Öffentliches Manifest: Psychotherapeuten gegen Trumpismus (Übersetzung von Dr. Dietrich Weller)

Ein öffentliches Manifest

Psychotherapeuten gegen Trumpismus

(Quelle: www.citizentherapists.com/manifesto)

Dieses Manifest wurde von über 3900 amerikanischer Psychotherapeuten unterschrieben. Die Namen stehen unter dem Originaltext.

Als Psychotherapeuten, die in den USA arbeiten, sind wir alarmiert durch das Anwachsen der Trumpismus-Ideologie, die wir als Bedrohung für das Wohlbefinden der Leute betrachten, um die wir uns sorgen, und für die amerikanische Demokratie an sich.

Wir können nicht still sein, da wir Zeuge eines Aufstieg einer amerikanischen Form von Faschismus sind.

Wir können uns diese Phase der Krise zunutze machen, um unser Bekenntnis zur amerikanischen Demokratie zu vertiefen.

Was ist Trumpismus?

Trumpismus ist eine Ideologie, nicht eine Einzelpersönlichkeit, sie kann sehr wohl andauern und nach der amerikanischen Wahl wachsen, selbst wenn Donald Trump die Wahl verliert. (Varianten können über ganz Europa beobachtet werden.)

Trumpismus ist eine Sammlung von Gedanken über das öffentliche Leben und eine Sammlung von öffentlichen Verhaltensweisen, die charakterisiert sind durch:

  • Gruppen von Menschen zum Sündenbock zu machen und zu beschimpfen, die als Bedrohung angesehen werden, einschließlich Einwanderern und religiösen Minderheiten
  • Absetzen, lächerlich machen und erniedrigen von Rivalen und Kritikern
  • Stärken einer Kults des Starken Mannes, der
    • Angst und Wut bewirkt,
    • verspricht, unsere Probleme zu lösen, wenn wir ihm vertrauen
    • die Geschichte neu erfindet und sich wenig um die Wahrheit schert
    • sich nie entschuldigt oder Fehler zugibt, die Konsequenzen haben
    • keinen Bedarf sieht für vernünftiges Zureden
    • Frauen unterdrückt, während er behauptet, sie zu idealisieren.
    • öffentliche Institutionen wie Gerichte verachtet, wenn sie sich nicht dienstbar zeigen
    • nationale Macht höher bewertet als internationales Recht und Respekt für andere Nationen
    • öffentliche Gewalt von Unterstützern entflammt und entschuldigt

Auf der politischen Ebene ist Trumpismus eine aufstrebende Form des amerikanischen Faschismus. Diesen Standpunkt vertreten Sozialkritiker über das ganze politische Spektrum hinweg, einschließlich Robert Reich, Robert Kagan und Andrew Sullivan. Wie der Journalist Adam Gopnik ausführt, ob der Begriff Faschismus vollständig passt oder nicht, ist es klar, dass die amerikanische Republik einer klaren und gegenwärtigen Gefahr gegenüber steht, wenn der Kandidat einer großen politischen Partei eine antidemokratische Ideologie ergreift.

Auf der kulturellen Ebene hat das Urban Dictionary Trumpismus definiert als „das Glaubenssystem, das überhebliches, narzisstisches Benehmen ermutigt als einen Weg, um Geld, Ansehen und Macht zu erhalten“.

Was sind die Effekte des Trumpismus?

  1. Angst und Entfremdung in Gruppen, die zu Sündenböcken gestempelt wurden, angefangen mit Latino-Einwanderern und Moslems, und weiter andere Gruppen, die als Bedrohung ausgemacht wurden.
  2. Übersteigerte Männlichkeit als kulturelles Ideal, mit besonderem Einfluss auf jungen Menschen und wirtschaftlich unsichere Männer.
  3. Verrohung des öffentlichen Lebens durch persönliche Angriffe auf diejenigen, die anderer Meinung sind.
  4. Auflösung der amerikanischen demokratischen Tradition, die die Wirksamkeit des Wir-das Volk betont hat anstelle der Tradition der Macht des starken Mannes.

Woher kam der Trumpismus?

Diese Frage ist größer als Donald Trump. Die nächste öffentliche Person, die die Welle des Trumpismus ergreift, kann wenig clownig sein und eine bessere Veranlagung von Fähigkeiten haben, um eine Bewegung aufzubauen, und kann dadurch noch gefährlicher sein. Die folgende unvollständige Liste von Kräften bildet die Grundlage des Trumpismus:

  • Wirtschaftliche Unsicherheit, besonders unter Amerikanern aus der Arbeiterklasse
  • Die Bedrohung des Terrorismus seit dem 11.09.
  • Angst vor Einwanderern (bezogen auf wirtschaftliche Unsicherheit und Bedrohung durch Terrorismus)
  • Misstrauen gegenüber der Regierung und Politikern in einer Zeit von polarisiertem Stillstand
  • Rascher kultureller Wandel, der viele Menschen verwirrt und entfremdet zurückgelassen hat.

Warum Therapeuten sich äußern müssen.

Wir müssen uns einsetzen für das Wohlergehen der Menschen, die wir behandeln und um die wir uns in unserer Arbeit kümmern. Trumpismus wird die seelische Gesundheit derjenigen untergraben, die als „das andere Amerika“ betrachtet werden –sowohl historisch verunglimpfte Gruppen und solche, die noch dran kommen. Und es wird die Unversehrtheit derer umfassen, die von der Illusion verführt worden sind, dass echte Amerikaner nur dann Gewinner werden können, wenn andere Verlierer werden. Die öffentliche Redeweise des Trumpismus erklärt zur Normalität, wogegen Therapeuten in unserer Arbeit streben: Den Hang, andere in unserem Leben die Schuld aufzuladen für unsere persönlichen Ängste und Unsicherheiten und dann gegen diese zu kämpfen anstatt den gesünderen, aber schwierigeren Weg der Selbst-Bewusstseins und der Selbst-Verantwortung zu wählen. Trumpismus erklärt auch eine Art von Über-Männlichkeit zur Norm, die das Gegenteil ist von einem erprobten Leben und gesunden Beziehungen, zu denen die Psychotherapie den Menschen verhilft. Einfach gesagt: Trumpismus passt nicht zu einer emotional gesunden Lebensweise – und das müssen wir öffentlich erklären.

Wir müssen uns für das Wohlergehen unserer Demokratie aussprechen, die sowohl eine Lebensform darstellt als auch ein Miteinander-Handeln und eine Form der politischen Institutionen. Therapeuten haben es für gesichert gehalten, wie unserer Arbeit sich auf eine demokratische Tradition verlässt, die den Menschen ein Gefühl der persönlichen Handlungsfähigkeit gibt, um neue Darstellungsformen zu schaffen und persönliche und kollektive Verantwortung für sich selbst, ihre Familie und ihre Gemeinden zu übernehmen. Das Vertrauen auf den starken Mann, der unsere Probleme löst und mit internen und externen Feinden umgeht, stellt eine direkte Bedrohung der demokratischen Grundlagen der Psychotherapie dar. Therapie gedeiht nur auf demokratischem Boden.

Warum äußern wir uns gemeinsam?

Unsere Reaktion war bisher vorwiegend persönlich und zu oft begrenzt auf Stammtisch-Diagnosen über Donald Trump.  Aber eine kollektive Krise konfrontiert unsere Nation, ein Rückblick auf unsere wirtschaftliche Depression und Demoralisierung in den 1930-er-Jahren (die den europäischen Faschismus genährt hat!) und der Aufruhr über Jim Crow und die Bürgerrechte der Schwarzen in den 1950-er-Jahren. Glücklicherweise führte die Lösung dieser Krisen zu einer Vertiefung der amerikanischen Demokratie und nicht zu ihrer Abschaffung. Martin Luther King, beeinflusst von seinem Mentor Bayard Rustin und von dem Theologen Reinhold Niebuhr hat nicht einfach ungerechte Systeme von außen kritisiert. Er rief nach strategischer kollektiver Arbeit, um eine amerikanische Demokratie zurückzugewinnen, die dem ganzen Volk gehört.

