Der Augendialog

Es gibt kurze Momente im Leben, die wie Diamanten im gezielten Sonnenstrahl hell aufblitzen und mit ihrem einmaligen und kostbaren Glanz wie eine Blüte lebendig werden. Die denkwürdige Sekunde wird hervorgehoben aus den wechselvollen Wogen des dahin treibenden Geschehens. Sie entzündet unsere Wachheit und schnellt sie aus dem bloßen Gleichmaß der Aufmerksamkeit auf den einsamen Gipfel der vollständigen und intensivsten Anteilnahme. Eine neue, höhere Form des Bewusstseins wird sprungartig erreicht, so wie durch den Zufluss von Energie ein Atom auf das nächste Orbital gehoben wird und damit ein neues Molekül entstehen kann. Alle schon geweckten Sinne werden verdichtet und zugespitzt auf diesen einen Brennpunkt des Ereignisses, wie die geschliffene Linse das diffuse Licht bündelt und zur zündenden Glut entfacht. Die lebendigen Bilder, die sich so klar geprägt vor unserem Auge entwickeln, werden unauslöschbar eingestanzt in unser Gedächtnis wie ein Loch, das von einem Brennglas in Papier eingeglimmt wird.

Von einem dieser unvergesslichen Momente will ich erzählen. Auch wenn er nicht wirklich wichtig oder folgenschwer war, so taucht die Szene doch seit Jahrzehnten immer wieder aus dem Schatz meiner Erinnerungen vor meinem geistigen Auge auf.

Artur Rubinstein, der weltberühmte Ausnahmepianist, hatte mich in der Straßburger Konzerthalle reich beschenkt mit einem funkelnden Kaleidoskop romantischer Werke, darunter die wuchtige f-Moll-Klaviersonate von Johannes Brahms, die ich  erstmals und prägend für mein Leben in mir aufgenommen hatte. Ich glaube, es war 1968 oder 1969, und ich fühlte mich beschenkt, ihn auf der Bühne erleben zu dürfen, war er doch einer der bedeutendsten Pianisten dieses Jahrhunderts, damals mit über achtzig Jahren ein würdiger alter Herr und seinem Versprechen treu geblieben, nach dem Holocaust nie mehr in Deutschland zu spielen. So pilgerten die Liebhaber der klassischen Klaviermusik, zu denen ich mich seit früher Kindheit zähle, ins Nachbarland, wenn er in den Grenzstädten der Schweiz, Frankreichs oder der Niederlande ein Konzert ankündigte.

 Während meiner Schulzeit in Liverpool saß ich einen Abend lang im Bann seines unvergleichlichen Chopin-Spiels. Später als Student nutzte ich ein günstiges Angebot des ASTA in Tübingen und fuhr mit einer kleinen Schar Musik liebender Kommilitonen im Bus nach Zürich, wo Rubinstein in der Tonhalle an einem Abend das e-Moll-Konzert von Chopin und das Es-Dur-Konzert von Beethoven zelebrierte, diese beiden Preziosen der romantischen und klassischen Klavierperiode.

Jetzt aber stand ich, der junge Student, wie viele der begeistert applaudierenden Zuhörer in Straßburg nach dem offiziellen Programm im Gedränge vorn an der Rampe direkt unterhalb des Flügels, um von diesem großen Abend auch wirklich alles zu sehen, zu hören, in mich aufzunehmen. Schon drei oder vier Dreingaben hatten wir ihm abgejubelt, dem Generösen, der nicht müde zu werden schien trotz der enormen körperlichen und geistigen Leistung, die er bereits ausgeschöpft hatte. Er kam noch einmal auf die Bühne, hob in seiner typischen weltoffenen Weise beide Hände zum Dank und Gruß, und sein weißes Lockenhaupt leuchtete über der breiten hohen Stirn und den hellen kleinen Augen. Rubinstein strahlte, und ich spürte seine Freude an dem gelungenen Konzert und an unserer begeisterten Teilnahme. Das fein gefurchte Gesicht erzählte vom erfüllten Leben dieses großartigen Musikers, der als Bonvivant und Gourmet, als Kosmopolit und Grand old man weltweit von seiner Gemeinde verehrt wurde. Am Revers seines schwarzen Fracks blinkte das rote Abzeichen der französischen Ehrenlegion, und die Diamantknöpfe auf der gestärkten Hemdenbrust und an den Manschetten funkelten im Rampenlicht: Hier hielt ein eleganter Grandsigneur hof.

