Erinnern Sie sich an Rolf?

Mein Beitrag zum BDSÄ-Kongress in Wismar, Donnerstag 10.05.2018, 16 Uhr in der Lesung zum Thema „Wenn die Liebe ruft“

„Erinnern Sie sich an Rolf?“

Als ich 2012 begann, in der Notfallpraxis im Krankenhaus Leonberg Sprechstunde zu machen, begegnete ich einer Krankenschwester, die jetzt in der Anästhesie-Abteilung in Leonberg arbeitete und die in den 70-er-Jahren während meiner Weiterbildung zum Kinderarzt im Olgahospital Stuttgart auf meiner Station tätig war. Nach wenigen Sätzen fragte sie unvermittelt: „Erinnern Sie sich an Rolf?“

Sofort war mir das Bild präsent. Ich wusste genau, wen sie meinte, obwohl es viele Männer mit diesem Namen gibt. Aber dieser Rolf, den wir auf der Station bereits 1976 kennengelernt hatten, war offensichtlich auch in ihrem Herz unvergesslich eingeprägt.

Der damals neunjährige Rolf wurde von der Chirurgie auf meine internistische Station verlegt. Er hatte bei einem Verkehrsunfall mehrere komplizierte Frakturen und ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Nach Verheilung seiner Brüche lag er auf meiner Station, weil er immer noch bewusstlos war und keiner wusste, ob er noch einmal aufwachen würde. Ich muss gestehen, dass ich in meiner Unerfahrenheit die Chancen für Rolf sehr gering einschätzte. Jeden Tag kam die Mutter aus einer entfernt liegenden Stadt zu uns, setzte sich mit einer unendlichen Geduld an sein Bett, erzählte ihm Geschichten, sang ihm Lieder vor, streichelte und massierte ihn und half der Krankengymnastin bei ihren Übungen mit dem bewusstlosen Jungen. Ich muss ehrlicherweise zugeben, dass ich insgeheim die Frau etwas belächelte und damals glaubte, sie beruhige eigentlich nur sich selbst mit ihrem Tun.

So ganz nebenbei erfuhr ich dann, dass sie kurz vor Rolfs Unfall ihren Mann durch eine Krankheit verloren hatte und noch mitten in der Trauerphase war. Und so dachten wir, dass sie sich auch ablenken würde mit den Besuchen bei Rolf. Sie sagte einmal zu mir in einer stillen Stunde ganz ruhig: „Wissen Sie, ich muss alles für Rolf tun. Noch einen aus der Familie zu verlieren, das kann ich nicht! Ich weiß, dass er aufwacht!“

Die Schwestern berichteten immer wieder, dass Rolf tagsüber sehr unruhig war und sich nicht ansprechbar dauernd hin und her bewegte. Aber wenn die Mutter ins Zimmer kam und ihn auch nur kurz ansprach, wurde er ruhig. Es schien so, als ob er ihr zuhörte, wenn sie wieder ein Märchen erzählte oder ein Lied sang. So begann auch ich, an meiner hoffnungslosen Meinung zu zweifeln.

Eines Tages, kurz vor Rolfs zehntem Geburtstag, erzählte Rolfs Mutter ihm, wie es wäre, wenn er jetzt gesund zu Hause feiern könnte. Dann würde sie ihm seine Lieblingsspeise als Festessen machen. In diesem Moment öffnete sich langsam Rolfs Mund, und ganz leise, langsam und gut verstehbar kam das Wort „S-p-a-g-h-e-t-t-i“ heraus.

Wir waren fassungslos, weil wir das nicht erwartet hatten. Ich schämte mich über meinen Pessimismus und meine etwas abschätzige Meinung, die ich über die Mutter gehabt hatte. Gleichzeitig spürten wir alle eine riesige Freude und Dankbarkeit über das, was uns wie ein Wunder vorkam und vielleicht wirklich eines war.

Von diesem Moment an ging’s sichtbar bergauf mit Rolfs Heilung. Er wurde wacher und wacher, begann mit Hilfe seiner Mutter fleißig Gymnastik zu machen und lernte, an Krücken völlig neu zu gehen. Da er schwere Bein- und Hüftfrakturen gehabt hatte, war das sehr kompliziert und langwierig. Aber diese Frau, seine bewundernswerte Mutter, hat es geschafft, ihm immer wieder Mut zu machen und so seine Fort-Schritte im wörtlichen Sinn wirksam zu unterstützen. So konnte Rolf einige Monate nach seinem Unfall auf eigenen Beinen das Krankenhaus verlassen.

Ich habe oft an ihn gedacht. Etwa zehn Jahre später, als ich längst meine eigene Praxis hatte, meldete meine Arzthelferin „Da ist jemand, der Sie nur mal kurz sprechen will.“

Als er hereinkam, erkannte ich ihn nicht sofort, aber als er seinen Namen nannte, umarmte ich ihn mit herzlicher Freude. Er war mittlerweile ein gut aussehender junger Mann geworden, mitten in seiner Ausbildung zum Bankkaufmann. Und wenn ich nicht sehr genau hingeschaut und hingehört hätte, wären mir sein ganz geringes Hinken und ein kleiner Sprechfehler nicht aufgefallen.

 

Copyright Dr. Dietrich Weller

PS: Diese Geschichte habe ich bereits in meinem Buch „Wenn das Licht naht“ geschrieben und für den BDSÄ-Kongress minimal abgeändert.

 

 

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Unsere Inseln

Mein Beitrag für den BDSÄ-Kongress am 09. Mai 2017 in Wismar zum Thema „Inseln“  

Unsere Inseln

Vor vielen Jahren habe ich gelesen, ein Paar brauche zum Gelingen der Partnerschaft drei Inseln: Eine Insel für den Mann, eine Insel für die Frau und eine Insel für beide zusammen.

Unsere Insel heißt Freitag. Und das kam so.

Am Anfang unserer Partnerschaft, als ich noch Geschäftsführer zweier GmbHs war, sollte ich manchmal einen Geschäftstermin am Abend wahrnehmen. Birgit schlug deshalb vor, dass wir uns auf einen Abend in der Woche einigen, der uns gehört und an dem deshalb keine beruflichen Termine vereinbart werden. Die Idee gefiel mir sehr gut.

Da ich Birgit offensichtlich noch nicht gut genug kannte, schlug ich den Montag vor. An ihr verwundert-ärgerliches Gesicht kann ich mich gut erinnern: „Wie kannst du den schlechtesten Tag der Woche dafür auswählen?! Der beste Tag ist der Freitag. Denn da ist die Arbeitswoche vorbei, und ich kann entspannen!“

Seither ist der Freitagabend für Birgit und mich für Termine ohne Birgit tabu. An diesen Abenden bleiben wir zuhause oder gehen in unser kleines Lieblingslokal, wo wir uns bei einem guten Essen in Ruhe unterhalten können. So manches aus der Woche soll besprochen, erzählt, beschlossen werden. Manchmal verbringen wir diesen Abend auch mit Freunden. Und wir genießen die Gemeinsamkeit und Vertrautheit.

Aber ich muss gestehen, dass ich seit meiner Tätigkeit in der Notfallpraxis auch mit Birgits Einverständnis immer wieder Freitags-Nachtdienste angenommen habe. Das war nicht gut, und wir haben bald gemerkt, dass wir zu unserer ursprünglichen Vereinbarung zurückkehren sollten.

Jetzt meide ich diese Dienste und gebe sie an interessierte Kollegen ab oder tausche sie gegen einen anderen Tag.

Zum Thema Insel fällt mir auch ein, dass wir mehrfach auf Inseln Urlaub gemacht haben, Zypern und Madeira sind nur zwei Beispiele. Inzwischen haben wir UNSERE Insel gefunden. Auf Sylt fühlen wir uns am wohlsten. Dort kennen wir ein sehr gepflegtes kleines Appartementhotel an der Südspitze im letzten Haus in der letzten Straße mit unverbaubarem Blick auf die Heidelandschaft und aufs Meer. In wenigen Minuten sind wir auf der kleinen Einkaufstraße, wo der Bäcker die besten Frühstücksbrötchen und der EDEKA gute Weine und frische Nahrungsmittel anbietet. Und nach Westen, Süden und Osten sind wir nach fünf Minuten am Strand, wo wir stundenlang in der Brise spazieren gehen können. Die Landschaft, die Pflanzen, das Wetter und Birgit sind unerschöpfliche Fotomotive. Wir fühlen uns in einer wohltuenden Ruhe eingebettet. Wenn wir abends auf der Terrasse bei einem Glas Wein sitzen, die Sterne funkeln sehen und die Grillen zirpen hören, wenn wir am Horizont die Lichter eines vorbeifahrenden Schiffes beobachten, dann ist das unser herrlichstes Fern-Sehprogramm.

Und das Allerschönste: Für uns ist in Sylt jeder Tag Freitag.

