Der Vertrag

Thomas Bernau betrachtet in der warmen Spätnachmittagssonne aufmerksam den modernen Bau am Frankfurter Mainufer, in dem er bald Geschäftsführer sein wird. Bosse und Hack steht in großen Buchstaben über dem Eingang. Ein führendes Werbeunternehmen. Bosse, der Executive Creative Director, hatte mit Bernau neulich bei dem Kongress in Stuttgart das entscheidende Vorstellungsgespräch geführt, und für heute 17 Uhr haben sie die Vertragsunterzeichnung vereinbart.
„Jetzt wird das gute Leben beginnen“, hofft Bernau, „und ich werde von Stuttgart nach Frankfurt ziehen und mich beruflich und privat neu orientieren.“ Er spürt die Freude auf seine kommenden Erfolge und rückt die Krawatte und das dunkelblaue Jackett zurecht. Dann betritt er selbstsicher seine zukünftige Arbeitsstätte. An der Rezeption wird er freundlich begrüßt: Ja, man habe schon auf ihn gewartet, meint die Dame lächelnd und telefoniert kurz. Zwei Minuten später stellt sich eine adrette jüngere Frau vor – „Guten Tag, Herr Bernau, ich bin Marga Distler. Ich darf Sie nach oben begleiten.“ – und bringt Bernau in die oberste Etage. Frau Distler trägt ein dunkelgraues Kostüm mit weißer Bluse und einem Kragen, der genau die Jacketfarbe hat. Die braunen Haare sind straff nach hinten gekämmt.
Im Aufzug sagt sie: „Herr Bosse hat gerade aus dem Auto angerufen, er verspätet sich etwas. Sie wissen ja,  der Stau im Feierabendverkehr! Wir gehen jetzt zuerst in das Büro Ihrer zukünftigen Assistentin. Ich vertrete sie zurzeit, sie kommt erst morgen aus dem Urlaub zurück!“
Sie öffnet die Tür, und Bernau sieht im Vorbeigehen das Namensschild „Franca Sturm, Assistentin der Geschäftsführung“ und erschrickt.
„Möchten Sie gern einen Kaffee oder Tee, Herr Bernau, oder … Ist Ihnen nicht gut? Sie sehen ja plötzlich ganz blass aus! Bitte setzen Sie sich hier an den Besprechungstisch. Soll ich einen Arzt rufen?“
Bernau schüttelt den Kopf und hält sich an einem Stuhl fest, dann lässt er sich langsam auf den Stuhl sinken. Er spürt den Schweißausbruch, der in kürzester Zeit sein Hemd angefeuchtet hat.
„Nein? Es ist aber auch so schwül heute.  Ich werde sofort aus dem Erste-Hilfe-Schrank ein paar Kreislauftropfen holen, die werden Ihnen helfen. Bitte stehen Sie nicht auf! Ich bin gleich wieder da!“
Frau Distler öffnet die Fenster weit und eilt hinaus.
Bernau schließt die Augen. „Nein, nicht wieder Franca!“, fleht er im Stillen. „Ich ertrage sie nicht mehr.“
Er sieht sie vor seinem inneren Auge leibhaftig am Schreibtisch sitzen. Ihre pechschwarzen Haare wippen um den Hals und bilden einen starken Kontrast zu dem leuchtend roten Lippenstiftmund.
Sie grinst hämisch, aus ihren Augen lodert Kampfeslust: Tja, mein Lieber, du entkommst mir nicht! Jetzt wirst du hübsch den Vertrag unterschreiben, und dann werden wir hier wunderbare Zeiten miteinander haben. Ich werde deinen Terminkalender führen und dir eine sehr aufmerksame Assistentin sein, nicht wahr, Liebling!
Bernau bäumt sich innerlich auf, lässt sich aber auf den Dialog ein: Ja, ich will diesen Vertrag haben! Aber ohne dich, Franca! Endlich habe ich mich emotional von dir in Stuttgart gelöst und von deiner Sucht, dich über alles und jedes zu ereifern. Jetzt bin ich sicher nicht mehr bereit, mich wieder in deine Fänge zu begeben. Du hast mich vom siebten Himmel der Leidenschaft und Liebe direkt in die Hölle deiner triebhaften Eifersucht und in einen erbarmungslosen Scheidungskrieg gestürzt. Immer diese sinnlosen Kämpfe um Kleinigkeiten. Ganze Nächte haben wir sinnlos durchdiskutiert und gestritten!
Franca ergänzt in seiner Fantasie: Ja, ich weiß, aber denk mal an die leidenschaftlichen Versöhnungen hinterher! Ach Liebling, das war doch nur mein Temperament!
Bernau wehrt ab: Nein, das war nicht nur dein berstendes Temperament, das war deine Bosheit, die in jeder noch so banalen Gelegenheit einen Grund sieht, einen neuen Eifersuchtsausbruch zu provozieren. Wie ein Vulkan bist du jedes Mal explodiert und hast mich unter einer Lava von Verdächtigungen, Beschuldigungen und Hass begraben. Das werde ich nicht mehr dulden. Ich werde diesen Vertrag unterschreiben und dich bei der nächstbesten Gelegenheit kündigen!
Plötzlich schöpft Bernau Hoffnung: Ja, das ist die Lösung!
Er strafft sich, wischt mit dem Taschentuch den Schweiß von seiner Stirn und will aufstehen.
Da hört er wieder Francas höhnische Stimme: Glaub ja nicht, dass du mich loskriegst!
Bernau überlegt sofort: Sie hat womöglich einen unbefristeten Vertrag und eine sehr gute Beziehung zur Chefetage! Und die letzten beiden Jahre hat sie genutzt, um sich hier eine kleine Festung zu bauen! Nachdem sie alle Bewerbungen gelesen hat, war es ihr sicher ein hinterhältiges Vergnügen, dafür zu sorgen, dass ich hier Geschäftsführer werde. Bosse weiß bestimmt nicht, dass wir verheiratet waren. Sie hat ja ihren Namen behalten!
Bernau sinkt in den Stuhl und überlegt: Soll ich den Vertrag trotzdem unterschreiben? Soll ich mir wirklich noch einmal die Strapazen aufladen mit den ständigen Kämpfen? Schaffe ich es, Franca in ihre Schranken zu weisen? Als Geschäftsführer müsste mir das doch gelingen! Ich könnte ihr Anweisungen geben, die sie befolgen muss. Wenn sie sich querstellt, kann ich sie deshalb entlassen.
Er fasst wieder Mut und richtet sich auf. Aber Franca legt sofort in seinem Kopf nach: Du kennst mich ja, Liebling! Ich weiß, was ich will, und ich weiß, wo ich dich packen kann! Glaub ja nicht, dass du mich unterkriegst!
Das ist zu viel für Bernau. Er weiß, dass er ihr nicht gewachsen ist. Er zuckt zusammen, als Frau Distler herein kommt: „Hier sind die Tropfen. Da wird es Ihnen gleich wieder besser gehen!“
Sie zählt die Tropfen in ein halb volles Wasserglas, Bernau trinkt in kleinen Schlucken, holt tief Luft und sagt: „Frau Distler, es ist mir außerordentlich peinlich, aber ich bitte Sie, Herrn Bosse auszurichten, dass ich den Vertrag nicht unterschreiben kann. Ich ziehe meine Bewerbung zurück. Es gibt einen sehr persönlichen Grund, der mir erst gerade klar geworden ist und über den ich nicht sprechen möchte.“
Bernau nimmt seinen Aktenkoffer, wendet sich zur Tür – „Ich finde allein hinaus, vielen Dank!“ – und verlässt den Raum mit mühsam gebremstem Schritt, am liebsten würde er rennen.
Die nächsten beiden Stunden schlendert er ziellos in einem Park umher, getrieben von seinen Gedanken. Einerseits hadert mit seinem Schicksal und fragt sich, warum er von Franca nicht loskommt. Andererseits ist er heilfroh, Franca gerade noch einmal entronnen zu sein. Gleichzeitig ist er erschüttert und deprimiert, dass er sich hat erneut von ihr in die Flucht schlagen lassen.
Dann fällt ihm plötzlich ein, dass er noch eine Verabredung hat. Er eilt zum Auto zurück und fährt zu seinem Schulfreund Karsten. Bernau  hat ihn seit Jahren nicht mehr gesehen, weil Karsten inzwischen mit seiner Familie in Frankfurt lebt. Er hat Bernau gebeten, nach der Vertragsunterzeichnung zum Abendessen zu kommen und begrüßt ihn herzlich:
„Es ist prima, dass du kommst! Wir haben extra für dich eine liebe Freundin eingeladen.“
Thomas Bernau sieht zuerst eine leuchtend grüne Sommerhose und die weißen Sportschuhe, dann die schlanke Taille und darüber eine weiße Leinenbluse, aus der sich ihm gebräunte Arme entgegenstrecken. Das jugendliche Gesicht der Frau mit winzigen Sommersprossen lacht ihn an. Ihr blonder Pferdeschwanz wippt, als sie auf Bernau zugeht: „Schön, Sie kennenzulernen, Herr Bernau! Ich gratuliere Ihnen!“
Bernau ist verwundert: „Wozu?“
„Zum Vertragsabschluss. Leider konnte ich an der Unterzeichnung nicht teilnehmen, weil ich heute vom Urlaub zurückkam. Ich bin Ihre Assistentin Franca Sturm!“

