Das Rosmarinsüppchen

„Hallo Schatzi!“

Ich hasse diese einschmeichelnde Begrüßung! Schließlich hört man als erfahrene Frau die Lüge bei einem Mann schon, bevor er sie ausgesprochen hat. Ich musste nur noch genau hinhören oder hinschauen, um die Details zu erfahren. Henner hatte mich so oft an der Nase herumgeführt, und er machte sich geradezu einen Sport daraus, mich zu ärgern. Ich dumme Kuh habe ihm immer wieder verziehen. Mal habe ich aus falsch verstandener Liebe einfach den Mund gehalten und die Kränkungen geschluckt, mal habe ich mir die Tränen theatralisch über das Make-up laufen lassen und verschmiert, um ihm zu zeigen, wie sehr er mich verletzt. Auch wenn ich ihm Szenen gemacht habe mit Geschrei und zerschmettertem Geschirr, hat ihn das nicht wirklich und schon gar nicht lange beeindruckt.

Jetzt war es mal wieder so weit.

„Hallo Schatzi! Das war ein anstrengender Tag!“

Ich schaute ihn an: „Wie siehst denn du aus?“

Sie müssen sich das mal vorstellen: Wie im Kitschfilm. Die Krawatte auf Halbmast, die oberen beiden Hemdköpfe offen, die Goldhalskette über seinem gewellten dunkelbraunen Brusthaar, den Kopf zerzaust, das Jackett zerknittert, die Bügelfalten platt. Und das Gesicht wie nach einer durchwachten Nacht, ungewaschen, unrasiert, die Falten noch tiefer als sonst. Und die waren nicht nur vom Arbeiten so tief, ganz sicher nicht.

Seit ich zufällig neulich seine neue Sekretärin gesehen habe, ist mir klar, warum er so oft abends und bis spät in die Nacht dringende Besprechungen machen muss.

Ich sah sie auf dem Büroflur auf sein Zimmer zugehen. Das blonde Haar floss über die schlanke und offene Rückenpartie des Kleides. Das hautenge Kleid betonte den wackelnden Hintern dieses Schoßhühnchens in geradezu obszöner Weise. Die hohen Stöckelabsätze waren eine orthopädische Katastrophe und ihr Klackern auf dem Steinboden eine Zumutung für jedes Ohr. Wie Pistolenschüsse knallten sie über den Gang. Das hört man bei meinen Birkenstock-Schuhen nicht. Und als sie sich umdrehte, dieses Möchte-gern-Playboy-Häschen, konnte ich sofort sehen, wo der Plastische Chirurg sein Geld verdient hat. Die mit Botox aufgedunsenen Lippen waren kurz vor dem Platzen, und die silikongefüllten Brüste drohten das eng anliegende Blüschen zu sprengen. Nicht einmal einen BH trug diese Büropuppe. Bei Heidi Klum wäre sie nicht als Model angekommen, aber mein Mann hat sie sofort eingestellt. Wofür eigentlich? Diese an allen Rundungen aufgeblasene Frau passte genau in sein Beuteschema. Sie erfüllte ganz sicher Henners Wünsche, aber bestimmt nicht bei der Arbeit.

Es hat mich gar nicht gewundert, dass ich schon ein paar Tage später ganz zufällig blonde Haare auf Henners Hemd fand, und ich entdeckte, dass er in seinem Aktenkoffer eine zusätzliche Flasche seines Parfums mitnahm und abends frisch beduftet heim kam. Aber mich kann er nicht täuschen. Er stank nach einer schwülen Mischung aus Frauenparfüm und seinem Rasierwasser. Das war richtig ekelig!

Früher wäre ich ausgeflippt vor Wut und hätte sein Büro zuhause demoliert. Aber ich habe mir geschworen, meine Kräfte zu sparen für den entscheidenden Tag. Ja, Sie hören richtig, ent-scheidend. Das hat etwas mit Scheidung zu tun. Aber nicht wie Sie denken – mit Rechtsanwalt und Gericht, nein, nein. Da muss mir schon etwas Besseres einfallen.

Heute war das Fass voll. Ich meine das Fass meines Zorns. Und wissen Sie warum? Als Henner ins Bad ging und die Kleider auf das Bett geworfen hatte, fielen mir sogar ohne Suchen sofort schwarze kurze Haare an seinem Hemd auf. Und der Lippenstiftfleck auf dem Kragen war nicht zu übersehen. Henner hatte seine Jacke so achtlos hingeworfen, dass das Bild einer jungen Schwarzhaarigen heraus gefallen war. So was von billig! Wollte er mich provozieren? War er wirklich so blöd, solch ein Bild in der Jackentasche zu lassen? Oder hatte die kleine schwarze Hexe ihm das Bild zur Erinnerung in die Tasche gesteckt, ohne dass er es gemerkt hat? Egal: Jetzt betrog er seine Sekretärin und mich mit einer neuen Frau!  Das war entschieden zu viel.

„Schatzi, machst Du mir was zum Essen?“, tönte es aus dem Badezimmer unter der Dusche hervor.

„Aber ja,“, rief ich zurück, „ich mache dir dein Lieblingssüppchen!“

Ich ging in den Garten und sah mit der Terrassenbeleuchtung noch gut genug, um rasch die Zutaten zusammenzusammeln. Erst pflückte ich frische Rosmarinnadeln, dann von der großen Taxushecke frische Eibennadeln. Das reichte für ein wirkungsvolles Abendessen. Den Rest hatte ich in der Küche.

Rosmarin mag Henner besonders gern. Den kräftigen Duft der ätherischen Öle möchte er in der Suppe schmecken. In unserer Verliebtheitsphase verwendete ich extra Kölnisch Wasser, weil dort viel Rosmarin enthalten ist, und Henner konnte nicht genug kriegen, an mir zu schnuppern. Die Eiben kannte er nicht. Er war ein Gartenmuffel.