Als Therapeuten hat uns die Gesellschaft mit kollektiver Verantwortung betraut im Bereich der geistigen Gesundheit und der Gesundheit von Verhalten und Beziehungen. Wenn es eine öffentliche Bedrohung unserer ureigenen Verantwortung gibt, müssen wir uns miteinander äußern, nicht nur um zu protestieren, sondern um unser Bekenntnis zu genau dieser Gesellschaft und einem demokratischen Lebensstil zu bekräftigen. Das bedeutet, Psychotherapeuten zu sein, die sowohl um das Wohlergehen der Gemeinschaft als auch um das persönliche Wohlergehen besorgt sind, da beide untrennbar miteinander verbunden sind.

Wo wir stehen als Psychotherapeuten

Wir verstehen den Anreiz des Trumpismus, und wir anerkennen, dass einige unserer Bürger und unserer Klienten für Trump gestimmt haben, nicht nur weil sie alle Aspekte des Trumpismus akzeptieren, sondern weil sie über ihre Umstände frustriert sind und das gegenwärtige politische System satt haben. Wir sind gegen Trumpismus und seine Architekten, nicht gegen diejenigen, die geneigt sind, ihm eine Chance zu geben, um die Richtung unseres Landes zu verändern.

Aber wir weisen die falsche Gleichung zurück zu sagen, weil es Unehrlichkeit und Demagogie auf allen politischen Seiten gibt, warum sollte man dann nicht jemand von außen unterstützen. Trumpismus ist qualitativ anders. Um es zu wiederholen: Trumpismus untergräbt den Kern der amerikanischen Demokratie durch Unterstützung der Idee eines einzelnen Führers, der Größe der Nation bringen wird, indem er Jene Leute bekämpft. Demokratie erfordert persönliche und kollektive Handlungsfähigkeit, sodass wir miteinander über Differenzen hinweg arbeiten können, um Probleme zu lösen und eine geteilten Lebensform zu entwickeln. Psychotherapeuten müssen fest auf der Seite der Demokratie stehen und in Solidarität mit den Gruppen arbeiten, die durch gegenwärtige und zukünftige Formen des Trumpismus bedroht werden. Diese Arbeit endet nicht mit der Wahl. Der Weckruf wurde empfangen. Unsere erste Antwort ist dieses Manifest. Mehr folgt.

Deshalb stehen wir als Psychotherapeuten vereint gegen die gefährliche Ideologie de Trumpismus, und wir ermutigen andere, sich uns anzuschließen in einem vertieften Bekenntnis zu einer demokratischen Lebensweise, die die Talente, Wünsche und Fähigkeiten aller Menschen umfasst.

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Gedanken an Weihnachten 2016

Gedanken an Weihnachten 2016 

Der Schock sitzt tief. Die Welt ist verunsichert.

Aber Michael Moore, der berühmte amerikanische Journalist, hat es schon im Sommer 2015 vorausgesagt und detailliert begründet: Donald Trump wird die US-Präsidentenwahl gewinnen. Plötzlich ist die Welt verblüfft, weil das scheinbar Unmögliche, Unfassbare geschehen ist: Der egomanische Donald Trump wird die USA lenken: Er, der in dem schmutzigsten Wahlkampf der US-Geschichte keine Gelegenheit ausgelassen hat, pauschal die Moslems, die Frauen, die Farbigen, die Ausländer, die Hispanics, die Demokraten und seine spezielle Widersacherin, „die korrupte Hillary“, zu beleidigen, Lügen zu verbreiten und seine fehlende politische Erfahrung in großmauligen und militanten Sprechblasen zu verbergen.

Es ist nicht einmal den parteieigenen Widersachern gelungen, die Kandidatur dieses Mannes zu verhindern, so begeistert waren Trumps Anhänger und so raffiniert waren seine Methoden, das Volk zu blenden. Die meisten Menschen, das ist meine Wahrnehmung, hofften, dass die berechenbare, zwar umstrittene, aber wenigstens politikerfahrende Kandidatin Hillary Clinton gewinnen möge. Und das Kuriose ist: Hillary Clinton hat tatsächlich über 2,7 Millionen mehr Stimmen erhalten als Trump, aber aufgrund des US-Wahlsystems bekam Trump mehr Wahlmänner und wird deshalb Präsident. Trump ist nicht nur wegen seiner offensichtlichen Psychopathologie, sondern auch wegen seiner dadurch begründeten Unberechenbarkeit und Unzuverlässigkeit ein großer Unsicherheitsfaktor im politischen Getriebe und meiner Meinung nach eine echte Gefahr für den Weltfrieden.

Barack Obama brachte es am Ende des Wahlkampfes auf den Punkt: „Trump ist in spektakulärer Weise ungeeignet als Präsident der United States of America.“ – Ich  glaube nicht, dass ein amtierender Präsident so etwas schon einmal über seinen möglichen Nachfolger gesagt hat.

Und soweit ich es beurteilen kann, hat Michelle Obama die beste Rede des Wahlkampfes gehalten, als sie Trumps skandalöses Verhalten Frauen gegenüber angriff. – Sie hat Trumps Satz „Niemand schätzt Frauen so sehr wie ich!“ als zynische Lüge entlarvt.

Trump versprach im Wahlkampf, besonders für die Armen zu sorgen und das Wirtschaftswachstum zu fördern. Er verteufelte die Bänker und ganz besonders die weltweit aktive Großbank Goldman Sachs.

Jetzt ist bekannt, dass mindestens drei Bänker von Goldman Sachs Ministerposten erhalten. Gary Cohn, bisher Vizepräsident von Goldman Sachs, wird den Nationalen Wirtschaftsrat leiten. Steven Mnuchin war 17 Jahre bei Goldman Sachs und wird Finanzminister. Der frühere Goldman Sachs—Topmann Steve Bannon hat das Wahlkampfteam Trumps geleitet und wird als Chefberater im Weißen Haus sitzen. Er ist als ultrakonservativer Hardliner bekannt.

Trumps Kabinett wird wahrscheinlich das reichste Kabinett der US-Geschichte. Die bis jetzt bekannten Minister besitzen zusammen über 14 Milliarden Dollar. Das ist fünfzig mal so viel wie im Kabinett Bush. Einer Berechnung von SPIEGEL zufolge besitzen Trumps designierte Minister mehr Vermögen als ein Drittel der US-Bevölkerung zusammengenommen, das sind mehr als 43 Millionen Haushalte. Das hat wenigstens den Vorteil, dass diese Minister unabhängig sind und Trump unbeschadet die Meinung sagen können. Wenn er sie feuert, weil sie ihm widersprechen, fallen sie weich. Keiner von ihnen braucht diesen Ministerposten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Selbst Trump hat medienwirksam angekündigt, dass er pro Jahr nur 1 Dollar als symbolisches Gehalt haben möchte. Wie großzügig für diesen Multi-Milliardär! Aber dass er sein Gehalt einem wohltätigen Zweck spendet, hat er nicht gesagt. Wenn er es tun würde, hätte er es so mitgeteilt, dass die ganze Welt es weiß! Da bin ich mir sehr sicher.

Diese Männer gehören in die Reihe der reichsten designierten Minister:

Außenminister Rex Tillerson, bisher als Chef des Öl-Giganten Exxon Mobil, gehört zu den bestbezahlten Unternehmern des Landes. Er hält allein Aktien seiner Firma im Wert von 240 Millionen Dollar.  Tillerson schloss für Exxon 2011 einen Vertrag mit dem staatlich kontrollierten russischen Unternehmen Rosneft zu gemeinsamen Probeölbohrungen und Erschließungen in der Arktis und in Sibirien. Zwei Jahre später ehrte der Kreml Tillerson mit dem „Orden der Freundschaft“, einer Auszeichnung für Ausländer. Tillerson  ist ein Gegner der westlichen Sanktionen gegen Russland.

Handelsminister Wilbur Ross verdiente sein Vermögen mit der Zerschlagung und dem Verkauf maroder Firmen.

Finanzminister Steven Mnuchin war ein erfolgreicher Investmentbanker von Goldman Sachs und wurde noch reicher, als er in der Finanzkrise ein zahlungsunfähiges Hypothekeninstitut übernahm und die insolventen Bewohner aus ihren Häusern warf.