PS: Diese Geschichte entstand in der Schreibwerkstatt zum Thema „Soll ich oder soll ich nicht?“

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Rezension des Buchs „Mein Leben ist bunt“

„Mein Leben ist bunt“, dies ist der Titel, unter den Dietrich Weller sein neuestes Werk gestellt hat. Dabei ist es dem Autor gelungen, mit seinen vielfacettigen Geschichten, Essays und Gedichten, dem Leser ein wahres Feuerwerk von Themen, Farben und Formen darzubieten, deren einzige Klammer auf den ersten Blick ihre Entstehungszeit während der letzten vier Jahre zu sein scheint.
Weller hat sich für eine Gliederung nach folgenden Gesichtspunkten entschieden: Medizin, Musik, Geschichten aus der Schreibwerkstatt, Essays, Besonders kurze Kurzgeschichten, Gedichte und Aus der Silbenschmiede. Dass er sich dabei von einem sehr ernsten Beginn zu einem heiteren Ende bewegt, ist kein Zufall und verdeutlicht, worum es in dem Werk eigentlich geht: Hier hat ein Mensch, der gleichermaßen mit offenen Augen und einem offenen Herzen durchs Leben gegangen ist, seine essentiellen, ja existentiellen Erfahrungen in literarischer Form ausgedrückt. Er stellt sich dabei gleich zu Beginn den schmerzlichen Fragen nach dem Sinn des Leidens und des Sterbens, lässt den Leser damit jedoch nicht allein, sondern macht ihm im Folgenden vielschichtige Antwortangebote. Diese werden immer tiefer von der Heiterkeit und Gewissheit desjenigen geprägt, der die entscheidende und hoffnungsvolle Erfahrung gemacht hat: Wo viel Schatten ist, muss viel Licht sein! Entsprechend hat Weller dem Gedicht, das diese Erkenntnis am klarsten zum Ausdruck bringt, den Titel „Trost“ gegeben.
Weller, dessen Werk durchdrungen ist von Erfahrungen, die er in seinem ärztlichen Beruf machte, wird so in gewisser Weise auch zum Arzt für seinen Leser, dem er Mut macht, sich seinen passager durchaus auch schmerzlichen Lebensaufgaben im Sinne einer notwendigen Weiterentwicklung zu stellen. Dietrich Weller, Vorstandsmitglied im Bundesverband Deutscher Schriftstellerärzte und Herausgeber des Almanachs deutschsprachiger Schriftstellerärzte, beweist mit diesem Werk einmal mehr, dass er meisterhaft mit der deutschen Sprache umzugehen versteht. Die Klarheit und Eleganz seiner Essays, die packende, realitätsnahe Schilderung seiner Geschichten, der Sprachwitz seiner besonders kurzen Kurzgeschichten sowie die Intensität und Formtreue seiner Gedichte machen das Lesen auch seines jüngsten Werkes zu einem Genuss. Beispielhaft sei hier das sprachgewaltige Gedicht „Akute Psychose mit Verfolgungswahn“ genannt, das in beklemmender Intensität die emotionale Welt eines Wahnkranken darstellt.
Das Buch stellt Arbeiten vor, die in einer Neuorientierungsphase seines Lebens kurz vor und kurz nach der Pensionierung Dietrich Wellers entstanden sind. Die Thematik wird explizit in dem Essay „Das Berufsbild des Rentners“ bearbeitet. Hier stellt der Autor umfassend die Anforderungen und die Chancen dieser Lebensphase dar. Insgesamt ist das Werk sowohl als literarisch verdichtete Essenz eines vielseitigen ärztlichen Berufslebens einzustufen als auch als Auseinandersetzung mit den Aufgaben des Rentenalters. Dabei ist Weller das fast Unmögliche gelungen, einen Rückblick zu formulieren der nach vorne ausgerichtet ist, einen mutigen Blick auf das Unausweichliche, der dennoch Hoffnung macht.
In einer Zeit, in der das Berufsbild des Arztes von bürokratischen Auswüchsen und Auseinandersetzungen über wirtschaftliche Fragen überschattet zu werden droht, zeigt Weller mit großer literarischer Kunst, wachem Verstand, einem mitfühlenden Herzen und einer gehörigen Portion Humor, was einen guten Arzt ausmacht. Die Lektüre des Werkes kann wärmstens empfohlen werden.

Dr. med. Monika Maria Vogelgesang, Chefärztin, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

 

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Ich möchte meinen Geist

Ich möchte meinen Geist
wie einen Vogel pflegen,
damit der unbekümmert reist
auf seinen Lebenswegen.

Frei und fröhlich soll er sein
und lange Strecken fliegen,
Gehaltvoll wie ein großer Wein
und treffend soll er siegen.

Hürden soll er scharf erkennen,
Fallen klug vermeiden,
Ziele, Fehler klar benennen,
sich am Leben dankbar weiden.

26.09.2013

 

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Der histrionische (hysterische) Mensch

Der hysterische / histrionische Mensch

Der Begriff hysterisch wird in der Umgangsprache anders benützt als in der psychiatrischen Praxis. In der Psychiatrie ist er wegen der Stigmatisierung der Menschen mittlerweile verlassen und taucht als histrionisch bei verschiedenen Persönlichkeitsstörungen und anderen Diagnosen auf.

Kennzeichen: „Ich spiele. Wo sind die Zuschauer? Wer spielt mit?“

Das Ziel des hysterischen / histrionischen Menschen ist die emotionale Resonanz der Umwelt. Die Inszenierung des Leidens und Verhaltens steht im Vordergrund. Das Theater, das Drama, die große Gestik, der demonstrative Auftritt oder die lärmende Symptomatik oder die betont „leisen“ und „zufälligen“ Leidenszustände sind beeindruckend und helfen bei der Diagnostik.

Ich erinnere mich an eine Frau, die mir an der Praxis-Rezeption vor allen wartenden Patienten und den Arzthelferinnen mit großer Geste überschwenglich und mit entsprechender Lautstärke für meine Behandlung dankte und zwei Ikonen schenkte, die sie aus ihrem Heimatland mitgebracht hatte. Fast alle Patienten, die diese theaterreife Szene miterlebt haben, sprachen mich anschließend darauf an, als sie mit mir im Sprechzimmer allein waren. – Diese Frau hat es ehrlich gemeint. Das weiß ich, weil ich sie über viele Jahre als Hausarzt betreut habe und ihre Lebenssituation sehr gut kannte. Deshalb habe ich die Ikonen auch angenommen und freue mich daran. Aber ein freundliches Wort im Sprechzimmer wäre mir bedeutend lieber gewesen.

Die histrionischen Menschen verstehen oft ihre Situation nicht oder nicht ganz und reagieren unecht, halten sich aber für echt. Sie steigern sich in die übertriebene Rolle hinein und identifizieren sich damit.

Die rasch wechselnden Gefühle und Appelle verunsichern und manipulieren den Unachtsamen und Unerfahrenen zu hektischer Betriebsamkeit, peinigendem Schuldgefühl, teurer Überdiagnostik und Übertherapie, großem Zeitaufwand, steigender Frustration und quälendem Insuffizienzgefühl.

Der hysterische Mensch will eine weit über das übliche Maß hinausgehende Beziehung zum „Mitspieler“ erreichen. Er will mehr Rechte haben und keine Pflichten übernehmen. Er treibt den Arzt dazu, die Grenzen seiner persönlichen und legalen Möglichkeiten zu überschreiten. Deshalb ist es gefährlich, hysterische Patienten nicht als solche zu erkennen und ein Teil Ihres Spiels zu werden.

Was machen Sie mit dem hysterischen Mitmenschen?

Bei dem Umgang mit hysterischen Menschen dürfen wir nicht vergessen, dass er dieses Verhalten braucht, um mit seiner Lage fertig zu werden.

Einen Hysteriker kann man selten ändern.

Besonders wichtig sind eindeutige Distanz, klare und feste sachliche Beziehungsmuster und ein freundlicher Umgang. Stecken Sie Grenzen eindeutig ab. Vereinbaren Sie Termine, und halten Sie sie ein. Klare Abmachungen sind dringend erforderlich. Hysterische Menschen versuchen immer, Grenzen zu übertreten und auszuprobieren, ob die Grenzen auch halten.

