Die westliche Finanzpolitik

Die westliche Finanzpolitik

Die seit dem 2. Weltkrieg bestehende westliche Finanzordnung halte ich für dringend reformbedürftig. Sie basiert auf Entscheidungen weniger Finanzmagnaten, die während des Krieges und nach den Beschlüssen 1944 in Bretton Woods, New Hampshire, begannen, die Finanzpolitik im US-amerikanischen Sinn mit einem Wechselkurssystem mit Bindung des US-Dollars an Gold als Grundlage der Wirtschaft zu steuern.

Die wichtigste US-Bank, die Federal Reserve Bank (FED), ist nicht federal (bundesstaatlich), sondern immer noch in privater Hand! Die FED hat seit ihrer Gründung 1913 als einzige Bank das Recht, ohne demokratische Kontrolle und ohne rechtliche Einschränkung US-Dollars zu schaffen. Die Eigentümer können sich nach Belieben bereichern. Da die Dollarmenge nach 1944 rasch zunahm –im Gegensatz zur Menge des geschürften Goldes-, war der Dollar bald nicht mehr ausreichend gedeckt. Deshalb beendete Nixon am 15.08.1971 die Gold-Dollar-Bindung.

Die Aufhebung der freien Wechselkurse 1973 brachte das Weltwirtschaftssystem in große Gefahr. Deshalb beschlossen die USA Mitte der 70-er-Jahre mit den Saudis, dass Öl im Rahmen der OPEC nur noch in US-Dollars gehandelt wird und die saudiarabischen Überschüsse ausschließlich in US-Staatsanleihen angelegt werden. Im Gegenzug garantiert die US-Regierung den Saudis bis heute(!) unbegrenzte Waffenlieferungen, Schutz vor seinen Feinden und seinen Untertanen(!).

Vor diesem Hintergrund ist leicht zu verstehen, warum Donald Trump seine erste Auslandsreise als US-Präsident nach Saudi-Arabien machte, sich ganz offensichtlich bei den Diktatoren sehr wohl fühlte, und den fünfzig arabischen Herrschern, die zu dem Besuch eingeladen waren, in Riad am 22. Mai 2017 zusagte: „Wir erleben hier eine völlig neue Ausrichtung amerikanischer Außenpolitik. Es handelt sich hier um eine Rückkehr zur Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten von Staaten.“

Das war ein Freibrief für die weitere Missachtung der Menschenrechte im arabischen Raum. Trump erwähnte die Menschenrechte mit keinem Wort. Sie sind ihm selbst ein Dorn im Auge. Diktatoren ziehen Möchte-gern-Diktatoren an.

Der IWF, der Weltbank und schließlich die EZB haben das Ziel, die USA als weltweit einzige(!) wirtschaftliche und militärische Supermacht zu sichern. Das US-Militärbudget (700 Mrd. Dollar) ist zehnmal so groß wie das russische mit 70 Mrd. Dollar. Die USA unterhalten weltweit in 130 Ländern Militärbasen, Russland nur eine (in Syrien).

Rhetorische Frage: Wer muss da vor wem Angst haben?

America first ist nicht nur der Wahlspruch eines Präsidenten, den ein Großteil der Weltbevölkerung für schwer persönlichkeitsgestört und friedensgefährdend hält. America first ist auch das Credo der imperialistischen Militär-, Finanz- und Wirtschaftspolitik, die mit dem Ziel der rücksichtslosen Gewinn- und Machtmaximierung die Politik längst steuert.

Ein wesentliches Werkzeug der Finanzindustrie besteht darin, Gewinn bringende Finanzprodukte zu entwickeln und zu verkaufen. Nach der geplatzten Immobilienblase in den USA wurden Politiker von den Banken dazu gezwungen, das Bankensystem als too big to fail  oder als systemrelevant zu bezeichnen. Banken dürfen also nicht pleitegehen. Sie müssen gerettet werden. Angeblich zu unser aller Nutzen. Und wie werden sie gerettet? Mit Steuergeldern. Will der Staat wirklich nur unser Bestes? Ja, unser Geld.

Nachdem Staaten wie Argentinien unter dem rigorosen Spardiktat des IWF (damals Leitung Horst Köhler!) und Jugoslawien, Griechenland, Island, Irland unter dem Spardiktat der Troika aus IWF, Weltbank und EZB leiden, sind die Menschen durch massive Einschränkungen im Gesundheitswesen und im sozialen und wirtschaftlichen Leben massiv beeinträchtigt. Ein paar Stichworte: Reduzierung der Renten, Erhöhung des Rentenalters, verteuerte Medikamente, unbezahlbare oder weit aufgeschobene Operationen, Einschränkung oder Streichen sozialer Erleichterung wie Altersversorgung, Kindererziehung, Schulbetrieb, Steuersenkung für Unternehmer, Steuererhöhung für Privatleute, Wegfall von sozialem Schutz der Arbeitnehmer …

Das alles sei notwendig (die Not wendend!), um die Schulden zurückzuzahlen und die Wirtschaft anzukurbeln. Tatsache ist, dass die offizielle Politik der Länder von wenigen Bankchefs diktiert wird. Sie lassen die Länder durch großzügige Kredite in die Schuldenfalle laufen und übernehmen dann gewinnbringend das Spardiktat.

Drei Beispiele:

  1. Die Oligarchen, die nach Zusammenbruch der Sowjetunion bei der Privatisierung der bankrotten Wirtschaftsbetriebe ein gigantisches Vermögen gemacht haben.
  2. Die Treuhand unter Horst Köhler hat nach der Wende deutsche Banken und Privatinvestoren reich gemacht. Die Deutsche Bank hat z.B. alle DDR–Bankfilialen kostenlos(!) übernommen.
  3. Durch das Zypern-Programm verloren 60.000 Anleger bis zu 80% ihres Vermögens.[1]

Die acht reichsten Menschen der Welt besaßen 2016 zusammen 426 Mrd. US-Dollar, während die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, das sind 3,6 Mrd. Menschen, gemeinsam lediglich 409 Mrd. Dollar besitzt.[2] Inzwischen (in 1 Jahr!) hat das Vermögen der acht reichsten Menschen um 56,6 %(!!) auf 667,4 Mrd. US-Dollar zugenommen. 82 Prozent des weltweiten Vermögenswachstums 2017 ging an das reichste eine Prozent der Bevölkerung. Das reichste eine Prozent in Deutschland besitzt ein Drittel der deutschen Vermögen.

Die Banken haben aus den Pleiten der Länder neue Foltermethoden für Schuldnerstaaten gelernt.

Ein Beispiel: Unter Bail-Out[3] versteht man die Rettung zahlungsunfähiger Banken mit Steuergeldern. Das ist schon lange praktizierte Methode. Die Bank für internationale Zusammenarbeit hat in ihrem Weißbuch 2010 erstmals ein neues Modell vorgestellt, das sie Bail-In nannte: Es schlägt die Beteiligung von Anteilseignern und Gläubigern einer Bank an ihren Verlusten vor.

Im Klartext: Wenn eine Bank pleitezugehen droht, werden die Bankkunden direkt und nicht über den Umweg der Staatskasse geschröpft. Diese Idee wurde sofort vom Financial Stability Board (FSB) aufgegriffen. Mario Draghi schlug damals vor, „neue Firmenanteile in einem beschleunigten Verfahren ohne Zustimmung der Aktionäre auszugeben“ und „das Vorkaufsrecht von Anteilseignern an der auszulösenden Firma außer Kraft zu setzen.“

Die Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma gab am 01.09.2011 eine entsprechende „Änderung der Sanierungsbestimmung“ bekannt.

Der IWF veröffentlichte am 24.04.2012 das Papier „Vom Bail-Out zu Bail-In“: Das war ein ausgefeilter Plan zur Massen-Enteignung von Einlegern, Kleinaktionären und Inhabern von Schuldverschreibungen unter dem zynischen Vorwand „Steuerzahler vor der Belastung durch Bankenverluste“ zu schützen.

Auf eine Anfrage bei „meiner“ Commerzbank, ob das auch für deutsche Bankkunden gilt, erhielt ich am 08.02.2018 folgende Antwort: „Das Sanierungs- und Abwicklungsgesetz (SAG) vom 01.01.2015 sieht … die Möglichkeit vor, dass nach den Inhabern einer Bank auch Gläubiger einer Bank an den Verlusten einer abzuwickelnden Bank beteiligt werden können, falls unter anderem der Verlustbeitrag der Inhaber der Bank nicht ausreichen sollte.[4]

Mit gesundem Menschenverstand denkt man, der Grundsatz des Verursacherprinzips bei Schadensfällen gelte auch in der Bank. Das ist ein schwerer Denkfehler! Weder der Banker noch die Bank haften. Der Kunde bezahlt den Schaden zuerst mit der Stabilisierungsabgabe. Und wenn das Geld der Kunden nicht ausreicht, springt der Staat ein. Mit Steuergeldern, also mit dem Geld, das der Kunde schon abgeführt hat!

Der Banker haftet nur, wenn er betrogen hat, aber nicht, wenn er mit legalen Geschäften Verluste bewirkt hat. Ich erinnere mich sehr gut an das Schulterzucken meines Bankberaters, als ich sagte, dass er mir vor ein paar Jahren genau diese Aktien empfohlen hat, die jetzt wertlos sind. – „Pech gehabt“, meinte er.

Zynisch kann man sagen: Es ist ein Fehler des Kunden, sein Geld der Bank anzuvertrauen. Deshalb bezahlt der Kunde auch den daraus folgenden Schaden.