Als wir zuletzt auf Sylt waren, schrieb ich meinem Freund Jürgen, wir seien auf DER Insel. Lakonisch wie wir ihn kennen, schrieb er knapp zurück: „DIE Insel heißt Rügen.“

Da ich noch nie dort war und Jürgen vertraue, möchte ich einmal mit Birgit auf Rügen Ferien machen. Aber nur wenn dort auch jeden Tag Freitag ist.

Copyright Dr. Dietrich Weller

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Leben ist das, was abläuft, während wir etwas anderes planen.

Mein Beitrag zur Lesung bei dem BDSÄ-Kongress in Wismar 2018 über das Thema „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen“

 Ich schreibe diesen Essay in dem großen Zweifel, dass es überhaupt einen Gott gibt. Es fällt mir sehr schwer zu glauben, dass es ihn gibt. Zu viel spricht dagegen. Trotzdem will ich mal für diesen Text annehmen, es gäbe ihn.

Leben ist das, was abläuft, solange wir etwas anderes planen.

Vielleicht ist das –ketzerischer Gedanke!- der Moment, in dem Gott richtig lacht, weil er uns reingelegt oder – wie wir erst viel später merken- auf den rechten Weg geführt hat. Es gibt das hypothetische Bild, dass seine Handlungsfäden wie bei der Rückseite eines Teppichs verschlungen und von vorn – von unserer Sicht aus – nicht erkennbar sind. Darauf berufen sich die Gläubigen, wenn sie ein trauriges oder schockierendes Ereignis nicht erklären können. Haben dann die Gebete nicht gewirkt, oder wollte Gott es anders? Wir müssen es sicherlich so annehmen, wenn wir es nicht ändern können. Aber sind wir dann ein Opfer unseres oder Gottes Handelns? Oder haben wir dann einfach „eine neue Herausforderung“? –

Klar ist mir: Das Leben kann uns viel aufbürden, aber es kann uns nicht dazu zwingen, wie wir darauf reagieren.

Klar ist mir auch: Wir können unser Leben oft erst im Rückblick verstehen -wenn überhaupt!-, aber leben müssen wir es vorwärts.

Wenn Gott uns nach seinem Bild geschaffen hat, muss er auch unsere negativen Eigenschaften haben und kennen, sonst kann er diese nicht in uns einpflanzen. Wie bei einem Schauspieler, der nur spielen kann, was in ihm angelegt ist. Ich denke, wir Menschen haben uns einen Gott als Ideal nach unserem Bild geschaffen! Deshalb hat er auch so viele menschliche Züge.

Es klingt sehr böse, und wenn es stimmt, ist es sehr böse: Vielleicht hat Gott mit sehr sarkastischem und malignem Humor Morde, Völkervernichtungen, Religionskriege und all die anderen scheußlichen Folgen von Hass als Bevölkerungsregulativ eingeplant und sitzt im Universum und lacht sich ins Fäustchen, wie wir Primitivlinge auf seinen Plan reinfallen. Friedensforscher haben errechnet, dass mehr Menschen durch Religionskriege in irgendeines Gottes Namen umgekommen sind als durch politisch und durch Landraub motivierte Kriege.

Das funktioniert(e) nur, weil sich die Menschen (oder Gott in ihnen?) eine wirksame Glaubensmär in die Welt gesetzt haben, die sie zum Hassen anstachelt. Das nennt man Propaganda, die in den Dienst einer so genannten „hohen Idee“ gestellt wird. Anders sind die vielen Gewalttaten im Namen Gottes oder einer anderen Ideologie nicht zu rechtfertigen.

Vielleicht hat Gott oder haben die Menschen die verschiedenen Religionen angeblich in seinem Auftrag mit einem Missionsgebot ausgestattet, um unter dem Vorwand, Frieden zu bringen, ihre Macht zu vergrößern.

Blaise Pascal sagte: „Nie tun Menschen Böses so gründlich und glücklich wie aus religiöser Überzeugung.“

Vielleicht haben wir Menschen aber seine Friedensbotschaft falsch verstanden und zimmern sie uns zurecht, wie es uns geschickt ist, um unsere Ziele zu erreichen.

Seit der Mensch Maschinen erfindet und weiterentwickelt, nimmt er immer mehr Einfluss auf die Umwelt, in der er lebt. Die Wissenschaftler nennen unser jetziges Zeitalter das Anthropozän, weil wir Menschen die Umwelt zunehmend beeinflussen und gestalten. Der Kampf um Geld und Macht auf der einen Seite und Erhaltung der Natur auf der anderen Seite ist noch nie so folgenschwer entbrannt wie zurzeit. Ich gehe davon aus, dass wir Menschen die Erde unbewohnbar machen. Aber ich bin mir auch sicher, dass die Natur selbst den letzten Atomkrieg überleben wird.

Ob Gott darüber lachen kann? Oder ist genau das sein Plan? Heißt sein Motto: „Die Menschen haben ihre Chance vertan, also fangen wir noch einmal von vorn an.“? 

Bert Brecht hat gesagt: „Das Schicksal des Menschen ist der Mensch.“
Ich denke, das Schicksal der Erde ist der Mensch.

Aber wir können auch mal annehmen, es gäbe keinen Gott. Dann ist dieses Universum durch den Urknall entstanden, und vieles aus seiner Entwicklungs-geschichte kennen wir noch nicht. Das Universum dehnt sich in immer größerem Tempo aus. Stephen Hawking hat in seiner Weltformel die Allgemeine Relativitätstheorie, die die Gesetze der unendlich großen Dimensionen wie Sterne und Galaxien erfasst, verbunden mit der Quantentheorie, die die Gesetze der unendlich kleinen Dimension wie Urknall und Schwarze Löcher beschreibt.

In seiner letzten Arbeit, die Hawking und sein belgischer Kollege Hertog kurz vor Hawkings Tod zur Veröffentlichung eingereicht haben, kommen sie zu dem Schluss, dass unser Universum nicht unendlich und viel einfacher ist, als viele Urknalltheorien es darstellen. Die neuen Aussagen über die Struktur des Universums könnten mit Gravitationswellendetektoren oder kosmischer Hintergrundstrahlung, dem sogenannten Urknall-Echo, nachgewiesen werden.[1]

Die Polaritäten heiß und kalt, hell und dunkel sind ein wesentliches Prinzip der Naturgesetze. Aber wer entscheidet, was gut und böse ist? Das ist kein Naturgesetz. Wir entscheiden das in unserer jeweiligen Gesellschaft. Es kommt darauf an, aus welchem Blickwinkel wir es betrachten und beurteilen.

Der Drang nach Macht ist allgegenwärtig. Der Stärkere gewinnt meist vorder-gründig und kurzfristig. Zu einem etwas weiteren Blick ist der Mensch zwar fähig, aber seine Handlungen werden überwiegend durch kurzfristige Vorteile begrenzt und bestimmt. In diesem Spannungsfeld stehen die Friedenswilligen den Kriegswilligen gegenüber. Die Überzeugungen, ob es eine Klimaerwärmung gibt oder nicht, trennt die Menschheit.

Dass bei der Evolution oder täglichen Entscheidungen von Menschen oder bei einem Zufall oder Effekten der  Synchronizität ein Gott seit Beginn seiner Existenz bis jetzt und für alle Ewigkeit gleichzeitig und das Universum umspannend an allen Orten bei jedem Tier, jedem Mensch und jedem Molekül!- seine regulierenden Hände (wie viele?) im Spiel hat, halte ich für völlig unrealistisch.

Wo bleibt der Humor? Ich denke, Humor ist das Gleitmittel im Getriebe der Welt, die wunderbare Eigenschaft, Unerträgliches auszuhalten und sich über viele kleine und große Geschenke der Natur und des Lebens zu freuen.

Ich bin fest überzeugt: Wir machen uns Himmel und Hölle hier auf Erden selbst. Das Jenseits mit dem belohnenden Himmel und der strafenden Hölle brauchen wir dazu nicht. Ich halte es für einen meist machtinduzierten und realitätsfernen Manipulationsversuch der Kirchen, einem Menschen für das Jenseits etwas Böses anzudrohen oder Gutes zu versprechen und von ihm deshalb im Diesseits ein bestimmtes Verhalten abzuverlangen.

Ich finde es zu einfach zu sagen, weil Adam und Eva sich falsch benommen haben, seien wir alle zu Fehlern und Sünder verdammt. Und wenn wir genügend Ablass bezahlen, kämen wir in den Himmel. Das ist eine gigantische Geldsammelidee, die man heute religionsunabhängig Crowd-Funding nennt und die bis heute u.a. in der katholischen Kirche vortrefflich wirkt. Aber mit Vergebung und innerem Frieden hat das nichts zu tun, sondern mit bewusster Irreführung der Gläubigen. Sogar Kardinal Marx hat den Ablasshandel als Betrug am Gläubigen bezeichnet.