Bei der oben erwähnten Patientin musste ich oft ihren Redeschwall unterbrechen. Sonst hätte sie nicht aufgehört zu reden. Ich habe es einmal ausprobiert, als sie die letzte Patientin in der Sprechstunde war. Ich dachte, ich lasse sie jetzt einfach reden und höre zu, sie wird sicherlich eine Pause machen und mir eine Chance geben, auch etwas zu sagen. Nach zwanzig Minuten gab ich auf und unterbrach sie: „Stopp, jetzt möchte ich auch etwas sagen!“ Sie holte Luft, war offensichtlich verblüfft, aber sie setzte schneller ihren Redeschwall fort, als ich meinen Satz beginnen konnte. Ich war zu langsam. Daraus habe ich gelernt, rascher einzugreifen und die Gespräche mit ihr straff zu strukturieren. Nachträglich muss ich einräumen, dass ich es dieser Frau meine Fähigkeit zu verdanken habe, Hysteriker rasch zu erkennen und zu wissen, wie ich mit ihnen umzugehen habe. Sie war eine echte Trainingsherausforderung im Kampfring der Praxis.

Ich erinnere mich an eine andere histrionische Patientin, die ich wegen einer rein neurologischen Fragestellung zum Neurologen schickte, der auch gleichzeitig Psychiater ist. Er rief mich an und bat mich um Verständnis, dass er dieser Frau keinen Termin geben werde, weil sie nach vier Jahren erfolgloser psychiatrischer Behandlung inzwischen Praxisverbot bei ihm habe. Ich wusste von der psychiatrischen Therapie nichts und war darüber sehr verblüfft,– Ich habe auch einmal beobachtet, dass diese Frau an einer großen Kreuzung an der Ampel wartete, bis ein Auto bei rot anhielt. Dann riss sie die Beifahrertür auf und bedeutete dem Fahrer die Richtung, die er fahren sollte. Ich sah an der Autonummer, dass das Auto weit entfernt zugelassen war. Der Fahrer reagierte sofort: Er warf die Frau gestenreich aus dem Wagen. Als sie ein paar Tage später in die Praxis kam, sprach ich sie darauf an, was ich beobachtet hatte. Sie sagte ganz einfach: „Wenn der in meine Richtung fährt, kann er mich doch mitnehmen. Ich habe doch kein Auto.“ Sie verstand überhaupt nicht, warum ihr Verhalten distanzlos und übergriffig war. Der Vollständigkeit halber will ich berichten, dass sie regelmäßig meinen Terminplan und die wartenden Patienten in dermaßen aufdringlicher Art und Weise durcheinander zu bringen versuchte, dass auch ich nach vielen Gesprächsversuchen und zwei weiteren Jahren als ihr Hausarzt erkennen musste, dass der Psychiater-Kollege die einzig richtige Grenze gezogen hatte. Ich nutzte eine Gelegenheit, als sie einen erneuten Termin vereinbaren wollte und ich mit einer Helferin allein an der Rezeption stand, zu einem kurzen Abschiedsgespräch und erklärte ihr, nicht mehr wiederzukommen. Ich musste sie förmlich aus der Praxis drängen, sie war überhaupt nicht einsichtig. Es tat mir Leid für sie, und ich fühlte mich schlecht in dieser Situation, aber es war die einzige Rettung für die Praxis und mich.

Schützen Sie Ihr Privatleben, Ihre Mitarbeiter und andere Patienten vor dem Hysteriker. Sie sind nicht verantwortlich für das Handeln Ihrer Patienten, aber Sie können anderen helfen, nicht vereinnahmt zu werden, indem Sie diskret Hilfestellung geben, ohne irgendwelche Geheimnisse auszuplaudern. Dazu gehört natürlich auch, wegen der großen Gefahr des Missbrauchs keine Bemerkungen über Dritte bei dem Hysteriker zu machen.

Es ist eine Kunst, in der lärmenden Symptomatik ruhig zu bleiben. Der Patient darf Sie weder zur Hektik treiben noch mit einem Wortschwall niedermähen. Es liegt an Ihnen, ob das geschieht oder nicht, es liegt nicht am Patienten!

Vermeiden Sie im Gespräch mit dem Hysteriker das Wort „hysterisch“. Das reizt ihn zu noch mehr Demonstration und Aggression, weil er sich angegriffen und missverstanden fühlt. Und es wird von vielen Menschen als Beleidigung aufgefasst, obwohl es psychiatrisch richtig benützt ein echtes Symptom darstellt.

Copyright Dr. Dietrich Weller

Dieser Artikel ist in meinem Buch Ich verstehe Sie! – abgedruckt.

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Breaking The Silence – Die sogenannte israelische Verteidigungspolitik

Gedanken aus dem Buch und über das Buch
„Breaking The Silence“, Econ-Verlag, ISBN 978-3-430-20147-6

Im Juni 2004 wurde von etwa sechzig ehemaligen Soldaten der israelischen Verteidigungsarmee (Zawa Hagan Leisrael, kurz Zahal) eine Ausstellung gezeigt, die anhand schriftlicher Augenzeugenberichte und Fotografien ihren Wehrdienst in den besetzten Gebieten in Hebron darstellte. Diese Ausstellung führt zur Gründung der Organisation Breaking The Silence – Schweigen brechen. Die Aufgabe der Organisation besteht darin, die alltägliche Wirklichkeit der Besatzung zu schildern, um zu zeigen, wie weit sie entfernt ist von der offiziellen Darstellung des Dienstes. Die Organisation interviewte Männer und Frauen, die seit September 2000 in der israelischen Armee dienten. Die Berichte werden veröffentlicht in den Medien und bei Vorträgen.

Das Buch Breaking The Silence erschien auf Deutsch und Englisch 2012, der hebräische Originaltitel Kibush HaShtachim 2010. Es enthält 146 Berichte von 106 Augenzeugen und ist repräsentativ für die Daten, die in insgesamt 800 Interviews gesammelt wurden. Die Augenzeugen entstammen allen Schichten der israelischen Gesellschaft und haben in allen Einheiten der Armee gedient, die in den besetzten Gebieten arbeiten. Es handelt sich um männliche und weibliche Angehörige unterer und oberer Dienstgrade. Die Aussagen wurden auf Richtigkeit überprüft und ohne Namen der Zeugen veröffentlicht.

Der offizielle Zweck des Einsatzes der Armee in den besetzten Gebieten ist die Verhinderung von Anschlägen auf Israelis durch Palästinenser, wird also als rein defensiv beschrieben. Die Soldaten jedoch berichten aber über eine offensive Politik, die Landenteignung, Verbreitung von Angst und eine wachsende Kontrolle über die palästinensische Bevölkerung zum Ziel hat.

Bemerkenswert ist schon das Vorwort des Buchs. Avi Primor, der frühere Botschafter Israels in Deutschland, 2003 mit dem Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband ausgezeichnet, seit 2004 an der Privatuniversität Interdisciplinary Center (IDC) Herzliya tätig, schreibt, dass die meisten Israelis den Kopf in den Sand stecken vor der tatsächlichen Politik der Regierung.

Er zitiert Nietzsche: „Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. – Endlich – gibt das Gedächtnis nach.“

Primor lobt die Zivilcourage der Zeugen, die ihre Berichte öffentlich machen. Israel sei der einzige Staat, dem man regelmäßig mit Vernichtung droht, nicht nur vom Iran. Breaking The Silence ist von der Gerechtigkeit der israelischen Verteidigungsbemühungen überzeugt, will aber, dass, wie es die Bibel verlangt „vor allem unser Lager sauber und rein bleibt“.

Die Schilderungen der Soldaten zeigen in allen Details, dass die Aktivitäten nicht nur der Verteidigung dienen, sondern zum Auseinanderbrechen der palästinensischen Gesellschaft führen und einer palästinensischen Unabhängigkeit die Grundlage entziehen. Die in der israelischen Gesellschaft verbreitete Meinung, das Handeln der Soldaten diene nur dem Schutz der Israelis in diesen Gebieten, wird durch die Aussagen der Soldaten dramatisch widerlegt.

Die Heuchelei der offiziellen Politik wird mit für Politiker typischen Euphemismen dargestellt, die in vier Überschriften aufteilbar sind.

  1. Vorbeugung feindlicher terroristischer Aktivitäten (sikkul)

Bei den Augenzeugenberichten wird klar, dass jede militärische Gewaltanwendung als vorbeugend gilt, weil grundsätzlich jeder Palästinenser und jede Palästinenserin unter dem Verdacht stehen, Terroristen zu sein und eine Bedrohung für den Staat darzustellen. Damit wird offiziell auch jede Gewalt gerechtfertigt: Einschüchterungsmaßnahmen, Misshandlungen von Palästinensern an Kontrollpunkten, Beschlagnahme von Eigentum, kollektive Strafen wie Raketenangriffe, Grenzschließungen, Massenverhaftungen, ständiges Ändern von Vorschriften, Unterbindung freier Fortbewegung durch provisorische Kontrollposten werden als vorbeugend und damit als defensiv deklariert.