Was kann man gegen dieses Finanzdiktat tun?[5]

Mein 1. Wunsch: Das Eigenkapital der Banken muss erhöht werden. Die meisten Banken waren mit einem Eigenkapital unter 10% gegen eine Pleite gesichert. Sie sollen nach dem Basel-III-Abkommen vom 12.09.2010 mindestens einen Eigenkapitalanteil von 30% erreichen.

Mein 2. Wunsch: Es sollte Banken verboten werden, Eigenhandel mit Wertpapieren und Leerkäufe zu tätigen. Leerverkäufe sind Handel mit Papieren, die man nicht hat.

Mein 3. Wunsch: Die Banken müssen streng von unabhängigen Fachleuten kontrolliert werden, die demokratisch gewählt werden. Bis jetzt wird das Bankwesen kontrolliert von eigenen Leuten, die ohne demokratische Legitimation ernannt werden.

Mein 4. Wunsch: Banken müssen wie jeder andere Wirtschaftsbereich auch pleitegehen können. Nur so kann man vermeiden, dass Verluste zu Lasten der Gemeinschaft und Gewinne zum Vorteil der Banker gehen. Bankbilanzen müssen gesellschaftsverträglich sein wie bei jedem Wirtschaftsbetrieb.

Mein 5. Wunsch: Das Geld der Sparer muss getrennt sein vom Handel mit Geld. Sonst wird das gesparte Geld der Bankkunden für eine Querfinanzierung benutzt. Dann ist die Gefahr sehr groß, dass das Ersparte verloren geht.

Ob Gott über meine Wünsche lacht, weiß ich nicht. Aber die verantwortlichen Banker werden bestimmt siegesgewiss lachen über so viel naiven und unrealistischen Optimismus.

[1] Lesen Sie die Geschichte der Finanzen in Ernst Wolff: Weltmacht IWF. Chronik eines Raubzugs, Textum Sachbuch.

[2] Oxfam-Bericht 2017

[3] to bail out: ausschöpfen, aus der Patsche helfen, mit einer Bürgschaft herausholen. Bail bedeutet auch Bürgschaft.

[4] Fortsetzung des Textes: Darüber hinaus ist die Commerzbank AG Mitglied des Einlagensicherungsfonds des Bundesverbandes deutscher Banken e.V, einer privatrechtlichen, staatlich nicht beaufsichtigten Einrichtung der privaten Banken. Der Einlagensicherungsfonds fungiert als Anschlussdeckung zur gesetzlichen Entschädigungseinrichtung bis zu der nach seinem Statut festgelegten Sicherungsgrenze. Auf der Basis des festgelegten Jahresabschlusses zum 31. 12.2916 beträgt die aktuelle Sicherungsgrenze je Gläubiger 5.095.000.000 Euro.“

[5] Werner, Weik und Friedrich, Sonst knallt´s, edition eichborn

 

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Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen

Im Rahmen des diesjährigen BDSÄ-Kongresses in Wismar lautete das Thema für eine Lesung Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm deine Pläne. Dazu schrieb ich diesen Beitrag.

Gibt es Gott? Hat er etwas zu lachen?

Albert Einstein sagte: „Wer es unternimmt, auf dem Gebiet der Wahrheit und der Erkenntnisse als Richter aufzutreten, scheitert am Gelächter der Götter.“

Die erste Frage, die sich mir aufdrängt: Hat Gott Humor? Ich könnte einfach sagen: Na klar, er hat mich geschaffen! – Aber warum habe ich dann so wenig Humor, wenn er mich angeblich nach seinem Bilde geschaffen hat? Oder hat er auch wenig Humor?

Viel wichtiger ist mir die Frage: Gibt es überhaupt einen Gott oder mehrere Götter? Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht glauben. Ich habe zumindest große Zweifel.

Wir Menschen sind die einzige Spezies, die nach vergangenen Vorgängen fragen kann. .Die mechanistische Sicht der Evolutionsgeschichte lehrt, dass sich etwas Perfektes entwickeln muss. Gott kann also nicht einfach eines Tages perfekt da gewesen sein, wie wir ihn uns so allzu menschlich ausmalen – allmächtig, allwissend, überall gleichzeitig anwesend und wirkend, alles nach seinem Plan richtig machend. Schon Feuerbach (1804-1872) formulierte, dass wir ihn nach unserem Bild geschaffen haben, nicht umgekehrt!

Wenn er so menschenähnlich ist, wie die Theologen es uns glauben machen wollen, sind Fragen erlaubt: Wer hat ihn gezeugt? Wer hat ihn geboren? Wie sollen wir uns die Geburt dieses Gottes vorstellen? Woher kommt also dieser Gott? Hat Gott eine Entwicklung durchgemacht? Die Bibel zeigt, dass Gott lernt und im Laufe der biblischen Ereignisse sein Verhalten den Menschen gegenüber verändert hat. Jede Ursache hat eine Wirkung, und jede Wirkung kommt durch eine Ursache. Das ist ein Grundgesetz dieses Universums. Soll Gott davon ausgenommen sein? – Das mechanistische Weltbild steht im Gegensatz zur Quantenmechanik, wo klar wird, dass wir entweder etwas über den Ort oder über den Zustand eines Partikels klar aussagen können, aber nicht beides gleichzeitig.

Wenn er wirklich so vollständig und alles in sich vereinigend ist, könnte Gott auch eine Frau[1] oder eine Mann-Frau oder ein Neutrum sein? – Nein, natürlich nicht, denn wir haben Gott nach unserem Bild geschaffen – und nicht umgekehrt!-, und da ist seit Menschengedenken ganz klar der Mann der Dominierende, angeblich die „Krone der Schöpfung“. Also kann der „Übermensch“ Gott nur ein Mann sein. Jedenfalls können streng gläubige Christen, Juden und Moslems keine Frau als Religionsführerin oder gar als Göttin zulassen, sonst würde das ganze Machtgebäude der Kirchen zusammenbrechen, das auf dem patriarchalen Grundsatz beruht. Gerade zum Machterhalt, nicht nur zu Trost und Führung wurde die Katholische Kirche seit dem 4. Jhd. (Kaiser Konstantin) auf- und ausgebaut.

Dass viele Kirchen karitative und seelsorgerliche Aktivitäten fördern, schätze ich, solange diese auch Nicht- oder Andersgläubige damit bedenken. Ich erlebe auch, dass es Menschen gibt, die große Hilfe und Kraft durch ihren Glauben an Gott erhalten. Echte Gläubige haben eine wertvolle Lebenshilfe.

Theologie (Gotteswissenschaft) ist die Wissenschaft, die zur Kirchenleitung befähigt. Echte Wissenschaft erforscht neutral, das heißt ohne Vorgabe des Ergebnisses. Aber ein hermeneutisches Verständnis, dem ein erklärendes und auslegendes Wesen von Texten innewohnt, prägt alle Wissenschaften. Bei der katholischen Religion und dem Islam wird meist vorgeschrieben, was das Ergebnis der Forschung sein muss oder sein darf. Wer davon abweicht, wird und wurde unter Druck gesetzt oder / und ausgeschlossen wie Galilei, Giordano Bruno, Martin Luther, Eugen Drewermann und Hans Küng.

Besonders schlimm finde ich, dass Anhänger der christlichen Kirchen und islamischen Religionen oft ihre Macht missbrauchen, indem sie mit Indoktrination von Schuldgefühlen Menschen mit Scheinmoral auf die Knie zwingen und gegeneinander aufhetzen. Dabei wird das Aggressionspotenzial, das allen Menschen eignet, aktiviert und pervertiert.

Islamistischer Terror kommt aus dem Islam, aus den Moscheen und Gebetsschulen und wird von den Terroristen als Rechtfertigung für den Terror benutzt. Hier wird der Grundsatz Ich folge nur dem Befehl, bin also nicht schuldig! dazu missbraucht, verbrecherische Handlungen mit einem übergeordneten göttlichen Handlungsbefehl zu rechtfertigen. Deshalb braucht auch der Islam eine Aufarbeitung der Gewaltgeschichte und eine Distanzierung davon.

Mal angenommen, Gott hat das Universum mit allen Lebewesen geschaffen. Aber ist er auch für die Folgen verantwortlich? Wir Menschen werden für unser Handeln und Unterlassen beurteilt und gelobt oder bestraft. Die Ethik versucht, dafür allgemein gültige Maßstäbe zu formulieren.

Dabei ist nach neuesten neurophysiologischen Forschungen sehr fraglich, ob wir einen freien Willen haben. Die massiven Einflüsse durch die in der DNA festgelegten genetischen und epigenetischen Verhaltensweisen und Anlagen, durch die Manipulationen aller Medien, durch die Erziehung im Elternhaus, in der Schule und an der Ausbildungsstelle, durch Familie, Kirche, soziales Umfeld, Werbung, Propaganda und gefälschte Informationen, neuerdings auch durch Bots[2] und Trolle[3]. Wir haben dem wenig entgegen zu setzen. Oft sind wir uns nicht einmal bewusst, dass wir alle diesen Einflüssen ausgesetzt sind.

Es gibt die Meinung, dass wir in der „Vertikalen“, also Gott gegenüber, keinen freien Willen haben, und im Alltag, in der „Horizontalen“, nur begrenzt.

Wenn die so genannten Heiligen Schriften der einzelnen Religionen eindeutig wären, also nur eine einzige Deutung zulassen würden, gäbe es zumindest im christlichen Bereich keine verschiedenen Kirchen und keine kriegs- und friedenstreibenden Meinungsunterschiede. Die Texte unterliegen aber der hermeneutischen Sichtweise. Die biblischen Schriften sind nicht der Grund für die Einheit der Kirche, sondern für ihre Verschiedenheit.