Arbeitsminister Andrew Puzder, der gegen die Anhebung des Mindestlohns und gegen Regulierung durch den Staat ist, meint, man dürfe Unternehmer nicht dazu zwingen, ihren Arbeitnehmern Überstunden zu bezahlen. Auch er ist gegen Obamas Gesundheitsreform (Obama-Care).

Gesundheitsminister Tom Price versteht tatsächlich etwas von Medizin. Er ist ein sehr erfolgreicher Chirurg. Aber er will Obamas Gesundheitsreform zurückdrehen, durch die trotz massiver Gegenwehr der Republikaner wenigstens 20 Millionen US-Bürger eine Krankenversicherung bekommen haben.

Als Trump nach der Wahl darauf angesprochen wurde, warum er jetzt andere Dinge machen wolle, als er im Wahlkampf behauptet hatte, meinte er trocken: „Es war nötig, um die Wahl zu gewinnen.“

Murphys Gesetz stimmt. Was möglich ist, wird auch gemacht oder geschieht, und zwar in der schlimmst möglichen Form.

Dass dieser Mann, der nur sich im Zentrum der Welt sieht und nur sich allein als Bewältiger aller Probleme anerkennt, das Land regieren wird, ist die eine Seite der Medaille. Man sollte annehmen, dass die andere Seite besser ist.

Nein. Denn wer hat Trump in diese Position gewählt? Welche Gesinnung, welche Weltsicht, welche Vorstellung haben die Leute, die solch einen Mann zu ihrem Führer wählen? Sie hatten es einfach satt, was sie bis jetzt von der Politik erlebt haben. Also muss nach einfacher Logik alles andere besser sein. Das sind sogenannte Protestwähler.

Zum Vergleich: Bei den letzten Landtagswahlen in Deutschland hat eine Umfrage gezeigt, dass 90% der AfD-Wähler zugestimmt haben bei dem Satz: „Die Partei löst die Probleme nicht, aber sie benennt sie.“ Brauchen wir solch ein Partei?

– Die Wähler bekommen die Person, die sie verdient haben.

Halt: Haben alle(!) Amerikaner diesen Präsidenten verdient? Nein, sicher nicht! Selbst wenn ich jetzt JA sagen würde, bliebe die Frage: Hat der Rest der Welt diesen US-Präsidenten verdient? Wir von „draußen“ haben ihn nicht gewählt, aber wir werden seine Politik zu spüren bekommen. Er ist der Mann, der den Frieden oder den Krieg in der Welt wesentlich mitbestimmen wird. Seine Streitbarkeit und seine militante Einstellung hat Trump ja oft genug betont und bewiesen.

Und im Weißen Haus werden neben den Bankern mindestens drei Generäle das Sagen haben: Michael Flynn wird Sicherheitsberater. James Mattis ist designierter Verteidigungsminister und John Kelly zukünftiger Heimatminister. Vielleicht ist es beruhigend, dass strategisch denkende Männer diese Schlüsselposten besetzen. Sie kennen die Gefahren des Militärs und die verheerenden Wirkungen der Kriegsmaschinerie. Es ist aber ihr Beruf, Waffen einzusetzen und die Rüstungsindustrie zu fördern.

Wenn ich dann noch die weltweite Tendenz zu politischem Rechtsruck und national ausgerichteter Politik –auch in Europa- betrachte, wenn ich nur die Namen Putin, Erdogan, Assad, Trump sage, denke ich, dass die Menschen nichts aus der Geschichte der Diktatoren und deren Verbrechen gelernt haben.

Dazu kommt die offensichtliche Unfähigkeit der UN, friedensschaffende Beschlüsse und Aktionen zu erwirken und durchzusetzen. Denn die Vetomächte sorgen für passende Blockade, mit der sie ihre eigenen Interessen durchsetzen. Der syrische Diktator wäre längst nicht mehr an der Macht ohne die tatkräftige militärische und politische Unterstützung Putins und der iranischen Regierung. Was soll man denn von einer Regierung halten, die das eigene Volk ermordet und zielsicher sogar alle Krankenhäuser in den umkämpften Regionen bombardiert, nur weil angeblich alle Einwohner Terroristen sind?

Putin sichert sich durch seine „Hilfe“ in Syrien Russlands Machtposition mit Stützpunkten im Mittelmeer. Das läuft parallel zu seiner völkerrechtswidrigen Annexion der Krim. Und er wird wieder als Gesprächspartner auf der internationalen Ebene ernstgenommen, nachdem die alte Sowjetunion zusammengebrochen und militärisch und politisch unbedeutend war.

Die Europäische Union ist durch den bevorstehenden Brexit gefährdet. Dazu kommen die weiteren von Pleite bedrohten Länder Italien, Griechenland, Portugal. Kaum eine einstimmige Entscheidung kommt zustande, wenn es um weitreichende politische Beschlüsse geht. Und wenn ein Kompromiss gefunden wird, dann nur, wenn er mit Geld erkauft wird. Flandern lässt grüßen. Es hat sich die Weigerung zu dem kanadisch-europäischen Wirtschaftsabkommen teuer abkaufen lassen und deutlich gemacht, dass auch eine kleiner Landesteil die ganze EU handlungsunfähig machen kann.

Jetzt sieht es so aus, als ob Trump sich gut mit Putin verstehen will. Und Putin stellt diese guten Beziehungen ebenfalls in Aussicht. Der amerikanische Geheimdienst hat herausgefunden, dass Putin persönlich den US-Wahlkampf durch seinen Geheimdienst hat unterstützen lassen mit falschen Meldungen und Hackerangriffen. Das wird seinen Preis haben, und Putin wird sich diese freundliche Schützenhilfe, die er offiziell natürlich nicht zugegeben hat, teuer bezahlen lassen. Ich glaube, wir werden uns sehr wundern, wie schnell der gerissene und geheimdiensterfahrene Meisterstratege Putin und  der narzisstische und in Politik und Diplomatie ganz ungeübte Donald Trump gegeneinander stehen. Denn Trumps Wahlspruch „America first“ ist eine direkte Kampfansage an Putins Machtanspruch für Groß-Russland. Da kämpfen dann zwei narzisstisch extrem leicht kränkbare Machtmenschen miteinander, die die schlagkräftigsten Verteidigungsmaschinerien befehligen. Das ist im wahrsten Sinne brandgefährlich. Denn Meinungsverschiedenheiten zwischen solchen Narzissten werden nur im Krach oder Krieg entschieden. Die freundliche Fassade, die Putin und Trump einander gerade entgegen halten, wird rasch den tatsächlichen realpolitischen Schachzügen Platz machen, und wir werden sehr erschrecken, was wir da zu sehen und zu erleiden haben. Dazu kommt das Wissen der Mächtigen, dass sie machen können, was sie wollen.

Wir sollten uns auf heftige Konflikte gefasst machen.

Kein Regierungschef hat seit 2000 so lang in einem wichtigen Land der Erde regiert wie Putin. Er hat als Präsident bzw. Ministerpräsident je zwei Wahlperioden von Georg W. Bush und Barack Obama erlebt. Trotz aller Kritik sitzt Putin sehr sicher im Präsidentensessel. Er hat durch seine Groß-Russland-Politik einen stabilen Rückhalt in der Bevölkerung.

Die Welt hat in den letzten Jahren wieder deutlich gesehen, dass auch und gerade die gewissenlosen Machtpolitiker machen können, was sie wollen. Sie werden allenfalls von Gleichgesinnten unterstützt. Drohgebärden und teure Konferenzen und laute Mahnungen gibt es viele. Das Vetorecht in der UNO werden den Mächtigen freie Bahn für ihr zerstörerisches Handeln verschaffen. Eine wirksame Gegenwehr ist nicht in Sicht.