Also schnitt ich je eine Handvoll Rosmarin- und Eibennadeln ganz fein, bis sie fast pulverig waren, erwärmte sie in der Pfanne, aber nur ganz leicht und mit einem großen Stück Butter dazu, damit die Wirkstoffe auch wirken können! Dann vermischte ich sie mit Sahne und Gemüsebrühe zu einer cremigen Suppe. Das wird ein besonderes Essen, dachte ich und stellte das gute Porzellan auf den Tisch und eine Vase mit frischen Blumen aus dem Garten. Für Festtage ist mein bestes Geschirr gerade gut genug.

„Willst du nicht mitessen?“, fragte Henner, als er sah, dass ich nur ein Gedeck gerichtet hatte.

„Nein, ich habe schon gegessen! Lass es dir schmecken!“

Ich muss gestehen, ich genoss es, wie er seine Suppe löffelte und meine Kochkünste lobte.

„Das schmeckt heute ganz besonders lecker! So anders als sonst!“

„Ja, ich habe es besonders gewürzt!“, sagte ich nicht ohne ein gewisses Maß an Freude über mein gelungenes Werk. Ich beobachtete mit Genugtuung, dass Henner mit großem Appetit alles aufaß – drei Teller Suppe.

Wir unterhielten uns nicht. Er war ja so müde – von seiner Beschäftigung im Büro oder wo auch immer. Dafür muss man als Ehefrau schließlich Verständnis haben. Als Henner sein Süppchen gegessen hatte, trank er einen Whisky und griff immer wieder an seinen Bauch.

„Komisch“, sagte er, „das rumort so, aber vielleicht habe ich mir im Büro was eingefangen, da klagen alle über Durchfall.“

„Ja, das wird es sein“, meinte ich ruhig und sehr zufrieden.

Plötzlich rannte er los Richtung Toilette. Nachdem er sich dort erleichtert hatte, wollte er nur noch ins Bett.

„Ich fühle mich so schwach, ich brauche noch einen Whisky!“

„Den bringe ich dir gern!“

Man soll letzte Wünsche nicht abschlagen!

Nach einer Weile meinte Henner: „Mir wird so komisch, mein Herz schlägt so unregelmäßig.“

„Ja, ja, das kann sein, bei dem Magen-Darm-Infekt. Bald hört´s auf!“

Ich konnte mich einer gewissen Schadenfreude über meine Doppeldeutigkeit nicht ent-ziehen.

Henner schlief rasch ein, unruhig zwar, und einmal erbrach er im Bett. Aber das nahm ich ihm nicht übel und machte das Bett sauber, soweit das bei dem inzwischen bewusstlosen Mann möglich war. Ich setzte mich neben ihn, fühlte immer wieder seinen Puls und spürte genussvoll, dass er immer langsamer wurde.

Tatsächlich hörte es nach einer Weile auf. Das Herz meine ich.

Es ist schon wichtig, im richtigen Moment die richtige Suppe richtig zu würzen.

 

Copyright Dr. Dietrich Weller

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Wichtige Einladung zu einem Benefizkonzert

Das Olgahospital Stuttgart veranstaltet jedes Jahr ein vielseitiges Benefizkonzert mit Mitgliedern der John-Cranko-Ballettschule, Zauberkünstlern und einem hoch qualifizierten Unterhaltungsprogramm, um den kranken Kindern und den betroffenen Familien  zu helfen.

Der Erlös geht an das sozialmedizinische Nachsorgeprojekt „Olgäle sorgt nach“.

Bitte besuchen Sie mit Freunden und Ihrer Familie dieses ungewöhnliche

Konzert am 09.07.2016 um 19.30 h im Beethovensaal der Liederhalle Stuttgart!

Bitte unterstützen Sie die Behandlung der Patienten.

Hier ist die Einladung mit Programm und Verbindung zum Kartenbüro:

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Erkenntnisgewinn durch Erfahrung:

Mein Enkel Jonathan hatte neulich 2. Geburtstag. Sein Papa machte sich an der großen Kaffeemaschine, die auch einen Milchtank besitzt, einen Cappuccino. Jonathan saß daneben auf dem Küchentisch und beobachtet den Papa. Da entwickelte sich dieser Wortwechsel:

Möchtest du auch etwas trinken?
Ja!
Möchtest du Milch trinken?
Ja!
Weiß du, woher die Milch kommt?
Ja!
Woher kommt die Milch?
Von Mama!

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Werte mit unterschiedlicher Wertung

Anstatt eine theoretische philosophische Abhandlung zu diesem wichtigen Thema zu schreiben, will ich an einigen knapp skizzierten Beispielen aus meinem Alltag zeigen, wie unterschiedlich Werte erlebt und geäußert werden.

Der Patient in der Notfallpraxis sagt: „Gestern habe ich mir den Zeigefinger in der Tür geprellt. Da bin ich heute Nacht wegen der Schmerzen durch die Hölle gegangen.“

Die fünfundzwanzigjährige Frau fährt im Elektrorollstuhl in das Behandlungszimmer. Ich frage, warum sie im Rollstuhl sitzt. Sie antwortet lachend: „Ich habe eine angeborene Zerebralparese und kann seit ein paar Monaten nicht einmal mehr stehen. Außerdem habe ich regelmäßig epileptische Anfälle. Jetzt komme ich wegen meiner fieberhaften Grippe. Aber mir geht´s gut.“

Der dreijährige bis jetzt gesunde Junge sagt zu seiner Mutter: „Jetzt ist alles dunkel. Warum hast Du das Licht ausgemacht? Mach es doch wieder an!“ – Der Junge war plötzlich auf beiden Augen blind geworden. Wenige Stunden später sahen die Ärzte im Schädel-Computertomogramm Metastasen im Kleinhirn und an der Kreuzung der Sehnerven.