Wenn es einen Gott gibt, mag er lachen über meine Gedanken. Wenn er mich gemacht hat und immer da ist und mich steuert, sind es ohnehin seine Gedanken. Dann lacht er über sich und seine Geschöpfe.

Wenn es ihn nicht gibt, freue ich mich, dass ich allein denken kann. Ich bin dankbar für das Schöne und Gute und Vollkommene, für die Liebe und die Musik, für die Orchideen und die Bienen. Ich lache gern, wenn mich ein fröhliches Kind mit seiner unverstellten Freude beschenkt. Aber mir bleibt das Lachen im Halse stecken, wenn ich an die von Gewalt dominierte Welt denke.

Unbezweifelbar gilt dieser Gedanke, den ich bei dem amerikanischen Psychiater Ron Smothermon („Drehbuch für das Leben“) gefunden habe: „Entweder gibt es einen Gott, oder es gibt keinen Gott. Das ist unabhängig davon, was ich glaube.“ 

 [1] N-tv 02.05.2018

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Die westliche Finanzpolitik

 

Mein Beitrag zur Lesung  Freie Themen
beim BDSÄ-Kongress in Wismar, 11.05.2018 um 18.30 h im Rathaussaal

Die westliche Finanzpolitik

Die seit dem 2. Weltkrieg bestehende westliche Finanzordnung halte ich für dringend reformbedürftig. Sie basiert auf Entscheidungen weniger Finanzmagnaten, die während des Krieges und nach den Beschlüssen 1944 in Bretton Woods, New Hampshire, begannen, die Finanzpolitik im US-amerikanischen Sinn mit einem Wechselkurssystem mit Bindung des US-Dollars an Gold als Grundlage der Wirtschaft zu steuern.

Die wichtigste US-Bank, die Federal Reserve Bank (FED), ist nicht federal (bundesstaatlich), sondern immer noch in privater Hand! Die FED hat seit ihrer Gründung 1913 als einzige Bank das Recht, ohne demokratische Kontrolle und ohne rechtliche Einschränkung US-Dollars zu schaffen. Die Eigentümer können sich nach Belieben bereichern. Da die Dollarmenge nach 1944 rasch zunahm –im Gegensatz zur Menge des geschürften Goldes-, war der Dollar bald nicht mehr ausreichend gedeckt. Deshalb beendete Nixon am 15.08.1971 die Gold-Dollar-Bindung.

Die Aufhebung der freien Wechselkurse 1973 brachte das Weltwirtschaftssystem in große Gefahr. Deshalb beschlossen die USA Mitte der 70-er-Jahre mit den Saudis, dass Öl im Rahmen der OPEC nur noch in US-Dollars gehandelt wird und die saudiarabischen Überschüsse ausschließlich in US-Staatsanleihen angelegt werden. Im Gegenzug garantiert die US-Regierung den Saudis bis heute(!) unbegrenzte Waffenlieferungen, Schutz vor seinen Feinden und seinen Untertanen(!).

Vor diesem Hintergrund ist leicht zu verstehen, warum Donald Trump seine erste Auslandsreise als US-Präsident nach Saudi-Arabien machte, sich ganz offensichtlich bei den Diktatoren sehr wohl fühlte, und den fünfzig arabischen Herrschern, die zu dem Besuch eingeladen waren, in Riad am 22. Mai 2017 zusagte: „Wir erleben hier eine völlig neue Ausrichtung amerikanischer Außenpolitik. Es handelt sich hier um eine Rückkehr zur Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten von Staaten.“

Das war ein Freibrief für die weitere Missachtung der Menschenrechte im arabischen Raum. Trump erwähnte die Menschenrechte mit keinem Wort. Sie sind ihm selbst ein Dorn im Auge. Diktatoren ziehen Möchte-gern-Diktatoren an.

Der IWF, der Weltbank und schließlich die EZB haben das Ziel, die USA als weltweit einzige(!) wirtschaftliche und militärische Supermacht zu sichern. Das US-Militärbudget (700 Mrd. Dollar) ist zehnmal so groß wie das russische mit 70 Mrd. Dollar. Die USA unterhalten weltweit in 130 Ländern Militärbasen, Russland nur eine (in Syrien).

Rhetorische Frage: Wer muss da vor wem Angst haben?

America first ist nicht nur der Wahlspruch eines Präsidenten, den ein Großteil der Weltbevölkerung für schwer persönlichkeitsgestört und friedensgefährdend hält. America first ist auch das Credo der imperialistischen Militär-, Finanz- und Wirtschaftspolitik, die mit dem Ziel der rücksichtslosen Gewinn- und Machtmaximierung die Politik längst steuert.

Ein wesentliches Werkzeug der Finanzindustrie besteht darin, Gewinn bringende Finanzprodukte zu entwickeln und zu verkaufen. Nach der geplatzten Immobilienblase in den USA wurden Politiker von den Banken dazu gezwungen, das Bankensystem als too big to fail  oder als systemrelevant zu bezeichnen. Banken dürfen also nicht pleitegehen. Sie müssen gerettet werden. Angeblich zu unser aller Nutzen. Und wie werden sie gerettet? Mit Steuergeldern. Will der Staat wirklich nur unser Bestes? Ja, unser Geld.

Nachdem Staaten wie Argentinien unter dem rigorosen Spardiktat des IWF (damals Leitung Horst Köhler!) und Jugoslawien, Griechenland, Island, Irland unter dem Spardiktat der Troika aus IWF, Weltbank und EZB leiden, sind die Menschen durch massive Einschränkungen im Gesundheitswesen und im sozialen und wirtschaftlichen Leben massiv beeinträchtigt. Ein paar Stichworte: Reduzierung der Renten, Erhöhung des Rentenalters, verteuerte Medikamente, unbezahlbare oder weit aufgeschobene Operationen, Einschränkung oder Streichen sozialer Erleichterung wie Altersversorgung, Kindererziehung, Schulbetrieb, Steuersenkung für Unternehmer, Steuererhöhung für Privatleute, Wegfall von sozialem Schutz der Arbeitnehmer …

Das alles sei notwendig (die Not wendend!), um die Schulden zurückzuzahlen und die Wirtschaft anzukurbeln. Tatsache ist, dass die offizielle Politik der Länder von wenigen Bankchefs diktiert wird. Sie lassen die Länder durch großzügige Kredite in die Schuldenfalle laufen und übernehmen dann gewinnbringend das Spardiktat.

Drei Beispiele:

  1. Die Oligarchen, die nach Zusammenbruch der Sowjetunion bei der Privatisierung der bankrotten Wirtschaftsbetriebe ein gigantisches Vermögen gemacht haben.
  2. Die Treuhand unter Horst Köhler hat nach der Wende deutsche Banken und Privatinvestoren reich gemacht. Die Deutsche Bank hat z.B. alle DDR–Bankfilialen kostenlos(!) übernommen.
  3. Durch das Zypern-Programm verloren 60.000 Anleger bis zu 80% ihres Vermögens.[1]

Die acht reichsten Menschen der Welt besaßen 2016 zusammen 426 Mrd. US-Dollar, während die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, das sind 3,6 Mrd. Menschen, gemeinsam lediglich 409 Mrd. Dollar besitzt.[2] Inzwischen (in 1 Jahr!) hat das Vermögen der acht reichsten Menschen um 56,6 %(!!) auf 667,4 Mrd. US-Dollar zugenommen. 82 Prozent des weltweiten Vermögenswachstums 2017 ging an das reichste eine Prozent der Bevölkerung. Das reichste eine Prozent in Deutschland besitzt ein Drittel der deutschen Vermögen.

Die Banken haben aus den Pleiten der Länder neue Foltermethoden für Schuldnerstaaten gelernt.

Ein Beispiel: Unter Bail-Out[3] versteht man die Rettung zahlungsunfähiger Banken mit Steuergeldern. Das ist schon lange praktizierte Methode. Die Bank für internationale Zusammenarbeit hat in ihrem Weißbuch 2010 erstmals ein neues Modell vorgestellt, das sie Bail-In nannte: Es schlägt die Beteiligung von Anteilseignern und Gläubigern einer Bank an ihren Verlusten vor.

Im Klartext: Wenn eine Bank pleitezugehen droht, werden die Bankkunden direkt und nicht über den Umweg der Staatskasse geschröpft. Diese Idee wurde sofort vom Financial Stability Board (FSB) aufgegriffen. Mario Draghi schlug damals vor, „neue Firmenanteile in einem beschleunigten Verfahren ohne Zustimmung der Aktionäre auszugeben“ und „das Vorkaufsrecht von Anteilseignern an der auszulösenden Firma außer Kraft zu setzen.“

Die Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma gab am 01.09.2011 eine entsprechende „Änderung der Sanierungsbestimmung“ bekannt.