Rubinstein war umringt von Zuhörern: Auf der Bühne hinter dem kostbaren Steinway-Flügel standen dicht beieinander viele zusätzliche Stühle in mehreren Reihen, um möglichst zahlreichen Konzertbesucher an dem außergewöhnlichen Ereignis teilnehmen zu lassen. Alle standen jetzt und feierten mit bewunderndem, drängendem Applaus und vielen Bravorufen den berühmten Künstler. Natürlich wollten wir, die Unersättlichen, immer noch ein Stück hören und noch eins. Selbstverständlich wären wir stundenlang stehen geblieben, um auch den letzten herrlichen Ton, das letzte seiner klingenden Vermächtnisse dankbar anzunehmen, die er uns so großzügig, fast verschwenderisch und mit hinreißender Freude am eigenen Spiel darbot. Er ließ sich Zeit, den Triumph genüsslich schwelgend auszukosten.

Ganz offensichtlich freute er sich auch an der Blütenpracht, die eine ältere Dame knapp neben mir ihm schenkte. Während er sich herabbeugte und den Strauß mit einem charmanten Gruß entgegennahm, sagte sie etwas zu ihm, was ich wegen des lauten Applauses nicht verstand, aber ihre Geste erklärte alles: Sie deutete vorsichtig, taktvoll, ja eher zaghaft auf Rubinstein und führte ihn bildlich mit einer bittenden Bewegung ihres brillantgeschmückten Handgelenkes zum Klavierhocker. Rubinstein zögerte einen Augen-blick, dann überflog ein großzügig gewährendes Lächeln sein Gesicht. Er nickte kaum sichtbar und drehte sich entschlossen zum Flügel. Während er die zwei Schritte ging, brandete eine Woge der Begeisterung durch den Saal: Ja, er wird noch einmal spielen!

Als Rubinstein sich setzte, brach der Applaus ab, als sei er ausgeschaltet, und eine fast heilige Stille senkte sich über uns Zuhörer. Die Andacht der Glücklichen, die Erwartung der Liebhaber, das Sehnen nach einem weiteren musikalischen Leckerbissen waren für mich hörbar, fühlbar, denn ich verallgemeinerte meine eigenen Empfindungen auf alle anderen Menschen im Saal. Kein Ton, keine noch so feine Klangfarbe sollte ungehört bleiben. Es war, als hätten wir Zuhörer aufgehört zu atmen, um besser hören zu können.

Ich stand so ideal, dass ich Rubinsteins Gesicht und seine großen ausdrucksstarken Hände gut beobachten konnte, die so schmeichelnd und zärtlich, so donnernd und leidenschaftlich eben jenen Zauber der Töne und Klänge schufen, für die Rubinstein zurecht als einer der Besten unter den ganz Großen gerühmt wurde.

Als er sich setzte, erstarrte seine Mimik, sie fror ein zu einer lebendigen Maske der absoluten Konzentration. Blass waren plötzlich die Furchen auf seiner Stirn. Ich erschrak, weil mich diese wächserne Starre an eine Totenmaske erinnerte. Doch nein, er lebte, und wie quicklebendig er das Feuer aus seinen Fingern sprühen ließ! Blitzartig waren sie niedergezuckt und meißelten die vertrackten Rhythmen, die teilweise schreienden Dissonanzen und rasenden Perlenläufe von Polichinelle, einem Clowntanz des brasilianischen Komponisten Villa-Lobos, in die Tasten. Die Töne prasselten, Rubinsteins Finger flogen schneller als ich beobachten konnte. Sein Körper saß aufrecht und unbeweglich, die Augen waren geschlossen, sicherlich den Blick hellwach auf die innere Partitur gerichtet. Und ich war immer noch irritiert von der Totenmaske eines Mannes, der scheinbar blind und mit packender und doch scharf gezügelter Leidenschaft eines Erfahrenen dieses rasante Stück vor unseren Augen und Ohren entstehen ließ.

