Wie erreichen wir optimale Aufmerksamkeit beim Patienten? – Empathie

 

Die Persönlichkeit des Arztes und der Schwester strahlt nach außen und bewirkt schon allein dadurch Aufmerksamkeit oder nicht. Wenn wir im Gespräch rasch die richtige Kommunikationsebene treffen, ist eine unabdingbare Voraussetzung für die Aufmerksamkeit erfüllt. Dazu ist unsere Wachheit für die Situation des Patienten unerlässlich. Dann können wir ihm signalisieren, dass wir seine Lage erkannt haben.

Wenn wir private und fachliche Interessen des Patienten besprechen, soweit das für die Stabilisierung der Beziehung und für die Festlegung der Therapie nötig ist, erlangen wir auch seine Aufmerksamkeit. Fragen Sie nach seinen Arbeitsbedingungen, Aufgaben und Schwierigkeiten. Nebenbei lernen Sie auch noch viel über andere Berufe.

Wir sollten besondere Informationen über das verordnete Medikament geben und auf die persönlichen Belange des Patienten eingehen. Wenn Sie zum Beispiel einem trockenen Alkoholiker alkoholhaltige Tropfen verordnen, produzieren Sie eine Katastrophe.

Auch mit einer originellen Demonstration oder Veranschaulichung der Erkrankung oder Medikamentenwirkung können wir die Aufmerksamkeit erwecken.

Dazu ein kleines Beispiel: Als die Gyrasehemmer [1] neu auf den Markt kamen, fragte mich ein Pharmareferent, der mir gegenüber saß und die drei Finger seiner rechten Hand zusammengekniffen hatte: „Soll ich Ihnen zeigen, wie Gyrasehemmer funktionieren?“ Damit hatte er schon meine Aufmerksamkeit, denn er hielt die Finger so demonstrativ in die Luft, dass ich gespannt war, was da jetzt auf mich zukommen würde. In diesem Moment machte er die Finger auf, und ein kleines Gummiringchen fiel heraus. Er sagte: „Stellen Sie sich einfach vor, dass das Gummiringchen die DNS in der Zelle ist. Jetzt kommt der Gyrasehemmer und sprengt das Gefüge. Damit ist die Zelle zerstört.“

Aus der Tatsache, dass ich mich an diese kleine Szene nach über 20 Jahren Jahren immer noch erinnere, erkennen Sie, wie nachhaltig die Demonstration auf mich wirkte.

Um die Kommunikation optimal zu gestalten, müssen wir die Wirklichkeit des Gesprächs-partners möglichst gut erfassen. Deshalb gilt:

Empathie ist die Grundlage einer guten Kommunikation.

Empathie bedeutet das vollständige Einfühlen in den Bezugsrahmen eines anderen Men-schen mit der Wahrnehmung der gefühlsmäßigen Komponenten und Bedeutungen als ob man der Andere wäre, ohne allerdings den Als-ob-Zustand zu verlassen.

Carl Rogers

Wenn es ein Geheimnis des Erfolgs gibt, dann ist es das: Den Standpunkt des Anderen zu verstehen und die Dinge mit seinen Augen zu sehen.

Henry Ford

Die Aufgabe der Empathie besteht also darin, dass wir uns so gut wie möglich in die Ge-danken, Empfindungen und sozialen Bedingungen des Gesprächspartners hineinversetzen – als ob wir in seiner Lage wären. Damit können wir seine Ebene der Wirklichkeit erreichen und erkennen, was auf ihn wirkt. Nur so kann ein echtes Verstehen zustande kommen. Gleichzeitig müssen wir uns bewusst sein, dass wir nicht in seiner Situation sind. Dieses Einfühlen und Verstehen müssen wir dem Gesprächspartner vermitteln, damit er weiß, dass seine Botschaft angekommen ist. Sonst wird er es weiter versuchen, zum Beispiel mit Eindringlichkeit, mehr Beschwerden, hysterischen, hypochondrischen, ungeduldigen, ärger-lichen, ängstlichen oder depressiven Mechanismen.

Die Distanz der beiden Persönlichkeiten muss gewahrt werden. Das ist nötig, um uns vor fremden Gefühlen, Gedanken und Identifikationen mit anderen Menschen zu schützen. Sonst wird ein kritischer Rat unmöglich, und die Last der übernommenen Probleme würde uns rasch erdrücken.

Im Gegensatz zur Empathie steht die Sympathie. Sie bedeutet wertende Zustimmung zu den Gefühlen, Ideen und Werten des Anderen.

Der empathisch reagierende Mensch wird bei einem weinenden Patienten versuchen, dessen emotionale, rationale und soziale Gründe zu erfassen und ihm taktvoll distanziert zeigen, dass er die Hintergründe verstanden hat oder verstehen möchte. Der sympathisch reagierende Mensch wird sich in die Lage des Patienten versetzen, sich damit identifizieren und zum Beispiel mitweinen.