2.       Trennung von Israel und der palästinensischen Bevölkerung (hafradah)

Der Staat geht davon aus, das beste Mittel für eine Trennung zwischen Israelis und Palästinensern sei eine Mauer zwischen den Völkern. Das sagte schon der Begründer der zionistischen Bewegung Vladimir Jabotinsky, 1923(!): „Zyonistische Kolonisierung …. muss entweder beendet oder gegen den Willen der eingeborenen Bevölkerung durchgeführt werden. Diese Kolonisierung kann also nur weitergeführt und entwickelt werden unter dem Schutz einer Macht, die von der lokalen Bevölkerung unabhängig ist – hinter einer eisernen Mauer, die die eingeborene Bevölkerung nicht durchbrechen kann.”

Durch die Maßnahmen der Armee werden aber auch die palästinensischen Gemeinschaften voneinander getrennt. Dadurch kann Israel die Palästinenser besser kontrollieren. Viele Verkehrskontrollpunkte und willkürliche Veränderungen der Grenzen erhöhen die Schikane für die palästinensische Bevölkerung. Der Verwaltungsaufwand mit Passierscheinen und aufwändigen Kontrollen schreckt die Bevölkerung ab. Palästinensern ist es auch verboten, die palästinensischen, von Israel besetzten Gebiete zu betreten.

Es gibt ein israelisches Gesetz, durch das palästinensisches Land, das drei Jahre lang nicht bebaut wurde, an den israelisches Staat fällt. Damit ist klar, was passiert, wenn die Palästinenser durch moderne Siedlungspolitik an der Bestellung ihrer Felder gehindert werden. Man kann auch sagen, dass der israelische Staat sich fürsorglich um die Bewirtschaftung des Landes kümmert, weil die Palästinenser dazu nicht in der Lage sind. Das wäre die zynische Formulierung.

Auch das militärische Prinzip Präsenz zeigen soll der Einschüchterung dienen: Soldaten marschieren nachts in ein besetztes Gebiet, schießen Blendgranaten oder andere Munition ab, wecken und kontrollieren Schlafende, stören die Routine – nur um die Übermacht zu demonstrieren und Angst zu verbreiten. Die Politik der Trennung wird als Methode des Teilens und Herrschens entlarvt.

Die Ausdehnung der israelischen Souveränität ist dadurch gewährleistet. Die Trennung ist also ein Mittel für Kontrolle, Vertreibung und Annexion.

Ergänzende Bemerkungen, die nicht im Buch stehen:

  • Eine Nachricht von dpa/AFP vom 26.08.2013 besagt, dass laut der Menschenrechtsorganisation Betselem seit 1967 im Westjordanland 125 offizielle Siedlungen errichtet wurden und etwa 100 von Israel nicht genehmigte „wilde“ Siedlungen, die meist nachträglich als Siedlungen legalisiert werden.
  • Das israelische Staatsgebiet ist durch diesen Landraub inzwischen fünfmal so groß wie es ursprünglich von der UNO beschlossen war.
  • Wer in Israel öffentlich darauf hinweist, dass der Staat Israel auch durch Landraub, Vertreibung und Ermordung von Palästinensern geschaffen wurde, wird bestraft.

3.       Bewahrung der palästinensischen Lebensstruktur (mirkam chajim)

Offizielle Verlautbarungen behaupten, dass die Palästinenser alle Güter des täglichen Lebens erhalten, dass sie keine humanitäre Not haben und Israel die Lebensstruktur der Palästinenser aufrechterhält. Wenn es überhaupt eine Beeinträchtigung der Palästinenser gäbe, sei sie verhältnismäßig. Allerdings beweist die Fähigkeit Israels, eine humanitäre Krise im Gazastreifen abzuwenden, dass die Besatzungsmacht auch in der Lage ist, eine solche heraufzubeschwören.

Die Berichte der Augenzeugen beweisen, dass Israel die absolute Kontrolle über das palästinensische Volk hat. Dazu gehören tägliche Entscheidungen, wer welchen Kontrollpunkt passieren darf, welche Waren transportiert werden dürfen, welche Geschäfte geöffnet werden, wer seine Schule oder Universität oder Arbeitsstelle erreichen darf, wer medizinische Behandlung erhält … Israel beschlagnahmt täglich palästinensische Güter, entweder um sie zu kontrollieren oder um sie zu behalten. Dazu gehören Vieh, Ackerland, Maschinen, Elektrogeräte. Alles kann der Sektorenkommandant nach Gutdünken beschlagnahmen und für den Staat behalten. Enteignung ist auch bei mobilen Gegenständen ein wichtiges Prinzip der Unterdrückung.

Manchmal beschlagnahmen die Soldaten sogar Menschen – „zu Übungszwecken“, um nachts im Rahmen eines Überfalls auf eine schlafende Familie zu trainieren, wie man schlafende Terroristen festnimmt und verhört. Anschließend können sie wieder freigelassen werden.

4. Durchsetzung von Recht und Ordnung (akifat chok weseder)

Im dualen Herrschaftssystem ist festgelegt, dass die Palästinenser den häufig wechselnden Anordnungen der Militärbehörden unterliegen, die von Soldaten durchgesetzt werden. Die Israelis leben aber nach zivilen Gesetzen, die von der demokratischen Legislative verabschiedet sind und von der Polizei durchgesetzt werden.

Israelische Siedler haben eine aktive Rolle bei der Durchsetzung der Militärherrschaft, indem sie Ämter in der Verwaltung innehaben und an internen Beratungen der Militärs teilnehmen. Zahlreiche Siedler arbeiten im Auftrag des Verteidigungsministeriums als Sicherheitskoordinatoren und haben dadurch direkten Einfluss auf die Infrastruktur der Siedlung und der Umgebung, also auch auf die Zufahrtswege und Grenzkontrollen.

Für die Sicherheitskräfte sind die Siedler keine Zivilisten, die dem zivilen Recht unterstehen, sondern die Siedler sind ein Machtfaktor mit gemeinsamen Expansions-Interessen. Deswegen wird es nicht als Gesetzesverstoß gewertet, wenn Siedler Palästinensern Gewalt antun, weil Gewalt ein Mittel der israelischen Herrschaft über die besetzten Gebiete und deren Bewohner ist.

Die Soldaten beschreiben eindringlich in vielen Protokollen, mit welch sadistischer, rücksichtsloser, Menschen verachtender und kalt trainierter Gewalt der israelische Staat die Palästinenser unterdrückt, um sie zu verängstigen, zu verdrängen und zu eliminieren. Gezielte Ermordungen nachweislich Unschuldiger und Unbewaffneter („weil der da steht und seine Tauben füttert!“), Benützung von Palästinensern als Schutzschilde bei Bergung von Sprengstoff und Bomben („der Nachbar soll es machen!“), Folterungen, Missbrauch von Kindern gehören zu den Alltagsaktivitäten, die genau geschildert werden.

Zynisches Detail: Viele Soldaten zeichnen für jeden erschossenen Palästinenser ein Kreuz auf ihr Gewehr  und für jedes ermordete Kind ein Smilie. Und offensichtlich sind die Soldaten so trainiert, das heißt auch mental und emotional abgehärtet, dass ihnen selten oder wenige Zweifel an der Rechtmäßigkeit ihrer ausgeführten Befehle entstehen.

Die Äußerungen der Soldaten  sind teil sehr differenziert, hoch emotional aufgeladen, teils unbeteiligt, sachlich, die Emotionen verdrängend. Viele Soldaten lassen ihr Gewissen sprechen, nachdem sie in der berichteten Situation klar reagiert haben – reagieren mussten, um handlungsfähig zu sein und den Befehl ausführen zu können. Auffallend ist, dass es offensichtlich keine klar erkennbare, eindeutig belastbar dokumentierte Befehlslage gibt. Das erinnert an die militärische Situation in der DDR, wo der Schießbefehl immer noch nicht gefunden wurde. Vielleicht steckt ja ein Gewissen dahinter, das es den Befehlshabern verwehrt, ihre persönliche Verantwortung schriftlich für alle Zeit zu dokumentieren.  Es würde immerhin zeigen, dass sie eine moralische Instanz in sich tragen, die ihnen sagt, dass diese Handlungsweisen auch unter dem Gesichtspunkt einer religionsübergreifenden Sichtweise menschlich nicht richtig sind. Es gibt ja auch ein Gewissen, das unabhängig von christlicher Denkweise -also übergeordnet- geprägt wird und Denken und Handeln steuert. Die vernichtenden Befehlt im Dritten Reich dagegen sind mannigfaltig dokumentiert.