In diesem Moment schwebte unter den glitzernden Klängen einer brillanten Tonkaskade ein zierliches Mädchen, bestimmt nicht älter als fünf Jahre, langsam von ihrem Platz in der ersten Reihe auf der Bühne nach vorn, an der Spitze des Flügels vorbei, an seiner Einbuchtung zum Publikum hin vorwärts und blieb gebannt so neben der Tastatur stehen, dass ich ihr und Rubinsteins Gesicht sehen konnte. Sie trug ein blütenweißes langes Kleid­chen, weiße Schuhe und Strümpfe und bot so neben dem strengen Schwarz des Flügels und des Fracks einen wohltuenden, fast heiteren Kontrast. Ich sah, wie sie zuerst fasziniert auf die fliegenden Hände und die hetzenden, trommelnden, dann zart tastenden Finger schaute. Schließlich wanderte ihr Blick an den Armen hoch zu den ruhenden Schultern in das fahlblasse, unbewegliche Gesicht mit den geschlossenen Lidern. Sie schaute Rubinstein an, direkt, offen, verwundert, abwartend, und sie war wohl von diesem totengleichen Antlitz noch mehr gebannt als von der entfesselten Virtuosität der Hände. Sie konnte ihren Blick nicht mehr abwenden und erstarrte selbst in dieser Haltung.

Wieder erschrak ich, denn ich stellte mir plötzlich vor, wie Rubinstein verwirrt wäre, wenn er mitten in seinen komplizierten Rhythmen die Augen öffnen und dieses kleine Geschöpf so nahe bei sich entdecken würde. Vielleicht bräche sein Spielfluss auseinander, könnte ein erschreckter Fehlgriff sein Wunderwerk zerstören. Ich spürte, wie mir die Schweißperlen auf die Stirn traten, weil ich beklemmende Angst fühlte, diese witzig virtuose Dreingabe könnte von der ihn verblüffenden Anwesenheit dieses unschuldigen Kindes jäh zerrissen werden.

Mein Blick flog kurz hinüber zu dem Vater der Kleinen, der leicht nach vorn gebeugt mit angewinkeltem Bein auf dem Sprung saß, bereit, sein Kind dort von der heiligen Stätte weg zu holen. Aber er getraute sich offensichtlich nicht einzugreifen, wohl ahnend, dass sein väterlicher Zugriff ganz sicher die kostbare Sekunde zerschlagen würde.

Immer noch funkelte Rubinsteins wunderbares Spiel, es zuckte, toste, ebbte ab und brach neu los zu einem überwältigenden und witzigen Glitzerlauf der straff punktierten Tonketten.

In diesem Sekundenbruchteil, mitten in diesem flirrenden Perlentongewirr, an dem auch große Virtuosen oft scheitern, geschah das Unfassbare, für mich das eigentliche Erlebnis an diesem so überreichen Konzertabend, der voll war von klanglichen Einmaligkeiten und spielerischen Höhepunkten. Mitten in dieser höchsten nervlichen Anspannung und maximalen Konzentration auf die höllischen Gefahren der Finger mordenden Teufels­passage, die so herrlich leichtfüßig verspielt klingen soll, ereignete sich ohne Übergang, ohne vermittelnde, ankündigende Geste das Großartige. So wie wir mit einem Knipsen am Schalter im Dunkeln das Licht plötzlich hell leuchten lassen, verwandelte sich Rubinsteins Maskengesicht. Mit einer sanften Drehung des greisen Hauptes zu dem zierlichen weißen Püppchen hin öffneten sich seine gütig blickenden Augen, und ein strahlendes Lächeln huschte von seinem plötzlich so lebendigen Gesicht in die staunenden Augen des Mädchens, als wollte er sagen: „Schön, dass es dir gefällt!”