Der IWF veröffentlichte am 24.04.2012 das Papier „Vom Bail-Out zu Bail-In“: Das war ein ausgefeilter Plan zur Massen-Enteignung von Einlegern, Kleinaktionären und Inhabern von Schuldverschreibungen unter dem zynischen Vorwand „Steuerzahler vor der Belastung durch Bankenverluste“ zu schützen.

Auf eine Anfrage bei „meiner“ Commerzbank, ob das auch für deutsche Bankkunden gilt, erhielt ich am 08.02.2018 folgende Antwort: „Das Sanierungs- und Abwicklungsgesetz (SAG) vom 01.01.2015 sieht … die Möglichkeit vor, dass nach den Inhabern einer Bank auch Gläubiger einer Bank an den Verlusten einer abzuwickelnden Bank beteiligt werden können, falls unter anderem der Verlustbeitrag der Inhaber der Bank nicht ausreichen sollte.[4] 

Mit gesundem Menschenverstand denkt man, der Grundsatz des Verursacherprinzips bei Schadensfällen gelte auch in der Bank. Das ist ein schwerer Denkfehler! Weder der Banker noch die Bank haften. Der Kunde bezahlt den Schaden zuerst mit der Stabilisierungsabgabe. Und wenn das Geld der Kunden nicht ausreicht, springt der Staat ein. Mit Steuergeldern, also mit dem Geld, das der Kunde schon abgeführt hat!

Der Banker haftet nur, wenn er betrogen hat, aber nicht, wenn er mit legalen Geschäften Verluste bewirkt hat. Ich erinnere mich sehr gut an das Schulterzucken meines Bankberaters, als ich sagte, dass er mir vor ein paar Jahren genau diese Aktien empfohlen hat, die jetzt wertlos sind. – „Pech gehabt“, meinte er.

Zynisch kann man sagen: Es ist ein Fehler des Kunden, sein Geld der Bank anzuvertrauen. Deshalb bezahlt der Kunde auch den daraus folgenden Schaden.

Was kann man gegen dieses Finanzdiktat tun?[5]

Mein 1. Wunsch: Das Eigenkapital der Banken muss erhöht werden. Die meisten Banken waren mit einem Eigenkapital unter 10% gegen eine Pleite gesichert. Sie sollen nach dem Basel-III-Abkommen vom 12.09.2010 mindestens einen Eigenkapitalanteil von 30% erreichen.

Mein 2. Wunsch: Es sollte Banken verboten werden, Eigenhandel mit Wertpapieren und Leerkäufe zu tätigen. Leerverkäufe sind Handel mit Papieren, die man nicht hat.

Mein 3. Wunsch: Die Banken müssen streng von unabhängigen Fachleuten kontrolliert werden, die demokratisch gewählt werden. Bis jetzt wird das Bankwesen kontrolliert von eigenen Leuten, die ohne demokratische Legitimation ernannt werden.

Mein 4. Wunsch: Banken müssen wie jeder andere Wirtschaftsbereich auch pleitegehen können. Nur so kann man vermeiden, dass Verluste zu Lasten der Gemeinschaft und Gewinne zum Vorteil der Banker gehen. Bankbilanzen müssen gesellschaftsverträglich sein wie bei jedem Wirtschaftsbetrieb.

Mein 5. Wunsch: Das Geld der Sparer muss getrennt sein vom Handel mit Geld. Sonst wird das gesparte Geld der Bankkunden für eine Querfinanzierung benutzt. Dann ist die Gefahr sehr groß, dass das Ersparte verloren geht.

 

[1] Lesen Sie die Geschichte der Finanzen in Ernst Wolff: Weltmacht IWF. Chronik eines Raubzugs, Textum Sachbuch.

[2] Oxfam-Bericht 2017

[3] to bail out: ausschöpfen, aus der Patsche helfen, mit einer Bürgschaft herausholen. Bail bedeutet auch Bürgschaft.

[4] Fortsetzung des Textes: Darüber hinaus ist die Commerzbank AG Mitglied des Einlagensicherungsfonds des Bundesverbandes deutscher Banken e.V, einer privatrechtlichen, staatlich nicht beaufsichtigten Einrichtung der privaten Banken. Der Einlagensicherungsfonds fungiert als Anschlussdeckung zur gesetzlichen Entschädigungseinrichtung bis zu der nach seinem Statut festgelegten Sicherungsgrenze. Auf der Basis des festgelegten Jahresabschlusses zum 31. 12.2916 beträgt die aktuelle Sicherungsgrenze je Gläubiger 5.095.000.000 Euro.“

[5] Werner, Weik und Friedrich, Sonst knallt´s, edition eichborn

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Roboter lernen ohne Menschen schneller und können deshalb gefährlich werden

Mein Beitrag zur Lesung Der Roboter im Menschen – der Mensch im Roboter
beim BDSÄ-Kongress in Wismar 2018

Roboter lernen ohne Menschen schneller und können deshalb gefährlich werden

Go ist ein strategisches Umzingelungsspiel für zwei Spieler, gilt als das komplexeste Brettspiel und ist wesentlich schwieriger als Schach. Das Spiel stammt ursprünglich aus China und wurde bereits im 4. Jhd. vor Christus beschrieben. Das Spielfeld besteht aus 19 horizontalen und 19 vertikalen Linien, die ein Gitter von 19×19 = 361 Schnittpunkten bilden. Auf diese Punkte werden die 181 weißen und 181 schwarzen Steine gesetzt. Bei dem Spiel müssen Gebiete umzingelt werden. Es ist dem Gedanken nach ein Lebens- und Militärspiel. Wichtige Fachbegriffe sind zum Beispiel Selbstmord, Leben und Tod, Angriff und Verteidigung.

Es war immer klar, dass ein Computer nie besser Go spielen können wird als ein guter Go-Spieler. Der Spieler braucht zum Erfolg auch Intuition, das hat der Computer nicht. Aber 1997 schlug der Schachcomputer DeepBlue den langjährigen Schachweltmeister Kasparov unter Turnierbedingungen. Das war eine Herausforderung für die Computerspezialisten, die sich mit künstlicher Intelligenz und Go beschäftigten.

Die Sensation gelang, als 2015 ein Computer mit dem Namen AlphaGo einen damals weltbesten Go-Spieler mit 4:1 vom Brett fegte und zeigte, dass ein gut trainierter Computer besser Go spielt als ein Champion. Aber AlphaGo war kein normaler PC, sondern aus mächtiger Hardware und frei zusammenarbeitenden Softwaresystemen gebaut, zwei davon waren neuronale Netze, also unserem Hirn ähnlich konstruiert. Diese Netze haben einen gigantischen Vorteil gegenüber einem normalen Computer: Sie können lernen.

AlphaGo lernte zuerst zehntausende historische Go-Partien und spielte dann gegen sich selbst, bis er das Go-Genie Lee Sedol demütigte. Anfang 2017 trat die neue Version AlphaGo-Master gegen eine Reihe der weltbesten Go-Spieler an und gewann 60:0.

Am 19.10.2017 berichtete Nature über die Neuentwicklung AlphaGo-Zero, die mit nur einem neuronalen Netzwerk auskommt. Man brachte ihm nur die Spielregeln bei. Binnen drei Tagen spielte AlphaGo-Zero 4,9 Millionen Partien gegen sich selbst. Es lernt aus seinen Fehlern und zwar auf beiden Seiten des Spielbretts. Danach trat AlphaGo-Zero gegen den älteren „Bruder“ AlphaGo an, der Lee Sedol geschlagen hatte. Der Autodidakt AlphaGo-Zero gewann 100:0.

Dann trainierte AlphaGo-Zero 45 Tage lang und trat dann gegen AlphaGo-Master an, das System, das noch Monate zuvor mehrere der weltbesten Spieler vernichtend geschlagen hatte. Jetzt gewann das selbst lernende System, das ohne menschliche Hilfe trainiert hatte, mit 89:11.

Ke Jie, der derzeitige Go-Weltmeister, hatte gegen AlphaGo-Zeros Vorgängerversion verloren und sagte hinterher, die Software habe noch wie ein Mensch gespielt, nun aber habe sie sich in einen Go-Gott verwandelt, aber eben in einen Gott mit menschlichen Lehrmeistern. Der neue Go-Gott braucht keine Lehrmeister mehr.

Warum erkläre ich das so ausführlich?

Es ist jetzt bewiesen, dass Computer allein lernen können und nicht mehr vom Menschen abhängig sind, wenn sie die Grundfunktion können.

Ich denke, es ist keine Hellseherei, wenn wir davon ausgehen, dass neuronale Netze in Zukunft eine Vielzahl von Problemen lernen und lösen werden, an der die Menschheit bis jetzt gescheitert ist. Beispiel sind leicht aufzuzählen: Krebstherapien, Bilderkennung, Übersetzungen mit Sinnerkennung, Entwicklung von neuen Werkstoffen oder Medikamenten. Das Problem, die Aufgabe muss dem PC nur ausreichend klar geschildert werden. Vielleicht verstehen wir die Lösungen nicht mehr, auch wenn sie funktionieren.