Eine Frau mit metastasierendem Bronchialkarzinom im Endstadium, die im Pflegeheim liegt, sagt zu mir: „Wenn Sie mich noch einmal besuchen wollen, müssen Sie es bald tun. Ich habe nicht mehr viel Zeit. Das schönste Erlebnis heute war, als die Schwester mir ein Glas warme Milch gebracht hat. Die Liebe, die ich hier empfange, ist ein großes Geschenk, für das ich unendlich dankbar bin.“

Als Arzt in der Neurologischen Reha-Klinik nahm ich einen Patienten nach Schlaganfall auf meiner Station auf. Nach dem ausführlichen Gespräch mit Untersuchung fragte die Ehefrau: „Was kann ich noch für meinen Mann tun?“- Ich legte mein Buch „Wenn das Licht naht – der würdige Umgang mit schwer kranken, sterbenden und genesenden Menschen“ auf den Tisch. Sie war verblüfft und lachte mich an. „Oh, Sie haben das geschrieben! –Dieses Buch hat mich auf der Intensivstation in München in den letzten Wochen am Bett meines Mannes am Leben gehalten. Eine Schwester hat es mir ausgeliehen.“

Die zwanzigjährige Frau ägyptischer Abstammung sagt in der Sprechsunde: „Gottseidank bin ich nicht schwanger. Wenn mein Vater wüsste, dass ich einen Freund habe und mit ihm schlafe, würde er zuerst meinen Freund und dann mich umbringen.“

Bei einem Hausbesuch in einer sehr wertvoll eingerichteten Villa werde ich in das ehemalige Arbeitszimmer des Hausherrn geführt. Jetzt ist es sein Schlafzimmer – mit Blick in den wunderbar gepflegten Garten. Der Mann liegt seit zwei Jahren nach Schlaganfall im Wachkoma und atmet spontan durch eine Kanüle in der Luftröhre, seine Augen sind geschlossen. Er reagiert nicht auf Ansprache. Seine Frau sagt: „Jeder Tag, den ich ihn hier pflegen darf, ist ein Geschenk für mich, für das ich jeden Tag dankbar bin. Und trotzdem hoffe ich, dass er bald friedlich einschlafen darf. Jeden Tag begrüße ich meinen Mann – und nehme ein bisschen Abschied.“

In der Praxis habe ich eine Woche lang einen ägyptischen Mann behandelt, der seine in Leonberg verheiratete Tochter besuchte, nicht viel Geld hatte und schon die überstürzte Heimreise plante. Ich habe ihn dann kostenlos behandelt. Bei seinem letzten Besuch in der Praxis kniete seine Frau beim Abschied vor mir nieder, nahm mein beiden Hände und sagte etwas, was die Tochter übersetzte: „Ich bitte Gott, dass er mir zehn Lebensjahre nimmt und sie Ihnen schenkt.“

Eine Frau mittleren Alters kam nach langem Krankenhausaufenthalt in die Sprechstunde, legte einen langen Arztbrief auf den Tisch und fragte, ob ich sie als neue Patientin annehme. Ich überflog den Brief und sah eine lebensbedrohliche Diagnose mit einigen Komplikationen und zwei Reanimationen. Ich sage anerkennend: „Da haben Sie aber viel durchgemacht. Und die Ärzte haben Ihnen wirklich geholfen.“ – Die Frau antwortete wütend: „Das ist ein Scheiß-Krankenhaus!“ – „Wieso das denn?“ – „Da hat doch tatsächlich die Schwester an einem Morgen vergessen, mir einen Löffel zum Joghurt zu bringen!“

Die Frau im Endstadium einer bösartigen Erkrankung wird von einem mir bekannten Hausarzt gefragt: „Was ist Ihnen denn noch wichtig? Gibt es etwas, was Sie unbedingt noch erleben wollen?“ – Die Frau sagt nach einiger Überlegung: „Der Haushalt muss aufgeräumt sein!“

Mein Freund Nabil stammt aus Syrien. Nach dem Medizinstudium kam er mit seiner jungen Frau nach Deutschland und wurde Internist und Radiologe. Er hatte seit 1984 über viele Jahre seine Praxis im Haus neben meiner Praxis. Jetzt ist er wie ich Rentner und arbeitet auch in der Notfallpraxis weiter und leitet noch das Nuklearmedizinische Zentrum im Krankenhaus Sindelfingen. Häufig wird er als Übersetzer gebraucht, wenn Flüchtlinge aus den arabischen Ländern behandelt werden sollen. Nabil hat mir die beiden folgenden Geschichten erzählt.

Ein 24-jähriger schlanker und gut aussehender Mann kommt mit nachhängendem rechtem Bein, spastischer Arm- und Handlähmung rechts und Sprachstörung in die Klinik. Nach der Ursache seiner Lähmung gefragt berichtet er, ein ungarischer Grenzsoldat habe ihn bei der Flucht mit einem Elektroschockgerät mehrfach heftig auf die linke Schädelseite geschlagen, dann habe es im Kopf geblutet. – Nabil fragt nach: „Wäre es nicht besser gewesen, wenn Sie in Syrien geblieben wären?“ – „Nein, ganz sicher nicht, die Regierungstruppen und die Rebellentruppen wollten mich zum Wehrdienst einziehen. Ich wollte nicht kämpfen. Wenn ich geblieben wäre, hätten sie mich erschossen. Es ist alles gut. Ich bin hier und lebe!“

Nabil machte von der Notfallpraxis aus einen Hausbesuch in einer Flüchtlingsunterkunft in Leonberg und traf dort eine junge Familie aus Syrien. Der Ehemann berichtete: „Wir wurden täglich mit Bomben beschossen, in unserer Straße stand kein Haus mehr. Wir hatten nichts mehr, wir konnten nichts anders tun, als zu Fuß zur türkischen Grenze zu wandern. Meine Frau war im neunten Monat schwanger, unser eineinhalbjähriger Sohn war bei uns. In der Türkei wurde unser zweites Kind im Lager geboren, es ist jetzt vier Wochen alt. Aber wir sind hier, und wir sind gesund und dankbar.“