Leben ist das, was abläuft, solange wir etwas anderes planen.

Vielleicht ist das –ketzerischer Gedanke!- der Moment, in dem Gott richtig lacht, weil er uns reingelegt oder – wie wir erst viel später merken- auf den rechten Weg geführt hat. Es gibt den hilfreichen Gedanken, dass seine Handlungsfäden wie bei der Rückseite eines Teppichs verschlungen, verzweigt und von vorn – von unserer Sicht aus – nicht erkennbar sind. Darauf berufen sich die Gläubigen, wenn sie ein trauriges oder schockierendes Ereignis nicht erklären können. Wir müssen es sicherlich so annehmen, wenn wir es nicht ändern können. Aber sind wir dann ein Opfer unseres oder Gottes Handelns? – Wir stehen in der Anfechtung, wie Luther es mit der Trias oratio – meditatio – temptatio[4] gemeint hat.

Wir billigen Gott zu, dass er uns geschaffen hat, angeblich nach seinem Bilde. Warum sollen wir dann verantwortlich sein für die Folgen seiner Schöpfung? Trotzdem sagt mir mein Gefühl, dass ich verantwortlich bin für mein Tun und mein Unterlassen. Als Arzt weiß ich, dass es Krankheiten wie Psychosen mit symptomatischen Handlungen gibt, die Menschen begehen in einem Zustand, für den sie nicht verantwortlich sind.

Klar ist mir: Das Leben kann uns viel aufbürden, aber es kann uns nicht dazu zwingen, wie wir darauf reagieren.

Wenn Gott uns nach seinem Bild geschaffen hat, muss er auch unsere negativen Eigenschaften haben und kennen, sonst kann er diese nicht in uns einpflanzen. Wie bei einem Schauspieler, der nur spielen kann, was in ihm angelegt ist.

Vielleicht hat Gott mit malignem Humor Morde, Völkervernichtungen, Religionskriege und all die anderen Folgen von Hass als Regulativ eingeplant und sitzt im Universum und lacht sich ins Fäustchen, wie wir auf seinen Plan reinfallen. Friedensforscher haben errechnet, dass im Laufe der Menschheit mehr Menschen durch Religions- oder Weltanschauungskriege in irgendeines Gottes Namen oder einer Ideologie umgekommen sind als durch politisch und durch Landraub motivierte Kriege.

Blaise Pascal sagte: „Nie tun Menschen Böses so gründlich und glücklich wie aus religiöser Überzeugung.“

Seit der Mensch Maschinen erfindet und weiterentwickelt, nimmt er immer mehr Einfluss auf die Umwelt, in der er lebt. Die Wissenschaftler nennen unser jetziges Zeitalter das Anthropozän, weil wir Menschen die Umwelt zunehmend beeinflussen und gestalten. Stichwörter: Klimawandel, Artensterben, Ausbeutung der Bodenschätze, Verschmutzung der Meere. Man könnte auch sagen, weil wir die Umwelt zunehmend zerstören. Der Kampf um Geld und Macht auf der einen Seite und Erhaltung der Natur auf der anderen Seite war noch nie so folgenschwer wie zurzeit. Ich erwarte, dass wir Menschen die Erde unbewohnbar machen. Aber ich bin mir auch sicher, dass die Natur selbst den letzten Atomkrieg überleben wird.

Ob Gott darüber lachen kann? Oder ist das sein Plan?

Bert Brecht hat gesagt: „Das Schicksal des Menschen ist der Mensch.“ Ich denke, das Schicksal der Erde ist der Mensch.

Aber wir können auch mal annehmen, es gäbe keinen Gott. Dann ist dieses Universum vor etwa 13,5 Milliarden Jahren durch den Urknall entstanden, und vieles aus seiner Entwicklungsgeschichte kennen wir noch nicht.

Eines der wichtigsten Bücher, das ich dieses Jahr gelesen habe, ist von Stephen Hawking, Kurze Antworten auf große Fragen (Klett-Cotta). Er beschreibt dort ausführlich und verstehbar, dass es nach den heutigen Forschungen und Naturgesetzen vor dem Urknall keine Zeit und keine Raum gab.  Er schreibt: „Vor dem Urknall existierte keine Zeit, folglich gab es auch keine Zeit, in der Gott das Universum hätte erschaffen können. … Es gibt wahrscheinlich keinen Himmel und kein Leben nach dem Tod. Ich nehme an, der Glaube an ein Jenseits ist lediglich Wunschdenken. Es gibt keine verlässlichen Belege dafür, und die Annahme widerspricht allen wissenschaftlichen Erkenntnissen.“

Die Polaritäten sind ein wesentliches Prinzip der Naturgesetze. Aber gut und böse, Freund und Feind, Liebe und Hass sind kein Naturgesetz, sondern wir legen die Bedeutung fest, je nach dem, aus welchem Blickwinkel wir das Verhalten betrachten und beurteilen.

Der Drang nach Macht ist allgegenwärtig. Kriege werden durch Gier und Neid befeuert. Der Stärkere gewinnt meist vordergründig und kurzfristig. Zu einem etwas weiteren Blick ist der Mensch zwar fähig, aber seine Handlungen werden überwiegend durch kurzfristige Vorteile begrenzt und bestimmt. In diesem Spannungsfeld stehen die Friedenswilligen den Kriegswilligen gegenüber.

Hier gibt es den Zufall, der uns (vielleicht?) zufällt, wenn er fällig ist. Beim Zufall kennen wir die ursächlichen Zusammenhänge nicht, es muss sie aber geben, denn das Gesetz von Ursache und Wirkung gilt. Auch bei den Lottokugeln stoßen sich die einzelnen Kugeln nach physikalischen Gesetzen gegenseitig an und ab. Und es gibt die Synchronizität von Ereignissen, die gleichzeitig stattfinden, aber ohne inneren oder ursächlichen Zusammenhang.

Dass hier ein Gott seit Beginn seiner Existenz bis jetzt und für alle Ewigkeit gleichzeitig und das Universum umspannend an allen Orten bei jedem Tier, jedem Mensch und jedem Molekül!- seine regulierenden Hände (wie viele?) im Spiel hat, halte ich für eine völlig unrealistische Vorstellung.

Wo bleibt der Humor? Ich denke, Humor ist das Gleitmittel im Getriebe der Welt, die wunderbare Eigenschaft, Unerträgliches auszuhalten und sich über viele kleine und große Geschenke der Natur und des Lebens zu freuen.

Ich bin fest überzeugt: Wir machen uns Himmel und Hölle hier auf Erden selbst. Das Jenseits mit dem belohnenden Himmel und der strafenden Hölle brauchen wir dazu nicht. Ich halte es für einen meist machtinduzierten und realitätsfernen Manipulationsversuch vieler Kirchenanhänger, einem Menschen für das Jenseits etwas Böses oder Gutes anzudrohen oder zu versprechen und von ihm deshalb im Dieseits ein bestimmtes Verhalten abzuverlangen.

Ich finde es zu einfach zu sagen, weil Adam und Eva sich falsch benommen haben, seien wir alle zu Fehlern und Sünden verdammt. Und wenn wir genügend Ablass bezahlen, kämen wir in den Himmel. Das ist eine gigantische Gelddruckidee[5], die bis heute in der Katholischen Kirche vortrefflich wirkt. Aber mit Vergebung und innerem Frieden hat das nichts zu tun, sondern mit bewusster Irreführung der Gläubigen.

Wenn es einen Gott gibt, mag er lachen über meine Gedanken. Wenn er mich gemacht hat und immer da ist und mich steuert, sind es ohnehin seine Gedanken. Dann lacht er über sich und seine Geschöpfe.

Wenn es ihn nicht gibt, freue ich mich, dass ich allein denken kann. Ich bin dankbar für das Schöne und Gute und Vollkommene, für die Liebe und die Musik, für die Orchideen und die Schlüsselblumen. Ich lache gern, wenn mich ein fröhliches Kind mit seiner unverstellten Freude beschenkt. Aber mir bleibt das Lachen im Halse stecken, wenn ich an die von Gewalt dominierte Welt denke.

Unbezweifelbar gilt dieser Gedanke, den ich bei dem amerikanischen Psychiater Ron Smothermon gefunden habe:

„Entweder gibt es einen Gott, oder es gibt keinen Gott. Das ist unabhängig davon, was ich glaube.“

[1] Wie in dem Buch Die Hütte von William Paul Young, Allegria-Verlag

[2] Unter einem Bot (von englisch robotRoboter‘) versteht man ein Computerprogramm, das weitgehend automatisch sich wiederholende Aufgaben abarbeitet, ohne dabei auf eine Interaktion mit einem menschlichen Benutzer angewiesen zu sein. Bots werden z.B. zur Beeinflussung der Bevölkerung bei Wahlen eingesetzt.

[3] Als Troll bezeichnet man im Netzjargon eine Person, die ihre Kommunikation im Internet auf Beiträge beschränkt, die auf emotionale Provokation anderer Gesprächsteilnehmer zielt. Dies erfolgt mit der Motivation, eine Reaktion der anderen Teilnehmer zu erreichen.

[4] Gebet – Meditation – Versuchung/Anfechtung

[5] Heute würde man das Crowd-Funding nennen: Die Massen zahlen!