Die künstliche Intelligenz kann inzwischen jede menschliche Stimme täuschend echt nachahmen. Das kann zum Beispiel in einem Pflegeroboter genützt werden, der mit dem Kranken in der Stimme spricht, die ihm ein vertrautes Gefühl gibt.

Wenn die Stimme aber identisch der originalen Stimme nachkonstruiert wird, kann ein Frequenzanalysator die echte nicht mehr von der gefälschten Stimme unterscheiden. Alles, was telefonisch erledigt oder mitgeteilt werden kann, ist dann mögliches Objekt von Fälschung. Der Roboter kann mit dieser Stimme kriminelle oder segensreiche Dinge vollbringen.

Wenn man diesem Computer z.B. militärische Aufgaben stellt, kann er Lösungen finden.

Das ist gar nicht so weit entfernt! „Der Kalte Krieg ist vorbei“, sagte Putin im Deutschen Bundestag am 9.12.2001 in seiner überwiegend in Deutsch gehaltenen Rede. Der Westen behandelte Russland aber weiter als Unterlegenen. Das ist ein Beweis, dass der kalte Krieg in den westlichen Köpfen noch genauso besteht wie die Mauer zwischen Ost und West. Wenn das Feindbild aufgelöst wäre, hätte der Westen mit dem Osten eine Partnerschaft auf Augenhöhe entwickeln können. Aber der Westen baute die NATO weiter aus, obwohl den Russen offiziell von den westlichen Regierungschefs, allen voran von Helmut Kohl und George Bush, mehrfach versprochen war, nach der Wiedervereinigung Deutschlands die NATO nicht nach Osten zu erweitern.

Putin hat in seiner Rede der Nation am 04.03.2018 bekannt gegeben, dass Russland inzwischen über Lenkwaffen verfügt, die mit mehr als fünffacher Schallgeschwindigkeit und atomarem Antrieb praktisch unbegrenzte Reichweite haben und jeden Radarschirm auch mit der extrem hohen Geschwindigkeit so lange unentdeckt umfliegen können, bis sie ihr Ziel erreichen. Diese Waffen sind für bisherige Abwehrtechniken nicht erreichbar, weil sie zu schnell sind. Putin legte Wert auf die Feststellung, dass er diese Waffen nur einsetzen werde, wenn Russland angegriffen wird. Die Aufrüstung geht weiter.

Ich gehe davon aus, dass die Koordinaten von Ramstein in der Pfalz und Stuttgart bereits als erste Ziele in den Steuerungsinstrumenten der russischen Raketen eingegeben sind.

Ramstein Air Base ist die personalmäßig größte Einrichtung der US-Luftwaffe außerhalb der Vereinigten Staaten und das Hauptquartier der US-Luftwaffe für Europa und Afrika sowie das Hauptquartier der NATO-Kommandobehörde zur Führung von Luftstreitkräften. Von dort werden u.a. die Planung und Steuerung der Kampfdrohnen-Einsätze gegen Terroristen im Irak, Afghanistan, Somalia, Jemen sowie die Drohnenangriffe in Pakistan koordiniert. In Ramstein waren US-Atomwaffen gelagert, die angeblich 2005 abgezogen wurden.

Die US-Luftwaffe nutzt den Stützpunkt hauptsächlich als europäische Drehscheibe für Fracht- und Truppentransporte und als Ziel von Evakuierungsflügen, da sich im nahen Landstuhl das größte US-Lazarett außerhalb der USA befindet.

In den Patch-Barracks in Stuttgart ist die Europäische Kommandozentrale der US-Streitkräfte stationiert, von wo z.B. die Operation Enduring Freedom (also der Krieg gegen den Terrorismus in Afghanistan, Afrika, und auf den Philippinen), der Krieg in Somalia und die Luftoperationen am Anfang des Kosovokriegs gesteuert wurden und die US-Streitkräfte in Osteuropa gelenkt werden.

Für die etwa 1700 km von der russischen Grenze nach Deutschland braucht eine Rakete bei fünffacher Schallgeschwindigkeit etwa eine viertel Stunde.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Roboter lernen, den Menschen als Entscheidungsträger auszuschalten. Sie werden sachliche Entscheidungen treffen und umsetzen, die jenseits von Gefühlen oder Moral oder Gesetz liegen. Wenn wir heute schon von irgendeinem Punkt der Welt den Kühlschrank und den Rasenmäher zuhause an- oder ausschalten können, wird in Zukunft eine vom PC ferngesteuerte Drohne eine Todesliste abarbeiten, für die heute noch ein Drohnenpilot auf den Knopf drücken muss. Der lernende Computer erstellt die Tötungsliste selbst!

Wir könnten dem Computer auch die Aufgabe stellen, einen biologischen abbaubaren Stoff zu erfinden, der Plastik ersetzt und das vorhandene Plastik aus den Meeren fischt. Japanische Forscher haben jetzt Bakterien gefunden, die Plastik verdauen. Leider sind die Nebenwirkungen noch nicht erforscht, und eine weltweite Nutzung ist noch weit entfernt.

Wir könnten den Computer lernen lassen, wie Hungernde mit den vorhandenen Nahrungsmitteln überleben. Vielleicht findet der Computer auch einen Weg, wie Frieden in das Gehirn von Regierenden und Regierten gelenkt werden kann.

Aber was geschieht, wenn der lernende Computer herausfindet, dass der Mensch das wesentliche Problem bei der Lösung der Aufgaben ist? Was geschieht, wenn der Computer lernt, wie er sich selbst Befehle geben kann, um die Verursacher der Probleme auszuschalten?

Stephen Hawking, der geniale Astrophysiker, hatte die Antwort: Anders als unser Intellekt verdoppeln Computer ihre Leistung alle 18 Monate. Daher ist die Gefahr real, dass sie Intelligenz entwickeln und die Welt übernehmen.

Copyright Dr. Dietrich Weller

 

 

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Tomte Parker – Ich lieg dann mal los – Rezension

Tomte Parker
Ich lieg dann mal los
Von der Sofakartoffel zum Liegeradsuperhelden

FjällBunny Verlag, ISBN 978-3-00-058264-6, 290 Seiten

Rezension

Ich bin ein bekennender Nichtsportler. Es ist Jahrzehnte her, dass ich auf einem Fahrrad gefahren bin. Schreibtischvorsitzender, meditativer Fotograf und Dauerleser würde besser zu mir passen.

Umso gewichtiger ist meine Begeisterung für dieses Buch. Es hat mich von Anfang bis Ende fasziniert.

Mein internistischer Kollege, der sich das Pseudonym Tomte Parker verliehen hat, wird durch das Geschenk eines Fahrrades, das er im hohen Fahrrad-Anfänger-Alter von 36 Jahren geschenkt bekommt, mit dem Zweiradvirus infiziert. Die „Bewegungskrankheit“ hat ihn total erwischt. Er fährt anfänglich (fast) untrainiert und mit einem City-Bike unter der Radhose bei Straßenradrennen mit und triumphiert als weit abgeschlagener Letzter. Jetzt erst recht, ist seine Devise. Er lässt sich nicht unterkriegen und absolviert eine Tour durch die Normandie. um seinen dort lebenden Bruder zu besuchen. Dann kommt der entscheidende Gedanke: Er kauft sich ein Liegenddreirad und beschließt, vom Wendland an das Nordkap zu fahren. Das sind von seinem Wohnort in Niedersachsen gerade mal 2800 km. Aus beruflichen Gründen plant er die Tour auf drei Abschnitte innerhalb eines Sommers. Zwischendurch ist er wieder ein paar Wochen in der Klinik tätig. Auf der letzten Etappe begleiten ihn seine Frau und der dreizehnjährige Sohn Moritz – beide ebenfalls auf Fahrrädern.

Die Geschichte ist nicht nur spannend, weil es zwischendurch trotz sorgfältigster Planung der Tagesetappen mit Nachtquartier und Anpassung des Streckenverlaufs an das Höhenprofil so aussieht, als würde die Mission scheitern. Entspannte Tage in der traumhaft schönen skandinavischer Landschaft wechseln ab mit golfballgroßen Hagelkörnern, endzeitähnlichen Wolkenbrüchen und lebensbedrohlichen LKW-Fahrern. Parker trotzt allen Widerständen. Ich gewann den Eindruck, dass ihn die völlige körperliche Erschöpfung, in die er sich mehr als einmal hineinfährt, am nächsten Tag wieder umso entschlossener seine Satteltaschen packen und in die Pedale treten lässt. Mit dem idealistischen Anspruch des Superhelden auf drei Rädern konfrontiert er sich mit der demütigenden Wirklichkeit von kräftezehrenden Witterungen und Bergsteigungen. Er kann über sich lachen mit realistischer Selbstkritik und Mut machender Hoffnung.

Drei Aspekte haben mich ganz besonders berührt in diesem Buch.