Es ist für mich absolut erschütternd zu sehen, dass das israelische Volk – genauer: die israelischen Politiker- ganz offensichtlich nichts aus dem Leid gelernt haben, das den Juden durch Hitlers Holocaust angetan wurde. Die israelischen Politiker halten die Erinnerung an die Kollektivschuld Deutschlands wach, um davon durch finanzielle Unterstützung und aktives Schweigen zu profitieren, und sie setzen alles dran, um ein anderes Volk, die Palästinenser, im eigenen Land zu drangsalieren, zu verdrängen, zu vernichten.

Dazu gebrauchen sie eine generalstabsmäßig durchdachte und angewandte euphemistische Ideologie der angeblichen Verteidigung, sonst könnten sie die aggressive Expansionspolitik nicht einmal zum Schein rechtfertigen.

Bei den nicht vom Gewissen Geplagten wird es unweigerlich die Normalisierung einer Brutalität zur Folge habe, wie in einigen Berichten angedeutet ist. Das dürfte der tiefe Grund für die  auch in anderen Texten angedeutete oder benannte Aussage für „Israels Irrweg“ (Rolf Verleger) sein, der dem Staat auf Dauer genau das entzieht,  was das Fundament eines gelingenden Staatswesens ist, nämlich die Achtung der Menschenrechte.

Meine Warnung: Wer dieses Buch mit seinen akribisch dokumentierten Interviews lesen will, braucht eine Panzerhaut auf der Seele und einen sehr guten Verdrängungsmechanismus, um nicht schon als Leser Schaden zu nehmen an dieser humanitären Katastrophe, die vor unseren Augen täglich abläuft und von anderen noch aktuelleren, weil neuen Scheußlichkeiten verdrängt werden. Schlimme Träume durch Breaking The Silence kann ich schon mal  aus eigener Erfahrung in Aussicht stellen. Ich gestehe, dass ich nur das erste Drittel des Buchs sorgfältig gelesen habe. Meine maximale Aufnahmefähigkeit für Grausamkeiten war überschritten, meine  Neugier und mein Voyeurismus zum Überlaufen gesättigt. Das ist eine vorsichtige Formulierung! Es gibt dafür eine deftige Beschreibung.

Carl Friedrich von Weizsäcker hat gesagt: „Man kann in dieser Welt, wie sie ist,
nur dann weiterleben, wenn man zutiefst glaubt, dass sie nicht so bleibt, sondern werden wird, wie sie sein soll.“

Breaking The Silence beweist meines Erachtens, dass der israelische Staat alles tut, um der Menschen verachtender Macht die Bahn zu brechen – im Schatten des tolerierenden Schweigens. Wer will in solch einer Welt leben, wenn man nicht zu den wenigen Regierenden in Israel gehört?

Die einkalkulierten Proteste der UN, die vielen gerechtfertigten und doch nutzlosen Resolutionen gegen die israelische Willkürpolitik und das Schweigen der deutschen Regierung unterstützen die offizielle Politik Israels auch dann, wenn Herr Westerwelle mantramäßig und, wie mir scheint, pflichtschuldig, aber emotional unbeteiligt seinen Willen zum Frieden und zur Mäßigung wiederholt. Israel rechnet mit den internationalen Protesten und ändert seine Politik nicht.

Beispielhaft sei an zwei kleine Szenen erinnert, die nicht in Breaking The Silence stehen:

  • Daniel Barenboim, geboren 1942 in Buenos Aires, in Israel aufgewachsen, erhielt neben vielen Preisen für seine intensive Friedensarbeit und zahlreichen internationalen Auszeichnungen für sein grandioses musikalisches Schaffen als Pianist und Dirigent 2003 das Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik Deutschland und 2007 den Praemium Imperiale des japanischen Kaisers, der als Nobelpreis für Musik gilt. Am 10. Mai 2004 wurde Barenboim in der Knesset, dem israelischen Parlament, der Wolf-Preis für freundschaftliche Beziehungen unter den Völkern verliehen. In seiner Dankesrede zitierte Barenboim aus der israelischen Verfassung u.a. folgende Passage: „Der Staat Israel … wird all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht soziale und politische Gleichberechtigung verbürgen.“ Anschließend sagte er: „In tiefer Sorge frage ich heute, ob die Besetzung und Kontrolle eines anderen Volkes mit Israels Unabhängigkeitserklärung in Einklang gebracht werden kann. Wie steht es um die Unabhängigkeit eines Volkes, wenn der Preis dafür ein Schlag gegen die fundamentalen Rechte eines anderen Volkes ist? …“ Daraufhin kam es zu einem Eklat, als die israelische Erziehungsministerin Limor Livnat Barenboim in ihrer Erwiderung vorwarf, das Parlament als Bühne zu missbrauchen, um Israel zu attackieren.
  • Während Ende 2008 der Gaza-Krieg tobte, sagte die damalige Verteidigungsministerin Levi: „Israel entscheidet, wann der Krieg zu Ende ist und niemand sonst.“

Copyright Dr. Dietrich Weller


 

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Die Lebenslüge

 

Brustkrebs. Das Wort hängt schon monatelang wie eine giftgelbe Wolke im Haus und dringt in jeden Gedanken ein. Nach gelungener Operation und Chemotherapie war die Bedrohung zwar etwas verdrängt und hat einem leisen Wind der Hoffnung Platz gemacht. Aber die Angst durchfließt jetzt in der Kliniksprechstunde trotzdem wieder alle Poren von Judiths blassgelber Haut und ist wie dicke Luft im Raum zu spüren, während Judith und Arno auf den Befund der neuesten Untersuchung warten.

Der Professor verdirbt die Stimmung von Judith und Arno mit wenigen Worten: „Leider haben wir mehrere Metastasen in der Leber gefunden. Das ist der Grund für Ihre Gelbsucht. Die Kernspinbilder zeigen, dass wir auch nicht mehr operieren können!“

Tränen rinnen über Judiths Gesicht, Arno putzt sich verlegen die Nase, wischt wie zufällig über die Augen und streichelt unbeholfen die Schulter seiner Frau. Dann macht er rasch einen Vorschlag: „Da gibt es aber doch Lebertransplantationen. Damit ist meine Frau sicher zu retten! – Sie schaffen das, Herr Professor!“

Der Professor wiegt langsam seinen Kopf: „Einige Metastasen haben sich auch in der Lunge angesiedelt. Das schließt eine Transplantation aus.“ Er macht eine kurze Pause und lässt den Satz wirken. Dann ergänzt er: „Ich schlage vor, Sie verdauen den Schreck erst einmal. Ich werde den Fall heute Nachmittag in unserer Tumorkonferenz vorstellen. Dann treffen wir uns übermorgen zu einem Gespräch über die Behandlung, die wir Ihnen empfehlen.“

Die Verabschiedung ist kurz und wortkarg. Rasch verlassen sie den Raum wie auf einer Flucht. Auf dem Flur sinkt Judith in einen Stuhl. Arno setzt sich daneben. Schweigend verharren sie wie gefangen in einem tiefen Loch der Verzweiflung.

Da sagt Judith fast tonlos: „Ich glaube, wir müssen uns aufs Schlimmste einstellen. Lass uns überlegen, was wir in der Zeit noch unternehmen können, die mir verbleibt!“

Arno braust auf und beherrscht seine Stimme nur mühsam: „Das kommt überhaupt nicht infrage! Du wirst wieder gesund! Ich weiß das! Ich will dein Gerede  vom Sterben nicht mehr hören! Wir werden weiter kämpfen! Du hast doch gehört, dass der Professor dir übermorgen eine Therapie anbietet!“

Judith schweigt bedrückt und sinkt weiter in sich zusammen. Sie spürt, dass sie Arno ihre Empfindungen und Bedürfnisse nicht vermitteln kann. Dabei braucht sie ihre Kraft, um mit sich und ihren Ängsten zurechtzukommen.

Arno hat sich nach seinem Ausbruch rasch wieder im Griff und nimmt Judith liebevoll an der Hand: „Es tut mir leid, dass ich so heftig geworden bin. Komm, lass uns nach Hause gehen! Du musst daran glauben, dass du gesund wirst!“

Judith spricht auf dem Nachhauseweg und beim Abendessen nur wenig. Beide sind in sich abgekapselt, und die unsichtbare Wand scheint zwischen ihnen gedankendicht zu sein. Nach dem Essen sitzen sie wortlos vor dem Fernseher vor einer Politdiskussion, aber beide können nicht zuhören. Nach einer Weile steht Judith auf: „Ich gehe ins Bett, ich bin müde!“

„Gute Nacht, Judith, schlaf gut!“ Arno gießt sich noch ein Bier ein.