Neulich machte ich mitten in der Nacht von der Notfallpraxis aus einen Hausbesuch in Weissach in der alten Sporthalle, die als Flüchtlingsunterkunft umgebaut war. (Weissach ist die Gemeinde im Kreis Böblingen, in der Porsche sein Entwicklungszentrum hat.) Nachdem ich den Patienten untersucht hatte, sagte die Angestellte vom Sicherheitsdienst: „Jetzt können Sie auch gleich noch mit dem Bürgermeister sprechen.“ – Ich war verblüfft: „Jetzt morgens um 2 Uhr ist der Bürgermeister hier?“ – Tatsächlich stand vor der Halle eine Gruppe junger Männer und unterhielt sich lebhaft. Ich stellte mich vor, und einer der Männer reichte mir die Hand: „Ich bin Daniel Töpfer, der Bürgermeister.“ – Ich lachte ihn an: „Das ist ja ungewöhnlich, nachts um die Zeit den Bürgermeister bei Flüchtlingen zu treffen? Was machen Sie hier?“ –  Er lachte zurück: „Wir haben vier Partien Schach gespielt!“ – Da mischte sich einer der Flüchtlinge mit gutem Englisch ein und erzählte begeistert, dass sie oft Schach miteinander spielen und das sei großartig, „but Daniel always wins, he is a champion!“ –
In welcher Stadt in Deutschland nimmt sich ein Bürgermeister Zeit, um mitten in der Nacht vier Partien Schach mit Flüchtlingen zu spielen? –
Meine Hochachtung, Herr Töpfer, für ihre meisterliche Bürger-Nähe!

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Ulrike Blatter: Vor dem Erben kommt das Sterben.- Rezension

Rezension

Ulrike Blatter, Vor dem Erben kommt das Sterben

Neobooks.com, 2016, E-Book, erhältlich z.B. bei Amazon

Dr. med. Ulrike Blatter ist Rechtsmedizinerin, die ihr berufliches Wissen und ihre schriftstellerische Leidenschaft in den letzten Jahren so verbunden hat, dass sie jetzt in ihrem vierten Krimi einen Mord schildert, der keine Spuren hinterlässt und so ausgeführt wird, dass der Tod nicht als Mord nachgewiesen und der Täter nicht gefunden werden kann. Das ist der perfekte Mord. Ein hoher Anspruch!

Aber da ist noch viel mehr in diesem Buch, warum ich es lesenswert finde.

Ulrike Blatter war als Kölnerin tief betroffen von dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3. März 2009, bei dem kostbarste Archivalien auf 30 km Regalböden von Schutt begraben wurden. Sie hat diese Kulturkatastrophe, bei der auch zwei Menschen starben, als Anlass genommen, darum herum einen fantasievollen und realistischen Krimi zu schreiben. Fantasievoll und realistisch – das ist kein Widerspruch in sich. Nichts ist so fantasievoll wie die Realität.

Fantasievoll ist der Krimi, weil er esoterische Ansichten wie Rückführung und Reinkarnation als Tatsachen in die Handlung einbindet. Der Leser wird immer wieder von Cleo, einer sprechenden Katze, durch die Handlung geführt, und er muss die einzelnen Handlungsteile, die scheinbar willkürlich zusammengewürfelt aneinander gereiht sind, sorgfältig zu einer chronologischen Folge zusammensetzen. Dies gelingt aber gut anhand der vorgegeben Daten.

Realistisch ist das Buch, weil Ulrike Blatter mit kriminalistischer Akribie die Geschichte Kölns und viele unbekannte und ungewöhnliche Details aufdeckt. Die sozialen Folgen der Umstrukturierung des Veedels (ein Stadteil von Köln) und des skandalumtobten U-Bahnbaus werden beschrieben, und der Nicht-Kölner lernt das Kölsche Grundgesetz mit seinen elf Paragrafen kennen. Für Köln-Liebhaber ist dieses Buch eine Fundgrube zur Stadtgeschichte.

Und worum geht es in diesem Krimi? Blanche, die in ihrer Jugend Lara hieß und sich bei einem langjährigen Aufenthalt in der Schweiz einen anderen Namen gegeben hat, kommt in ihre Geburtsstadt Köln zurück. Sie braucht dringend Geld und entwickelt sich zur gewissenlosen Wahrsagerin, die mit Hokuspokus und eiskaltem Kalkül die reiche Witwe Sibylle schröpfen und beerben will. Um Rückführungen in Hypnose in frühere Epochen zu begründen, in denen Sibylle ihren geliebten Mann wieder trifft, erforscht Blanche historische Einzelheiten aus der Stadtgeschichte.

In einem der ersten Kapitel findet der Leser Blanche plötzlich tot in der Badewanne liegen. Daneben sitzen Cleo und Sie. Richtig gelesen: Das Sie muss großgeschrieben werden, Sie taucht immer wieder auf und spricht mit der Katze. – Wer ist Sie? – Es lohnt sich, das spannende Buch zu lesen, schon allein, um zu erfahren, wer Sie ist und wie man einen perfekten Mord begehen kann. So viel sei verraten: Blanches Tod ist nicht der perfekte Mord. Da war noch etwas anderes.

Die schnörkellose Sprache, der Witz in der Handlung, die typisch kölschen Sprüche und der Kölner Klüngel sind eine Unterhaltung der besonderen Art. Die bildhaft geschilderten Charaktere und die tatsächlich geschehenen Ereignisse sind kunstvoll ineinander verwoben. Wer es ganz genau wissen will, wo die Grenze zwischen Historie und Dichtung läuft, findet im Anhang sogar die Quellen für die Zitate und die Einzelheiten der Konstruktion.

Ulrike Blatter hat mit diesem Buch ihrer Heimatstadt eine kriminalistische Liebeserklärung gemacht und ein Spendenkonto zur Erhaltung der Archivalien in dem eingestürzten Stadtarchiv eingerichtet.