Ich weiß nicht, wann er sie bemerkt hatte, jedenfalls war er keineswegs überrascht, dass sie so dicht bei ihm stand. Rubinsteins weicher Blick erschien mir, als hätte der liebevolle Großvater seine Enkeltochter herzlich umarmt und in gütige Wärme eingebettet. Ich kann mir keinen größeren Gegensatz denken, als den frappierenden Widerspruch zwischen der ruhevollen Zärtlichkeit in Rubinsteins Augen und der virtuosen Rasanz in seinen Händen. Hier wurde ein Kontrast sichtbar zwischen zwei gleichzeitig in einem einzigen Menschen lebendigen und miteinander scheinbar nicht zu vereinbarenden Wesenszügen. Seine Augen sangen ein wunderbares largo amabile, seine Hände preschten ein virtuoses presto con fuoco.

Jetzt, da er alle seine Sinne, jede Faser seines Körpers und jede Zelle seines Gehirns brauchte, um die wahnwitzige Virtuosenfalle zu meistern, nahm er sich geruhsam Zeit und Muße, einem Kind zuzulächeln. Als hätte er nichts anderes zu schaffen, leistete er sich den menschlichen Luxus einer ebenso ungeteilten Konzentration, um an diesen weißen Konzertengel einen liebevollen, Ruhe und Wärme ausstrahlenden Blick zu schicken. Nicht irgendein zufällig hingeworfener Seitenblick war das, nichts Unpersönliches, was auch uns manchmal aus den umher schweifenden Augen unbewusst entflieht. Nein, ich sah es, ich fühlte es unmissverständlich: Rubinstein meinte dieses Mädchen. Er schenkte ihr ganz bewusst und ungeteilt diesen einen Herzensblick, als wäre es eine für sie verstehbare, erfühlbare Gabe, wenn schon die Musik so fremd, so kompliziert für sie sein mochte. Mit uns, dem erwachsenen Publikum, sprach er die brillante, die höchst vollkommene Sprache der Musik und gleichzeitig -das war das Einmalige, das Grandiose!- öffnete er sein Herz und seine Augen, um nur diesem einen Mädchen in ihrer Sprache des Kinderherzens zu begegnen.

Das Kind zuckte verblüfft zurück, setzte zu einem kleinen Schritt rückwärts an, blieb aber doch stehen. Ein flüchtiges Rot flog über ihre Wangen, als fühlte sie sich bei einer unerlaubten Beobachtung ertappt. Dann erwiderte sie freudig das Lächeln mit ihrer unverstellten kindlichen Offenheit.

Dies alles ereignete sich im wörtlichsten Sinne während zweier Augenblicke, in einem Blitzblicktausch, umrauscht von unverminderter virtuoser Brillanz. Dies war die in meiner Erinnerung unauslöschliche und an jenem Abend so flüchtige Sekunde höchster Intensität und heiterster Leichtigkeit.

Rubinstein drängte während dieses Augendialogs souverän, zielstrebig und ohne Blick auf die Tasten in seinem rasenden Tongefunkel weiter, und ein leises Raunen der Freude und Überraschung entrang sich den Umstehenden, die Zeuge dieser kurzen Augenbegegnung geworden waren. In diesem Moment erlosch Rubinsteins Gesicht wieder, als sei nichts gewesen. Das Licht in seiner herzlichen Mimik verschwand so plötzlich, wie es entflammt war. Und mit maskenhafter Konzentration jagte er das Musikstück in seine letzte furiose Passage, die in einem frenetischen Jubel des stehenden Publikums ausklang.

Heute bin ich in der glücklichen Lage, mir wenigstens eine bruchstückhafte Wiederholung jener Szene zu verschaffen. Denn ich besitze einen Konzertmitschnitt dieses Stückes, das Rubinstein in jenen Jahren aufnehmen ließ. Und beim Hören bin ich heute noch verzaubert von seinem packenden Spiel, das in diesem brasilianischen Clowntanz gerade mal eineinhalb Minuten dauert.

Copyright Dr. Dietrich Weller

Diese Geschichte ist in meinem Buch Das Geständnis, Betulius Verlag erschienen.

 

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