Michael Moore schreibt in seinen Fünf Punkten „Empfehlungen nach der Wahl“: „Egal, wie schlimm du dir die Zukunft (unter Trump) vorstellst, es wird schlimmer werden. Du brauchst einen Plan B.“

Moore hält es allerdings für wahrscheinlich, dass Trump nicht mehr als eine Wahlperiode im Amt bleibt oder schon vorher ausscheidet, weil er durch seine Machenschaften so mit dem Gesetz in Konflikt kommt, dass er als Präsident nicht zu halten ist. Der Interessenkonflikt, in dem er steht durch die geschäftlichen Verbindungen seines weltweiten Milliardenunternehmens, ist greifbar. Auch wenn er offiziell alle Firmen seinen Kindern überträgt, bleibt das Anti-Vetternwirtschaftsgesetz als Hürde, das Trump verbietet, ein Familienmitglied an die Spitze einer Behörde zu berufen, die ihm direkt unterstellt ist. Trumps Tochter Ivanka wird wahrscheinlich die Rolle der First Daughter übernehmen, da die First Lady beim Sohn in New York bleibt. Und Ivankas Ehemann wird voraussichtlich ebenfalls eine wichtige Beraterrolle im Weißen Haus  erhalten.

Eine Regierung in einem demokratisch gewählten Land ist ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung. Dort gibt es Rechtschaffene und Kriminelle, Zielstrebige und Unentschiedene, Mitläufer und Macher, Besonnene und Hitzköpfe – eben das ganze Spektrum der Persönlichkeiten.

Winston Churchill hat einmal gesagt: „Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit dem durchschnittlichen Wähler.“

Ist das nicht desillusionierend? Es ist eine Ent-Täuschung. Es nimmt die Täuschung, die Illusion weg, die wir uns selbst gemacht haben. Wir wollten es nur nicht wahrhaben.

Das zweite große Thema, das uns gerade in der Vorweihnachtszeit beschäftigt hat, ist der Terroranschlag in Berlin, bei dem ein Tunesier, der einen Sattelschlepper entführte, den Fahrer ermordete und dann mit dem Motorungetüm in die Menschenmenge des Weihnachtsmarktes fuhr, dabei zwölf Menschen tötete und über vierzig  verletzte. Der Attentäter wurde ein paar Tage später bei einer Polizeikontrolle in der Nähe von Mailand erschossen, weil er auf die Polizisten das Feuer eröffnet hatte.

Noch bevor klar war, wer das Attentat ausgeführt hatte, sprangen schon die rechtsradikalen Motoren in den sozialen Medien an und stellten klar, dass das „Merkels Tote“ sind. Es wurden sofort wieder Parolen gegen Asylanten und andere Fremde ausgestoßen. –  Welch eine skandalöse Polemik!

Wäre es denn weniger schlimm gewesen, wenn der Täter ein Deutscher gewesen wäre? Sagen Sie jetzt nicht „Deutsche tun das nicht!“ Denn es gibt sehr wohl fanatische und kriminelle Deutsche. Denken wir nur an die Bader-Meinhof-Bande (RAF) und andere Kriminelle, die rücksichtslos Menschen entführen, foltern und umbringen. Und die weit überwiegende Mehrzahl der Ausländer und Migranten in diesem Land sind friedliche Menschen, die hier Frieden suchen und ihr Leben eingesetzt haben, um dem Krieg zu entfliehen. Was müssen sie von uns denken, wenn wir sie bekriegen und uns selbst gleichzeitig als die darstellen, die das Recht für sich gepachtet haben?

Leider gibt es immer und in jedem Volk ein paar antisozial, terroristisch und radikal gesinnte Menschen, die als Lebensziel haben, das Leben der Mitmenschen in möglichst grausamer Form zu unterdrücken oder auszulöschen. Gegen die müssen wir uns wehren, ganz klar. Aber jede Verallgemeinerung nach dem Motto Alle Flüchtlinge sind schlecht! Flüchtlinge raus! Alle Araber sind potenzielle Mörder! ist nicht nur sachlich falsch, sondern eine würdelose Hetze, die den Hetzenden selbst unwürdig macht.

Ich gebe zu, dass auch ich keine Patentlösung für das Flüchtlingsproblem habe. Ich weiß nicht, wie wir es optimal lösen können. Aber wir müssen es menschenwürdig lösen. Das setzt voraus, dass wir jedem Menschen ein Recht auf Leben und würdige Behandlung zugestehen, solange er sich sozial und friedlich verhält. Und seine Freiheit reicht bis zur Grenze der Freiheit des Nächsten.

Wir leben zurzeit in einer Phase der Völkerwanderung, wie sie uns aus früheren Jahrhunderten bekannt ist. Etwa 60 Millionen Menschen befinden sich weltweit auf der Flucht. Das entspricht etwa drei Viertel der Menschen in Deutschland. Das ist eine Zahl, die noch nie so groß war, seit es Menschen gibt. – Die Migranten können in ihrem Land nicht mehr leben – aus ganz verschiedenen Gründen, aber überwiegend wegen Krieg und Hunger. Wie würden wir uns fühlen, wenn wir auf der Flucht wären und in der Fremde so behandelt werden würden, wie die Rechtsradikalen in unserem Land heute mit Migranten umgehen?

An einem kleinen Beispiel, das ich vorgestern erlebt habe, will ich es deutlich machen. Ich wollte das Flughafengebäude in Stuttgart  durch eine  Drehtüre betreten. In meiner Drehtürhälfte stand vor mir ein Mann. Auf der anderen Seite wollte eine Gruppe Ausländer – es könnten dem Aussehen nach Türken gewesen sein – das Gebäude mit einem Gepäckwagen verlassen. Der alte Mann, der den Wagen schob, machte es aber so ungeschickt, dass die Türe immer wieder stehen blieb, weil der Wagen an die Türe boxte. Da stieß der Mann vor mir einen lauten Schrei aus: „Ihr Scheiß-Touris, macht doch mal was richtig!“ – Ich war so verblüfft und entsetzt, dass ich nicht wusste, wie ich darauf reagieren sollte. Ich sagte nichts. Seither überlege ich mir, was eine gute Reaktion gewesen wäre. Ich denke nämlich, man sollte solch ein unverschämtes und fremdenfeindliches Verhalten kommentieren. Wie wär´s mit der Frage: „Wollen Sie so in einem fremden Land begrüßt und behandelt werden?“

Wenn wir die Botschaft von Weihnachten ernst nehmen und die Nächstenliebe als Lebens- und Handlungsprinzip anerkennen, müssen wir uns klar werden, dass hier eine Wechselbeziehung gemeint ist: Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst. – Das heißt, ich muss mich zuerst selbst lieben können, bevor ich einen Anderen liebe. Nur den Anderen zu lieben, ohne sich selbst zu lieben, ist einseitig. Nur sich selbst zu lieben und den Anderen nicht, ist ebenso einseitig.

Um es auch klar zu sagen: Wer sich in unserem Land gegen die hier geltenden Gesetze verhält und kriminell wird, sollte bestraft werden wie jeder Deutsche auch. Wahrscheinlich wäre eine Auslieferung in das jeweilige gefährliche Heimatland eine viel größere Strafe, als hier kostenlos im Gefängnis im Trockenen und Warmen sitzen und regelmäßig essen und trinken zu können.

Geradezu bizarr ist die Erkenntnis -das habe ich bei SPIEGEL-Online gelesen-, dass die Opfer des Berlin-Anschlags nicht entschädigt werden dürfen, weil der Angriff durch einen Lastwagen erfolgte! Es gibt nämlich im Opfer-Entschädigungsgesetz einen Paragrafen der die Entschädigung von Opfern durch einen LKW ausschließt. Im Klartext: Die Angehörigen des LKW-Fahrers, der vom Attentäter im LKW erschossen wurde, dürfen entschädigt werden, aber die Angehörigen der vom LKW getöteten oder die  verletzten Menschen nicht. – Im Juristen-Deutsch nennt man das eine Gesetzeslücke, die entsteht, weil etwas zu viel geschrieben wurde.

