Und dafür, dass ich seine Kunst tröstend und aufmunternd, heiter und nachdenklich erleben darf, wann immer ich seine Musik auflege, bin ich unendlich dankbar.

Wenn ich auf die einsame Insel oder ins Pflegeheim oder für mein Sterbebett nur eine einzige Aufnahme wählen dürfte, würde mir auch bei meiner wirklich umfangreichen und sehr guten Sammlung die Wahl leicht fallen: Ich nähme die Aufnahme von Lipattis letztem Klavierabend in Besançon. Ein schöneres und luzideres Geleit in das große Licht des Jenseits kann ich mir nicht vorstellen.

Wenn es Engel gibt, ist Dinu Lipatti ein Engel, dessen Musik mich zuverlässig bereichert und begleitet.

 

Copyright Dr. Dietrich Weller

Dieser Essay war mein Beitrag zu der Lesung über „Wegbegleiter und Lebensgefährten“ beim BDSÄ-Kongress 2011 in Freiberg

Dieser Beitrag wurde unter Prosa abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.