Wer mehr über Ulrike Blatter und ihre Arbeit wissen will, ist auf www.ulrike-blatter.de willkommen.

Hier ist der Buchtrailer.

Dr. med. Dietrich Weller, 15.02.20116

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Der Rausschmiss

Spät abends Hausbesuch in einem Mehrfamilienhaus.
„Ja?“, krächzt eine junge Frauenstimme durch die Sprechanlage.
„Hier ist Dr. Weller von der Notfallpraxis!“, sage ich.
„Wir brauchen Sie nicht mehr, es hat sich schon erledigt!“ Die Stimme klingt fest.
„Moment mal, wir sind doch extra gerufen worden! Was ist denn los?“
Ich höre im Hintergrund Stimmen, dann: „Ja, gut, dann kommen Sie mal hoch!“
Matthias, Rettungsassistent und mein Fahrer, mit dem ich schon viele Dienste gemacht habe, schüttelt den Kopf: „Was ist das denn?“
Wir fahren mit dem Aufzug in den 3. Stock, die Wohnungstür ist einen Spalt weit geöffnet. Wir sehen den blonden Wuschelkopf einer jungen Frau, darunter einen Pulli, der nur den Hals umschlingt. Zum Anziehen hat es wohl nicht mehr gereicht. Das große Dekolleté über dem BH ist frei. Aber sie hat wenigstens eine lange Hose an. Ich stelle mich und Matthias vor.
Die Frau blickt auf Matthias: „Aber der kommt nicht rein! Nur Sie!“
Meine Antwort kommt schnell und sicher:
„Wir sind ein Team. Entweder wir kommen beide rein oder wir gehen wieder!“
„Also gut.“, sagt sie und gibt die Tür frei. Dahinter steht ein Mann, grußlos, wortlos, angezogen. Ihr Vater, stellt sich später heraus.
Wir betreten den Wohnraum, in dem neben dem Esstisch ein zerwühltes Bett steht. Ich sehe die offene Schlafzimmertür und dort im Bett eine Frau so um die fünfzig im Nachthemd sitzen, wohl meine Patientin, vermute ich. Zielsicher gehe ich auf die Tür zu, da stellt sich die Tochter in den Weg.
„Nein, Sie dürfen da nicht rein.“
„Wie soll ich denn Ihre Mutter untersuchen? Sie haben uns doch gerufen für sie, oder nicht?“
„Na gut, dann gehen Sie rein, aber nur Sie! Er bleibt draußen!“
Sie deutet auf Matthias.
Im Schlafzimmer begrüße ich die Patientin und stelle mich vor.
Mein erster Eindruck: Diese Frau ist nicht krank. Was soll ich hier?
Währenddessen steht die Tochter bewachend an der Tür. Matthias hat keine Chance. Auch die Mutter redet dauernd im Befehlston russisch mit der Tochter. Ich verstehe kein Wort, aber mir ist klar: Hier brennt die Luft.
Der Mann steht im Eck, beobachtet uns und sagt nichts.
Ich bleibe ruhig: „Was möchte Sie von mir?“
„Ich nicht gut, möchte Sie Blut nehmen und Hochdruckblut messen!“
Deshalb ruft man mich nachts? Was soll das denn? –
Trotzdem sage ich freundlich: „Ich kann hier kein Blut untersuchen, aber den Blutdruck
kann ich messen.“ –
Ich schaue zu Matthias, der im Wohnzimmer in unseren Koffer greift und das Blutdruckgerät heraus holt und es mir geben will. Aber die Tochter verwehrt den Zugang. Also muss ich ins Wohnzimmer gehen und das Gerät selbst holen.
„Der Blutdruck ist 140/80. Das ist normal. Lassen Sie mich mal Herz und Lunge abhören.“
Ich untersuche die Frau durch das Nachthemd hindurch. Ja nichts provozieren, denke ich.
„Auch normal!“
„Das wollte ich wissen. Dann können Sie wieder gehen!“
Sie zeigt zur Tür. Die Patientin schaut mich mit Augen an, aus denen böses Feuer sprüht.
Ich gehe ins Wohnzimmer und setze mich an den Esstisch.
„Ich muss zuerst noch etwas aufschreiben, und wir brauchen die Personalien.“
Matthias sagt freundlich zu der Tochter: „Geben Sie uns bitte die Krankenversicherungskarte Ihrer Mutter!“
„Nein, bekommen Sie nicht!“
Die Mutter steht plötzlich neben uns.
„Wir bezahlen so! Was kostet das?“
„Auch gut,“, sage ich, „das muss ich kurz ausrechnen.“
Ich zücke mein iPhone und schlage die App mit der Gebührenordnung auf.
„Nein, Sie schicken uns eine Rechnung!“, schnarrt die Mutter.
Matthias reagiert ruhig, zieht ein Formular heraus und legt es der Tochter mit seinem Kugelschreiber hin:
„Bitte unterschreiben Sie hier, dass wir Ihnen eine Rechnung schicken dürfen!“
Die Tochter nimmt den Stift, beugt sich über das Blatt. In diesem Moment schlägt die Mutter ihr den Stift aus der Hand: „Du unterschreibst nichts!“
Ich mache einen neuen Versuch.
„Dann sagen Sie mir doch wenigstens Ihren Namen.“
„Das geht Sie gar nichts an! Gehen Sie jetzt!“
“Moment mal, soll ich jetzt die Polizei rufen, damit Sie der Ihren Namen sagen?“
Ich fixiere die Frau mit meinen Blicken.
„Ich brauche Ihren Namen, damit ich Ihnen die Rechnung schicken kann, die Sie wollen.“
„Der steht auf der Klingel, das haben Sie doch gelesen!“
„Aha, ist das dieser Namen hier?“
Ich zeige Ihr unseren schriftlichen Einsatzbefehl. Sie schaut nicht hin und sagt: „Ja!“
„Wie heißen Sie mit Vornamen? Das brauche ich auch.“
„Das geht Sie nichts an! Sage ich nicht!“
„Aber dann kann ich keine Rechnung schreiben!“
„Martina!“
„Aha,“, sage ich, „geht doch! Danke!“
Ich ahne im selben Moment, dass der Name nicht stimmt. Und ich bemerke, dass der Vater immer noch in der Ecke steht, alles beobachtet und die ganze Zeit über kein einziges Wort gesagt hat. Er hat hier wohl nichts zu melden.
Da fragt mich die Tochter: „Meine Mutter ist misstrauisch. Können wir zwei mal vor die Tür gehen und in Ruhe reden?“
„Du bleibst hier!“, kreischt die Mutter und packt sie am Pullover, der immer noch um den Hals hängt. Dann greift die Patientin mich wieder an:
„Warum sind Sie denn immer noch da? Nehmen Sie jetzt endlich ihren Koffer, und gehen Sie aus der Wohnung!“
Jetzt reicht´s mir. Ich mache etwas, was ich noch nie in dreiundvierzig Jahren bei einem Hausbesuch gemacht habe. Ich stehe kommentarlos auf, schaue mich nicht mehr um und verlasse grußlos die Wohnung.