In einem SPIEGEL-Online-Kommentar vom 25.12. von Susanne Koelbl lese ich: „Die Strategen des Terrors haben einen langen Atem, die Zeit ist ihr Freund. Sie schüren den Hass, wo sie ihn finden können. Sie verhelfen Männern wie Anis Amri zu medialem Heldenstatus in ihrem ideologischen Dunkel-Reich. Popstar sein in der Hasswelt ist auch eine Karriere, vor allem wenn man in der wirklichen Welt keinen Erfolg haben kann.“

Wir dürfen uns nicht von Rechtsradikalen oder Terroristen zum Hass aufrufen oder verführen lassen, sonst begeben wir uns auf die Ebene derer, die wir hier nicht haben wollen. Die Rechtsradikalen sind Helfershelfer der Terroristen, denn die Hassparolen auf beiden Seiten eskalieren wechselseitig. Die Rechtsradikalen unterstützen, was sie bekämpfen. Sie haben es nur noch bemerkt, deshalb machen sie weiter nach dem bekannten Motto Mehr derselben Methode hilft, wenn der bisherige Meinungsterror nicht hilft.“ Merken Sie was: Gewalt gegen Terror! Soll das eine gute Methode sein?

Denken wir also an die Hinterbliebenen und Geschädigten des Attentats. Die Eltern des Attentäters, die mit der schweren Schmach leben müssen, dass sie -sicherlich gegen ihren Willen – einen Massenmörder großgezogen haben. Die vielen Toten und ihre Angehörigen. Die Verletzen, die überlebt haben. Möge das Leben ihnen hilfreich sein und eine Linderung des Schmerzes bereithalten.

Bei der Frage nach dem Sinn des Attentats sind wir, glaube ich, an dem Punkt angekommen, wo wir Menschen akzeptieren müssen, dass es Situationen gibt, in denen wir keine Antwort haben auf eine Frage, die uns schwer belastet. Denn was wir verstanden haben, können wir besser ertragen. Solch einen Attentäter können wir nicht wirklich verstehen, ohne die äußersten pathologischen Möglichkeiten der seelischen und gedanklichen Deformierung zu entschlüsseln. Soweit ich die Erkenntnisse der Psychiatrie verstanden habe, können wir die letzten Mechanismen, die zu solch einem Attentat führen, (noch?) nicht erklären.

Das Jahr 2016 war ein „verrücktes“ Jahr mit vielen katastrophalen Wendungen in der Weltpolitik. Aber denken wir daran: Es war nicht alles schlecht. Wenn wir in den Fernseher, die Tageszeitung und das nächste Krankenhaus schauen, sollten wir dankbar sein für das, was wir haben. Die meisten Menschen haben genug zum Leben, sind gesund, liegen nachts warm und beschützt, und können arbeiten, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und wir haben hier in Europa Frieden. Im Anhang schreibe ich noch einen Text ab, den ich in einer Krankhausrundschau gefunden habe und der meine Gedanken noch vertieft.

In diesem Sinn wünsche ich uns ein besinnliches Weihnachtsfest und Frieden im nächsten Jahr. Gesundheit ist das wichtigste Gut, denn damit können wir das Gute genießen und die Herausforderungen des Alltags besser bewältigen.

Möge uns im Neuen Jahr das bekannte Gebet des Theologen Reinhold Niebuhr helfen, das oft fälschlicherweise Friedrich Christoph Ötinger (1702-1782) zugeschrieben wird (siehe Wikipedia, Gelassenheitsgebet):

Gott gebe mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
die Kraft zu ertragen, was ich nicht ändern kann,
und die Weisheit, beides voneinander zu unterscheiden.

Gott gebe mir die Geduld mit Veränderungen,
die Zeit brauchen,
und Wertschätzung für alles,
was ich habe,
Toleranz gegenüber jenen mit anderen Schwierigkeiten
und die Kraft aufzustehen
und es wieder zu versuchen
– nur für heute.

Eine Nachricht zum Nachdenken

Falls du heute Morgen gesund und nicht krank aufgewacht bist, hast du mehr Glück als eine Million Menschen, welche die nächste Woche nicht erleben werden.

Falls du nie einen Kriegskampf erlebt hast, nie die Einsamkeit durch Gefangenschaft, die Hoffnungslosigkeit des Gequälten oder Hunger verspürt hast, hast du mehr Glück als 500 Millionen Menschen der Welt.

Falls du in die Kirche gehen kannst ohne Angst, dass dir gedroht wird, dass man dich verhaftet oder dich umbringt, hast du mehr Glück als drei Milliarden Menschen.

Falls sich in deinem Kühlschrank Essen befindet, du angezogen bist, ein Dach über dem Kopf hast und ein Bett zum Hinlegen, bist du reicher als 75 Prozent der Einwohner dieser Welt.

Falls du ein Konto bei der Bank hast, etwas Geld in der Tasche und etwas Kleingeld in einer kleinen Schachtel, gehörst du zu acht Prozent der wohlhabendsten Menschen auf dieser Welt.

Falls du diese Nachricht liest, bist du doppelt gesegnet worden, denn jemand hat an dich gedacht und du gehörst nicht zu den zwei Milliarden Menschen, die nicht lesen können.

Und … du hast einen PC!

Arbeite, als würdest du kein Geld brauchen!
Liebe, als hätte dich noch nie jemand verletzt!
Tanze, als würde keiner hinschauen!
Singe, als würde dir keiner zuhören!
Lebe, als wäre das Paradies auf der Erde!

Quelle: Die Krankenhaus-Zeitung, Nummer 21, April 2003

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Rezension: Kamradek, Die seltsamen Reisen des R.K.

Rezension

Rolf Kamradek, Die seltsamen Reisen des R.K.

Seemann Publishing, ISBN 9781540304065, 180 Seiten

Wenn einer eine Reise tut, kann er viel erzählen, aber wenn er so witzig und schriftstellerisch brillant plaudern kann wie Rolf Kamradek, dann sind Vergnügen und Verwunderung garantiert. Der nicht nur in Deutschland weit gereiste Arzt hat die große Welt gesehen und dort so herzerfrischende und skurille Begebenheiten erlebt, dass der Leser sich unwillkürlich fragt, ob das erfunden oder wirklich wahr ist.

Beruhigend sei gesagt: Alles was denkbar und möglich ist, geschieht, auch wenn es uns unmöglich erscheint. Das Leben ist schon immer ein besserer Erfinder gewesen als die beste Fantasie eines Romanautors. Und den schriftstellerischen Laien sei gesagt (natürlich ganz im Vertrauen – bitte nicht verraten!), dass die besten Romanciers ihre Ideen aus dem Alltag holen, weil sie genau das wissen.

Ich jedenfalls glaube jede Geschichte, die R.K. erzählt, und wenn er sie erfunden hat, dann … siehe oben…

Er fliegt nach Indien und taumelt von einer peinlichen Situation in die nächste – und wird plötzlich von Frau Nägele gerettet, die so ganz zufällig im selbst Flugzeug sitzt. Hier wird der Satz wahr: Zufälle fallen uns zu, wenn sie fällig sind. Diese resolute Dame mit dem breiten schwäbischen Akzent sollten Sie kennenlernen, dann lernen Sie, wie man mit Witz und Geistesgegenwart auch in fremder Umgebung seine Frau steht.

Die 35 anderen kurzen Geschichten führen uns (auch ohne Frau Nägele) einmal um den Globus: von Bolivien, Ungarn, Tschechien, Skandinavien, Mexiko, Apachenland, Patagonien, in die Türkei, nach Spanien, Italien und in Deutschland von Nord nach Süd.

Kamradek zeigt uns an verblüffenden und doch alltäglichen Szenen die Schwächen und Stärken unserer Mitmenschen, tragische und humorvolle Situationen, die einen ungewöhnlichen und meist guten Verlauf nehmen. Man hört und spürt es in jeder Zeile: Das ist ein erzählender Arzt, der seine Mitmenschen mag, der ihnen ins Herz schaut, auch wenn sie ihn gerade ärgern. Er kennt aus genauer Beobachtung und Einfühlung die Nöte und Rettungsmechanismen seiner Wegbegleiter oder Reisebekanntschaften.

Wenn Sie noch ein Buch mit großem Unterhaltungswert und solidem Inhalt zu Weihnachten, einem Fest oder Geburtstag oder einfach zur Erbauung und zum Schmunzeln für sich selbst suchen – hier ist es.