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Todeslabor Singapur – Rezension

Rezension 

Hansheinrich Kolbe:  Todeslabor Singapur 

mitteldeutscher verlag, 364 Seiten, ISBN978-3-95462-997-8

Der Anspruch ist hoch, dem sich der Autor gestellt hat. Er zitiert am Anfang seines Debutromans Ernest Hemingway: „Ich bemühe mich, genauso zu schreiben, wie er malt: Cézanne reduziert sich auf das Wesentliche.“

Der Leser wird im zweiten Absatz des Prologs kompromisslos in eine rasante Geschichte hineingezogen, weil ein im Hochsicherheitslabor gefangener Schimpanse dem Besucher auf einen Zettel schreibt: „Willst du mit mir eine Partie Schach spielen?“ Wie das? Und schon läuft der Motor, der den Leser von Seite zu Seite zwingt, weiter zu lesen. Eine Überraschung jagt die andere.

Der Protagonist des Romans, Prof. Dr. med. Berger, ist einer der wichtigsten Forscher auf dem Gebiete der genetischen Forschungen, die Schimpansen noch menschenähnlicher machen und ihnen sogar Sprache und computerschnelle Reaktionsmöglichkeiten verleihen. Natürlich gibt es eine kriminelle Gegenmacht, die mit brutalen Mitteln ihre lukrativen Ziele der Vermenschlichung von Robotern verfolgt und jedes Hindernisse konsequent und grausig aus dem Weg räumt. Und Prof. Berger ist das größte Hindernis.

Auch die Ruhepausen, die dem Leser in der Verfolgungsjagd um die Welt gegönnt werden, sind spannend und genussvoll: Es bleibt Zeit, exquisite Speise- und Getränke-Rezepte zu genießen. Die Landschaftsbeschreibungen und die lokalen Einzelheiten zwischen Singapur, der Karibik, Rio de Janeiro und einem kleinen indigenen Volk im brasilianischen Urwald werden minutiös und kurzweilig beschrieben. Der Autor kennt die Orte aus eigener Reiseerfahrung, und der Leser spürt seine Faszination in dem präzisen und bildreichen Text. Auch die medizinischen Zusammenhänge sind sorgfältig recherchiert und verständlich geschildert. An vielen Stellen sieht der Leser das Schmunzeln im Gesicht des Autors, denn Prof. Berger trifft scheinbar zufällig auf seiner Flucht viele berühmte Persönlichkeiten und er lebt immer gerade an der Katastrophe vorbei – bis zum endgültigen Showdown mit den übermächtigen Gegnern. Aber da geschieht das Unerwartete, das Schicksal spielt einen gewaltigen Schachzug.

Der Roman ist nur scheinbar ein Fantasy-Thriller. Für mich ist er ein typisches Beispiel für eine Form von Murphy´s Gesetz: Alles was denkbar ist, wird auch gemacht, selbst wenn es kriminell und (deshalb?) so lukrativ ist. Wir erfahren, welche Möglichkeiten im Verborgenen entwickelt und verteidigt werden. Der Leser wird von der begeisternden Erzählfreude des Autors getragen und erlebt, wie fantasievoll und überraschend das Leben ist. Kein Wort zu viel. Das Kopfkino des Lesers bildert die Szenen bunt und lebhaft.

Unbedingt lesen!

 

 

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Mein Zaubertrank heißt Schreiben

 

Mein Beitrag zum Kongress der Union Mondiale des Écrivains Médicines UMEM in Rheinfelden 2018 

Offizielles Thema: Schreiben – Zaubertrank für Ärzte?

Mein Zaubertrank heißt Schreiben.

Ein Zaubertrank soll besondere Kräfte vermitteln, um die schwierigsten Aufgaben zu bewältigen. Die Wirkungen eines Zaubertrankes werden bei Asterix und Obelix im Jubiläumsheft zum 50. Geburtstag der Comic-Serie so beschrieben:

Verschmitzt lächelnd macht sich der glückliche Konsument bereit. Er schließt die Lider und senkt das Kinn, um aus der Kelle des Druiden zu trinken. Unter der Wirkung des Zaubertranks hebt der Proband ab. Seine Füße flattern im Gleichtakt mit den Helmflügeln! Asterix besitzt übermenschliche Kraft und kann es mit der gesamten römischen Armee aufnehmen.

Ich schreibe meistens, um mich aus der Betroffenheit herauszuholen, wenn mich der schlimme Anteil des Alltags in der Notfallpraxis packt. Das Schöne ist, dass ich schreibend auch die heiteren und ungewöhnlichen Begegnungen festhalte und immer wieder genieße. Deshalb will ich über beide Seiten des Schreibens sprechen.

Ich will hier keine der sehr belastenden Situationen ausführlicher beschreiben. Sie verfolgen mich manchmal in meinen Träumen. Bei uns Ärzten genügen ein paar Stichwörter, um flammende Bilder in der Erinnerung lodern zu lassen: Leichenschau bei Verwahrlosten, schwer verletzte Unfallopfer, sterbende Kinder, verzweifelte Eltern, entstellende Erkrankungen und Operationsbilder. Es gibt aber auch Menschen, die unsere Gutmütigkeit und Hilfsbereitschaft ausnützen und als Pflichtdienstleistung zur Unzeit verlangen.

Ich möchte meinen Beruf mit Herz und Verstand ausüben. Dafür bemühe mich um Empathie: Ich versuche nachzuempfinden, wie die Krankheit, das Problem den Patienten leiden lassen. Und ich bin mir gleichzeitig bewusst, dass es nicht mein Problem ist und dass ich es nicht lösen muss. Das ist heilende Nähe zum Betroffenen verbunden mit schützender Distanz für mich selbst.

Wenn ich mir den Leidens-Rucksack des Patienten auflade, wird aus mir ein hilfloser Helfer! Hilfsbedürftige erwarten aber zumeist, dass Helfer stark sind oder sich wenigstens so verhalten. Helfer müssen aber auch aus Selbstschutz stark bleiben, um ihre beruflichen Aufgaben und Pflichten erfüllen zu können. Trotzdem muss jeder Helfer auch Momente haben, in denen er seine Schwäche, seine Verletzlichkeit und Erschöpfung äußern und leben kann. Deshalb brauchen wir alle jemanden, dem wir vertrauen können, dass er uns hilft.

Um mir diesen Spagat immer wieder bewusst zu machen, schreibe ich meine Erlebnisse, Gefühle und Gedanken auf. Diese Gabe und Freude, mich gut ausdrücken und Konflikte in Worte fassen zu können, helfen mir seit vielen Jahren auch bei der Bewältigung meiner Belastungen. Ich habe regelmäßig beobachtet, dass sie nicht mehr in meinen Träumen erscheinen, wenn ich sie aufgeschrieben habe!

Mein begeisternder Lateinlehrer war es, der mir über sechs Jahre die Liebe zur Sprache als Kulturgut und zur deutschen Sprache übertrug. Mein Dank für dieses sprachliche Geschenk wird andauern, solange ich lebe. Mein Lateinlehrer. war einer der wenigen Lehrer, von denen ich etwas für das ganze Leben gelernt habe und nicht nur über ihre Fächer.

Sein Satz wird mir bis an das Ende meines Gedächtnisses gegenwärtig sein:
Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn die Fakten vergessen sind.

Noch ein wichtiges Zitat von Sir Francis Bacon Lesen macht vielseitig, verhandeln geistesgegenwärtig, schreiben genau.

Schon als Schüler habe ich festgestellt, dass Schreiben meine flüchtigen Gedanken verlangsamt, bewusster macht, ordnet, wertet. So kann ich zu klareren logischen Folgerungen und Entscheidungen kommen. Wenn ich schreibe, schaue und fühle ich genauer hin, formuliere sorgfältiger und verstehe besser. Was ich verstanden habe, kann ich besser ertragen.

Durch das Schreiben kann ich mich ändern. Das ist doch schon viel.

Wen interessiert, was ich schreibe? Zuerst einmal mich. Der narzisstische Anteil in mir glaubt natürlich, dass alle wissen wollen und sollen, was ich wichtiges geschrieben habe. Mein vernünftiger und realistischer Anteil bringt den Narzissten zurück auf den Boden der Tatsachen! Keines meiner Bücher hat mehr als die erste Auflage erreicht.

Aber ich veröffentliche nicht jeden Text! Wenn es zu grausig ist, was ich für mich notiert habe, um es loszuwerden und einzuordnen, teste ich manchmal bei meiner Frau oder interessierten Freunden, ob sie den Text ertragen können und mir raten, ihn zu veröffentlichen. Auf dieses Urteil höre ich. Dafür bin ich dankbar.

Seit ich weiß, dass es sogar Verlage gibt, die meine Gedanken drucken, bin ich eitel genug, etwas zu veröffentlichen. Ich habe in einigen meiner Bücher selbst erlebte Patientenschicksale beschrieben. Ich veröffentliche meine Texte auch auf meiner Homepage.

Ich will ein Beispiel geben, wie ein kurzer veröffentlichungsfähiger Text über eine bedrückende Szene meines Erachtens aussehen könnte. Das folgende Gedicht ist meine Verarbeitung von zwei Hausbesuchen an einem Tag bei demselben Patienten. Es besteht nur aus Stichwörtern, Tatsachen und direkter Rede. Gefühle werden nicht besprochen. Sie entstehen umso stärker im Kopfkino des Lesers.

Letzte Stunden

Bauch vom Krebs zerfressen,
operiert und bestrahlt,
welke Haut über Knochen,
hohle Wangen,
Bartwildwuchs,
wirres Haar,
leerer Blick,
Schmerzen.