Da ist einerseits die enorme körperliche Leistung, eine solche Extremradwandertour durchzustehen. Das zwingt, glaube ich, auch einem leidenschaftlichen und hochtrainierten Radfahrer höchste Achtung ab! Und andererseits zeigt das Buch in nahezu jedem Satz eine ansteckend positive und überzeugende Grundhaltung, die Tomte Parker selbst aus der größten Wut und Erschöpfung heraus führt. Das erkennen wir besonders gut im letzten Teil der Extremtour, als es darum geht, das gemeinsame Ziel zu dritt zu erarbeiten. Wie diese Familie hier im Team die Schönheiten der Reise genießt und die unvermeidlichen Konflikte löst, erscheint mir vorbildlich. Und wie der dreizehnjährige Moritz die Strapazen wegsteckt und als ebenbürtiges Teammitglied handelt, darf als große Herausforderung und Beispiel gebende Haltung für viele junge Menschen gelten.

Drittens bietet die leicht lesbare und fantasievolle Sprache ein exquisites Vergnügen. Sie zaubert unmittelbar lebhafte Bilder in das Kopfkino des Lesers und verbindet diesen Film mit einem durchgängigen Sprachwitz und geistreichem Humor, wie ich ihn in den letzten Jahren in keinem Buch gefunden habe. Aber missverstehen Sie mich bitte nicht! Das Buch ist keine oberflächliche Sammlung von Tagesimpressionen. Wir lesen eine tagebuchähnliche Schilderung von Ereignissen, die mit sensibler Empfindung aufgenommen und durch virtuose Sprachkunst vor unseren Augen lebendig werden.

So stelle ich mir Unterhaltung auf bestem inhaltlichem und sprachlichem Niveau vor! Ich gratuliere zu diesem Erstlingswerk und freue mich auf das zweite Buch, das Tomte Parker gerade vorbereitet!

 

 

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Lebenserfahrung

für einen Freund

 

Lebenserfahrung

Wenn ein Richtspruch die Vergangenheit
wie eine Türe schließt,

wenn verblasste Träume schmerzhaft
flackern durch ihr grelles Ende,

wenn die Seelensplitter klirrend
an der Mauer des Verdrängens hallen,

wenn Trauerflor die
fröhliche Erinnerung  umweht,

schiebt das Leben uns den einen Schritt
weiter, den wir kaum alleine schaffen.–

Der neue Tag, die nächste Stunde
schicken Licht uns

zaghaft erst, dann langsam klarer, heller,
zeigen uns den Weg

den wir nicht ahnten,
vielleicht nicht hoffen konnten.

Schließlich sehen wir
mit Dankbarkeit und Zuversicht:

Ohne das Erlittene, Beglückende
wären wir nicht hier an dieser Stelle,

die leuchtet, lebensprächtig wärmt.

 

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Das aktualisierte Arzt-Gelöbnis vom Oktober 2017 und der Eid des Hippokrates

Der Originaltext des aktualisierten Arzt-Gelöbnisses ist bis jetzt noch nicht offiziell in alle Sprachen übersetzt.

Meine deutsche Übersetzung folgt nach dem Originaltext.

Originaltext-Quelle: www.wma.net/policies-post/wma-declaration-of-geneva/

 

WMA DECLARATION OF GENEVA
Adopted by the 2nd General Assembly of the World Medical Association, Geneva, Switzerland, September 1948
and amended by the 22nd World Medical Assembly, Sydney, Australia, August 1968
and the 35th World Medical Assembly, Venice, Italy, October 1983
and the 46th WMA General Assembly, Stockholm, Sweden, September 1994
and editorially revised by the 170th WMA Council Session, Divonne-les-Bains, France, May 2005
and the 173rd WMA Council Session, Divonne-les-Bains, France, May 2006
and amended by the 68th WMA General Assembly, Chicago, United States, October 2017

 

The Physician’s Pledge

AS A MEMBER OF THE MEDICAL PROFESSION:

I SOLEMNLY PLEDGE to dedicate my life to the service of humanity;

THE HEALTH AND WELL-BEING OF MY PATIENT will be my first consideration;

I WILL RESPECT the autonomy and dignity of my patient;

I WILL MAINTAIN the utmost respect for human life;

I WILL NOT PERMIT considerations of age, disease or disability, creed, ethnic origin, gender, nationality, political affiliation, race, sexual orientation, social standing or any other factor to intervene between my duty and my patient;

I WILL RESPECT the secrets that are confided in me, even after the patient has died;

I WILL PRACTISE my profession with conscience and dignity and in accordance with good medical practice;

I WILL FOSTER the honour and noble traditions of the medical profession;

I WILL GIVE to my teachers, colleagues, and students the respect and gratitude that is their due;

I WILL SHARE my medical knowledge for the benefit of the patient and the advancement of healthcare;

I WILL ATTEND TO my own health, well-being, and abilities in order to provide care of the highest standard;

I WILL NOT USE my medical knowledge to violate human rights and civil liberties, even under threat;

I MAKE THESE PROMISES solemnly, freely and upon my honour.

Oct 14th, 2017

 

Übersetzung von Dr. Dietrich Weller

Angenommen von der 2. Vollversammlung der Weltärztegesellschaft WMA, Genf 1948,

verändert von der 22. WMA-Versammlung, Sydney, August 1968

und der 35. WMA-Versammlung, Venedig, Oktober 1983

und der 46. WMA-Versammlung, Stockholm, September 1994,

bearbeitet vom 170. WMA-Rat, Divonne-les-Bains, Mai 2005

und dem 173. WMA-Rat, Divonne-les-Bains, Mai 2006,

verbessert von der 68. WMA-Vollversammlung, Chicago, Oktober 2017

 

Das Arzt-Gelöbnis

Als Mitglied des ärztlichen Berufsstandes

gelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen;

die Gesundheit und das Wohlergehen meines Patienten werden meine erste Überlegung sein.

Ich werde die Eigenständigkeit und Würde meines Patienten respektieren.

Ich werde höchsten Respekt für das menschliche Leben bewahren.

Ich werde nicht zulassen, dass Überlegungen von Alter, Krankheit oder Behinderung, Glauben, ethischer Abstammung, Geschlecht, Nationalität, politischer Zugehörigkeit, Rasse, sexueller Orientierung, sozialem Status oder irgendein anderer Faktor zwischen meine Pflicht und meinen Patienten eingreifen werden.

Ich werde die Geheimnisse bewahren, die mir anvertraut werden, auch nachdem mein Patient gestorben ist.

Ich werde meinen Beruf ausüben mit Verantwortungsbewusstsein und Würde und in Übereinstimmung mit guter medizinischer Praxis.

Ich werde die Ehre und die vornehmen Traditionen des medizinischen Berufs fördern.

Ich werde meinen Lehrern, Kollegen und Studenten den Respekt und die Dankbarkeit schenken, die ihnen zustehen.

Ich werde mein medizinisches Wissen zum Wohl des Patienten und des Fortschritts der Gesundheitsfürsorge weitergeben.

Ich werde mich um meine eigene Gesundheit, mein Wohlergehen und meine Fähigkeiten kümmern, um Fürsorge mit höchster Qualität zu gewähren.

Ich werde mein medizinisches Wissen nicht nützen, um Menschenrechte oder bürgerliche Freiheiten zu verletzen, auch nicht unter Bedrohung.

Ich leiste diese Versprechen feierlich, freiwillig und auf meine Ehre.

14.10.2017

 

Zum Vergleich der Eid des Hippokrates,
der von dem Arzt-Gelöbnis abgelöst wurde. (Quelle: Wikipedia)