Copyright Dr. med. Dietrich Weller,

 

 

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Die emotionale Hürde

Mein Freund Ronald rief mich an:

„Du hast doch Erfahrung mit Patientenverfügungen. Ich brauche Deinen Rat.

Meine Mutter lebt in Kanada mit ihrem zweiten Mann. Vor ein paar Tagen ist sie in der Küche gefallen und hat sich eine Kopfplatzwunde zugezogen. Ihr Mann rief den Krankenwagen, man brachte sie in die Klinik, dort wurde die Wunde genäht. Dann haben sie meine Mutter wieder entlassen. Ein paar Stunden später stürzte sie noch einmal und verletzte sich wieder. Als sie jetzt in das Krankenhaus kam, hatte einer der Ärzte die Idee, ein Computertomogramm vom Schädel zu machen. Dabei stellten sie eine große Hirnblutung fest, und Mutter wurde stationär aufgenommen.

In den folgenden Stunden verschlechterte sich ihr Zustand rapide, und sie starb.

Mein Stiefvater war natürlich völlig entsetzt, er fuhr aber schließlich nach Hause. Am nächsten Morgen wollte er beim Bestattungsinstitut die Beerdigungsformalitäten regeln.

Der Bestatter sagte nach einem Blick in seinen Computer: ,Ihre Frau ist nicht als tot gemeldet. Sie lebt noch.`

,Nein, nein, sie ist tot! Ich war dabei, als sie starb!`

Der Bestatter blieb bei seiner Meinung: ,Sie würde hier auf meiner Liste stehen, wenn sie tot wäre. Bitte gehen Sie noch einmal zur Klinik, und vergewissern Sie sich!`

Mein völlig verunsicherter Stiefvater fuhr zur Klinik. Dort traf er auf die Kranken-schwester, die beim Sterben meiner Mutter anwesend gewesen war.

Sie erschrak beim Anblick meines Stiefvaters und berichtete stockend:

,Ich habe Ihre Frau nach ihrem Tod zugedeckt in den Raum für Verstorbene geschoben. Als ich eine Weile später kam, um sie zu waschen, hörte ich ein Röcheln unter der Decke. Ihre Frau war tief bewusstlos und atmete ganz flach. Ich schlug sofort Alarm, und wir brachten sie auf Station. Dort liegt sie jetzt.‘

Ein Arzt erklärte meinem Stiefvater, es sei ihm völlig unklar, wie es nach dem festgestellten Tod noch einmal zur Spontanatmung hatte kommen können. Dieser jetzige Zustand könne noch lange anhalten. Vielleicht sogar Wochen und Monate. Eine Hoffnung auf Heilung habe er nicht, die Hirnblutung sei viel zu ausgedehnt. Wenn Mutter überleben würde, dann nur schwerst hirngeschädigt.“

Ronald machte eine kurze Pause, dann fragte er: „Wie sollen wir uns verhalten, was soll ich meinem Stiefvater raten? Soll die Ernährung fortgeführt werden? Sollen Medikamente gegeben werden?“

„Zuerst will ich dir sagen, wie leid mir diese Situation tut. Das ist eine echte Schock- und Horrorgeschichte. Gibt es eine Patientenverfügung?“

„Ja, die gibt es, und meine Mutter hat ganz klar verfügt, dass sie in einem hoffnungslosen Krankheitszustand keine lebens- und leidensverlängernden Maßnahmen will.“

„Dann ist nach deutschem Recht die Situation ganz klar. Ernährung anzuordnen, zum Beispiel intravenös oder mit Magensonde, und Medikamente zu geben, sind ärztlich anzuordnende Leistungen. In dem vorliegenden Fall würden Ernährung und Medikamente das Leben und vielleicht sogar das Leiden verlängern. Die Ärzte dürfen also gar keine Ernährung und Medikamente geben, da dies gegen den erklärten Willen deiner Mutter geschieht.

Die entscheidenden Fragen bei jedem neuen Medikament oder jedem neuen Ernährungsbeutel sind:

  • Darf ich diesen nächsten Beutel, dieses nächste Medikament geben?
  • Nützt es dem Patienten?
  • Würde der Patient das jetzt wollen?

Es geht nicht darum, ob das Medikament oder die Ernährung objektiv wirkt, sondern ob sie subjektiv nützen, und über den Nutzen entscheidet allein der Patient.

Nach deutschem Recht sind Ernährung und Medikamentengabe gegen den erklärten Willen des Patienten vorsätzliche Körperverletzung nach §223 StGb. Ich vermute, das ist nach kanadischem Recht auch so. Aber das kann man ja fragen.“

Ronald sagte erleichtert: „Diese Antwort habe ich erwartet. Danke, dass du das so klar formulierst. Was soll ich tun?“

„Schlage deinem Stiefvater vor, mit der Patientenverfügung zu den behandelnden Ärzten zu gehen und sie auf die Vorschriften deiner Mutter zur Therapie in dieser Lebensphase aufmerksam machen. Er sollte sie bitten, die Ernährung und die Gabe von Medikamenten einzustellen. Wichtig ist eine sorgfältige palliative Versorgung, die für Beschwerdefreiheit sorgt. Dann wird sie in den nächsten Tagen, vielleicht sogar innerhalb eines Tages sterben. Das ist meiner Meinung nach das Gnädigste, was Ihr für sie noch tun könnt. Sie hat es so verfügt, deshalb müsst Ihr es so machen.

Das Therapieziel ist nicht mehr, die Frau am Leben zu halten und zu heilen, sondern es hat sich durch die sehr schlechte Prognose verändert. Jetzt besteht das Therapieziel darin, der Patientin zu helfen, damit sie möglichst beschwerdefrei sterben kann.“

Wir wechselten noch herzliche Worte, und ich bat Ronald, mich über den weiteren Verlauf zu informieren. – Ein paar Tage später rief er mich wieder an:

„Mein Stiefvater ging in die Klinik und wollte mit den Ärzten sprechen. Er war sich völlig klar darüber, dass es seine Aufgabe war, jetzt den vor Jahren gemeinsam verfassten Beschluss umzusetzen und die Ärzte um eine Beendigung die Therapie zu bitten. Aber er brachte es nicht über´s Herz, den Ärzten diese Entscheidung zu vermitteln. Denn er sah plötzlich den Konflikt, dass er dann entscheiden müsste, dass JETZT die Flüssigkeitszufuhr abgestellt wird. Er hatte das Gefühl, damit den Todeszeitpunkt durch Verhungern zu bestimmen. Und dies, obwohl er wusste, dass der natürliche Verlauf diesen Zeitpunkt bestimmen würde.

Also verließ er die Klinik, ohne den Ärzten den Beschluss in der Patientenverfügung mitzuteilen. Er sagte zu mir: ,Lass mich noch ein paar Tage warten. Ich hoffe, dass die Natur einen gnädigen Abschluss findet.`“

Die Mutter starb einen Tag später bei laufenden Infusionen.

PS: Ronald hat mir ausdrücklich erlaubt, diese Geschichte zu veröffentlichen.

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Schwäbische Weisheit

Der alte Herr kam schwer atmend und langsam in der Notfallpraxis auf mich zu.Die Sauerstoffstöpsel steckten in der Nase, die Sauerstoffflasche stand im Rollator. Der typische Patient mit einer chronischen Lungenerkrankung.

Ich ging ihm zwei Schritte entgegen: „Oh, Sie kriegen aber schlecht Luft! Kommen Sie deshalb?“

„Nein, Doktor, das hab ich schon zehn Jahre! Des isch harmlos!“, begrüßte er mich mit einem verschmitzten Lächeln.

„Warum kommen Sie dann?“

„Wisset se, Doktor, ich han da was am Fuß! Des muss i ihne zaiga!“

„Dann lassen Sie mal sehen!“

Der Patient zog das Hosenbein hoch und deutete auf seine Wade: „Doktor, was isch des?“

Nach einer kurzen Inspektion des Unterschenkels, der ja zum schwäbischen „Fuß“ gehört, sagte ich: „Das ist ein mini-kleiner Insektenstich.“

„Doktor, was macha mer da?“, fragte er interessiert.