Uringeruch.
Nein, nicht waschen!
Nur noch sterben!
Nein, nicht ins Hospiz!
Zu Hause bleiben!
Lass mich los!

Verzweifelter Bruder,
weil ihm Hilfe verboten ist.

Die Stimme schweigt,
der Blick wird matt,
die Atmung schnappt
und stoppt.

Endlich erfüllter Wunsch.

Es gab und gibt  viele Ärzte, die sich ihr Leiden unter den besonderen Belastungen in diesem Beruf durch das Aufschreiben des Erlebten versuchen, erträglicher zu gestalten. Gottfried Benn, der berühmt geworden ist durch seine schonungslosen Gedichte aus dem Sektionssaal, schrieb 1921 in einem Brief:

Es ist kein Leben dies tägliche Schmieren und Spritzen und Quacksalbern und abends so müde sein, dass man heulen könnte. (…) Ja, ich bin unbeschreiblich müde und abgelebt wieder mal augenblicklich, darüber ist nichts zu sagen, die Sinnlosigkeit des Daseins in Reinkultur und die Aussichtslosigkeit der privaten Existenz in Konzentration.

Aber sehen wir auch die heitere Seite, die lohnt aufgeschrieben zu werden! Ein Beispiel:

Schlaflos in Leonberg

Die in der DRK-Leitstelle ankommenden Anrufe der Patienten werden an den Dienst habenden Rettungsassistenten in der Notfallpraxis weitergeleitet.Eine Rettungsassistentin erzählte mir folgendes Telefonat, das sie mitten in der vergangenen Nacht geführt hatte.Eine männliche und unsicher wirkende Stimme meldet sich:
„Ich bin 83, und ich kann nicht schlafen. Kann jemand vorbeikommen und mir eine Schlaftablette bringen?“
Die Rettungsassistentin sagt freundlich:
„Da brauchen Sie mich nicht, Sie können ohne Rezept in der Apotheke Schlaftabletten kaufen!“
Nach kurzer Überlegung fügt sie hinzu:
„Warum können Sie denn nicht schlafen?“
„Wissen Sie, ich bin Lehrer gewesen, und ich muss Fragen, die mir einfallen, einfach klären. Sonst kann ich nicht schlafen. Und da bin ich vorhin aufgewacht und dachte immer wieder an die SWR-Landesschau, die ich abends regelmäßig anschaue. Mir fällt aber der Name des Moderators nicht mehr ein. Ich grüble ständig darüber nach. Deshalb kann ich nicht schlafen.“
Die Rettungsassistentin tippte rasch am PC „SWR-Fernsehen“ ein, suchte die Moderatoren und las dem Anrufer deren Namen langsam vor – bis zu der Frage:
„Meinen Sie Michael Matting?“
Erleichtert kam die Antwort:
„Ja, genau den meinte ich! Danke, jetzt kann ich schlafen. Sie müssen mir keine Schlaftablette mehr bringen!“

So kann die Verarbeitung durch Aufschreiben ebenso wie ein Zaubertrank im Märchen nicht nur anderen helfen, in Abgründe der menschlichen Existenz zu blicken, sondern auch neue Kräfte durch Humor und Freundlichkeit vermitteln. Schreiben ist ein Zaubertrank in guten  und in schlechten Tagen.

 

 

 

 

 

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Was wir dir für deine Kindheit und deine Schulzeit wünschen

 

Was wir dir für deine Kindheit und Schulzeit wünschen

T       olle Traktoren, Tatü-Tata-Autos und Tsüge zum Spielen
H       eiterkeit bei Leichtsinnsfehlern
E       insicht und Entschuldigung, wenn du einen Fehler gemacht hast
O      ma und Opa als liebevolle Ratgeber und Freunde

B       egeisterung beim Basteln, Bäume zum Besteigen, Büsche zum Verstecken
A       usdauer beim Ausprobieren von Ideen, Autos aller Art zum Spielen
R       oller, Räder, Radelrutsch, Riesenrad, Rutschbahn,
T       rampolin zum Toben, Tore schießen, treue Freunde, Trost bei Schmerz
H       und als Freund, Hausaufgaben ohne Fehler, handwerkliches Geschick
O      mas und Opas Liebling sein
L       achen, Lausbub sein, Lollies, Lampions, Luftballons, Lieder, leckere Leibspeise
O      stereier, Osterhase, Orangen, Oreo-Kekse
M     amas und Papas Liebling sein
A       nke und Sven als gute Freunde
E       ltern als Begleiter deiner erfolgreichen Lebensreise
U       nbegrenzte Freude beim Lesen und Lernen
S       katen, schwimmen, surfen, schmusen, Schulferien, Spaß beim Spielen

 

 

 

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Was wir dir für dein Leben wünschen

Theo gleich nach der Geburt am 27. Mai 2018 

Theo ist die Kurzform von Theodor,
zusammengesetzt aus griech. theos = Gott und doron = Geschenk.
Theo ist ein Geschenk Gottes. 

Was wir dir für dein Leben wünschen 

T     alent bei der Arbeit und künstlerischen Projekten, Takt im Handeln
H    umor im Alltag  und besonders in schwierigen Situationen
E     rnsthaftes Streben nach Werten, die dein Leben wertvoll machen
O    rdnung im Chaos und Orientierung bei Verwirrung 

B    ücher, die dir Freude machen und dich in der Lebenskunst fördern.
A    usgleich zwischen Arbeit und Muße, zwischen Antrieb und Ruhe
R    eisen, die dein Weltbild friedlich und mit verständigem Geist prägen
T    
räume, die dich leiten und bei der Sinn-Suche unterstützen
H    eimat für deine Seele, deinen Geist und deinen Körper
O   
pferbereitschaft für deine Werte
L    
iebe zu den Menschen und der Natur mit all ihren wertvollen Eigenschaften
O   
rganisationstalent
M  
usik und alle Formen der Kunst als Bereicherung deiner inneren Welt
A    usdauer bei allem, was dir wichtig ist
E     rfolg für deine Pläne und Einsicht in den Sinn der Fehler
U    mstellungsbereitschaft bei unvorhergesehenen Ereignissen
S    
chutz für deine Gesundheit, Sensibilität für die Gefühle der Mitmenschen

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Beethoven gewinnt gegen Kernspin

Beethoven gewinnt gegen Kernspin

Manche Menschen haben Angst, in die Röhre eines Kernspintomografen geschoben zu werden, weil sie die Enge nicht ertragen oder wissen, dass es dort laut wird. Glücklicherweise habe ich keine Platzangst, aber Lärm stört mich. Pfiffige Röntgenärzte haben eine recht gute Methode gefunden, um es ihren Patienten etwas angenehmer zu machen. Das habe ich erst gestern wieder erlebt, als ich mir selbst eine Kernspin-Serie verordnet habe, um etwas über die Ursachen meiner Schulterschmerzen zu erfahren.

Als ich an der Rezeption des Röntgeninstitutes die verschiedenen Aufklärungsformulare unterschrieb, konnte ich wählen, welche Musik ich während der Untersuchung hören wollte. Von Beat bis Klassik, von leichter bis zu schwerer Musik gab es eine recht ansehnliche Auswahl. Sogar ein Kinderprogramm mit Liedern und Hörspielen war im Angebot. Also wählte ich „Beethoven Klavierkonzerte“. Genauer war das nicht angegeben, aber sie sind ja alle großartige Werke. Deshalb war ich gespannt, was ich zu hören bekam.

Nach einer kurzen Wartezeit wurde ich in den Untersuchungsraum gerufen, entsprechend der anzufertigenden Aufnahmen gelagert, und zuletzt setzte mir die Röntgenassistentin den Kopfhörer auf. Die Liege schob mich langsam in die Röhre. Ich schloss die Augen und erkannte sofort die Anfangs-Triolen des 4. Klavierkonzertes, die von der Klavierstimme solo vorgetragen werden. Wie durch Zauber schickte mein Gedächtnis mich sofort auf einer geistigen Rutschbahn in den dazu passenden Erinnerungsfilm. Ich tauchte innerhalb von Sekunden tief ein in ein wunderschönes Erlebnis, das ich vor fünfzig Jahren gehabt habe.

Um den Leser jetzt in die Situation hineinzuführen, in die ich auf der Röntgenliege unmittelbar hinein glitt, will ich kurz erklären, wie und wo das Erlebnis begonnen hatte.

 

Der strahlende Sommersonntag war schon einige Stunden aus dem Tau erwacht, die kräftigen Sonnenstrahlen hatten bereits das weite Tal um Gstaad im Berner Oberland erfüllt. Wir saßen im Morgengottesdienst in der kleinen Kirche in Saanen, die den vom Saanenmöser herabschauenden Gast schon von weitem mit ihrem achteckigen Türmchen grüßt. Eine zierliche Kirche mitten im Dorf, umgeben von dem alten Friedhof: eine weltabgeschiedene ruhige Stätte des Friedens und der Einkehr liegt im Tal. Wer es nicht weiß, würde nicht auf die Idee kommen, dass Yehudi Menuhin, der große Geiger und Humanist, gerade hierher seit 1959 seine Freunde und Musikliebhaber einlud zu Festwochen, die in die Welt hinaus leuchten, so wie die Sonne an jenem Morgen das Tal übergoss.