In den nächsten Tagen bleibt die Unterhaltung zwischen Judith und Arno oberflächlich, ja auffallend belanglos. Jeden Versuch, über die schlechten Aussichten oder über mögliche Verhaltensweisen, Therapieangebote oder andere Konsequenzen zu sprechen, biegt Arno glatt ab mit dem Versprechen: „Du wirst sehen: Alles wird gut! Dann können wir planen, was wir machen, wenn du gesund bist.“

„Wenn du meinst!“, sagt Judith und dreht sich um, damit Arno nicht sieht, wie sie mit den Tränen kämpft. Auch die Chemotherapie, die der Professor „als Therapieversuch“ vorschlägt, begrüßt Arno mit Begeisterung und demonstrativer Hoffnung, während Judith zögert mit ihrer Antwort. Arno entscheidet für sie: „Ja, natürlich will meine Frau die Chemotherapie!“

Judith gibt sich geschlagen, sie ist still und nickt nur. Sie schaut den Professor an. Er versteht sie wortlos und nickt ebenfalls.

In den nächsten Tagen kommentiert Arno jede einzelne Nebenwirkung der Therapie: „Du siehst, es wirkt! Du wirst gesund! Es wird dir besser gehen nach der Therapie!“

Arno spielt Tennis mit seinem Freund und freut sich über die Ablenkung. Judith verbringt die Stunden überwiegend zuhause im Bett oder auf dem Sofa. Sie nimmt weiter ab, ist zum Umfallen schwach und völlig appetitlos. Sie versucht, den Haushalt so weit wie irgend möglich aufrecht zu erhalten und macht häufige und immer längere Pausen.

Arno bleibt trotzdem bei seinem Optimismus und wiederholt bei jeder Gelegenheit: „Du wirst gesund! Ich verspreche es dir! – Lass uns über den Urlaub reden, den wir bald machen! Da kannst du dich von der Therapie erholen. Schau hier, ich habe neue Prospekte mitgebracht!“

Lustlos blättert Judith in den Heften, legt sie weg, schließt erschöpft die Augen und nickt ein. Arno geht in die Küche und räumt das Geschirr in die Spülmaschine.

Am Abend nimmt Judith im Bett noch einmal ihren ganzen Mut und alle Kraft zusammen. Sie greift liebevoll nach Arnos Hand: „Arno, wir müssen miteinander reden! Bitte hör mir zu! Ich kann nicht mehr! Ich werde nicht mehr gesund. Ich weiß es! Wir dürfen nicht länger den Kopf in den Sand stecken!“

Arno wird sofort wütend: „Ich will das nicht mehr hören! Ich brauche dich! Ich liebe dich! Du musst gesund werden! Und jetzt hör auf mit deiner Schwarzseherei! Schlaf gut!“

Er dreht Judith den Rücken zu und zieht sich die Decke über den Kopf. Judith hört an seinem Atem, dass er ihr vorspielt zu schlafen. Sie liegen lange wach, und das Schweigen baut eine undurchdringliche Mauer ins Bett zwischen sie.

In den Tagen danach beobachtet Arno mit Sorge, wie Judith immer langsamer wird und nur noch mit seiner Hilfe stehen und wenige Schritte gehen kann. Jedes Wort macht ihr Mühe, und der Juckreiz quält sie sehr.

Eines Nachmittags liegt Judith auf dem Sofa im Wohnzimmer und schläft. Arno sitzt daneben und schaut ein Tennisturnier im Fernsehen an. Da bemerkt er plötzlich, dass Judiths Atem aufgehört hat. Er schüttelt sie am Arm. Keine Reaktion. Judiths Arm fällt leblos neben ihren Körper. Da springt Arno auf und  schreit: „Das kannst du mir nicht antun! Judith, komm zurück!“

Seine ganze Panik bricht aus ihm heraus, er weint, schluchzt, versucht, Judith wachzurütteln, er wählt 112, brüllt ins Telefon: „Schnell, meine Frau atmet nicht mehr!“

Aber der Notarzt kann nur bestätigen, was Arno längst weiß und nicht wahrhaben will.

Als Arno in den Tagen nach der Beerdigung das Schlafzimmer aufräumt, findet er in Judiths Nachttischschublade obenauf einen Brief Für meinen geliebten Arno.

Er setzt sich in den Sessel vor Judiths Bett und liest:

Mein Liebster,

ich kann Deinen Wunsch nicht erfüllen, wieder gesund zu werden, so sehr ich mich danach gesehnt habe. Seit der Diagnose mit den Metastasen in Leber und Lunge weiß ich, dass ich sterben werde. Es tut mir bitter weh, Dich verlassen zu müssen. Ich weiß, Du hast Dir und mir meine Heilung einzureden versucht, um mich zu schonen.

Aber, Du geliebter Mann, wir sind beide schlechte Schauspieler. Du hast Dir so viel Mühe gegeben, mich aufzumuntern. Und ich wollte heiter und gelassen sein. Stattdessen habe ich resigniert und dadurch mein Schicksal immer mehr angenommen und mich zurückgezogen.

Ich sehe und spüre Dein Leiden und Deine Verzweiflung, ja, auch Deine Hilflosigkeit. Ich habe es nicht übers Herz gebracht, und ich hatte keine Kraft mehr, Dich aus Deinem Traum von meiner Genesung zu reißen und Dich mit den Fakten und Konsequenzen zu konfrontieren. Du willst Dich nicht mit meinem Sterben, unserer Trennung und Deiner drohenden Einsamkeit im Gespräch auseinander setzen.

Nach so vielen herrlichen Jahren mit Dir voll Liebe, Ehrlichkeit und Vertrauen hätte ich unsere Ehe gern gekrönt mit gemeinsamer Arbeit an unserer Angst und Trauer in dieser schwersten Krankheitsphase. Ich habe gehofft, mit Offenheit und Annahme unseres Schicksals meine letzten Lebenswochen -die letzten Wochen unserer Liebe!- zu durchleben. Aber das war uns nicht vergönnt. Wir haben es beide nicht geschafft.

Hoffentlich kommst Du über meinen Tod hinweg und kannst mit unserer Lüge weiterleben. Bitte nimm professionelle Hilfe an, damit Du die Trauerarbeit gut bewältigen kannst. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen ein glückliches und erfülltes Leben.

Ich habe keine Kraft mehr und sehne mich jetzt danach, endlich und ewig auszuruhen. 

Ich bin voll Dankbarkeit für Deine Liebe und mein Leben mit Dir. Ich werde sterben und immer bei Dir bleiben.

In Liebe, Deine Judith.

 

Copyright Dr. Dietrich Weller

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Das kleine Quadrat

Schema: 4 x 4 Silben

Dieses kleine
Quadrat können
Sie nützen für
Kurznotizen.

Mach mal vorwärts!
Ich geh schwimmen!
Was soll ich tun?
Hilfst Du mir jetzt?

Jedenfalls ist
es ein Spaß, sich
kurz zu fassen
beim Reden! Stimmt´s?

Man muss sich gut
überlegen, was
man sagen will, sonst
ist es zu lang!

Das sollte man
mal den vielen
Politikern
sagen, nicht wahr?

Die schwafeln, was
das Zeug hält und
sagen nichts aus
mit der Rede.

Wenn sie lügen,
geben sie nur
zu, was schon be-
kannt ist im Dorf.

Im Wahlkampf hört
sich alles nicht
so an, wie es
nachher dann kommt.

Deshalb  kann man
nur die Partei
wählen, die uns
nicht so anlügt.

Aber wissen wir´s
vorher, welche das
ist? Nein, das kommt
erst später raus!

Deshalb ist Wahl
Glücksache! So
ein Pech, dass Miss-
trauen Pflicht ist!

 

 

 

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Der Unterschied

 

Hitler bekämpfte und verjagte die Juden, um einen reinen Staat aufzubauen. Der israelische Staat und besonders die Zionisten bekämpfen und verjagen die Palästinenser, um einen reinen Staat aufzubauen. Nur die Zahl der Ermordeten und die Unterstützung Israels durch die USA und Deutschland und die Beschwichtigungsversuche der Weltgemeinschaft machen den Unterschied. Das Prinzip des Völkermords bleibt gleich.

In Israel ist es gesetzlich verboten, öffentlich auf die Verfolgung der Palästinenser vor der Staatsgründung hinzuweisen und diese zu kritisieren! Der 15. Mai 1948, der Tag der Staatsgründung Israels, wird von den Palästinensern als an-Nakba, die Katastrophe, bezeichnet. Man darf auch nicht erwähnen, dass die israelische Staatsfläche seit der Gründung durch Landraub auf das Fünffache erweitert wurde. Die immer wieder neue Besiedlung palästinensischen Gebiets durch Israelis wird regelmäßig in den Medien dargestellt und von den Schutzmächten kritisiert und geduldet.

Das folgende Zitat hat die Vertreibung der Palästinenser damals untermauert, und es wirkt immer noch. Es stammt von Vladimir Jabotinsky, dem Begründer der zionistischen Rechten, 1923(!): „Zyonistische Kolonisierung …. muss entweder beendet oder gegen den Willen der eingeborenen Bevölkerung durchgeführt werden. Diese Kolonisierung kann also nur weitergeführt und entwickelt werden unter dem Schutz einer Macht, die von der lokalen Bevölkerung unabhängig ist – hinter einer eisernen Mauer, die die eingeborene Bevölkerung nicht durchbrechen kann.”