„Jetzt gibt´s zwei Möglichkeiten. Entweder wir machen gar nichts, dann heilt´s auch so. Oder ich mach eine Salbe mit Pflaster drauf. Was möchten Sie?“

Der Patient sofort mit einem Lächeln: „Doktor, dann machet se a Pfläschderle mit ama Sälble drauf. Mer kann net gnuag hoim brenga!“

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Rezension: Karin Sorger: Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit

Karin Sorger, Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit. – Helios-Verlag

ISBN 978-3-869 33-151-5

Das Buch trägt zwei Untertitel: Das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut. Und Der lange Weg von Ost nach West. Damit sind schon die Lebenserkenntnis der Autorin und das Wesen des Inhalts erfasst.

Als adoptiertes Kind in der ehemaligen DDR aufgewachsen, nach Abitur mit Auszeichnung,  und Eintritt des Stiefvaters in die Produktionsgenossenschaft des Handwerks plötzlich „als Arbeiterkind“ privilegiert für ein Staatsstipendium, erlebt die Autorin nach einem Medizin-Staatsexamen mit „sehr gut“ den Alltag als Ärztin zuerst auf dem Land, dann an der Universität Leipzig, wo sie Fachärztin für Pathologie wird. Nach der Scheidung vom Ehemann lebt sie mit ihrer Tochter allein, wird 1977 bei der Vorbereitung zur Flucht in den Westen verhaftet und zu 18 Monaten Zuchthaus in dem berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck verurteilt. Die Tochter bleibt beim Vater. Als Karin Sorger vom Westen aus der Haft freigekauft wird und die Tochter in den Westen holen darf, kann sie an der Universität Mainz ihre Habilitation abschließen, wird zur Professorin ernannt und arbeitet bis zur Pensionierung als Chefärztin für Pathologie in Göppingen im Klinikum Am Eichert.

Oberflächlich betrachtet ist das Buch wegen seines flüssigen Stils und seiner unkomplizierten Sprache leicht zu lesen. Die erzählte Geschichte allerdings birgt hohe Dramatik. Karin Sorger gelingt es faszinierend, die Spannung und die Emotionen eben nicht in Worten auszudrücken. Sondern sie springen den Leser zwischen den Zeilen an und produzieren durch die plastisch geschilderten Szenen und knappen Wortwechsel im Kopfkino des Lesers einen Film, der mit allen Gefühlen spielt, zu denen wir fähig sind. Nein – nicht mit allen! Karin Sorger schildert keinen Hass! Das Buch ist voll Liebe und Lebensweisheit, die sie von ihren Adoptiveltern und besonders nach dem frühen Tod der Mutter von ihrem Vater erlebt. Wir spüren als Zuschauer lebenslange Freundschaften, liebevolle Sorge der alleinerziehenden Mutter um die Tochter, Verzweiflung der Inhaftierten, planvolle Menschenverachtung des Regimes und wohltuende Menschlichkeit bei DDR-Bürgern. Die Freude nach der Übersiedelung in den Westen, den Aufbau der sozialen und beruflichen Kontakte und den Genuss der Freiheit empfinden wir mit Karin Sorger.

Dieses Buch ist nicht nur wegen der authentisch geschilderten Lebensgeschichte zwischen DDR und BRD als Zeitzeugnis lesenswert. Für mich ist es das Dokument einer starken Persönlichkeit, die an den Widerständen und Widrigkeiten des Lebens gewachsen ist und im Rückblick die Achterbahn der Gefühle und Ereignisse aufarbeitet. Daraus können wir viel lernen, vor allem Mut und das Vertrauen in die eigene Kraft.

Und es zeigt den Unterschied zwischen Mediziner und Arzt. Ein Mediziner behandelt einen Krebs. Ein Arzt behandelt einen Menschen, der an Krebs leidet. Karin Sorger hat ihr Berufs- und Privatleben als Ärztin gelebt.

Ich empfehle dieses Buch voller Hochachtung.

Rezenmsion. med. Dietrich Weller, Präsident Bundesverband Deutscher Schriftstellerärzte

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Sorgen

Im Wald
trafen wir eine junge Frau,
das Neugeborene im Tragesack vor der Brust,
den Säugling im Kinderwagen,
den Fünfjährigen neben sich.

Sie fragte freundlich:
„Haben Sie unseren kleinen Hund gesehen?“

„Nein, leider nicht.“

Sie zeigte ein Bild auf ihrem Handy:
„So sieht er aus!“

„Er hat sich gestern Abend
mit Leine hier losgerissen
und ist im Wald verschwunden.

Wir sind auf Urlaub hier
und müssen morgen wieder heimfahren.
Ich gebe Ihnen meine Telefonnummer,
falls Sie ihn finden.“

Ich sah die traurigen Augen
des schweigenden Jungen.

Wie erklären die Eltern dem Kind,
dass sie nach Hause fahren,
auch ohne den Hund?

23.08.2016

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Schlaflos in Leonberg

Die in der DRK-Leitstelle ankommenden Anrufe der Patienten werden an den Dienst habenden Rettungsassistenten in der Notfallpraxis weitergeleitet.

Gestern erzählte eine Rettungsassistentin mir folgendes Telefonat von der vergangenen Nacht.

Mitten in der Nacht meldet sich eine männliche Stimme, sie wirkt unsicher.

„Ich bin 83, und ich kann nicht schlafen. Kann mal jemand vorbeikommen und mir eine Schlaftablette bringen?“

Die Rettungsassistentin sagt freundlich:

„Da brauchen Sie mich nicht, Sie können ja ohne Rezept in der Apotheke Schlaftabletten kaufen!“

Nach kurzer Überlegung fügt sie hinzu:

„Warum können Sie denn nicht schlafen?“

„Wissen Sie, ich bin Lehrer gewesen, und ich muss Fragen, die mir in den Sinn kommen, einfach klären. Sonst kann ich nicht schlafen. Und da bin ich vorhin aufgewacht und dachte immer wieder an die SWR-Landesschau, die ich abends regelmäßig anschaue. Mir fällt jetzt aber der Name des Moderators nicht mehr ein. Ich grüble ständig darüber nach. Deshalb kann ich nicht schlafen. Ich habe sogar schon überlegt, beim SWR anzurufen, aber ich habe doch nur das Örtliche Telefonbuch, und damit komme ich nicht weiter.“

Die Rettungsassistentin tippte rasch am PC „SWR-Fernsehen“ ein, suchte die Moderatoren und las deren Namen langsam dem Anrufer vor – bis zu der Frage:

„Meinen Sie vielleicht Michael Matting?“

Erleichtert kam die Antwort:

„Ja, genau den meinte ich! Danke, jetzt kann ich schlafen. Sie müssen mir keine Schlaftablette mehr bringen!“

 

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Das Rosmarinsüppchen

„Hallo Schatzi!“

Ich hasse diese einschmeichelnde Begrüßung! Schließlich hört man als erfahrene Frau die Lüge bei einem Mann schon, bevor er sie ausgesprochen hat. Ich musste nur noch genau hinhören oder hinschauen, um die Details zu erfahren. Henner hatte mich so oft an der Nase herumgeführt, und er machte sich geradezu einen Sport daraus, mich zu ärgern. Ich dumme Kuh habe ihm immer wieder verziehen. Mal habe ich aus falsch verstandener Liebe einfach den Mund gehalten und die Kränkungen geschluckt, mal habe ich mir die Tränen theatralisch über das Make-up laufen lassen und verschmiert, um ihm zu zeigen, wie sehr er mich verletzt. Auch wenn ich ihm Szenen gemacht habe mit Geschrei und zerschmettertem Geschirr, hat ihn das nicht wirklich und schon gar nicht lange beeindruckt.

Jetzt war es mal wieder so weit.

„Hallo Schatzi! Das war ein anstrengender Tag!“

Ich schaute ihn an: „Wie siehst denn du aus?“

Sie müssen sich das mal vorstellen: Wie im Kitschfilm. Die Krawatte auf Halbmast, die oberen beiden Hemdköpfe offen, die Goldhalskette über seinem gewellten dunkelbraunen Brusthaar, den Kopf zerzaust, das Jackett zerknittert, die Bügelfalten platt. Und das Gesicht wie nach einer durchwachten Nacht, ungewaschen, unrasiert, die Falten noch tiefer als sonst. Und die waren nicht nur vom Arbeiten so tief, ganz sicher nicht.