Als Student hatte ich mehrere Jahre hintereinander die Freude, mit der Familie meines Studienfreundes die Sommerferien in einem Bauernhaus in Lauenen verbringen zu dürfen, hoch über Gstaad in einem Seitental, fern ab vom Touristentrubel. Wir erlebten täglich die Proben in der Saanener Kirche und oft in den Konzerten am Abend Musik der Weltklasse. Vormittags und nachmittags verwandelte sich das Innere des Gotteshauses in einen Probenraum, in dem mit äußerster Intensität und in entspannter Atmosphäre klassische Musik erarbeitet wurde. Und wir Zuhörer genossen die Unmittelbarkeit des Erlebens: Wir spürten die harten Kirchenbänke nicht mehr, so sehr versanken wir in die angeregte Freude, die sich zwischen den Musikern während des Spiels aufbaute und auf uns übersprang. Uns erschien die Atmosphäre freundlich und kameradschaftlich, und gleichzeitig fühlten wir, wie hoch konzentriert alle Musiker bei der Sache waren.

Obwohl uns diese Stimmung so vertraut war, wird dieser Vormittag immer wieder in meinem Gedächtnis aus den unzähligen Konzerterlebnissen herausragen wie ein leuchtendes Sonnenbild.

Wir wussten, dass an diesem Vormittag das Zürcher Kammerorchester unter seinem langjährigen Leiter Edmond de Stoutz proben würde. Dieses Ensemble war uns sehr vertraut, gehörte es doch seit vielen Jahren zu den regelmäßigen Gästen des Festivals. Auf dem Programm stand Hephzibah Menuhin, Yehudis Schwester, die sich als Pianistin einen außergewöhnlichen Ruf erworben hatte. Ich hatte sie schon in Stuttgart an einem unvergesslichen Duo-Abend mit ihrem Bruder zusammen erlebt. Damals ist mir wie nie zuvor und selten danach klar geworden, in welchem überwältigenden Ausmaß sich die seelische Übereinstimmung zwischen zwei Menschen in einer vollendeten Harmonie im Zusammenspiel spiegeln konnte. Und so war ich natürlich voller Erwartung, sie jetzt als Solistin in Beethovens viertem Klavierkonzert mit diesem großartigen Kammerorchester erleben zu können.

Die Orchestermusiker kamen herein, packten ihre Instrumente und Notenständer aus, stimmten und machten sich bereit zu der üblichen Probe. Wir alle konnten nicht wissen, dass uns etwas ganz Besonderes bevorstand.

Eine natürliche Geschäftigkeit ohne Eile und freundliche Stimmung breiteten sich nach dem feierlichen Gottesdienst in dem Kirchenschiff aus. Edmond de Stoutz, der erfahrene und hoch geschätzte Orchesterdirigent, kam in lockerer Freizeitkleidung. Sein weißes gewelltes Haar leuchtete in den Sonnenstrahlen, die durch das bemalte Glas der schlanken Fenster herein schienen. Er begrüßte seine Musiker und einige der Zuhörer in seiner offenherzigen Art.

Da hörte ich ein leises Raunen hinter mir: „Sie kommt!”, sagte die Stimme einer älteren Dame. Und Bewunderung und Respekt schwangen mit. Hephzibah Menuhin betrat die Kirche, und die Gäste wurden leiser. Zierlich in der Gestalt, mit ausdrucksvollem Gesicht und offenen, klaren Augen schritt sie langsam zum Altar vor, nickte grüßend in die Reihen, zog ihre einfache hellbraune Anorakjacke aus und hängte sie über die Lehne ihres Klavierstuhles. Sie trug eine Sommerbluse ohne Schmuck über ihrem schlichten beigen Faltenrock und feste Wanderhalbschuhe. Sie fuhr sich einmal mit beiden Händen durch ihre kurz geschnittenen welligen Haare. So wirkte sie jugendlich mit ihren 48 Jahren. Es sah für mich aus, als hätte sie an diesem Vormittag eine Wanderung geplant und sei versehentlich in die Kirche geraten. Sie begrüßte die Musiker und Herrn de Stoutz und drehte sich mit einer fragenden Geste zum Steinway-Flügel, als wollte sie sagen: „Worauf warten wir?”

Sie setzte sich ohne Umschweife vor den Flügel, rückte mit einem Griff den Stuhl zurecht und blickte zu dem Dirigenten. In diesem Moment verstummte auch der Letzte in der Kirche, die Musiker griffen nach ihren Instrumenten, de Stoutz hob mit einem prüfenden Blick in die Runde den Taktstock. Als er sah, dass alle auf ihn konzentriert waren, ließ er langsam den Stock sinken und nickte Hephzibah Menuhin zu mit einem leisen: „Probieren wir mal!”

Wer das Konzert kennt, weiß, dass es mit einem kurzen Solo der Klavierstimme beginnt. Hephzibah Menuhin senkte langsam die Hände zu dem schlichten G-Dur-Akkord, der mit kleinen harmonischen Veränderungen mehrfach wiederholt wird. Als die Pianistin jedoch den ersten Akkord anschlug, begann eine Klangfarbe zu leuchten, wie ich sie nur selten zuvor erlebt hatte.

In diesen Moment rutschte ich in meinem Erinnerungsfilm hinein. Das reale Hören und die Erinnerungsstimmung vermischten sich untrennbar. Hephzibah Menuhin spielte noch einmal für mich.

Hier vermischte sich eine bewundernswerte Schlichtheit mit dem Ausdruck einer großen Seele. Piano und dolce hat Beethoven hier vorgeschrieben. Nicht Süßliches, hörte ich, nichts Kitschiges. Nein, wohlige Reife und Sanftheit des Klanges entströmten leise und doch mit der Stimme einer in sich ruhenden Frau dem Flügel. Es schien mir, als würde eine selbstsichere Musikerin in aller Bescheidenheit und doch ihrer Kraft wohl bewusst ihre Visitenkarte abgeben. Diese Frau strahlte eine wohltuende und souveräne Wärme aus. Sie ließ die ersten Akkorde verklingen, die wie eine Frage an das Orchester gerichtet sind, wie eine Einladung zum Gespräch.

Die Musiker setzten mit der gleichen Schlichtheit ein wenig leiser ein und begannen auf ihre Art den Dialog. Schon im ersten langsamen Orchesterakkord ist die Spannung vorprogrammiert: Das d, das zum G-Dur-Dreiklang gehören würde, rückt um eine halbe Note zum dis empor und zieht die Melodie, die Stimmung vorwärts, höher, weiter und entwickelt die vom Klavier eingeführte Stimme fort, erzählt das ganze Thema. Die Bläser nehmen es nacheinander auf, spielen damit. Und noch einmal bringt das Klavier ein abgewandeltes Thema in den Dialog, wieder schlicht, und langsam beschleunigend kommt der ganze Klavierpart zur Geltung und vermengt sich zu einem wunderbaren leuchtenden Zwiegespräch, das den ganzen ersten Satz bestimmt.

Ich fühlte mich auch jetzt gebannt auf der Kirchenbank, obwohl ich in einem nackt-weißen Untersuchungsraum lag, und beobachtete, wie Hephzibah Menuhin mit totaler Konzentration, Ruhe und gezügelter Kraft diesen Dialog mit dem Orchester führte. Nein, sie sang ihn mit aller Inbrunst so überzeugend, dass ihre Spielweise, diese Art, Musik zu leben, seit diesem Morgen für mich das Sinnbild für echte und große Schlichtheit und Bescheidenheit darstellen.

Die Sommersonne schickte ihre warmen Strahlen ins kühle Kirchlein, und Hephzibah Menuhins Gesicht wurde beleuchtet wie mit einem großen warmen Scheinwerfer. Sie ließ dieses Licht aus ihren Händen, aus dem Flügel weiter in das Publikum fließen. Tiefer Ernst und herzliche Menschlichkeit zeichneten ihr Gesicht. Ich spürte, wie die Kirche erfüllt wurde von einer würdigen Andacht, wie sie mancher Pfarrer gerne erzeugen würde. Wir erlebten einen wahren Dienst an der Musik, großartige Harmonie aller Spieler, verschmelzende Einheit.

Die Fermate des Orchesters verklang vor der Kadenz. Jetzt im Untersuchungsraum spielte der Pianist nicht die Kadenz, die Beethoven für sich geschrieben und die Hephzibah Menuhin damals gespielt hatte. Einer anderen, mir unbekannten virtuosen Einlage hörte ich gespannt zu. Aber ich sah Menuhins Hände fliegen, ihre Finger rannten über die Tasten und zauberten glasklare Tonlinien, bis sie sich nach dem erlösenden Triller wieder mit dem Orchesterklang vereinigten und in der Coda zum Schluss des Satzes zielten.

Ich lauschte auf die Pause, die zum zweiten Satz hinführte. Gerade, als die Violinen mit dem Einführungsthema einsetzten und ich mich auf die Fortsetzung des Konzertes freute, zog eine Hand an meiner Hand. Die Liege beförderte mich aus dem Halbdunkel des Kernspintomografen, das Licht blendete mich, als ich aus meinem Kirchenraum in das Untersuchungszimmer blickte. Etwas unsanft empfand ich es, und doch war mir bei dem freundlichen Lächeln der Röntgenassistentin klar, dass sie natürlich nicht wusste, aus welcher Atmosphäre sie mich unabsichtlich herausgeholt hatte.

Noch ziemlich benommen musste ich mich selbst zuerst einstellen auf die neue Situation. Ich setzte mich hin, bedankte mich und ging zur Umkleidekabine.

Und wo war der Lärm, den der Kernspintomograf gemacht hatte? – Ja, ich habe ihn weit weg manchmal während des Konzertes draußen auf dem Kirchhof gehört. Aber das war sehr weit weg.