Draußen im Auto holen wir beide erst mal tief Luft.
„Was war das denn?“, sagt Matthias.
„Das war eine unverschämte Frau. So was habe ich auch noch nie erlebt.“
„Und was machen wir jetzt mit der Rechnung?“
Ich schaue ihn an.
„Nichts, Matthias, nichts machen wir. Und weiß du warum? Wir wissen doch, dass diese Leute die Rechnung nicht zahlen. Die wollten uns nur loshaben.“
„Da hast du Recht!“
„Eben, und du weißt, dass die Rechnung von unserem Rechnungsdienst abgeschickt wird, der auch die Mahnungen schreibt und mir in jedem Fall 20 Euro abzieht für diesen Service, unabhängig davon, ob die Rechnung bezahlt ist oder nicht. Und ich habe überhaupt keine Lust, mich unverschämt behandeln und rausschmeißen zu lassen und dafür noch 20 Euro zu zahlen.“
„Aber der nächste Arzt läuft in die gleiche Falle wie du!“
„Kann gut sein, deshalb müssen wir schauen, ob wir eine Warnnotiz in die Krankenakte machen können. Vielleicht haben wir die Frau im PC.“
Tatsächlich: Sie war vor zwei Jahren mal in der Praxis. Der Vorname Martina ist gelogen. Die Adresse und das Alter passen. Ich schreibe einen entsprechenden Bericht als „Notiz“. Hoffentlich liest der nächste Kollege diese Nachricht, bevor er die Frau besucht.

Schlagfertigkeit ist das, was uns zu spät einfällt. Wie wär´s denn mit diesem Satz?

„In der russischen Literatur lese ich immer wieder von der großzügigen Gastfreundschaft der Russen. Sie sind die ersten Russen, die ich kennenlerne, auf die das nicht passt.“

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Weitere Fotos von mir

finden Sie mit diesem Link http://www.fotocommunity.de/fotograf/dr-dietrich-weller/fotos/2099744

 

 

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Rezension über Eva Melusine Thieme: Kilimandscharo-Tagebuch

Eva Melusine Thieme: Kilimandscharo-Tagebuch,

erschienen bei Amazon, ISBN 9781508860594

„Chlorwasser, kein WC, eiskalte Nächte – kurzum ein Traumurlaub“

 Schon dieser Untertitel lässt die scheinbaren Widersprüche in diesem Buchs deutlich werden. Und gerade deshalb ist es lesenswert! Denn die Autorin beschreibt eine Woche, die sie im englischen Originaltext als the time of my lifedie Zeit meines Lebens bezeichnet.

Eva Melusine Thieme begibt sich 2014 nach einer intensiven Vorbereitung, die heiter und höchst informativ beschrieben wird und fast ein Jahr lang dauert, auf eine einwöchige Bergtour zum Gipfel des Kilimandscharo. Die Tour soll den dreijährigen Aufenthalt in Südafrika krönen. Thieme wird begleitet von ihrem sechzehnjährigen Sohn Max und einer kleinen Gruppe von Freunden. In der ersten Hälfte des Buchs wird der Leser eingeführt in die Tücken und Notwendigkeiten der körperlichen und gedanklichen Vorbereitung und der Überlegungen, was mitzunehmen ist. Die Geschichte des Kilimandscharo wird eindrucksvoll erzählt. Man sollte es nicht glauben, aber allein diese Kapitel vor dem Reisebeginn sind schon die Lektüre wert, weil die Einzelheiten im Plauderton, aber sachlich hervorragend recherchiert, sehr lehrreich und mit einer gehörigen Portion Selbstironie und Heiterkeit hinterfragt und beschrieben werden. Ich habe noch zum Beispiel nie in einem Reisebericht so viel über das „WC-Thema ohne WC“ gelesen und gelernt(!) wie hier. Und es ist flüssig und keineswegs anrüchig geschrieben, obwohl es sich um ein fließendes und riechendes Thema handelt. – Ich fühlte mich beim Lesen neugierig und gespannt, wie und wann der Trip endlich losgeht.

In der zweiten Hälfte steigen wir Leser mit der Gruppe unter Leitung einheimischer und als sehr vertrauenswürdig geschilderter Führer sieben Tage den Berg hinauf, unterbrochen von Rast-, Schlaf- und Verschnaufpausen. Wir erleben die grandiose Landschaft, menschliche Schwächen und Stärken, heitere und ernste Zwischenfälle. Die Spannung steigt im gleichen Maß wie der Gipfel naht, bis kurz vor der für den Sonnenaufgang geplanten Ankunft auf dem höchsten Punkt Afrikas plötzlich ….