Griechisches Original Deutsche Übersetzung
Ὄμνυμι Ἀπόλλωνα ἰητρὸν, καὶ Ἀσκληπιὸν, καὶ Ὑγείαν, καὶ Πανάκειαν, καὶ θεοὺς πάντας τε καὶ πάσας, ἵστορας ποιεύμενος, ἐπιτελέα ποιήσειν κατὰ δύναμιν καὶ κρίσιν ἐμὴν ὅρκον τόνδε καὶ ξυγγραφὴν τήνδε. „Ich schwöre, Apollon den Arzt und Asklepios und Hygieia und Panakeia und alle Götter und Göttinnen zu Zeugen anrufend, daß ich nach bestem Vermögen und Urteil[3] diesen Eid und diese Verpflichtung erfüllen werde:
Ἡγήσασθαι μὲν τὸν διδάξαντά με τὴν τέχνην ταύτην ἴσα γενέτῃσιν ἐμοῖσι, καὶ βίου κοινώσασθαι, καὶ χρεῶν χρηίζοντι μετάδοσιν ποιήσασθαι, καὶ γένος τὸ ἐξ ωὐτέου ἀδελφοῖς ἴσον ἐπικρινέειν ἄῤῥεσι, καὶ διδάξειν τὴν τέχνην ταύτην, ἢν χρηίζωσι μανθάνειν, ἄνευ μισθοῦ καὶ ξυγγραφῆς, παραγγελίης τε καὶ ἀκροήσιος καὶ τῆς λοιπῆς ἁπάσης μαθήσιος μετάδοσιν ποιήσασθαι υἱοῖσί τε ἐμοῖσι, καὶ τοῖσι τοῦ ἐμὲ διδάξαντος, καὶ μαθηταῖσι συγγεγραμμένοισί τε καὶ ὡρκισμένοις νόμῳ ἰητρικῷ, ἄλλῳ δὲ οὐδενί. den, der mich diese Kunst lehrte, meinen Eltern gleich zu achten, mit ihm den Lebensunterhalt zu teilen und ihn, wenn er Not leidet, mitzuversorgen; seine Nachkommen meinen Brüdern gleichzustellen und, wenn sie es wünschen, sie diese Kunst zu lehren ohne Entgelt und ohne Vertrag; Ratschlag und Vorlesung und alle übrige Belehrung meinen und meines Lehrers Söhnen mitzuteilen, wie auch den Schülern, die nach ärztlichem Brauch durch den Vertrag gebunden und durch den Eid verpflichtet sind, sonst aber niemandem.
Διαιτήμασί τε χρήσομαι ἐπ‘ ὠφελείῃ καμνόντων κατὰ δύναμιν καὶ κρίσιν ἐμὴν, ἐπὶ δηλήσει δὲ καὶ ἀδικίῃ εἴρξειν. Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil; ich werde sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht.
Οὐ δώσω δὲ οὐδὲ φάρμακον οὐδενὶ αἰτηθεὶς θανάσιμον, οὐδὲ ὑφηγήσομαι ξυμβουλίην τοιήνδε. Ὁμοίως δὲ οὐδὲ γυναικὶ πεσσὸν φθόριον δώσω. Ἁγνῶς δὲ καὶ ὁσίως διατηρήσω βίον τὸν ἐμὸν καὶ τέχνην τὴν ἐμήν. Ich werde niemandem, auch nicht auf seine Bitte hin, ein tödliches Gift verabreichen oder auch nur dazu raten. Auch werde ich nie einer Frau ein Abtreibungsmittel geben. Heilig und rein werde ich mein Leben und meine Kunst bewahren.
Οὐ τεμέω δὲ οὐδὲ μὴν λιθιῶντας, ἐκχωρήσω δὲ ἐργάτῃσιν ἀνδράσι πρήξιος τῆσδε. Auch werde ich den Blasenstein nicht operieren, sondern es denen überlassen, deren Gewerbe dies ist.
Ἐς οἰκίας δὲ ὁκόσας ἂν ἐσίω, ἐσελεύσομαι ἐπ‘ ὠφελείῃ καμνόντων, ἐκτὸς ἐὼν πάσης ἀδικίης ἑκουσίης καὶ φθορίης, τῆς τε ἄλλης καὶ ἀφροδισίων ἔργων ἐπί τε γυναικείων σωμάτων καὶ ἀνδρῴων, ἐλευθέρων τε καὶ δούλων. Welche Häuser ich betreten werde, ich will zu Nutz und Frommen der Kranken eintreten, mich enthalten jedes willkürlichen Unrechtes und jeder anderen Schädigung, auch aller Werke der Wollust an den Leibern von Frauen und Männern, Freien und Sklaven.
Ἃ δ‘ ἂν ἐν θεραπείῃ ἢ ἴδω, ἢ ἀκούσω, ἢ καὶ ἄνευ θεραπηίης κατὰ βίον ἀνθρώπων, ἃ μὴ χρή ποτε ἐκλαλέεσθαι ἔξω, σιγήσομαι, ἄῤῥητα ἡγεύμενος εἶναι τὰ τοιαῦτα. Was ich bei der Behandlung sehe oder höre oder auch außerhalb der Behandlung im Leben der Menschen, werde ich, soweit man es nicht ausplaudern darf, verschweigen und solches als ein Geheimnis betrachten.
Ὅρκον μὲν οὖν μοι τόνδε ἐπιτελέα ποιέοντι, καὶ μὴ ξυγχέοντι, εἴη ἐπαύρασθαι καὶ βίου καὶ τέχνης δοξαζομένῳ παρὰ πᾶσιν ἀνθρώποις ἐς τὸν αἰεὶ χρόνον. Παραβαίνοντι δὲ καὶ ἐπιορκοῦντι, τἀναντία τουτέων.[4] Wenn ich nun diesen Eid erfülle und nicht verletze, möge mir im Leben und in der Kunst Erfolg zuteil werden und Ruhm bei allen Menschen bis in ewige Zeiten; wenn ich ihn übertrete und meineidig werde, das Gegenteil.“[5]
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Rapidot, der Debutroman von Dr. Cordula Sachse-Seeboth

Dr. med. Cordula Sachse-Seeboth,

RAPIDOT, Pandoras Pillbox,

Amazon 2017

 

Rezension

Eine Warnung vorweg: Es soll Menschen geben, die an das Gute im Menschen und besonders in unserem Gesundheitssystem glauben. Wenn Sie diesen Glauben aufrechterhalten wollen, sollten Sie Rapidot, den Debutroman von Cordula Sachse-Seeboth, der im April 2017 erschienen ist, nicht anfangen zu lesen. Denn wenn Sie anfangen, kommen Sie nicht mehr weg. Sie werden hineingerissen in einen Strudel von kurzen Kapiteln, die mit einer rasanten und leider realistisch möglichen Handlung alle Hinterhältigkeiten und kriminellen Machenschaften offenlegen, die bei der Erprobung eines neuen Medikaments im Rahmen von vorgeschriebenen Studien denkbar sind. Die Gier nach Geld und Macht sind die Treibfedern einer Bande von Gangstern im vornehmen Klinik- und Pharmamilieu von Berlin. Die Handlung spielt hauptsächlich in der Kardiologischen Klinik der Cordialité (wer könnte die Parallele zu der berühmten Charité übersehen?), wo Professor Lindberg der Leiter der zweiten Studienphase zu einem revolutionären Mittel gegen das gefährliche Vorhofflimmern ist. Rapidot ist das als Handelsname geplante Kunstwort aus rapid – schnell und Anti-dot – Gegengift.

Die studienerfahrene Ärztin und Autorin Cordula Sachse-Seeboth schildert mit enormem Sachwissen und verblüffenden Details zu Praxis und Risiken des Studienablaufs, wie gewissenlose Drahtzieher planmäßig Menschenleben aufs Spiel setzen, um die Genehmigung für das Medikament Rapidot zu erhalten. Den Verbrechern im weißen Kittel und im blauen Zweireiher, die mit teilweise sarkastischer Eiseskälte geschildert werden, steht die junge Assistenzärztin Zoe gegenüber. Sie wird als Assistentin von Lindberg eingestellt und mit der Durchführung der Studie betraut, weil er testosterongesteuertes Interesse an ihr hat und sie ihn mit kluger Ablehnung und geistreicher Schlagfertigkeit reizt. Zoe ahnt die geplanten kriminellen Pläne der Pharmafirma und die lebensgefährdende Wirkung von Rapidot und heckt einen ebenso kriminellen Plan aus, um die Versuchspersonen zu retten. Zoe entdeckt die Hintergründe, die zu zehn „zufälligen“ Unfalltoten im Vorfeld der ersten Studienphase geführt haben. Dadurch verwickelt sie sich immer mehr in eine für sich selbst lebensbedrohliche Lage. Das Netz der Gier und der Süchte, der Lügen und Finten, der Morde und Rettungsversuche wird entfaltet, es führt zu mehreren packenden Höhepunkten und fällt dann auf total verblüffende Weise in sich zusammen.

Obwohl der Roman 600 Seiten umfasst, wird der Leser von Kapitel zu Kapitel weitergelockt, denn die Autorin beherrscht die Dramaturgie perfekt: Sie lässt den Leser oft am Ende eines Kapitels im spannendsten Moment „hängen“ und schwenkt zu einem anderen Handlungsstrang um. (Daher kommt der Fachbegriff cliffhanger.) Die einzelnen Kapitel sind knapp und präzise aufgeteilt und geschildert. Sie springen mitten in die Handlung, und schildern Menschliches und Allzumenschliches in bildhafter Sprache, die häufig mit witzigen und geistreichen Dialogen gespickt ist. Skrupellosigkeit, Raffinesse, kriminelle Energie und tiefe Menschlichkeit werden eindrucksvoll verwoben. Die Charaktere der Handlung sind plastisch und lebensecht beschrieben, sehr gut ausgearbeitet, auch mit vielen kleinen Charakteristika versehen, und der Leser kann sich jede Hauptperson klar vorstellen. Das Böse und das Gute liegen sehr nahe beieinander. Und beides ist glaubwürdig.