Dabei ist wichtig zu bemerken, dass beide Reaktionen menschlich richtig und authentisch sind. Wir müssen uns nur darüber bewusst sein, welche Vor- und Nachteile die jeweiligen Reaktionen haben.

Bewusst zwischen Empathie und Sympathie zu unterscheiden und beide je nach Anforderung und Einschätzung gezielt einzusetzen, erlebe ich als eine der ganz großen Künste menschlichen Zusammenlebens. Empathie tatsächlich zu empfinden und zu vermitteln ist mit Sicherheit eine der besonderen Herausforderungen ärztlichen Fühlens, Denkens und Handelns. Diese Kunst zu lernen und ständig zu verbessern, lohnt sich, weil dadurch die Beziehung zwischen Arzt und Patient erheblich intensiviert wird und der Patient sich viel besser in seiner psychosozialen Rolle verstanden fühlt. Außerdem kann der Arzt ganzheitlich behandeln, wenn er die ganze Situation des Patienten erfasst hat.

Wir können Empathie leichter entwickeln und pflegen, wenn wir gelassen, gesellig, selbstkritisch, reflexionsfreudig und seelisch stabil sind.

Beispiele für Empathie

Um uns in die Lage des Patienten hinein zu versetzen und ihm zu zeigen, dass wir seine Wirklichkeitsebene erreichen möchten, bieten sich z. B. folgende Möglichkeiten an:

„Wenn ich Ihnen zuhöre, habe ich den Eindruck, dass Sie ärgerlich (traurig, erfreut, überrascht, enttäuscht…) sind. Stimmt das?“

„Habe ich richtig verstanden, dass … ?“

Wenn Sie streng nach Rogers vorgehen, sind Fragen nicht vorgesehen, sondern der Thera-peut vermittelt nur seine eigenen Eindrücke im Sinne einer Rückmeldung. Er spürt in sich hinein, welches Gefühl bei ihm „ankommt“ und formuliert es etwas weniger ausgeprägt:

„Sie sind jetzt ärgerlich.“

Wir vermitteln also dem Patienten, was wir verstanden haben und geben ihm die Mög-lichkeit, unseren Eindruck zu korrigieren oder zu bestätigen. Das zeigt dem Patienten auch unsere Bereitschaft, unsere Eindrücke zu hinterfragen und eine echte Begegnung auf der gleichen Wirklichkeitsebene zu ermöglichen:

Bitte erklären Sie mir das genauer!“

Was haben Sie dabei empfunden?“

Diese beiden Formulierungen ermöglichen es uns, mehr Informationen über die Gedanken und Gefühle des Patienten zu erhalten, also näher an seine Wirklichkeitsebene heran zu kommen:

„Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie in dieser Situation ärgerlich (enttäuscht, niedergeschlagen…) reagiert haben.“

Hier bieten wir dem Patienten eine Möglichkeit aus unserer eigenen Reaktions- und Denkweise an und versuchen, sie mit der des Patienten in Übereinstimmung zu bringen. Dabei ist aber wichtig, dass der empathische Arzt seine persönliche Meinung nicht in den Vordergrund stellt, sondern die vermutete Reaktion und Empfindung des Patienten.

Alle diese Reaktionsweisen sind nur möglich, wenn wir uns aktiv und emotional bewusst an dem Gespräch beteiligen, also vollständig „auf Empfang“ schalten und uns auf die Wellenlänge des Patienten einzustellen versuchen. Es ist schwierig und eine echte Herausforderung an die Konzentrationsfähigkeit und die Bereitschaft des Arztes, in diesem Moment ganz bewusst zu sein. Diese Fähigkeiten werden an der Universität nicht gelehrt und während der Ausbildung im Allgemeinen nicht vermittelt. Welche Auswirkungen das hat, sehen wir jeden Tag bei der Arbeit und im Privatleben.

Bei einer Fortbildungsveranstaltung zu dem Thema Kommunikation in der Arztpraxis habe ich einmal erlebt, wie niedergelassene Ärzte sich über mehrere Stunden an praktischen Beispielen aus dem Praxisalltag abgeplagt haben, auch nur die Gefühlsebene von der Vernunft-ebene in den Aussagen der Patienten zu unterscheiden. Und ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig es auch für mich ist, immer voll konzentriert auf den Patienten einzugehen.

 

[1] Gyrasehemmer sind eine Gruppe von Antibiotika, die dadurch wirken dass sie ein wichtiges Enzym, die Gyrase, in der Zelle hemmen.

 

Diesen Artikel habe ich in dem Buch Ich verstehe Sie! Kommunikation in Praxis, Klinik und Pflege veröffentlicht.

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