Nein, das erzähle ich jetzt nicht. Sie müssen es lesen. Das ist so atemberaubend geschrieben, so emotional aufwühlend und so menschlich bewegend, nebenbei auch schriftstellerisch so klug konstruiert, dass meine Meinung klar ist: Hier lesen Sie einen der besten Reiseberichte, die ich kenne.

Es gibt eine englische Originalausgabe und eine deutsche Übersetzung. Dazu muss man wissen, dass die Autorin Deutsche ist, nach dem Abitur mit ihrem damaligen Freund (jetzt Ehemann) in die USA ausgewandert ist und in mehreren Kontinenten gelebt hat. Sie ist Mutter von vier Kindern und hat sich inzwischen von Ihrem Master of Business Administration zur Schriftstellerin, Bloggerin und US-Bürgerin entwickelt.

Leider fehlt in der deutschen Ausgabe ein kleines, aber wichtiges Kapitel, nämlich die zwanzig Punkte, die Thieme für ihr Leben durch die einwöchige Reise gelernt hat. Diese Bemerkungen sind die Quintessenz des Buchs und schon für sich lehrreich! Wer gern englische Bücher liest, sollte sich das Original besorgen. Mir hat es eine große Freude gemacht, diese Sprache mit einem gepflegten Umgangsstil zu lesen. Die deutsche Übersetzung stammt von der Autorin selbst.

Für Menschen, die den Kilimandscharo besteigen wollen, halte ich das Buch für eine Pflichtlektüre. Allen anderen Leser empfehle ich das Buch, weil es eine spannende Unterhaltung auf hohem Niveau (im doppelten Sinn) bietet.

Wer mehr über die schriftstellerische Tätigkeit der Autorin lesen will, findet viel Stoff auf ihrer Website www.evamelusinethieme.com.

 

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Letzte Freu(n)de

Weller-Claes-the bird friend groot

Letzte Freu(n)de

(nach dem Bild Bird friend von Gil Claes, das ich hier mit freundlicher Genehmigung des Fotografen abdrucke. Es erschien am 25.02.2015 in www.fotocommunity.de)

Der Autolärm über Eric weckt ihn aus dem Schlaf. Er schiebt in der fahlgrauen Morgendämmerung langsam den Schlafsack zur Seite, dessen Reißverschluss schon lange nicht mehr funktioniert, und blickt verschlafen auf das träge fließende Wasser. Seit er unter der Brücke lebt, hatte er wenigstens nachts seine Ruhe. Jetzt in den Morgenstunden gefallen ihm die Beschaulichkeit am Ufer, der sanfte Tagesbeginn und das langsam aufhellende Licht. Der Wind streicht lau über seinen wirren Bart und durch das ungewaschene, schüttere Haar.

In dem Einkaufswagen liegt Erics ganze Habe, auch ein paar Klamotten, denen der Einheitsgeruch des Ungewaschenen und Verschwitzten anhaftet. Und hier steht der kleine Kocher, auf dem Eric jetzt Kaffeewasser heiß macht. Dann genießt er langsam aus der alten Porzellantasse mit dem abgesprungenen Eck seinen Morgentrunk und betrachtet die feinen Wellen und ein paar Tauben, die knapp über das Wasser jagen. Sie tragen wie fast jeden Morgen seine Erinnerung zurück zu Marie.

Das Auto schießt um die Ecke, reißt Marie vom Bürgersteig weg auf die Straße unter die Reifen und aus seinem Leben. Eric schüttelt unwillig den Kopf, als wollte er die schlimmsten Sekunden seines Lebens wegschleudern. Er sieht aber Maries Beerdigung und Monate später sich selbst mit glasigem Blick und dröhnendem Kopf auf der Intensivstation, völlig betrunken, hilflos seiner Sucht ausgeliefert.

Lange hatte es gedauert, bis er nach der Entziehung wieder einen Job gefunden hatte – als Pförtner in einem großen Krankenhaus. Er, der früher erfolgreiche Diplomingenieur, war froh, dass er wenigstens seinen sozialen Absturz dort aufhalten konnte. Aber dann kam der Nachtdienst, in dem erfuhr, dass auch sein Sohn mit dem Auto tödlich verunglückt war. Da stand noch eine Schnapsflasche im Schrank, die er geschenkt bekommen und verwahrt hatte. Jetzt konnte er nicht widerstehen und öffnete sie. Nur einen einzigen Schluck zum Trost, dachte er. – Ein paar Stunden später und nach reichlich flüssigem Trost kam ihm noch der Gedanke, er sei in diesem Zustand dienstunfähig und müsse das Krankenhaus und die Patienten schützen. Also ging er in der Nacht ums Haus und schloss alle Türen ab, auch die Krankenhauseinfahrt für die Notaufnahme. Jetzt waren alle in Sicherheit, keiner kam raus, keiner rein, und nichts konnte passieren, dachte er. Dann schwankte er nach Hause, lange bevor der Kollege vom Frühdienst ihn ablöste. Nach der fristlosen Kündigung erhielt Eric nie wieder in eine ordentliche Anstellung.

Jetzt sitzt er hier am Wasser und bereitet sich auf seine Morgenfreude vor. In der Nacht hatte er aus den Containern des Supermarkts das weggeworfene Essen in seinen fahrbaren Koffer gepackt. Er will seinen Freunden, den Tauben, das Frühstück bringen wie jeden Tag.

Er schiebt den vollen Koffer langsam zu dem großen Platz vor der Kirche. Der Schwarm der Tauben fliegt auf ihn zu. Sie begrüßen ihn mit einem Schwirren über dem Kopf. Eine der Tauben setzt sich erwartungsvoll auf den Griff des Koffers. Eric genießt das Brausen, den Wind der Flügel, das Gurren rund um sich herum. Er hat seine Aufgabe, die er gewissenhaft jeden Tag erledigt. Wenigstens die Tauben sind dankbar und stören sich nicht an der Alkoholfahne, die ihn umweht. Ja, auch Eric ist dankbar für diese Morgenstunden und die Begegnungen. Die Tauben sind ihm ans Herz gewachsen mit ihrer Vorurteilslosigkeit, ihrer guten Stimmung, ihrer Treue.