Die Gräueltaten des israelischen Militärs zur Ausdehnung des Landes sind dokumentiert, ebenso wie die einkalkulierten und erfolglosen Proteste der Weltgemeinschaft.

Bezeichnend für die israelische Haltung ist zum Beispiel der Satz der Außenministerin Livni während des Gaza-Kriegs 2008/2009: „Nur Israel entscheidet, wann der Krieg endet, nicht die Staatengemeinschaft.“

Und ich bin dankbar, wenn ich sehe, dass Ausnahmemusiker wie Daniel Barenboim[1] Lösungen für den israelisch-palästinensischen Konflikt aufzeigen, indem er seit Jahren für einen Frieden zwischen den Israelis und den Palästinensern eintritt und mit weltweitem Erfolg das von ihm 1999 gegründete West-Eastern Divan Orchestra leitet, das aus israelischen und palästinensischen Musikern besteht, die friedlich und höchst erfolgreich miteinander musizieren.

Am 10. Mai 2004 wurde Daniel Barenboim in der Knesset, dem israelischen Parlament, der Wolf-Preis für freundschaftliche Beziehungen unter den Völkern verliehen. In seiner Dankesrede zitierte Barenboim aus der israelischen Verfassung u.a. folgende Passage: „Der Staat Israel … wird all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht soziale und politische Gleichberechtigung verbürgen.“

Anschließend sagte er: „In tiefer Sorge frage ich heute, ob die Besetzung und Kontrolle eines anderen Volkes mit Israels Unabhängigkeitserklärung in Einklang gebracht werden kann. Wie steht es um die Unabhängigkeit eines Volkes, wenn der Preis dafür ein Schlag gegen die fundamentalen Rechte eines anderen Volkes ist? …“



[1] Geb. 1942 in Buenos Aires, Pianist und Dirigent, früherer Chefdirgent des Orchestre de Paris und des Chicago Symphony Orchestras (1991-2006), seit 1999 Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Oper unter den Linden Berlin. Inhaber zahlreicher nationaler und internationaler Preise für seine Friedensarbeit und musikalische Leistung weltweit, u.a. mehrere Ehrendoktorwürden, den Premium Imperial („Musiknobelpreis“ des japanischen Kaisers), die palästinensische Ehrenstaatsbürgerschaft (1999) und das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband der BRD (2013), 6 GRAMMYs für Musikproduktionen. Seine lesenswerte Autobiografie: Die Musik – mein Leben, Ullstein.

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Bennos Neuanfang

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Benno stellt seinen schäbigen Rucksack auf einen Plastikstuhl neben dem kleinen Tisch des Straßencafés am Marktplatz und kann damit seine ganze Habe, die ihm geblieben ist, im Auge behalten. Das Treiben auf dem Markt verläuft in den Morgenstunden noch geruhsam. Einige Frauen gehen zielsicher mit ihren Einkaufskörben von Stand zu Stand. Benno beobachtet die Menschen und betrachtet aus der Ferne die reichhaltige Gemüse- und Blumenauswahl unter den bunten Sonnenschirmen. Er saugt die frische Luft und die warmen Sonnenstrahlen in sich hinein, die ihn mit einem ganz neuen Lebensgefühl von Weite und Bewegungsfreiheit atmen lassen.

Seine abgetragenen Kleider sind sauber, und sein einziges Paar Schuhe hat er so gut wie möglich geputzt, aber es wirkt trotzdem ungepflegt. Benno streicht sich über die Wangen, die er heute zur Feier seiner Entlassung sorgfältig rasiert hat. Sogar ein Rasierwasser vom Anstaltsladen hat Knut aus der Nachbarzelle ihm zum Abschied geschenkt, das Benno verschwenderisch auf seinem gefängnisblassen Körper verteilt hat. Der Kellner rümpft die Nase, als er die Bestellung aufnimmt.

„Einen großen Kaffee, bitte!“ Den ersten Kaffee in Freiheit! Im Knast war sein Lieblingsgetränk nie gut genug für Benno. Immer lauwarm und mit seifigem Beigeschmack. Nicht einmal eine kleine Kaffeemaschine hatten sie ihm in all den Jahren gestattet, obwohl er als mustergültiger Häftling galt. Wegen seiner guten Führung hatten sie ihn jetzt auch vorzeitig entlassen.

Der Kellner bringt den dampfenden Kaffee in einem großen Becher, sogar mit einem kleinen Keks auf dem Unterteller und einem Glas Wasser. Benno genießt den würzigen Duft, schließt bedächtig die Augen und füllt den Mund mit dem Geruch und Geschmack der Freiheit, die er sich immer vorgestellt hatte. Auf diese Stunden hatte er sich in den letzten Wochen am meisten gefreut! Jetzt endlich kann sein Leben neu beginnen. Einen Job würde er zwar nach all den Jahren nicht mehr bekommen, zu alt war er geworden in der Abgeschiedenheit, und mit dieser Vergangenheit würde ihn niemand einstellen. Aber der Sozialberater hatte versprochen, bei der Integration in das neue Leben zu helfen. Und mit dem Geld, das er heute bei der Entlassung erhalten hatte, würde er eine Weile zurechtkommen, wenn er sparsam damit umging. Er schwelgt in seinem neuen Lebensgefühl.

Benno bestellt noch einen Kaffee und verschwindet mit seinem Rucksack auf der Toilette. Als er zurückkommt, liegt unter dem neuen Becher ein Foto. Als Benno es genauer anschaut, erkennt er das Gefängnis, in dem er die letzten fünfzehn Jahre verbracht hat. Ein Pfeil zeigt auf seine Zelle.

Sofort blickt Benno herum und prüft seine Umgebung. Wer hat dieses Bild hier hingelegt? Doch er sieht nichts, was seine Frage beantworten kann, niemanden, den er kennt, und niemanden, der ihn anschaut. Benno spürt, dass trotz seiner Begeisterung, endlich in der Freiheit zu sein, sich eine Angst in ihm ausbreitet wie giftiges Gas. Je länger er das Bild betrachtet, umso klarer wird ihm: Er wird beschattet! Jemand hier draußen weiß von seiner Entlassung! All seine Erfahrungen der letzten Jahre und die Geschichten, die ihm Mitgefangene erzählt haben, lassen Benno blitzartig wachsam werden wie einen Wachhund kurz vor dem Angriff. Die Freude an der Freiheit ist verflogen wie ein wundersamer Vogel, den ein Unbekannter verscheucht hat.

Benno fragt den Kellner, ob er das Bild unter den Becher gelegt habe.

„Nein, ganz sicher nicht, wir verteilen keine Bilder an unsere Kunden. Vielleicht war´s jemand, der vorhin hier vorbei ging.“

Benno bezahlt eilig, nimmt seinen Rucksack und macht sich auf den Weg zu dem Obdachlosenheim, das man ihm bei der Entlassung zugewiesen hatte. Dort meldet er sich „für ein paar Nächte“ an und darf in einem leeren Dreierzimmer ein Bett auswählen. Der Herbergsinhaber führt Benno durch die Gemeinschaftsräume, und Benno entdeckt eine große Kaffeemaschine, in der er sich sogar Latte macchiato und Cappuccino machen kann. Welch ein Luxus! Den würde er genießen!

Er verstaut seinen Rucksack in einem Safe und geht zum Sozialamt, um sich nach einer Wohnung zu erkundigen. Übermorgen solle er noch einmal kommen, dann würden sie ihm ein Zimmer zuweisen. Beim anschließenden Bummel durch die Stadt hält Benno aufmerksam nach Verfolgern Ausschau, bemerkt aber nichts Verdächtiges. Er kauft billig eine Jeans, drei Polohemden, ein Paar Schuhe und Unterwäsche.

Als er am Abend wieder in seinem Herbergszimmer ankommt, sieht er auf dem Nachbarbett eine abgegriffene und magere Reisetasche liegen. Benno schüttelt seine Bettdecke auf und sieht ein Foto auf den Boden fallen. Als er es aufhebt, erkennt er sich. Er braucht einen Moment, bis er das Bild zuordnen kann. Ja, richtig: Das war er selbst, als er nach dem Urteil das Gericht verließ! Wer hat das fotografiert, schießt ihm durch den Kopf. Doch ehe er sich darüber Gedanken machen kann, geht plötzlich die Tür auf. Benno steckt das Bild rasch in die Tasche.