Imponierend finde ich, dass die Autorin im Anhang nach Ideen der Arzneimittelkommission, der Cochrane Collaboration und der Zeitschrift arznei-telegramm einen realisierbaren und wertvollen Katalog von Verbesserungen der bis jetzt gültigen Vorschriften für Studienabläufe zusammengestellt hat. Die dort noch enthaltenen Lücken in den Regeln haben unter anderem den vorliegenden Pharma-Thriller möglich gemacht. Dass die Autorin auch eine gehörige Portion Humor hat, zeigt sie mit dem angehängten Kapitel „Aufklärung über Nutzen und Risiken des Buchkonsums“.

Ein beeindruckender und (auch für Nichtmediziner!) lesenswerter Debutroman, der mich neugierig macht, womit die Autorin uns demnächst überrascht. Ihren Kindern hat sie Kinderbücher versprochen, und Science-Fiction steht auch auf ihrem Plan. Wir dürfen gespannt sein.

Dr. med. Dietrich Weller,

Präsident im Bundesverband Deutscher Schriftstellerärzte BDSÄ

 —>> Lesen Sie auch www.rapidot.de

 

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Der Bläuling

Der Bläuling

An diesem Nachmittag lag meine Stimmung etwas unter der Mittellinie. Ich war müde und wusste, dass mir noch eine Nachtsprechstunde in der Notfallpraxis bevorstand. Nach einem Schläfchen auf dem Sofa saß ich wieder am Schreibtisch, um einen Beitrag über Donald Trump zu überarbeiten, den ich zu der Lesung von Hans Brockmann zum Thema Plötzlich war alles anders geplant hatte. Ich spürte, dass ich nicht richtig vorwärts kam. Die schlechte Laune, die ich bei meinen Gedanken an diesen malignen Narzissten Trump verspürte, bremste mich. Ich überlegte, ob ich einfach aufstehen und etwas anders tun oder über etwas ganz anderes schreiben sollte. Aber worüber? Mir fiel nichts ein. Das ist der typische Moment, in dem ich auf eine Eingebung zur rechten Zeit hoffe und bereit bin, einfach abzuwarten. Ich stand auf und wollte mir in der Küche eine Tasse Kaffee machen, da zeigte eine Meldung am PC, dass mein Freund Giovanni eine E-Mail geschickt hatte. Ich las die kurze Nachricht. Dann erkannte ich, dass die Post einen Anhang trug.

Giovanni ist Künstler und erfreut Birgit und mich immer wieder mit seinen Bildern.

Ich öffnete die Datei. Und plötzlich war alles ganz anders.

Da flatterte ein Schmetterling auf eine Feige zu und füllte mit seinen blauen Flügelchen etwa ein Drittel des Blattes. Die Zartheit der Stimmung erfasste mich sofort, und ich spürte meine Begeisterung über diese unverhoffte Begegnung. Mein erster Gedanke war: So will ich das fotografieren! Giovanni hatte mit seinen Augen fotografiert und dann mit Wasserfarben diesen Schmetterling aufs Blatt gezaubert.

Ja, richtig: Für mich ist seine Art zu malen eine Form von Zauber, vom dem eine Faszination ausgeht, die mich zum Hinschauen, zum Verweilen verführt.

Giovanni weiß um meine Liebe zur Fotografie und zu Naturaufnahmen. Letztes Jahr hatte ich ihm von meinem Plan erzählt, ein Buch mit eigenen Schmetterlingsfotos zu gestalten. Da schenkte er mir ein Taschenbüchlein mit Gedichten und Prosatexten von Hermann Hesse über Schmetterlinge. So übernahm ich einige Texte in das Buch.

Und jetzt dieser herrliche Bläuling! Es muss ein Bläuling sein, kein anderer Schmetterling hat solche hellblauen Ober- und Unterseiten. Obwohl die Konturen nur angedeutet sind, filigran umrissen und unvollständig ausgemalt, ergänzt mein Auge alles, was nicht in Einzelheiten gezeichnet ist. Die Flügel muten an wie bei den Glasflüglern, deren Flügel durchsichtig sind und wie Glasblättchen von einem feinen Rahmen gehalten werden. Die Beine und Fühler des Schmetterlings sind durch feinste Striche skizziert, der hellbraungrüne Leib mit zartester Struktur dem Insekt auf den Leib gepasst. Man sieht die Einkerbungen der Ringe, und doch sind sie nur hingetupft. Auch die geschlossene Feige mit ihrer dunkelvioletten Schale ist nicht voll ausgemalt. Da fehlt ein Stück Farbe, und genau das wirkt wie ein kleiner Lichtschimmer auf der Fruchthülle. Der Stängel der Pflanze ist nur mit einem Strich dargestellt, der aus einzelnen braungrünen Farbtupfen zusammengesetzt wird, und doch sehe ich die Rindenstruktur und die kleinen Abgänge der zarten Blätter. Auch die beiden Feigenblätter sind nur umrisshaft abgebildet und nur teilweise mit hellem Mattgrün gefüllt.

Es gibt nur zwei Farben auf dem Blatt – blau mit zwei Schattierungen und grünbraun mit zwei Schattierungen, und doch wirkt es flügelleicht, sonnenhell, duftig.

Vom fotografischen Standpunkt aus sehe ich: Das Objekt ist sehr gut freigestellt. Der Hintergrund verschwimmt völlig. Es gibt nur den Schmetterling im Vordergrund wie auf einer Nahaufnahme. Wenn ich aber genau hinschaue, gibt es gar keinen Hintergrund, denn Giovanni hat einfach ein hellbeiges Papier mit leicht grauem Unterton genommen, das perfekt als Hintergrund passt. Ich brauche nicht mehr Einzelheiten, um das Bild als vollständig zu empfinden. Das ist eine Eigenart von Giovannis Kunst: Er deutet nur das Wichtigste an und überlässt es dem Betrachter, den Rest der Wirklichkeit beizutragen.

Ich war fasziniert und begann, das Bild auch unter grafischen Gesichtspunkten anzuschauen. Die Blattaufteilung ist perfekt. Das Hochformat ist optisch in Dreiecke eingeteilt, die durch Linien entstehen, die das Bild dritteln. Die erste Linie läuft von rechten Drittelpunkt des unteren Bildrandes in die obere linke Ecke. Hier zieht der Stängel der Feigenpflanze mit der Feige oben drauf. Die zweite Linie verläuft von dem mittleren Drittel des linken Bildrandes in die obere rechte Ecke. Sie verbindet das linke Blatt mit der Feige und dem oberen Rand des Schmetterlings von dem Vorderbein über den Kopf und den ganzen langen Flügel entlang. Die Feige sitzt genau auf der linken Drittellinie, und der Kopf des Schmetterlings markiert die obere Drittellinie des Bildes. Interessant: Auch hier sind die Linien nicht vollständig gezeichnet oder ausgefüllt. Jeweils ein Drittel der Linien sind gar nicht da. Sie existieren nur in meiner Fantasie. Hier hat Giovanni wieder etwas weggelassen und dadurch Spannung erzeugt. Das obere linke Dreieck des Bildes ist leer, und doch fehlt nichts. Es wirkt gefüllt von Hintergrund, von meiner Fantasie, die dort eine Wiese sieht.

Das ist kein zoologisch-botanisches Bild für das Lexikon oder Lehrbuch. Das ist Naturkunst – Kunst in der Natur – Malerei mit ihrer Kunst, die Natur fantasievoll zu beschreiben, so dass dem Betrachter fast alle Fantasie überlassen bleibt.

Wie gesagt: Plötzlich war alles ganz anders. Ich saß hellwach vor dem Blatt, voll Freude und Begeisterung. Ich vergaß die Zeit. Erst ein Blick auf die Uhr mahnte mich, in die Klinik zu fahren. Der Schmetterling begleitete mich den Abend hindurch. Ich schlief mit seinem Bild ein, und am Morgen flog er als erster Gedanke durch mein aufwachendes Bewusstsein und flügelte mich langsam wach, lange bevor ich die Augen öffnete. Dann versuchte ich, den Schmetterling mit Worten zu zeichnen.

Später rief ich Giovanni an und bat ihn, mir das Originalbild zu verkaufen. Als er es mir brachte, erzählte er, dass es tatsächlich mit mir zu tun habe. Denn als er im letzten Jahr an der italienischen Blumenriviera malen wollte, fielen ihm die herrlich reifen Feigen vor seiner Terrasse auf. Dann blätterte er in meinem Schmetterlings-Fotobuch, das er von mir bekommen und in den Urlaub mitgenommen hatte, und fand dort einen Falter, der wunderbar auf die Feige passte. Also prägte er sich diesen ein und setzte ihn kunstvoll stilisiert in Wasserfarben auf die Feige. Jetzt hängt das Bild neben meinem Schreibtisch, und ich freue mich jeden Tag daran.

Diese Geschichte soll zeigen, dass auch kleine Erlebnisse wichtig sind und ganz viel verändern können.

 

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