Eric packt langsam mit schmutzigen Händen seine Schätze aus, öffnet die knisternden Plastikpackungen und streut die Kekse und andere Nahrungsreste um sich auf den Boden. Die Tauben stürzen sich darauf, picken im Wettlauf alles auf, rennen zur nächsten Krume und verjagen einander vom Futter.

Er beobachtet selbstzufrieden das lebhafte Treiben und spürt, wie er seinen Weg angenommen hat. Unten auf der sozialen Leiter, ganz unten, hat er Freunde gefunden, die zu ihm halten und für die er jeden Tag wichtig ist. Diese Aufgabe erfüllt ihn mit spätem Stolz. Er ist zu etwas nütze! Gebeugt vom Leben steht er innerlich aufrecht da. Er bescheidet sich mit dem, was er hat und sieht seine Bestimmung darin, der Freund der Tauben zu sein. Nach all den Kämpfen, der Verzweiflung, den Rückschlägen und Ausgrenzungen ist er mit sich im Reinen.

Er hört das Schwirren um sich herum und wundert sich, wie es immer näher kommt und in seinen Kopf eindringt. Er beugt sich über den offenen Koffer, will noch tief unten eine Schachtel holen, da dreht sich alles in ihm. Wirbelnd fliegen leuchtende Farben vor seine Augen, verwirrend verschwinden sie im Nebel, dann wird es warm und hell, und wunderbare Klänge füllen sein ganzes Wesen.

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Gedanken zu Uhlenbruck „Gedankensplitter ohne Kopfzerbrechen“

Gedanken im Zug nach Hause bei der Lektüre von Uhlenbruck „Gedankensplitter ohne Kopfzerbrechen“

Wer im Zug Aphorismen von Uhlenbruck in einem Zug lesen will, wird ständig von den Stoppschildern der Gedanken gebremst, damit die eigenen Gedanken zum Zug  kommen.

Wenn ich schon mal einen guten Gedanken habe, schreibe ich ihn auf, damit ich besser darüber nachdenken kann.

Gute Aphorismen sind kurze Gedanken, die zum langen Nachdenken anregen.

Wer viel redet, sollte sich kurzfassen. Wer sich kurzfasst, kann sich das Vielreden sparen.

Ein kleines Aphorismenbuch von Uhlenbruck enthält mehr Drama und Lebensweisheit als viele dicke Romane zusammen.

Ein guter Aphorismus bewirkt das gleiche wie eine Krankheit: Wir werden am unbewussten Weiterlesen (Weiterleben) gehindert und zur Selbstreflektion gezwungen.

Warum lege ich das Uhlenbruck-Buch nach vier Seiten weg? Weil es Aphorismen aus dem Versteck meines Gehirnes lockt. Das ist Aphorismen-Resonanz.

Warum lese ich dann weiter? Weil es noch viel zu lernen gibt im Lehrbuch des Lebens.

Beim Lesen eines Aphorismus geht mir das Licht auf, dass ich diese Erkenntnis noch nicht aus dem Dunkel meines Gehirns ans Licht meines Bewusstseins geholt habe. Wie hell ist es dann in den Menschen, die ein Aphorismenbuch geschrieben haben?

Die Schriftstellerärzte wollen eine Lesung über Erotik abhalten, die nicht unter die Gürtellinie gehen darf. Ist das eine Quadratur des Kreises oder eine Sublimierung des Greises?

Wie beschreibt man Dinge unterhalb der Gürtellinie, ohne diese zu unterschreiten und trotzdem treffend? Mit Geist!

Macht das dann weltliche Freude oder ist es nur sublimierte Kompensation?

Eine der wichtigsten Übungen des Säuglings für das ganze Leben: Kopf hoch und dabei lächeln!

Jeder Aphorismus ist der Titel für eine ganze Romansammlung.

Unwissenheit und mangelnde praktische Erfahrung sind eine gute Voraussetzung um schnell radikale Urteil zu fällen. Vorurteile zu zementieren und Machtansprüche zu erheben und auszuleben. Die katholische Sexuallehre ist ein Jahrtausende altes Beispiel.

Warum stellt der Papst Regeln für ein Spiel auf, das er und seine Glaubensbrüder nicht spielen dürfen?

Angst ist eine sehr wirksame Autosuggestion, dass genau das geschieht, wovor wir uns fürchten. Auch deshalb sollten wir uns vor unseren Gedanken hüten.

Wir wollen Kinder behütet wissen. Behüten wir auch unsere Gedanken?

In der Erinnerung verblasst ein Mensch, oder er wird durch Überhöhung idealisiert. Selten entspricht die Erinnerung der Realität.  So gehen wir auch mit der Erinnerung an uns selbst um.

Die Rolle des Sündenbocks ist in einer Gemeinschaft eine wichtige Funktion, auf die sich manche viel einbilden. Die Medien können ihn zum Star stilisieren. Die Medien verdienen, ohne es verdient zu haben, meist umgekehrt proportional zum Verdienst des Sündenbocks. Das Verdienst des Sündenbocks ist meist viel geringer als der Verdienst.

Ein unkundiger Kunde ist ein guter Kunde, weil er die Kunde vom Betrug mit dem Betrag noch nicht erkundet hat.

Vor mir sitzt eine Mutter, die sich rührend um ihr zerebral schwerst behindertes Kind kümmert. Diese Frau ist der Engel, den Gott dem Kind als Lebensbegleiter an die Seite geschickt hat.

Mancher Mensch wird besonders bissig, wenn er die dritten Zähne trägt.

Das Thema loslassen wird uns nicht loslassen, bis wir unser Leben loslassen.

 

 

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