„Hallo, ich bin Edwin!“, sagt der Fremde kurz angebunden, „Na, neu hier?“

Benno nickt: „Ich bin Benno!“

Er schätzt Edwin etwa so alt wie sich selbst. Aber bei dem Vollbart, den langen Haaren und den schlampigen Kleidern konnte das auch falsch sein. Sie setzen sich an einen kleinen Tisch. Das Woher und Wohin ist rasch beantwortet. Beide sind „auf der Durchreise“, und einige Minuten des belanglosen Gesprächs vergehen, bis Edwin aufsteht:

„Ich hol uns mal ´nen Kaffee!“ –

Edwin kommt nach wenigen Minuten zurück mit einem kleinen Tablett, auf dem zwei Glasbecher mit heißem Kaffee, ein Milchkännchen und eine Zuckerdose stehen. Edwin verteilt die Becher. Benno greift zu und nimmt sich Milch und Zucker. Er sieht, wie Edwin ihn beobachtet.

„Ist was?“

„Du siehst gut aus!“, nickt Edwin zufrieden, „Ich habe lange auf dich gewartet.“

„Auf mich, woher kennst du mich?“

„Ich kenne dich gut, aber du weißt nicht, wer ich bin!“, entgegnet Edwin mit offensichtlicher Genugtuung. „Ich habe mich intensiv mit deiner Vergangenheit beschäftigt.“

„Das versteh ich nicht! Erklär mir das!“ Benno rutscht ihm auf dem Stuhl entgegen.

Edwin zieht langsam ein Foto aus der Jackentasche. Er legt es behutsam so auf den Tisch, dass Benno es genau betrachten kann.

Benno erkennt Inge sofort! Das Blut schießt ihm heiß in den Kopf, eine Welle der glutvollen Erinnerungen überrollt seinen ganzen Körper. Dann trinkt er hastig den Becher leer, setzt ihn klirrend ab und stammelt: „Woher hast du dieses Bild?“

Edwin lenkt betont freundlich ab: „Wie schmeckt dir der Kaffee?“

Benno nickt beiläufig. Er starrt auf das Bild und dann auf Edwin. Aus dessen Augen schießen Benno Blicke wie Eispickel entgegen. Edwin flüstert mit einem gepresst-gefährlichen Unterton:

„Sie war meine Frau!“ – Er genießt es, wie dieser Satz sichtbar in Bennos Kopf explodiert.

Edwin giftet nach: „Bevor du sie in meinem Bett in einem Anfall von Eifersucht erstochen und dich mit ihrem wertvollen Schmuck aus dem Staub gemacht hast!“

Edwin beobachtet zufrieden, wie ein letztes Zucken durch Benno läuft. Er kann gerade noch den leeren Becher wegziehen, da krachen Bennos Kopf und Oberkörper auf die Tischplatte.

Edwin legt Bennos Becher in aller Ruhe in seine Reisetasche und stellt seinen eigenen vollen Becher neben Bennos Oberkörper, als wäre Benno gestorben, bevor er trinken konnte. Dann schießt Edwin in aller Ruhe das letzte Foto für seine Benno-Serie und verlässt mit dem selbstgefälligen Lächeln der moralisch Tadelfreien das Haus.

Copyright Dr. Dietrich Weller

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Besonders kurze Kurzgeschichten (2)

Der Sinn dieser Geschichten liegt darin, mit möglichst wenigen Worten einen Film im Kopfkino und Gefühle im Gemüt des Lesers entstehen zu lassen.

Kindliche Logik

Die Familie fuhr an einer Autobahnbaustelle vorbei, wo eine große Teermaschine einen neuen Straßenbelag verlegte. Der Fünfjährige sagte: „Das ist aber eine große Maschine! Wie groß muss die Maschine sein, die diese Maschine macht!“

Tattoo, Piercing und Co.

Ich wundere mich, wie viel Geld und Zeit manche Menschen aufwenden und wie viel Schmerzen sie ertragen, um hässlich und unnatürlich zu werden.

Hilfsbereitschaft

Mein Vater, ein niedergelassener Kinderarzt, machte spät abends noch einen Hausbesuch beim Enkelkind eines sehr reichen Bauern, der aus Geiz Fußlappen trug.
„Doktor, wenn Sie jetzt noch einen Besuch machen, verdienen Sie aber einen Haufen Geld!“ –
„Ach, wissen Sie“, sagte mein Vater lachend, „ich habe nicht einmal Zeit, es auszugeben.“
„Dann bringen Sie es mir! Ich mach´ Überstunden!“

Erfahrung

Als der vernichtende Schlag bis auf zwei Menschenaffen alles Leben ausgelöscht hatte, sagte der eine Affe: „Dieses Mal sollten wir uns nicht weiterentwickeln!“

Tatsache

Es gibt keine Spezies außer dem Mensch, die Angehörige der eigenen Spezies absichtlich massenhaft vernichtet. Und dann behauptet sie auch noch, sie mache das, um den Frieden zu wahren.

Undank ist der Welt Lohn – Eine wahre Geschichte aus der Sprechstunde

Eine Frau mittleren Alters kam nach einem längeren Klinikaufenthalt zu mir. Sie brachte einen langen Arztbrief mit, in dem ein sehr komplizierter und lebensgefährlicher Krankheitsverlauf beschrieben war.
Ich sagte anerkennend: „Da haben Sie aber viel durchgemacht! Und die Ärzte haben Ihnen wirklich geholfen!“
Sie entgegnete wütend: „Herr Doktor! Das ist ein Scheißkrankenhaus!“
Ich verblüfft: „Warum das denn?“
Sie: „Da hat doch tatsächlich die Schwester morgens vergessen, mir einen Löffel zum Joghurt zu bringen!“

Einfache Frage

„Papa, wenn du Mama und Peter und mich hauen darfst, warum dürfen wir dann dich nicht hauen?“

Ein Witwer erinnert sich

„Das Schlimmste an den letzten beiden Jahren mit meiner krebskranken Frau war, dass wir nicht ehrlich zueinander waren. Ich habe ihr vorgespielt, dass sie wieder gesund wird, obwohl ich wusste, dass sie sterben wird. Und sie tat so, als glaube sie das. Wir wollten uns gegenseitig nicht wehtun. Unsere letzten Monate waren von der Lüge gezeichnet. – Das ist ein Fehler, den ich mir nicht verzeihe – der schwerste meines Lebens. Dabei hatten wir vorher so eine glückliche und ehrliche Ehe. Während der Krankheit hätten wir die Chance gehabt, sie unter den erschwerten Bedingungen zum Gipfel zu führen, sie inniger, aufrichtig und mit erhobenem Haupt zu einem erfüllten Ende zu bringen. So, wie es jetzt ist, werde ich immer ein Schuldgefühl mit mir schleppen und das Gefühl, als Partner versagt zu haben.“

Japanisches Sprichwort

Wer nichts zur Lösung eines Problems beiträgt, ist wahrscheinlich ein Teil des Problems.

Ein wichtiger Lehrsatz für mich

Als junger Arzt kurz vor meiner Niederlassung in der eigenen Praxis hatte ich das Glück, in der Chirurgischen Klinik des Kreiskrankenhauses Leonberg mit Herrn Dr. Ernst Haaf zusammenarbeiten zu dürfen. Er war Oberarzt und hatte eine Spezialsprechstunde für Brustkrebs-Patientinnen eingeführt. Später war er Mitbegründer des Leonberger Hospizes. Außerdem war er ein Schriftstellerarzt und veröffentlichte großartige Bücher über die Zeit, in der er als Arzt in Afrika gearbeitet hatte, und über die Geschichte der Krankenhäuser im Kreis Leonberg. Sein letztes Buch über das Leonberger Hospiz stellte selbst noch vor  – wenige Wochen, bevor er in diesem Hospiz starb.

Eines Tages fragte ich ihn in seiner Sprechstunde: „Sagen Sie allen Frauen die Wahrheit?“

Er blickte mich sehr ernst an und antwortete: „Ja, ich sage allen Frauen die Wahrheit. Erstens bin ich Christ und denke schon deshalb, dass ich nicht lügen darf. Und zweitens habe ich so ein schlechtes Gedächtnis, dass ich morgen nicht mehr wüsste, welcher Frau ich die Wahrheit gesagt und welche ich angelogen habe.  Die Patientinnen wissen ohnehin intuitiv, was die Stunde geschlagen hat. Sie sind enorm empfindsam. Und ich nehme mir Zeit, auf die Reaktion der Frauen  einzugehen. Damit bin ich bis jetzt am besten gefahren.“

Diese Antwort ist für mich einer der wichtigsten Leitsätze meines Lebens und meiner Arbeit geworden.

 

Der Banker beim Arzt

„Sie wollen ja Fakten hören. Ich muss Ihnen leider sagen, dass Sie eine sehr schwere Krankheit haben, die auch mit der modernsten Medizin nicht geheilt werden kann. Sie werden daran bald sterben!“
„Machen Sie was, Doktor, Sie wissen doch: Geld spielt keine Rolle!“-
„Richtig: Bei dieser Krankheit spielt Geld keine Rolle. Deshalb sollten Sie die bleibende kurze Zeit nützen, sich auf die Dinge vorzubereiten, die mit Geld nicht zu regeln sind.“

 

Copyright Dr. Dietrich Weller

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