Und wer die ganze Geschichte lesen will, die ich in der Kirche damals erlebt habe, sollte sich diesen Text aufrufen: http://dietrich-weller.de/prosa/wanderung-in-die-harmonie/.

Das Erlebnis habe ich auch in meinem Buch „Das Geständnis“ erzählt. Es ist zwar vergriffen, findet sich aber manchmal bei E-Bay im Angebot.

 

 

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Erinnern Sie sich an Rolf?

Mein Beitrag zum BDSÄ-Kongress in Wismar, Donnerstag 10.05.2018, 16 Uhr in der Lesung zum Thema „Wenn die Liebe ruft“

„Erinnern Sie sich an Rolf?“

Als ich 2012 begann, in der Notfallpraxis im Krankenhaus Leonberg Sprechstunde zu machen, begegnete ich einer Krankenschwester, die jetzt in der Anästhesie-Abteilung in Leonberg arbeitete und die in den 70-er-Jahren während meiner Weiterbildung zum Kinderarzt im Olgahospital Stuttgart auf meiner Station tätig war. Nach wenigen Sätzen fragte sie unvermittelt: „Erinnern Sie sich an Rolf?“

Sofort war mir das Bild präsent. Ich wusste genau, wen sie meinte, obwohl es viele Männer mit diesem Namen gibt. Aber dieser Rolf, den wir auf der Station bereits 1976 kennengelernt hatten, war offensichtlich auch in ihrem Herz unvergesslich eingeprägt.

Der damals neunjährige Rolf wurde von der Chirurgie auf meine internistische Station verlegt. Er hatte bei einem Verkehrsunfall mehrere komplizierte Frakturen und ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Nach Verheilung seiner Brüche lag er auf meiner Station, weil er immer noch bewusstlos war und keiner wusste, ob er noch einmal aufwachen würde. Ich muss gestehen, dass ich in meiner Unerfahrenheit die Chancen für Rolf sehr gering einschätzte. Jeden Tag kam die Mutter aus einer entfernt liegenden Stadt zu uns, setzte sich mit einer unendlichen Geduld an sein Bett, erzählte ihm Geschichten, sang ihm Lieder vor, streichelte und massierte ihn und half der Krankengymnastin bei ihren Übungen mit dem bewusstlosen Jungen. Ich muss ehrlicherweise zugeben, dass ich insgeheim die Frau etwas belächelte und damals glaubte, sie beruhige eigentlich nur sich selbst mit ihrem Tun.

So ganz nebenbei erfuhr ich dann, dass sie kurz vor Rolfs Unfall ihren Mann durch eine Krankheit verloren hatte und noch mitten in der Trauerphase war. Und so dachten wir, dass sie sich auch ablenken würde mit den Besuchen bei Rolf. Sie sagte einmal zu mir in einer stillen Stunde ganz ruhig: „Wissen Sie, ich muss alles für Rolf tun. Noch einen aus der Familie zu verlieren, das kann ich nicht! Ich weiß, dass er aufwacht!“

Die Schwestern berichteten immer wieder, dass Rolf tagsüber sehr unruhig war und sich nicht ansprechbar dauernd hin und her bewegte. Aber wenn die Mutter ins Zimmer kam und ihn auch nur kurz ansprach, wurde er ruhig. Es schien so, als ob er ihr zuhörte, wenn sie wieder ein Märchen erzählte oder ein Lied sang. So begann auch ich, an meiner hoffnungslosen Meinung zu zweifeln.

Eines Tages, kurz vor Rolfs zehntem Geburtstag, erzählte Rolfs Mutter ihm, wie es wäre, wenn er jetzt gesund zu Hause feiern könnte. Dann würde sie ihm seine Lieblingsspeise als Festessen machen. In diesem Moment öffnete sich langsam Rolfs Mund, und ganz leise, langsam und gut verstehbar kam das Wort „S-p-a-g-h-e-t-t-i“ heraus.

Wir waren fassungslos, weil wir das nicht erwartet hatten. Ich schämte mich über meinen Pessimismus und meine etwas abschätzige Meinung, die ich über die Mutter gehabt hatte. Gleichzeitig spürten wir alle eine riesige Freude und Dankbarkeit über das, was uns wie ein Wunder vorkam und vielleicht wirklich eines war.

Von diesem Moment an ging’s sichtbar bergauf mit Rolfs Heilung. Er wurde wacher und wacher, begann mit Hilfe seiner Mutter fleißig Gymnastik zu machen und lernte, an Krücken völlig neu zu gehen. Da er schwere Bein- und Hüftfrakturen gehabt hatte, war das sehr kompliziert und langwierig. Aber diese Frau, seine bewundernswerte Mutter, hat es geschafft, ihm immer wieder Mut zu machen und so seine Fort-Schritte im wörtlichen Sinn wirksam zu unterstützen. So konnte Rolf einige Monate nach seinem Unfall auf eigenen Beinen das Krankenhaus verlassen.

Ich habe oft an ihn gedacht. Etwa zehn Jahre später, als ich längst meine eigene Praxis hatte, meldete meine Arzthelferin „Da ist jemand, der Sie nur mal kurz sprechen will.“

Als er hereinkam, erkannte ich ihn nicht sofort, aber als er seinen Namen nannte, umarmte ich ihn mit herzlicher Freude. Er war mittlerweile ein gut aussehender junger Mann geworden, mitten in seiner Ausbildung zum Bankkaufmann. Und wenn ich nicht sehr genau hingeschaut und hingehört hätte, wären mir sein ganz geringes Hinken und ein kleiner Sprechfehler nicht aufgefallen.

 

Copyright Dr. Dietrich Weller

PS: Diese Geschichte habe ich bereits in meinem Buch „Wenn das Licht naht“ geschrieben und für den BDSÄ-Kongress minimal abgeändert.

 

 

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Unsere Inseln

Mein Beitrag für den BDSÄ-Kongress am 09. Mai 2017 in Wismar zum Thema „Inseln“  

Unsere Inseln

Vor vielen Jahren habe ich gelesen, ein Paar brauche zum Gelingen der Partnerschaft drei Inseln: Eine Insel für den Mann, eine Insel für die Frau und eine Insel für beide zusammen.

Unsere Insel heißt Freitag. Und das kam so.

Am Anfang unserer Partnerschaft, als ich noch Geschäftsführer zweier GmbHs war, sollte ich manchmal einen Geschäftstermin am Abend wahrnehmen. Birgit schlug deshalb vor, dass wir uns auf einen Abend in der Woche einigen, der uns gehört und an dem deshalb keine beruflichen Termine vereinbart werden. Die Idee gefiel mir sehr gut.

Da ich Birgit offensichtlich noch nicht gut genug kannte, schlug ich den Montag vor. An ihr verwundert-ärgerliches Gesicht kann ich mich gut erinnern: „Wie kannst du den schlechtesten Tag der Woche dafür auswählen?! Der beste Tag ist der Freitag. Denn da ist die Arbeitswoche vorbei, und ich kann entspannen!“

Seither ist der Freitagabend für Birgit und mich für Termine ohne Birgit tabu. An diesen Abenden bleiben wir zuhause oder gehen in unser kleines Lieblingslokal, wo wir uns bei einem guten Essen in Ruhe unterhalten können. So manches aus der Woche soll besprochen, erzählt, beschlossen werden. Manchmal verbringen wir diesen Abend auch mit Freunden. Und wir genießen die Gemeinsamkeit und Vertrautheit.

Aber ich muss gestehen, dass ich seit meiner Tätigkeit in der Notfallpraxis auch mit Birgits Einverständnis immer wieder Freitags-Nachtdienste angenommen habe. Das war nicht gut, und wir haben bald gemerkt, dass wir zu unserer ursprünglichen Vereinbarung zurückkehren sollten.

Jetzt meide ich diese Dienste und gebe sie an interessierte Kollegen ab oder tausche sie gegen einen anderen Tag.

Zum Thema Insel fällt mir auch ein, dass wir mehrfach auf Inseln Urlaub gemacht haben, Zypern und Madeira sind nur zwei Beispiele. Inzwischen haben wir UNSERE Insel gefunden. Auf Sylt fühlen wir uns am wohlsten. Dort kennen wir ein sehr gepflegtes kleines Appartementhotel an der Südspitze im letzten Haus in der letzten Straße mit unverbaubarem Blick auf die Heidelandschaft und aufs Meer. In wenigen Minuten sind wir auf der kleinen Einkaufstraße, wo der Bäcker die besten Frühstücksbrötchen und der EDEKA gute Weine und frische Nahrungsmittel anbietet. Und nach Westen, Süden und Osten sind wir nach fünf Minuten am Strand, wo wir stundenlang in der Brise spazieren gehen können. Die Landschaft, die Pflanzen, das Wetter und Birgit sind unerschöpfliche Fotomotive. Wir fühlen uns in einer wohltuenden Ruhe eingebettet. Wenn wir abends auf der Terrasse bei einem Glas Wein sitzen, die Sterne funkeln sehen und die Grillen zirpen hören, wenn wir am Horizont die Lichter eines vorbeifahrenden Schiffes beobachten, dann ist das unser herrlichstes Fern-Sehprogramm.

Und das Allerschönste: Für uns ist in Sylt jeder Tag Freitag.

Als wir zuletzt auf Sylt waren, schrieb ich meinem Freund Jürgen, wir seien auf DER Insel. Lakonisch wie wir ihn kennen, schrieb er knapp zurück: „DIE Insel heißt Rügen.“

Da ich noch nie dort war und Jürgen vertraue, möchte ich einmal mit Birgit auf Rügen Ferien machen. Aber nur wenn dort auch jeden Tag Freitag ist.