Seit ich zufällig neulich seine neue Sekretärin gesehen habe, ist mir klar, warum er so oft abends und bis spät in die Nacht dringende Besprechungen machen muss.

Ich sah sie auf dem Büroflur auf sein Zimmer zugehen. Das blonde Haar floss über die schlanke und offene Rückenpartie des Kleides. Das hautenge Kleid betonte den wackelnden Hintern dieses Schoßhühnchens in geradezu obszöner Weise. Die hohen Stöckelabsätze waren eine orthopädische Katastrophe und ihr Klackern auf dem Steinboden eine Zumutung für jedes Ohr. Wie Pistolenschüsse knallten sie über den Gang. Das hört man bei meinen Birkenstock-Schuhen nicht. Und als sie sich umdrehte, dieses Möchte-gern-Playboy-Häschen, konnte ich sofort sehen, wo der Plastische Chirurg sein Geld verdient hat. Die mit Botox aufgedunsenen Lippen waren kurz vor dem Platzen, und die silikongefüllten Brüste drohten das eng anliegende Blüschen zu sprengen. Nicht einmal einen BH trug diese Büropuppe. Bei Heidi Klum wäre sie nicht als Model angekommen, aber mein Mann hat sie sofort eingestellt. Wofür eigentlich? Diese an allen Rundungen aufgeblasene Frau passte genau in sein Beuteschema. Sie erfüllte ganz sicher Henners Wünsche, aber bestimmt nicht bei der Arbeit.

Es hat mich gar nicht gewundert, dass ich schon ein paar Tage später ganz zufällig blonde Haare auf Henners Hemd fand, und ich entdeckte, dass er in seinem Aktenkoffer eine zusätzliche Flasche seines Parfums mitnahm und abends frisch beduftet heim kam. Aber mich kann er nicht täuschen. Er stank nach einer schwülen Mischung aus Frauenparfüm und seinem Rasierwasser. Das war richtig ekelig!

Früher wäre ich ausgeflippt vor Wut und hätte sein Büro zuhause demoliert. Aber ich habe mir geschworen, meine Kräfte zu sparen für den entscheidenden Tag. Ja, Sie hören richtig, ent-scheidend. Das hat etwas mit Scheidung zu tun. Aber nicht wie Sie denken – mit Rechtsanwalt und Gericht, nein, nein. Da muss mir schon etwas Besseres einfallen.

Heute war das Fass voll. Ich meine das Fass meines Zorns. Und wissen Sie warum? Als Henner ins Bad ging und die Kleider auf das Bett geworfen hatte, fielen mir sogar ohne Suchen sofort schwarze kurze Haare an seinem Hemd auf. Und der Lippenstiftfleck auf dem Kragen war nicht zu übersehen. Henner hatte seine Jacke so achtlos hingeworfen, dass das Bild einer jungen Schwarzhaarigen heraus gefallen war. So was von billig! Wollte er mich provozieren? War er wirklich so blöd, solch ein Bild in der Jackentasche zu lassen? Oder hatte die kleine schwarze Hexe ihm das Bild zur Erinnerung in die Tasche gesteckt, ohne dass er es gemerkt hat? Egal: Jetzt betrog er seine Sekretärin und mich mit einer neuen Frau!  Das war entschieden zu viel.

„Schatzi, machst Du mir was zum Essen?“, tönte es aus dem Badezimmer unter der Dusche hervor.

„Aber ja,“, rief ich zurück, „ich mache dir dein Lieblingssüppchen!“

Ich ging in den Garten und sah mit der Terrassenbeleuchtung noch gut genug, um rasch die Zutaten zusammenzusammeln. Erst pflückte ich frische Rosmarinnadeln, dann von der großen Taxushecke frische Eibennadeln. Das reichte für ein wirkungsvolles Abendessen. Den Rest hatte ich in der Küche.

Rosmarin mag Henner besonders gern. Den kräftigen Duft der ätherischen Öle möchte er in der Suppe schmecken. In unserer Verliebtheitsphase verwendete ich extra Kölnisch Wasser, weil dort viel Rosmarin enthalten ist, und Henner konnte nicht genug kriegen, an mir zu schnuppern. Die Eiben kannte er nicht. Er war ein Gartenmuffel.

Also schnitt ich je eine Handvoll Rosmarin- und Eibennadeln ganz fein, bis sie fast pulverig waren, erwärmte sie in der Pfanne, aber nur ganz leicht und mit einem großen Stück Butter dazu, damit die Wirkstoffe auch wirken können! Dann vermischte ich sie mit Sahne und Gemüsebrühe zu einer cremigen Suppe. Das wird ein besonderes Essen, dachte ich und stellte das gute Porzellan auf den Tisch und eine Vase mit frischen Blumen aus dem Garten. Für Festtage ist mein bestes Geschirr gerade gut genug.

„Willst du nicht mitessen?“, fragte Henner, als er sah, dass ich nur ein Gedeck gerichtet hatte.

„Nein, ich habe schon gegessen! Lass es dir schmecken!“

Ich muss gestehen, ich genoss es, wie er seine Suppe löffelte und meine Kochkünste lobte.

„Das schmeckt heute ganz besonders lecker! So anders als sonst!“

„Ja, ich habe es besonders gewürzt!“, sagte ich nicht ohne ein gewisses Maß an Freude über mein gelungenes Werk. Ich beobachtete mit Genugtuung, dass Henner mit großem Appetit alles aufaß – drei Teller Suppe.

Wir unterhielten uns nicht. Er war ja so müde – von seiner Beschäftigung im Büro oder wo auch immer. Dafür muss man als Ehefrau schließlich Verständnis haben. Als Henner sein Süppchen gegessen hatte, trank er einen Whisky und griff immer wieder an seinen Bauch.

„Komisch“, sagte er, „das rumort so, aber vielleicht habe ich mir im Büro was eingefangen, da klagen alle über Durchfall.“

„Ja, das wird es sein“, meinte ich ruhig und sehr zufrieden.

Plötzlich rannte er los Richtung Toilette. Nachdem er sich dort erleichtert hatte, wollte er nur noch ins Bett.

„Ich fühle mich so schwach, ich brauche noch einen Whisky!“

„Den bringe ich dir gern!“

Man soll letzte Wünsche nicht abschlagen!

Nach einer Weile meinte Henner: „Mir wird so komisch, mein Herz schlägt so unregelmäßig.“

„Ja, ja, das kann sein, bei dem Magen-Darm-Infekt. Bald hört´s auf!“

Ich konnte mich einer gewissen Schadenfreude über meine Doppeldeutigkeit nicht ent-ziehen.

Henner schlief rasch ein, unruhig zwar, und einmal erbrach er im Bett. Aber das nahm ich ihm nicht übel und machte das Bett sauber, soweit das bei dem inzwischen bewusstlosen Mann möglich war. Ich setzte mich neben ihn, fühlte immer wieder seinen Puls und spürte genussvoll, dass er immer langsamer wurde.

Tatsächlich hörte es nach einer Weile auf. Das Herz meine ich.

Es ist schon wichtig, im richtigen Moment die richtige Suppe richtig zu würzen.

 

Copyright Dr. Dietrich Weller

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Wichtige Einladung zu einem Benefizkonzert

Das Olgahospital Stuttgart veranstaltet jedes Jahr ein vielseitiges Benefizkonzert mit Mitgliedern der John-Cranko-Ballettschule, Zauberkünstlern und einem hoch qualifizierten Unterhaltungsprogramm, um den kranken Kindern und den betroffenen Familien  zu helfen.

Der Erlös geht an das sozialmedizinische Nachsorgeprojekt „Olgäle sorgt nach“.

Bitte besuchen Sie mit Freunden und Ihrer Familie dieses ungewöhnliche

Konzert am 09.07.2016 um 19.30 h im Beethovensaal der Liederhalle Stuttgart!

Bitte unterstützen Sie die Behandlung der Patienten.

Hier ist die Einladung mit Programm und Verbindung zum Kartenbüro:

Dance Music5

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