Copyright Dr. Dietrich Weller

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Leben ist das, was abläuft, während wir etwas anderes planen.

Mein Beitrag zur Lesung bei dem BDSÄ-Kongress in Wismar 2018 über das Thema „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen“

 Ich schreibe diesen Essay in dem großen Zweifel, dass es überhaupt einen Gott gibt. Es fällt mir sehr schwer zu glauben, dass es ihn gibt. Zu viel spricht dagegen. Trotzdem will ich mal für diesen Text annehmen, es gäbe ihn.

Leben ist das, was abläuft, solange wir etwas anderes planen.

Vielleicht ist das –ketzerischer Gedanke!- der Moment, in dem Gott richtig lacht, weil er uns reingelegt oder – wie wir erst viel später merken- auf den rechten Weg geführt hat. Es gibt das hypothetische Bild, dass seine Handlungsfäden wie bei der Rückseite eines Teppichs verschlungen und von vorn – von unserer Sicht aus – nicht erkennbar sind. Darauf berufen sich die Gläubigen, wenn sie ein trauriges oder schockierendes Ereignis nicht erklären können. Haben dann die Gebete nicht gewirkt, oder wollte Gott es anders? Wir müssen es sicherlich so annehmen, wenn wir es nicht ändern können. Aber sind wir dann ein Opfer unseres oder Gottes Handelns? Oder haben wir dann einfach „eine neue Herausforderung“? –

Klar ist mir: Das Leben kann uns viel aufbürden, aber es kann uns nicht dazu zwingen, wie wir darauf reagieren.

Klar ist mir auch: Wir können unser Leben oft erst im Rückblick verstehen -wenn überhaupt!-, aber leben müssen wir es vorwärts.

Wenn Gott uns nach seinem Bild geschaffen hat, muss er auch unsere negativen Eigenschaften haben und kennen, sonst kann er diese nicht in uns einpflanzen. Wie bei einem Schauspieler, der nur spielen kann, was in ihm angelegt ist. Ich denke, wir Menschen haben uns einen Gott als Ideal nach unserem Bild geschaffen! Deshalb hat er auch so viele menschliche Züge.

Es klingt sehr böse, und wenn es stimmt, ist es sehr böse: Vielleicht hat Gott mit sehr sarkastischem und malignem Humor Morde, Völkervernichtungen, Religionskriege und all die anderen scheußlichen Folgen von Hass als Bevölkerungsregulativ eingeplant und sitzt im Universum und lacht sich ins Fäustchen, wie wir Primitivlinge auf seinen Plan reinfallen. Friedensforscher haben errechnet, dass mehr Menschen durch Religionskriege in irgendeines Gottes Namen umgekommen sind als durch politisch und durch Landraub motivierte Kriege.

Das funktioniert(e) nur, weil sich die Menschen (oder Gott in ihnen?) eine wirksame Glaubensmär in die Welt gesetzt haben, die sie zum Hassen anstachelt. Das nennt man Propaganda, die in den Dienst einer so genannten „hohen Idee“ gestellt wird. Anders sind die vielen Gewalttaten im Namen Gottes oder einer anderen Ideologie nicht zu rechtfertigen.

Vielleicht hat Gott oder haben die Menschen die verschiedenen Religionen angeblich in seinem Auftrag mit einem Missionsgebot ausgestattet, um unter dem Vorwand, Frieden zu bringen, ihre Macht zu vergrößern.

Blaise Pascal sagte: „Nie tun Menschen Böses so gründlich und glücklich wie aus religiöser Überzeugung.“

Vielleicht haben wir Menschen aber seine Friedensbotschaft falsch verstanden und zimmern sie uns zurecht, wie es uns geschickt ist, um unsere Ziele zu erreichen.

Seit der Mensch Maschinen erfindet und weiterentwickelt, nimmt er immer mehr Einfluss auf die Umwelt, in der er lebt. Die Wissenschaftler nennen unser jetziges Zeitalter das Anthropozän, weil wir Menschen die Umwelt zunehmend beeinflussen und gestalten. Der Kampf um Geld und Macht auf der einen Seite und Erhaltung der Natur auf der anderen Seite ist noch nie so folgenschwer entbrannt wie zurzeit. Ich gehe davon aus, dass wir Menschen die Erde unbewohnbar machen. Aber ich bin mir auch sicher, dass die Natur selbst den letzten Atomkrieg überleben wird.

Ob Gott darüber lachen kann? Oder ist genau das sein Plan? Heißt sein Motto: „Die Menschen haben ihre Chance vertan, also fangen wir noch einmal von vorn an.“? 

Bert Brecht hat gesagt: „Das Schicksal des Menschen ist der Mensch.“
Ich denke, das Schicksal der Erde ist der Mensch.

Aber wir können auch mal annehmen, es gäbe keinen Gott. Dann ist dieses Universum durch den Urknall entstanden, und vieles aus seiner Entwicklungs-geschichte kennen wir noch nicht. Das Universum dehnt sich in immer größerem Tempo aus. Stephen Hawking hat in seiner Weltformel die Allgemeine Relativitätstheorie, die die Gesetze der unendlich großen Dimensionen wie Sterne und Galaxien erfasst, verbunden mit der Quantentheorie, die die Gesetze der unendlich kleinen Dimension wie Urknall und Schwarze Löcher beschreibt.

In seiner letzten Arbeit, die Hawking und sein belgischer Kollege Hertog kurz vor Hawkings Tod zur Veröffentlichung eingereicht haben, kommen sie zu dem Schluss, dass unser Universum nicht unendlich und viel einfacher ist, als viele Urknalltheorien es darstellen. Die neuen Aussagen über die Struktur des Universums könnten mit Gravitationswellendetektoren oder kosmischer Hintergrundstrahlung, dem sogenannten Urknall-Echo, nachgewiesen werden.[1]

Die Polaritäten heiß und kalt, hell und dunkel sind ein wesentliches Prinzip der Naturgesetze. Aber wer entscheidet, was gut und böse ist? Das ist kein Naturgesetz. Wir entscheiden das in unserer jeweiligen Gesellschaft. Es kommt darauf an, aus welchem Blickwinkel wir es betrachten und beurteilen.

Der Drang nach Macht ist allgegenwärtig. Der Stärkere gewinnt meist vorder-gründig und kurzfristig. Zu einem etwas weiteren Blick ist der Mensch zwar fähig, aber seine Handlungen werden überwiegend durch kurzfristige Vorteile begrenzt und bestimmt. In diesem Spannungsfeld stehen die Friedenswilligen den Kriegswilligen gegenüber. Die Überzeugungen, ob es eine Klimaerwärmung gibt oder nicht, trennt die Menschheit.

Dass bei der Evolution oder täglichen Entscheidungen von Menschen oder bei einem Zufall oder Effekten der  Synchronizität ein Gott seit Beginn seiner Existenz bis jetzt und für alle Ewigkeit gleichzeitig und das Universum umspannend an allen Orten bei jedem Tier, jedem Mensch und jedem Molekül!- seine regulierenden Hände (wie viele?) im Spiel hat, halte ich für völlig unrealistisch.

Wo bleibt der Humor? Ich denke, Humor ist das Gleitmittel im Getriebe der Welt, die wunderbare Eigenschaft, Unerträgliches auszuhalten und sich über viele kleine und große Geschenke der Natur und des Lebens zu freuen.

Ich bin fest überzeugt: Wir machen uns Himmel und Hölle hier auf Erden selbst. Das Jenseits mit dem belohnenden Himmel und der strafenden Hölle brauchen wir dazu nicht. Ich halte es für einen meist machtinduzierten und realitätsfernen Manipulationsversuch der Kirchen, einem Menschen für das Jenseits etwas Böses anzudrohen oder Gutes zu versprechen und von ihm deshalb im Diesseits ein bestimmtes Verhalten abzuverlangen.

Ich finde es zu einfach zu sagen, weil Adam und Eva sich falsch benommen haben, seien wir alle zu Fehlern und Sünder verdammt. Und wenn wir genügend Ablass bezahlen, kämen wir in den Himmel. Das ist eine gigantische Geldsammelidee, die man heute religionsunabhängig Crowd-Funding nennt und die bis heute u.a. in der katholischen Kirche vortrefflich wirkt. Aber mit Vergebung und innerem Frieden hat das nichts zu tun, sondern mit bewusster Irreführung der Gläubigen. Sogar Kardinal Marx hat den Ablasshandel als Betrug am Gläubigen bezeichnet.

Wenn es einen Gott gibt, mag er lachen über meine Gedanken. Wenn er mich gemacht hat und immer da ist und mich steuert, sind es ohnehin seine Gedanken. Dann lacht er über sich und seine Geschöpfe.

Wenn es ihn nicht gibt, freue ich mich, dass ich allein denken kann. Ich bin dankbar für das Schöne und Gute und Vollkommene, für die Liebe und die Musik, für die Orchideen und die Bienen. Ich lache gern, wenn mich ein fröhliches Kind mit seiner unverstellten Freude beschenkt. Aber mir bleibt das Lachen im Halse stecken, wenn ich an die von Gewalt dominierte Welt denke.

Unbezweifelbar gilt dieser Gedanke, den ich bei dem amerikanischen Psychiater Ron Smothermon („Drehbuch für das Leben“) gefunden habe: „Entweder gibt es einen Gott, oder es gibt keinen Gott. Das ist unabhängig davon, was ich glaube.“ 

 [1] N-tv 02.05.2018

Copyright Dr. Dietrich Weller

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